Inschriftenkatalog: Stadt Freising

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 69: Stadt Freising (2010)

Nr. 404 Dom Mariä Geburt und St. Korbinian um 1624

Beschreibung

Zwei Gemälde als Flügel des Orgelprospekts mit Bildbeischriften und Künstlersignatur. Auf der Westempore. Öl auf Leinwand. Beide Gemälde mit sich spiegelbildlich entsprechender, am Oberrand unregelmäßiger Rahmenform, bedingt durch den dreitürmigen Orgelprospekt: An der Scharnierseite jeweils ein breiter, niedriger Abschnitt, dann eine U-förmige Einbuchtung, zur Schlagleiste hin ein schmaler, hoher Abschnitt. Auf den Innenflügeln Darstellungen von Engelskonzerten: Auf dem südlichen Gemälde in den unteren Wolkenregionen zahlreiche Engel mit Violine, Laute und Harfe sowie singend mit Notenblatt, oberhalb mehrere kleinere Engel, im breiten Abschnitt oben ein größerer Engel, nach links gewandt, mit Schriftband in den Händen (I). Auf dem rechten Gemälde in den unteren Wolkenregionen zahlreiche Engel mit Laute, Gambe, Posaune, Flöte und Orgel, oberhalb mehrere kleine Engel, im breiten Abschnitt oben ein größerer Engel, sich nach rechts hochschwingend, mit Schriftband in den Händen (II). Auf die Außenflügel verteilt Darstellung der Verkündigung an Maria: Links die hl. Maria in ihrem Gemach vor einem Altar kniend, mit etwas erhobenen Händen zum Engel umgewandt, der von rechts in einem Wolkenkranz heranschwebt, dessen Rechte zum Gruß erhoben, in der Linken ein Lilienzweig; in der Bildmitte eine Säulenhalle; in der Wolkenregion über der hl. Maria musizierende Engel, in den beiden schmalen Abschnitten psallierende Engel, dabei das Buch des linken Engels auf der Seite des Verkündigungsengels mit Künstlersignatur (III), der breitere Abschnitt rechts mit Gottvater in der Glorie und mehrere Kindlein. 1858, 1906 und 1980 restauriert und teilweise übermalt, die Inschriften augenscheinlich weitgehend im Originalzustand.

Maße: Jeweils H. 440 cm, B. 261 cm, Bu. 3 cm (I, II), 0,6 cm (III).

Schriftart(en): Kapitalis.

DI 69, Nr. 404 – Dom Mariä Geburt und St. Korbinian – um 1624

 © BAdW München, Inschriftenkommission [1/2]

  1. I.

    IN DECACHORDO PSALTERIO ETa) // CITHARA

  2. II.

    BONVM EST PSALLERE NOMINI TVO ALTISSIME

  3. III.

    MELCHIOR / HELLER · F(ECIT)

Übersetzung:

Zur zehnsaitigen Laute und zur Zither (I) ist es schön, deinem Namen, du Höchster, zu singen. (II)

Melchior Heller hat (es) gemacht. (III)

Bibel- und Schriftstellerzitat(e):

  • Nach Ps 90(91),4 (I) und Ps 90(91),2 (II).

Kommentar

Der Bau einer neuen Orgel samt Empore war nötig geworden, nachdem im Herbst 1621 der Lettner abgebrochen worden war, auf dem bislang eine Orgel von 1540 stand1). 1622 waren Empore und Orgel bereits im Bau, am 28. September 1624 wird die Orgel, die sechs Register für das Pedal und neun für das Manual umfaßte, als endgültig gesetzt bezeichnet. Ob der Orgelprospekt dabei seine schon 1621 projektierte Form gefunden hatte oder ob seine Gestalt der im Frühjahr 1624 veränderten Architektur des Hochaltars angepaßt wurde, bleibt unklar. In jedem Fall dürfte sich die Fertigstellung des Prospekts noch über mehrere Jahre hingezogen haben. Auch sind die Namen des Orgelbauers und des Malers der Orgelflügel archivalisch nicht überliefert, wenngleich nach Leo Weber mehrere gestalterische Details auf eine Entwurfsbeteiligung des Augsburgers Hans Krumpper hinweisen2). Als maßgeblicher Schnitzer konnte von Sigmund Benker der Weilheimer Bildhauer Philipp Dirr identifiziert werden3).

Erst 1980 wurde bei Restaurierungsarbeiten die Signatur des Malers Melchior Heller auf der Außenseite der Orgelflügel festgestellt. Bis jetzt waren keine Hinweise zu anderen Werken, einer Lokalisierung seiner Werkstatt oder seiner Vita beizubringen. Möglicherweise bestehen verwandtschaftliche Beziehungen zum Augsburger Bronzegießer David Heller, der zu Beginn des 17. Jahrhunderts tätig war4). Da sich die Verkündigungs-Darstellung auf den Außenflügeln kompositorisch stark an ein Gemälde gleichen Themas von Peter Candid in der Münchner Jesuitenkirche St. Michael anlehnt, wäre zu erwägen, ob der Malerei Melchior Hellers ein Entwurf von Candid zugrunde lag. Dagegen läßt sich für das Engelskonzert auf den Innenflügeln eine offensichtliche Abhängigkeit von den Werken des Augsburger Malers Hans Rottenhammer konstatieren, die bis in einzelne Bewegungsmotive reicht. Es ist daher nicht auszuschließen, daß Rottenhammer, dem zunächst der Auftrag für das Hochaltargemälde übertragen worden war, auch die Entwürfe für die Innenseiten der Orgelflügel lieferte. In diesem Falle hätte sein Tod am 14. August 1625 eine eigenhändige Ausführung verhindert, was wiederum die Auftragsvergabe an den qualitativ zweitklassigen Melchior Heller erklären könnte5).

Textkritischer Apparat

  1. Nachfolgend Unterbrechung durch Hand des Engels.

Anmerkungen

  1. Weber, Erneuerung 38.
  2. Weber, Erneuerung 136f.
  3. Benker, Philipp Dirr 49-51.
  4. Thieme/Becker Künstlerlexikon 16 (1923) 336.
  5. Weber, Erneuerung 138-140, 323 Abb. 219.

Nachweise

  1. Benker, Orgelgehäuse 13; Weber, Erneuerung 138, 323 Abb. 217, 218.

Zitierhinweis:
DI 69, Stadt Freising, Nr. 404 (Ingo Seufert), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di069m012k0040400.