Inschriftenkatalog: Stadt Freising

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 69: Stadt Freising (2010)

Nr. 183 Domkreuzgang 1521

Beschreibung

Figurales Grabdenkmal für den Domkustos und Passauer Dompropst Paul Lang von Wellenburg. Im Nordflügel im achten Joch an der Nordwand. Ursprünglich wohl ebenfalls im Nordflügel, 1716 an den heutigen Standort versetzt, dabei der Giebel und evtl. weitere Teile entfernt. Adneter Kalkstein. In einer als Baldachinraum gestalteten Nische, die nach vorn mit einer Pilasterarkade abschließt, Darstellung des Verstorbenen im Chorgewand mit Almucia, auf dem Kopf ein Birett, in den Händen ein aufgeschlagenes Buch, hinter ihm ein ausgespannter Vorhang mit Brokatmuster; auf der Stirnseite der Arkade die erhaben gearbeitete Umschrift1), nach innen gerichtet, die untere Schriftleiste mit der Angabe des Todesjahres nach außen gerichtet; bei den Stützen der Arkade je ein Kämpferpaar am Bogenansatz und etwas unterhalb der Kniehöhe, jeweils das Schriftband unterbrechend; auf dem Vorsprung des oberen Kämpferpaares zwei Knaben, einen Feston emporhaltend, auf dem linken unteren Kämpfervorsprung ein behelmter Engel mit dem Wappenschild des Verstorbenen; in den Bogenzwickeln je ein delphinartiges Fabelwesen. Das Epitaph ursprünglich von einem verkröpften Gesims oben abgeschlossen und von einem Volutensockel mit Kruzifixus bekrönt, im Sockelfeld eine Muschel, auf der linken Volute ein Herold mit dem Wappen des Verstorbenen, links und rechts über den Pilasterverkröpfungen die Standfiguren der hll. Maria und Johannes Ev.2).

Die vorkragenden Profile der Kämpfer verloren, diese heute bündig endend; beträchtliche Schäden vor allem an den beiden unteren Ecken; im Schulterbereich des Dargestellten Ausbesserungen mit rot durchfärbtem Mörtel, teilweise wieder herausgebrochen.

Maße: H. 223 cm, B. 116 cm, Bu. 7,5 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versalien.

DI 69, Nr. 183 – Domkreuzgang – 1521

 © BAdW München, Inschriftenkommission [1/1]

  1. Revere(n)doa) // D(omino) Pavlo Lang, Decre(torvm) Doctori, Prepositoa) // Patavie(n)si(s), Salczebvrgensis Et h(vivs) Eccl(esi)e Canonicoa) // Et Cvstodi Heredes Posvereb), // An(n)o 1521 die 12 / Octob(ris)

Übersetzung:

Dem hochwürdigen Herrn Paul Lang, Doktor des Kirchenrechts, Passauer Propst, der Salzburger und dieser Kirche Kanoniker und Kustos, haben die Erben (dieses Denkmal) gesetzt im Jahre 1521 am 12. Tag des Oktober.

Wappen:
Lang von Wellenburg3).

Kommentar

Das Denkmal, das der Inschrift zufolge von den Erben des Verstorbenen in Auftrag gegeben wurde, ist laut Abrechnung von 1522 für den Landshuter Bildhauer Stephan Rottaler belegt4). Für die Qualität dieses Meisters sprechen die ungewöhnliche Gesamtkonzeption, die eindringlich verlebendigte Gestalt des Verstorbenen, die phantasievollen Detailformen des plastisch-figürlichen Beiwerks sowie die ornamentalisierte Durchformung der Schrift. Doch wird gerade in deren Analyse ein veränderter Duktus im Vergleich zu seinen früheren Werken deutlich: Die Verwendung von Zackenleisten als Zierelementen bei der Gestaltung der Versalien ist zwar durchaus vergleichbar mit denen der Grabplatte des Petrus Kalbsor (Nr. 184), im Detail jedoch zeigen die Buchstaben, auch im Minuskelbereich, abweichende Formen: E von Eccl(esi)e, Et, D von Decre(torum), a, g, r, s. Ob dieser Duktus noch in den reichen Formenschatz des Stephan Rottaler selbst integriert werden kann oder einem anderen Meister seiner Werkstatt zuzuschreiben ist, muß hier offen gelassen werden; vgl. Einleitung CV.

Paul Lang von Wellenburg entstammte einer Augsburger Patrizierfamilie. Er war der Sohn von Paul Lang von Wellenburg und Priska, geb. Ridler, und zugleich ein Neffe des Salzburger Erzbischofs Matthäus Lang von Wellenburg5). 1489 immatrikulierte er sich an der Universität in Ingolstadt6), 1499 in Bologna7). Im November 1499 erhielt er ein Kanonikat beim Freisinger Kollegiatstift St. Andreas8), nachdem ihm bereits 1492 die Martinskapelle bei St. Andreas mit den Attinenzien zugefallen war9). Von 1502 bis 1521 ist er als Propst von Maria Wörth in Kärnten belegt10). Nach seiner Aufnahme als Freisinger Domherr 150611) wurde er auch Domherr in Salzburg12) und 1517 Dompropst in Passau13). 1513 resignierte er ein in St. Peter zu München bestehendes Benefizium14), 1514 ist er als Pfarrer in Gars-Eggenburg15), 1515 bis 1518 als Domkustos in Freising nachweisbar16). Sein genaues Todesdatum ist unsicher: Während das Grabmal den 12. Oktober 1521 nennt, gibt das zeitnah angelegte Jahrtagsverzeichnis des Doms den 17. Oktober 1521 an17). Meßstiftungen bestanden in St. Andreas18) und an der Domkirche19).

Über der Platte befindet sich eine gemalte Tafel mit Inschrift von 1716, die voraussichtlich 2011 nach kopialer Überlieferung erneuert wird: PAVLVS LANG DE WELLENBVRG D(OCTO)R CAN(ONICVS) ET CVSTOS FRIS(INGENSIS) / PRAEPOS(ITVS) SALISB(VRGENSIS) PASSAVII ET WERDSENSIS O(BIIT) A(NN)O 1521. 12 OCT(OBRIS)20).

Textkritischer Apparat

  1. Nachfolgende Unterbrechung durch einen Kämpfer.
  2. Den noch verbleibenden Raum bis zum Kämpfer mit einem Aststück gefüllt, aus dem ein Lindenblatt hervorwächst. Fortsetzung des Textes auf der unteren Schmalseite links.

Anmerkungen

  1. Eine Kurzfassung der Inschrift in HVO Geissiana 454 p. 12 Nr. 90.
  2. Die vor 1716 anzusetzende Bildvorlage der Nachzeichnung in HVO Ms. 318 fol. 68r stammt höchstwahrscheinlich aus dem verschollenen Eckherschen Grabsteinbuch, vgl. Einleitung LIV und LXXXVI; Götz, Grabdenkmäler 63f.; vgl. Nr. 165, 173(†), 181, 215, 275, 312, 316.
  3. BayA1 79 (Tafel 79).
  4. Halm, Studien II 130f., Abb. 127; Liedke, Rottaler 12. Ein Eintrag über die Abrechnung mit dem Bildhauer Stephan Rottaler, vertreten durch den Freisinger Hofkaplan Sebastian Rottaler, hat sich in den Akten des Freisinger Hofkastenamtes von 1522 gefunden, s. BayHStA HL 3 Rep. 53 Fasz. 52 Nr. 35 fol. 14r, Nr. 36 fol. 10v; Liedke, Rottaler 142.
  5. Krick, Stammtafeln 197 Nr. 85.
  6. Matrikel LMU I Sp. 196 Z. 17, 15. Oktober 1489.
  7. Knod, Studenten 292 Nr. 2009.
  8. BayHStA KL Freising – St. Andreas Nr. 162 p. 58; AEM FS 118 p. 34; Prechtl, St. Andreas 116.
  9. Uttendorfer, Formelbuch 114.
  10. BSB Cgm 1716 Praepositi Werdseensis in Carinthia fol. 46r; Riedl, Salzburg’s Domherren 160 Nr. 143; Pagitz, Maria Wörth 168; Maria Wörth (im Wörthersee), Pol. Bez. Klagenfurt-Land, Kärnten, Österreich.
  11. BSB Cgm 1716 Catalogus Canonicorum fol. 25r.
  12. Riedl, Salzburg’s Domherren 160 Nr. 143.
  13. Krick, Domstift 5.
  14. Geiß, St. Peter 408.
  15. Hergenröther, Regesta I 731 Nr. 11851; Gars am Kamp und Eggenburg, jeweils Pol. Bez. Horn, Niederösterreich, Österreich.
  16. BSB Cgm 1716 Catalogus Canonicorum fol. 25r; Geiß, Kemnater 146.
  17. Vgl. BayHStA HL Freising Nr. 573. Nach Krick, Domstift 5 Anm. 3, starb Lang bereits 1519, das Datum 1521 beziehe sich demnach auf die Stiftung des Grabmals selbst. Am 12. Oktober 1521 – dem auf dem Grabdenkmal genannten Datum und mutmaßlichen Todesdatum – nimmt sein Nachfolger Eberhard von Landau die Kanonikalpossess, s. BSB Cgm 1716 Catalogus Canonicorum fol. 25r.
  18. BayHStA KL Freising – St. Andreas Nr. 163a fol. 20v (hier als Datum der Jahrtagsmesse der 29. Oktober), 28r.
  19. BayHStA HL Freising Nr. 573.
  20. Vgl. AEM H 482a p. 493; BSB Cgm 1718 1 vor p. 222; AEM H 64 p. 602 (diese Transkription mit Textteilen der Grabinschrift vermischt); AEM H 465 fol. 133v.

Nachweise

  1. BSB Cgm 1716 Catalogus Canonicorum fol. 25r; BSB Cgm 1724 p. 125 Nr. 15; BSB Oefeleana 10 IV p. 122; BSB Cgm 1717 p. 440; AEM H 76 p. 318; AEM H 482a p. 488, 493; BSB Cgm 1718 p. 221f., 1 vor p. 222; HVO Ms. 318 fol. 68r; AEM H 477 p. 752; AEM H 61 p. 206; AEM H 465 fol. 132v, 133v; AEM H 466; Geiß, Kemnater 146 Anm. g; Halm, Studien II 130f., Abb. 127; HVF U XI 11 p. 11 Nr. 91; Schlecht, Inschriften V 17f. Nr. 25; Pagitz, Maria Wörth 169 Anm. 94; Liedke, Rottaler 138-142, Abb. 88, 355f.; Glaser, Grabsteinbuch 351 Nr. 143.

Zitierhinweis:
DI 69, Stadt Freising, Nr. 183 (Ingo Seufert), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di069m012k0018300.