Inschriftenkatalog: Stadt Freising

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 69: Stadt Freising (2010)

Nr. 242 Domkreuzgang 1555, 1562–1643

Beschreibung

Epitaph für den bischöflichen Kanzler Wolfgang Hunger. Im Nordflügel zwischen dem vierten und fünften Joch an der Südwand. Ursprünglich wohl ebenfalls im Nordflügel des Kreuzgangs, seit 1716 am heutigen Standort. Heller Kalkstein. Das Bildfeld in einer segmentbogig schließenden Flachnische. Darstellung des Kruzifixus, von einem Wolkenkranz hinterfangen; am oberen Ende des Kreuzstamms auf einer Tafel mit abgeschrägten oberen Ecken der Kreuztitulus in erhaben gearbeiteter Schrift (I); am Fuß des Kreuzstamms ein Totenschädel mit überkreuzten Gebeinen; in den unteren Ecken je ein Wappenschild; im Hintergrund eine Hügellandschaft in Flachrelief. Unter dem Bildfeld eine Tafel mit der erhaben gearbeiteten Grabinschrift (II). Die rechte untere Ecke des Steins mit Bruchstelle ohne Textverlust. Auf der Platte zahlreiche Ritzinschriften, viele davon lesbar (III-XXIX).

DI 69, Nr. 242 – Domkreuzgang – 1555, 1562–1643

 © BAdW München, Inschriftenkommission [1/1]

Maße: H. 146 cm, B. 64 cm, Bu. 2,6 cm (I), 1,8 cm (II).

Schriftart(en): Kapitalis (I, II, IV), Minuskel (III, V, IX, XXX), Humanistische Minuskel (VIII, XIV, XVI, XXI, XXIV-XXVII), Versalien der Humanistischen Minuskel (XI), Fraktur (XVIII), Kursive (VI, VII, X, XII, XIII, XV, XVII, XIX, XX, XXII, XXIII).

I.

  1. IN · RI

II. Ergänzt nach Finauer, Bibliothek II.

  1. .D(EO). .O(PTIMO). .M(AXIMO). .S(ACRVM). / WOLFGANGO · HVNGERO · WASSERBVRGENSI · IVRIS CONS(VLTO) EXIMIO / QVI · AB · INEVNTE · AETATE ; SVM(M)A · CVM · LAVDE · IN · OMNI · DISCIPLINARVM · / GENERE · VERSATVSa) : ATQ(VE) · ANNIS .VIII . IVS · CIVILE · IN · ACADEMIAb) · INGOL=/STADIANA, PVBLICE · PROFESSVS · ILLVS(TRISSIM)VMc) BAVARIAE · DVCEM · ALBERTVMd) · AVDI/TOREM · HABVIT : INDEQ(VE) · A CAROLOe) .V. IMPERATORE · AD · SVPREMVM · GER/MANIAE · TRIBVNAL(EM) · SPYRAM · VOCATVSe) . [ANNIS III.]f) . INNOCENTISSIME · CAVS=/SASg) ASSESSOR · AVDIVIT · DONEC A · R(EVERENDISSI)MOh) · PRESVLE · HENRICO · PALATIN[O]i) HVIVS · / EP(ISCOPA)TVSc) · ETk) · VRBIS · ANTISTITE · DIGNISS(IME) · MAXIMIS · P(RAE)MIIS · REVOCATVSl) · CONCEL=/LARIVSQ(VE)m) · DESIGNATVSd) : EOQ(VE) · MORTVOd) . APVD R(EVERENDISSIM)VMh) · PRINCIPEM · LEONEM · LÖES=/CHIVM · IN · EP(ISCOPA)TVc) · SVCCESSOREM . DVM · CAESARe) · FERDINANDVS . COMITIA · IMP(ERA)LIAn) / AVGVSTAE · VINDEL(ICAE) AGERET, IN · LEGATIONE · IBIDEM · MORBO · CORREPTVS , / [A]NNO · OFFITII . IIIIo. AETATIS · VERO . XLIIII. VITAM · MORTE · COM(M)VTAVIT . / ANNA BÖHEMIN . CONIVNX · MOESTISS(IMA) . X. LIBERORVM, EX · EODEM · PA=/RENS · P(IE) POS(VIT) OBIIT · VERO · ANNO · A · CHRISTO · NATO · M·D·LV. VIJ · CALEND(AS) · / AVGVSTIo) ·

Übersetzung:

Dem besten, größten Gott geweiht. Wolfgang Hunger aus Wasserburg, dem hervorragenden Rechtsgelehrten, der von frühester Jugend an mit höchster Auszeichnung allen Fächern der Wissenschaft oblag und acht Jahre lang Zivilrecht an der Ingolstädter Universität öffentlich lehrte, den durchlauchtigsten Herzog von Bayern Albrecht als Hörer hatte und von dort durch Kaiser Karl V. für drei Jahre an den höchsten Gerichtshof Deutschlands nach Speyer berufen wurde. Ganz unparteiisch hörte er als Beisitzer die Prozeßklagen, bis er durch den verehrungswürdigsten Bischof Heinrich, den Pfalzgrafen, den würdigsten Vorsteher dieses Bistums und dieser Stadt, auf das Ehrenvollste mit größten Belohnungen zurückgerufen und zum Kanzler ernannt wurde. Nach dessen Tod war er bei dem hochwürdigsten Fürsten Leo Lösch, dem Nachfolger im Bischofsamt, tätig. Während Kaiser Ferdinand zu Augsburg den Reichstag abhielt, wurde er auf der Gesandtschaft dort von einer Krankheit hingerafft und vertauschte das Leben mit dem Tode im vierten Jahr seines Amtes, und zwar im vierundvierzigsten seines Alters. Anna Böhm, die tiefbetrübte Gattin und Mutter seiner zehn Kinder, hat dieses Denkmal fromm setzen lassen. Er aber starb im Jahre von Christi Geburt an 1555, am siebten Tag vor den Kalenden des August.

III. Links neben dem Kreuzstamm.

  1. Jacob(us) S..pul

IV. Links neben dem Kreuzstamm.

  1. 1641 / ML / P

V. Rechts neben dem linken Wappenschild zwischen beiden Grasbüscheln.

  1. Ioseph Gerz / 1567

VI. Rechts neben dem linken Wappenschild unter dem unteren Grasbüschel.

  1. Casparus Heinzinger / Anno 67 / · w · g · w ·

VII. Rechts neben dem linken Wappenschild unter dem unteren Grasbüschel.

  1. Christoff Schuester / Von buchloe1) 1595

VIII. Links neben dem rechten Wappenschild über dem Grasbüschel.

  1. semper diligo deum / Johannes niber(us) Coloniae

Übersetzung:

Ich achte stets den Herrn. Johannes Niber aus Köln.

IX. Links neben dem rechten Wappenschild über dem Grasbüschel.

  1. Joannes ge– – –

X. Links neben dem rechten Wappenschild unter dem Grasbüschel.

  1. Joannes

XI. Auf dem Haupt des rechten Wappenschildes.

  1. HERMAN Ges/– – –

XII. Auf dem Fuß des rechten Wappenschildes.

  1. 1587 / Melchior Höfinger (?) / – – –

XIII. Auf dem Fuß des rechten Wappenschildes.

  1. Christoph Schuester

XIV. Auf der Sockelplatte des Bildreliefs links neben dem Totenschädel.

  1. Dauid Clauus / 1 5 6 2

XV. Zwischen .D. und .O. in Z. 1 von Text II.

  1. Joa Sch– – –

XVI. Zwischen .D. und .O. in Z. 1 von Text II.

  1. Schaffhu(san)us2) – – – / AEtatis suae 20 Jar

Übersetzung:

Aus Schaffhausen, im Alter von 20 Jahren.

XVII. Vor .S. in Z. 1 von Text II.

  1. Georgi(us)

XVIII. Nach .S. in Z. 1 von Text II.

  1. Georgi(us) V– – –

XIX. Nach .S. in Z. 1 von Text II.

  1. Christoff sutor / Christoff Suttor von buchloe1)

XX. Über CVM in Z. 3 von Text II.

  1. von buchloe1) Christoph Svt[o]r 1596 Jar

XXI. Über IN · OMNI in Z. 3 von Text II.

  1. Leonhardus – – –

XXII. Über DIANA in Z. 5 von Text II.

  1. Joann– – – Prem 1596

XXIII. Über PROFESSVS in Z. 5 von Text II.

  1. Michael

XXIV. Über TORE in Z. 6 von Text II.

  1. Casparus Pfalzgraff [1]607

XXV. Über HABVIT in Z. 6 von Text II.

  1. Casperus Pfalzgraff An(n)o D(omi)nop) 1607

XXVI. Über IMPERATOR in Z. 6 von Text II.

  1. – – – Anno Domini 1622

XXVII. Über SPYRAM in Z. 7 von Text II.

  1. Paulus Rau– – –

XXVIII. Über ASSESSOR in Z. 8 von Text II.

  1. 1643

XXIX. Über dem Worttrenzeichen zwischen VRBIS · ANTISTITE in Z. 9 von Text II.

  1. 1642

XXX. Unterhalb von CALEND(AS) in der Freifläche der letzten Zeile von Text II.

  1. Michael A– – –

Datum: 1555 Juli 26.

 
Wappen:
Hunger3), Behaim, gen. Spies4).

Kommentar

Zu den Schriftformen s. Einleitung CXIII.

Wolfgang Hunger wurde um 1511 vermutlich in Kolbing bei Wasserburg am Inn geboren5). 1530 begann er seine juristische Ausbildung in Ingolstadt6), anschließend studierte er in Freiburg7), Basel, Paris und Bourges. 1539 wurde er in Bourges zum Doktor des Kirchenrechts promoviert. 1540 an die Universität Ingolstadt berufen, war er dort von 1541 bis 1548 als Rektor tätig. Als Professor im Fach Weltliches Recht unterrichtete er u. a. den bayerischen Herzog Albrecht V. 1548 bis 1551 ist er als Assessor beim Reichskammergericht zu Speyer. 1551 wurde ihm vom Freisinger Bischof Heinrich das Amt des Kanzlers übertragen8). 1555 nahm er im Rahmen seiner Amtsgeschäfte am Reichstag in Augsburg teil und wurde dort von Kaiser Ferdinand II. geadelt. Kurz darauf verstarb er, noch in Augsburg weilend, völlig unerwartet. Er hinterließ seine Frau Anna, Tochter des Freisinger Kanzlers Georg Cuspinius Bohemus (Behaim)9), und zehn Kinder, von denen vor allem der Sohn Albert als akademischer Lehrer und Theologe zu Ansehen gelangen sollte10). Von Wolfgang Hunger sind mehrere Werke zu historischen und juristischen Themen aber auch Übersetzungen höfischer Literatur bekannt11).

Ritzinschriften von Christoph Schuster finden sich auch bei Nr. 95/IV und Nr. 248/XII.

Über der Platte befindet sich eine gemalte Tafel mit Inschrift von 1716, die voraussichtlich 2011 nach kopialer Überlieferung erneuert wird: WOLFGANG(VS) HVNGER I(VRIS) V(TRIVSQVE) D(OCTO)R / CANCELLARI(VS) EP(ISCOP)I FRIS(INGENSIS) O(BIIT) A(NN)O 1555. 26 IVLIJ12).

Textkritischer Apparat

  1. Linker Schrägschaft des zweiten V unter den rechten Teil des Balkens des T gestellt.
  2. Linker Schrägschaft des zweiten A auf den unteren Teil des Bogens des C gestellt.
  3. VM vertieft und hochgestellt.
  4. Linker Schrägschaft des V unter den rechten Teil des Balkens des T gestellt.
  5. Linker Schrägschaft des A auf den unteren Teil des Bogens des C gestellt.
  6. Im 19. Jh. ausgebrochene Textkorrektur. Mit jeweils drei Punkten an Anfang und Ende über dem Oberlängenbereich. Getilgter irriger Text: III. ANNIS.
  7. Linker Schrägschaft des ersten A auf den unteren Teil des Bogens des C gestellt.
  8. Endung hochgestellt und vertieft.
  9. Rechter Schrägschaft des A unter den linken Teil des Balkens des T gestellt.
  10. E spiegelverkehrt.
  11. Linker Schrägschaft des A auf den unteren Teil des Bogens des C gestellt, linker Schrägschaft des zweiten V unter den rechten Teil des Balkens des T gestellt.
  12. Irrig für CANCELLARIVSQ(VE).
  13. Worttrennzeichen in Form kleiner, unregelmäßiger Vierecke, die zum Teil auf die Spitze gestellt sind. Die erste und letzte Zeile zentriert gesetzt.
  14. LIA vertieft und hochgestellt.
  15. Sic!

Anmerkungen

  1. Buchloe, Lkr. Ostallgäu, Schw.
  2. Schaffhausen, Kt. Schaffhausen, Schweiz.
  3. Bg4 59 (Tafel 68).
  4. DI 67 (Stadt Passau) Nr. 453.
  5. Grundlegend zu seiner Vita s. Biographisches Lexikon LMU 197. Als zweites mögliches Geburtsjahr wird 1507 genannt. Der Geburtsort könnte auch Kolbing, Gde. Griesstätt, Lkr. Rosenheim, nahe Wasserburg am Inn gewesen sein. Zum beruflichen Werdegang vgl. auch Mederer, Annales I 208; Prantl, Geschichte LMU I 196, II 488; Schmidt, Erziehung 36.
  6. Matrikel LMU I Sp. 501 Z. 24, 24. September 1530.
  7. Matrikel Freiburg I 284 Nr. 5, 16. Mai 1523.
  8. Geiß, Beamte 58.
  9. Anna Hunger starb 1568 und wurde in Passau in der Pfk. Zur Schönen Unserer Lieben Frau begraben, vgl. DI 67 (Stadt Passau) Nr. 453; zu ihrem Vater s. Biographisches Lexikon LMU 37.
  10. Vgl. Biographisches Lexikon LMU 196.
  11. Eine Liste bei Schlecht, Inschriften V 32 und Biographisches Lexikon LMU 197.
  12. Vgl. AEM H 482a p. 411; BSB Cgm 1718 1 nach p. 183; AEM H 465 fol. 111r.

Nachweise

  1. BSB Oefeleana 10 IV p. 138f.; AEM H 482a p. 411; BSB Cgm 1718 1 nach p. 183, p. 184f.; Finauer, Bibliothek II Vorbericht fol. 4v, 5r; BayHStA Oefeleana Nr. 23 prod. Cancellarij Frisingenses, Wolfgangus Hungerus Wasserburgensis Cancellarius Frisingensis; AEM H 76 p. 335f., 389f.; HVO Ms. 318 fol. 75r; AEM H 477 p. 754; AEM H 465 fol. 111r, 111v; HVF U XI 11 p. 13 Nr. 105; Schlecht, Inschriften V 31f. Nr. 47; Glaser, Grabsteinbuch 359 Nr. 166.

Zitierhinweis:
DI 69, Stadt Freising, Nr. 242 (Ingo Seufert), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di069m012k0024200.