Inschriftenkatalog: Stadt Freising

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 69: Stadt Freising (2010)

Nr. 259 Dom Mariä Geburt und St. Korbinian 1563

Beschreibung

Glocke, sog. „Sturm“ (früher „Stürmerin“) oder Sigismundglocke, mit Glockenrede, Stifterinschrift und Künstlerinschrift. Im Glockenhaus des Nordturms. Bronze. 1563 Guß durch Wolfgang Steger, München; 1943 als einzige der acht Glocken auf dem Nordturm verblieben1). Krone mit sechs Bügeln; an der Schulter zwischen einem Kordelsteg und einem einfachen Steg umlaufende Schrift (I), darunter gotischer Kleeblattbogenfries; auf der Flanke Wappen von Bischof Moritz von Sandizell im hochovalen Lorbeerkranz, darunter Schrifttafel mit geschweiftem Rahmen (II), gegenüber Relief einer Kreuzigungsgruppe, der Kruzifixus mit Titulus (IV); am Übergang zum Wolm drei Stege; auf dem Schlagring zwischen zwei Kordelstegen eine weitere umlaufende Schrift (III).

Maße: H. 135 cm, D. 167,5 cm, Gew. 2864 kg, Bu. 3 cm (I), 1-1,3 cm (II), 3 cm (III), 0,8 cm (IV)2).

Schriftart(en): Kapitalis, Gotische Minuskel (IV: Buchstaben i, r).

DI 69, Nr. 259 – Dom Mariä Geburt und St. Korbinian – 1563

 © BAdW München, Inschriftenkommission [1/5]

  1. I.

    · A NATO, DECIESa) VBI SEX ABIÊRE DECE(M)BRESb)TRES MO(N)ADESQ(VE) SI(M)VL TER QVI(N)QVE ET SECVLAc), CHR(IST)OIGNE ABSV(M)PTA, ITER(VM) CEVd) PHOENIX ALTERAe) SVRGOf)

  2. II.

    ANNOg) D(OMI)NIg) · M·D LXIII. CAMPANAEh) / HVIVS TEMPLI IGNE VASTATAE SVNT / OMNES, MAVRITIVSg) EPISCOPVSg) / EX GENTE SANDICELLANAg) IN LAV=/DEM DEIg) ET ECCLESIAEg) SVAE DECVS / EODE(M) TEMPORE MEi) REPARARI CVRAVITg).

  3. III.

    + INGE(N)TE(M) REFERE(N)S DICORk) CA(M)PANA BOATV(M),COM(M)OTO QVALE(M)l) IVPPITER AXE TONATm) · SEV QVALE(M)l) IM(M)E(N)SO LYBICVSk) LEO SPARGIT HIATV, CV(M) CATVLIS VITA(M) DAT RVGIENTE SONO ARTIFICIS MONACHA ME HABITA(N)TISn) I(N) VRBE STEGERI WOL[F]GA(N)GIo) FECITl) I(N)GE(N)IOSAp) MANVSq)

  4. IV.

    i · N // r · ir) ·

Übersetzung:

Sobald seit der Geburt Christi zehnmal sechs und drei einzelne Dezember und zugleich dreimal fünf Jahrhunderte vergangen sind, erhebe ich mich, der ich durch das Feuer verzehrt worden war, wie ein zweiter Phoenix. (I)

Im Jahre des Herrn 1563 wurden alle Glocken dieses Gotteshauses durch Flammen verwüstet. Bischof Moritz aus dem Geschlecht der Sandizell ließ mich zum Lob Gottes und zur Zierde seiner Kirche zur gleichen Zeit wiederherstellen. (II)

Man spricht von mir als einer Glocke, die ein gewaltiges Dröhnen widerhallen läßt, wie Jupiter im stürmischen Himmel donnert oder wie der lybische Löwe es durch seinen ungeheuerlichen Schlund verbreitet, wenn er den Jungen mit brüllendem Laut das Leben gibt. Die erfinderische Hand des in der Stadt München wohnenden Künstlers Wolfgang Steger hat mich hergestellt. (III)

Versmaß: Hexameter. (I)  Distichen. (III)

Wappen:
Bischof Moritz von Sandizell3).

Kommentar

Am 15. Juni 1563 war im Nordturm des Domes durch die Unachtsamkeit des Läutners Georg Decker ein Brand entstanden, der sämtliche acht Glocken von 1514/15 zerstörte4). Eine Stiftung des Bischofs Moritz von Sandizell (1558–1566, Nr. 274) ermöglichte die Anfertigung von acht neuen Glocken, womit der Münchner Glockengießer Wolfgang Steger der Jüngere beauftragt wurde5). Sämtliche Glocken wurden am 1. November 1564 geliefert. Das Geläut hat sich bis heute erhalten und zählt zu den letzten vollständig überkommenen Renaissance-Geläuten Mitteleuropas6), s. auch Nr. 260-266.

Im Zweiten Weltkrieg mußten auch die Glocken des Freisinger Doms bis auf die „Sturm“ und die Korbiniansglocke abgeliefert werden, doch konnten sie nach Kriegsende auf dem Hamburger Glockenfriedhof wiederaufgefunden und 1947 rückgeführt werden. Aufgrund von Schäden am Glockenstuhl kam es 1955 zur Abnahme der „Dreierin“ und „Zweierin“, die leihweise der Pallottinerkirche (Nr. 264) bzw. der Freisinger Wieskirche überlassen wurden (Nr. 265). Im Herbst 2007 wurden beide Glocken wieder mit dem Domgeläut vereinigt, außerdem kamen zur Abrundung des Tonspektrums drei neue Glocken hinzu.

Als Autor der Textvorlagen für die Glockeninschriften ist der in Freising geborene Humanist Joachim Haberstock (1538–1571) belegt. Die Handschrift, aus der seine Urheberschaft hervorgeht, dokumentiert den Entstehungsprozeß der Glocken und enthält die ausgeführten Inschriftentexte sowie nicht realisierte Textentwürfe7).

Zur Anfertigung der Inschriftenkartuschen, die an den Flanken der Glocken angebracht sind, wurden Model aus Solnhofer Kalkstein verwendet, mit deren Herstellung Glockengießer Steger den Münchner Steinmetz Sebald Hering betraute. Von den ursprünglich sechs Modeln für die acht an den Flanken angebrachten Inschriften (jeweils Inschrift II) sind drei Model für fünf Inschriften erhalten geblieben, davon sind zwei doppelseitig beschriftet. Sie dienten im Herstellungsprozeß der Glocken als negative Form für den Wachsabdruck der Inschriftenkartuschen8).

Zu den Schriftformen sämtlicher Domglocken s. Einleitung CXIIIf.

Seit 1520 – noch unter der Leitung des gleichnamigen Vaters – bis 1596 lieferte die Werkstatt des Wolfgang Steger über 60 Glocken aus. Dabei erstreckt sich das Verbreitungsgebiet seiner Arbeiten vorwiegend auf das mittlere und südliche, zum Teil auch auf das östliche Oberbayern9).

1674 war eine Reparatur an der Aufhängung der Domglocken nötig geworden, dabei wurde sogar ein völliger Neuguß aller acht Glocken diskutiert. Wohl wegen der veranschlagten Kosten in Höhe von 7985 fl. wurde dieses Projekt nicht weiterverfolgt10).

Textkritischer Apparat

  1. DE/CI-Enklave.
  2. DE-Enklave.
  3. CV-Enklave.
  4. CE-Enklave.
  5. ALTERA in verkleinerten Buchstaben (Bu. 1,6 cm).
  6. SVRGO in stark verkleinerten Buchstaben (Bu. 0,9 cm).
  7. Vergrößerter Versal.
  8. Vergrößerter Versal. Erste Zeile zentriert gesetzt.
  9. Nach BayHStA HL 3 Fasz. 155/13 im Textentwurf von Haberstock vorgesehen: ME CVM ALIIS.
  10. CI-Enklave.
  11. QV-Enklave.
  12. Worttrenner in Form kleiner Dreiecke.
  13. I unter dem rechten Deckbalken des T.
  14. F nicht ausgeführt, wohl während des Gußvorganges verloren gegangen.
  15. OS-Enklave.
  16. MANVS in verkleinerten Buchstaben (Bu. 2,0 cm).
  17. Unterbrechung durch Haltestab des Titulus. N spiegelverkehrt; Worttrennzeichen quadrangelförmig.

Anmerkungen

  1. Die älteren Freisinger Glocken waren im Ersten Weltkrieg von der Abgabe verschont worden, s. Schraudner, Glocken.
  2. Ermittlung der Maßangaben während der Restaurierung 2007 bei der Fa. Perner, Passau, vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Freisinger_Domglocken (09.12.2009).
  3. Quadriert, 1/4. Hochstift Freising (Bi 46, Tafel 76), 2/3. Sandizell (Bay 20, Tafel 14); Helmzierden: Hochstift Freising, Sandizell.
  4. Meichelbeck, Chronica 277. Zu diesen Glocken vgl. Meichelbeck, Historia Frisingensis 293; Hoheneicher, Spicilegium 3, 289 Nr. XIX; Boegl, Glocken. Deren Inschriften sind nicht überliefert. Im Juli 1489 war von Meister Andre die siebte Glocke dieses Vorgängergeläuts neu gegossen worden, s. Ramisch I 596f. Nr. 9.684-9.694.
  5. Zu seiner Biographie s. Ernst, Münchner Stück- und Glockengießer 63.
  6. Eine umfassende Geschichte der Freisinger Domglocken bei Koch, Geschichte.
  7. BayHStA HL 3 Fasz. 155/13; vgl. auch Seeanner, Glocken 433-435.
  8. Die drei Model sind Eigentum des Historischen Vereins von Oberbayern. Sie wurden 1974 der Inschriften-Kommission der Bayerischen Akademie der Wissenschaften als Leihgabe überlassen, s. Ryue, Stein als Form 86f. Nr. 55, Koch, Geschichte 16. Model Nr. 1 trägt die Inschrift II der Frauenglocke (Nr. 260); Model Nr. 2 trägt auf der einen Seite die Inschrift II der Glocke „Zweierin“ (Nr. 265), auf der anderen die Inschrift II der „Sechserin“ (Nr. 261); Model Nr. 3 trägt auf der einen Seite die Inschrift II der Glocke „Viererin“ (Nr. 263), auf der anderen die Inschrift II der Glocke „Fünferin“ (Nr. 262).
  9. Seeanner, Glocken 78 (mit älterer Literatur), 433f. Das Verzeichnis der Inschriften ist hier nicht ganz vollständig, es fehlen: „Sturm“ I, III (Nr. 259), die „Frauenglocke“ I, III (Nr. 260) sowie die „Sechserin“ I, III (Nr. 261).
  10. AEM H 482g p. 297-300.

Nachweise

  1. BayHStA HL 3 Fasz. 155/13; AEM H 76 p. 125f.; Glockenkunde der Erzdiöcese 127 Nr. 1; Seeanner, Glocken 75; GNM Glockenatlas Oberbayern, Nr. 19/8/1; Brenninger, Glocken 158 Nr. 1.1.2.

Zitierhinweis:
DI 69, Stadt Freising, Nr. 259 (Ingo Seufert), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di069m012k0025905.