Inschriftenkatalog: Stadt Freising

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 69: Stadt Freising (2010)

Nr. 165 Domkreuzgang 1513

Beschreibung

Altarretabel mit Stifterinschrift des Domherrn Kaspar Marolt. Im Ostflügel im ersten Joch an der Ostwand. Ursprünglich in der dem Kreuzgang angebauten Sebastianskapelle1), 1716 an den heutigen Standort versetzt, dabei die Maßwerkbekrönung entfernt. Gliederung des Altars in ein breites Retabel und zwei schmale, oben rundbogig schließende Seitenflügel, dabei der Mittelteil aus Adneter Kalkstein, die Seitenflügel aus Sandstein.

Im schreinartig gestalteten Retabel seitlich schmale Eckpilaster, darüber ein dreifacher Bogen mit perspektivischer Untersicht in Kreuzgratgewölbe; die Restfläche zum Oberrand hin mit Ast- und Blattwerk gefüllt, in den oberen Ecken je eine große Blüte; unter dem baldachinartigen Dreifachbogen in der Mitte Figur einer gesockelten Mondsichelmadonna, von zwei Engelchen gekrönt, auf dem Brustsaum ihres Gewandes eine erhaben gearbeitete Beischrift (IV); links die Figur des hl. Sebastian mit Beischriften im Nimbus (I) und im Brustband (III), den vor ihm knienden Stifter der Mondsichelmadonna empfehlend; dieser dargestellt als kniender Orant im Chorgewand mit Almucia, die Hände zum Gebet gefaltet, vor ihm ein Täfelchen mit seinen Namensinitialen (V) sowie sein Wappenschild; rechts die gesockelte Figur der hl. Barbara, ebenfalls mit Beischrift im Nimbus (II); im Hintergrund ein Brokatvorhang. Unten in einem querformatigen Feld die von Pilastersockeln flankierte vierzeilige Stifterinschrift (VI), die Buchstaben erhaben gearbeitet, zwischen den Zeilen erhabene Trennleisten; am Ende der ersten Zeile kleines Bildrelief mit Darstellung eines reitenden Sensenmannes.

Als Seitenflügel je ein Paar vertikal angeordneter Nischenarchitekturen, von je einem Postament gestützt. Beim linken Flügel oben Ädikulaarchitektur mit Balustersäulen und Rundbogengiebel, in der Nische Figur des hl. Petrus mit beschriftetem Nimbus (VII), darunter schmales querformatiges Feld mit Darstellung von Putten um ein Weihrauchgefäß, am Unterrand Beischrift (VIII). Links unten seitlich Balustersäulen mit Rundbogenarkade, die Nische als Kirchenraum gestaltet, darin die Figur des hl. Korbinian, vor ihm der Bär, am Unterrand Beischrift (IX), am Vorhangsaum hinter ihm zwei Initialen (X); darunter Feld mit Darstellung der Anbetung der Könige, am Unterrand Beischrift (XI). Am Postament Darstellung des hl. Christophorus.

Beim rechten Flügel oben Rahmung der Nische durch ein breites Reliefband, überkreuztes Ast- und Blattwerk enthaltend, mit je zwei übereinanderstehenden Figuren links und rechts, in der Nische der hl. Paulus, über ihm die Heilig-Geist-Taube, am Unterrand Beischrift (XII). Darunter schmales querrechteckiges Feld mit dem Schweißtuch Christi, von zwei Engeln gehalten, am Unterrand Beischrift, Fortsetzung des Texts am Oberrand des Reliefs darunter (XIII). Rechts unten seitlich Eckpilaster und Rundbogenarkade, die Stirnseite eines kreuzrippengewölbten Raumes bildend, nach oben durch einen Balken abschließend, auf diesem ein segmentbogiger Auszug, darin der segnende Gottvater, seitlich herabhängende Festons, von kleinen Engeln gehalten; in der Raumnische der hl. Sigismund, links von ihm ein Wappenschild, am Unterrand Beischrift (XIV); auf den Plinthen der Pilastersockel zwei Täfelchen mit je einer Künstlerinitiale (XV). Darunter Feld mit Darstellung der Steinigung des hl. Stephanus, am Unterrand Beischrift (XVI). Am Postament Darstellung des hl. Georg mit dem Drachen.

Der Mittelteil bis zu seiner Versetzung 1716 von gotischen Maßwerkbögen bekrönt, mit den Figuren Mariä, Christi und Johannes auf Fialensockeln, seitlich Postamente mit kleinen Engeln als Wappenhalter (der linke Engel in der kopialen Nachzeichnung bereits fehlend)2).

Am Retabel Spuren einer Farbfassung ungewisser Zeitstellung, vielleicht noch von der Restaurierung des Domkreuzgangs 1716. Vor allem auf den Seitenflügeln noch eine dunkelrote Farbfassung erhalten, die der farblichen Angleichung gegenüber dem Adneter Kalkstein des Mittelteils diente; die Inschriften der Seitenflügel mit gelber Farbe nachgezogen, ebenso die Nimben der Heiligen sowie Kette und Schwert des hl. Sigismund.

Die Verwendung unterschiedlicher Gesteinssorten für Mittelteil und Seitenflügel läßt annehmen, daß letztere zu einem etwas späteren Zeitpunkt angefügt worden sind3). Die vier Seitenteile selbst entstammen trotz ihrer voneinander abweichenden Gestaltung wohl einem gemeinsamen Herstellungsprozeß.

Maße: H. 205 cm, B. 174,5 cm, Bu. 2,0-2,3 cm (I), 1,9 cm (II), 1,0-1,2 cm (III), 1,5 cm (IV), 1,5 cm (V), 5,8-6,0 cm (VI), 1,0 cm (VII), 1,3 cm (VIII), 1,1 cm (IX), 1,8 cm (X), 1,8 cm (XI), 0,9 cm (XII), 1,3 cm (XIII, 1. Z.), 1,4 cm (XIII, 2. Z.), 1,5 cm (XIV), 0,8 cm (XV), 1,3-1,6 cm (XVI).

Schriftart(en): Kapitalis (I-III, V, VIII-XVI), Gotische Minuskel mit Versalien (IV, VI).

DI 69, Nr. 165 – Domkreuzgang – 1513

 © BAdW München, Inschriftenkommission [1/1]

  1. I.

    S · SEBASTIANa)

  2. II.

    S(ANCT)A · PARBARAa)

  3. III.

    · HILF · IE(SV)Sb)

  4. IV.

    maria

  5. V.

    D(OMINVS) · G(ASPARVS) · M(AROLT)c)

  6. VI.

    Anno · d(omi)ni · 1 · 5 · 13 D(omi)n(v)s · Gaspard) / Marolt Cano(n)ic(vs) · frising(ensis) · Jnstitvit · / Jn · hoc Altarj · ij · Misase) · Ebdomod/ales · Celebrarj · q(vi) Reqviescat · j(n) · pacef)

  7. VII.

    · S · PETERVSg) ·

  8. VIII.

    CELI · PORTAS · APERIa)

  9. IX.

    · S · GVRBIANVS · PATERANVSg) ·

  10. X.

    S · Dh)

  11. XI.

    · G(ASPAR) · B(ALTHASAR) · M(ELCHIOR) · IE(SV)S M[ARIA]g)

  12. XII.

    DOCTR(IN)IS · INSTRVEa)

  13. XIII.

    SALVE · SANCTA · FACISi) / N(OST)RI · SALVATORISk) ·

  14. XIV.

    S · SIGMVND · E(IN) · K(ÖNIG)l) ·

  15. XV.

    S(TEPHANVS) // R(OTTALER)m)

  16. XVI.

    S · SEBASTIANn)

Übersetzung:

Im Jahre des Herrn 1513 hat Herr Kaspar Marolt, Freisinger Kanoniker, auf diesen Altar zwei wöchentliche Meßfeiern gestiftet. Er ruhe in Frieden. (I)

Öffne die Pforten des Himmels. (VIII)

Hl. Korbinian, Schutzpatron. (IX)

Lehre durch die Glaubenswahrheiten. (XII)

Heil dir, heiliges Antlitz unseres Erlösers. (XIII)

Bibel- und Schriftstellerzitat(e):

  • Oratorium ad sanctam Veronicam4). (XIII)
Wappen:
Marolt5), Unbekannt6).

Kommentar

Beim Marolt-Altar handelt es sich nach Ausweis des Künstlermonogramms (XV) um ein Werk des Landshuter Bildhauers Stephan Rottaler7). Im Formenreichtum der Stifterinschrift (VI) zeigen sich seine charakteristischen Merkmale. Die Versalien A, I und R weisen tropfenartige Ansätze an Schäften und Cauden auf, teilweise kommen auch keilförmige Verästelungen vor. Das M geht in seiner Form auf ein links geschlossenes unziales M zurück, dessen Bögen hier gebrochen und miteinander verschränkt werden. Das kastenförmige a kommt neben dem doppelstöckigen a vor, Bogen-r wird oft verwendet. Das runde Schluß-s wird im Mittelteil nicht gebrochen. Zu den Schriftformen s. Einleitung CV.

Kaspar Marolt stammte aus dem zum Hochstift Freising gehörenden Ort Bischofslack in Krain8). 1470 befand er sich an der römischen Kurie und war Pfarrer von Bruck9), ein Amt, das er 1475 resignierte10). Von 1482 bis 1490 war er Dekan des Kollegiatstifts St. Andreas11). 1483 wird er als Pfarrer von Kirchdorf b. Kitzbühel genannt12). 1488 erlangte er ein Kanonikat am Domstift Freising, war dort 1489 und 1490 Domizellar, schließlich seit 1494 Domkapitular13). Außerdem versah er das Amt des Archidiakons in Oberkärnten14), das seit 1436 mit der Pfarrstelle von St. Maria zu Gmünd verbunden war15). Von ihm sind Jahrtagsstiftungen nach St. Andreas16), St. Veit17) und in die Domkirche18) belegt.

Über der Platte befindet sich eine gemalte Tafel mit Inschrift von 1716, die voraussichtlich 2011 nach kopialer Überlieferung und einer alten Fotoaufnahme rekonstruiert wird: CASPAR(VS) MAROLT D(OCTO)R CAN(ONICVS) O(BIIT) A(NN)O 1513. IVNIJ19).

Eine Grabdeckplatte und eine Grabplatte mit Gedenkinschrift sind nur noch kopial überliefert, s. Nr. 163†, 164†.

Textkritischer Apparat

  1. Worttrennzeichen quadrangelförmig; zu Beginn und Ende je ein gebogenes Blatt.
  2. Gekürzt: IHS; Worttrennzeichen dreieckig.
  3. Das erste Worttrennzeichen dreieckig, das zweite kreisrund.
  4. Nachfolgend die verkleinerte Darstellung eines reitenden Sensenmannes.
  5. Sic!
  6. Worttrennzeichen paragraphenförmig.
  7. Worttrennzeichen quadrangelförmig.
  8. Auflösung unsicher; zu Beginn eine Nelkenblüte.
  9. Sic, irrig für FACIES.
  10. Worttrennzeichen quadrangelförmig; zu Ende der 1. Zeile gebogenes Blatt (Fragment), zu Ende der 2. Zeile liegende Blume mit radförmiger Blüte.
  11. Worttrennzeichen quadrangelförmig; zu Beginn ein gebogenes Blatt.
  12. Unterbrechung durch Nischenöffnung.
  13. Worttrennzeichen quadrangelförmig; zu Beginn und Ende je ein Rad.

Anmerkungen

  1. Schlecht, Inschriften III 68.
  2. Die vor 1716 anzusetzende Bildvorlage der Nachzeichnung in HVO Ms. 318 fol. 65r stammt höchstwahrscheinlich aus dem verschollenen Eckherschen Grabsteinbuch, vgl. Einleitung LIV und LXXXVI; Götz, Grabdenkmäler 63f.; vgl. Nr. 173(†), 175, 181, 183, 215, 312, 316.
  3. Liedke, Rottaler 92, vermutet aufgrund der unterschiedlichen Materialien und der Anbringungsweise der Seitenteile an der Predella, daß möglicherweise erst Marolts Nachfolger im Kanonikat, Sixtus von Preysing, die Seitenteile um 1520 in Auftrag gab.
  4. Chevalier, Repertorium Hymnologicum 18191.
  5. Von Gold über Silber geteilt, darüber aus einer goldenen Krone wachsend der rotgekleidete Rumpf eines Mannes mit silbernem Haupt und goldenem Kopfhaar oder Kopftuch; Tinkturen fragwürdig.
  6. Gespalten, vorne ein Balken, hinten vierfach schräg geteilt.
  7. Liedke, Rottaler 84-92.
  8. BayHStA HL Freising Nr. 573; Bischofslack (Škofja Loka), Bez. Kranj, Slowenien.
  9. Scherg, Bavarica 10 Nr. 95; Bruck, Stadt Fürstenfeldbruck, Lkr. Fürstenfeldbruck.
  10. Scherg, Bavarica 40 Nr. 293.
  11. AEM FS 118 p. 10; Prechtl, St. Andreas 111.
  12. Geiß, Neukolberg 189; Kirchdorf, Pol. Bez. Kitzbühel, Tirol, Österreich.
  13. BSB Cgm 1716 Catalogus Canonicorum fol. 30r; Schlecht, Inschriften III 68f.
  14. Vgl. Nr. 164†.
  15. Vgl. Hübner, Archidiakonats-Einteilung 24. Kaspar Marolt erscheint hier nicht unter den bisher bekannten Pfarrherren von Gmünd, doch könnte es sich im Falle von Conrad Merwart, der 1496 bis 1499 die Pfarrei bekleidete, um eine Verlesung aus Caspar Marolt handeln, vgl. Broll, Gmünd I 116, II 20; Uttendorfer, Archidiakone 7 Anm. 5; Gmünd, Pol. Bez. Spittal an der Drau, Kärnten, Österreich.
  16. BayHStA KL Freising – St. Andreas Nr. 163a fol. 13r, 28v; BayHStA KL Freising – St. Andreas Nr. 161 fol. 354v, 360r, 360v.
  17. BayHStA KL Freising – St. Veit Nr. 62 fol. 22v; BayHStA KL Freising – St. Veit Nr. 9 p. 167; BayHStA KL Freising – St. Veit Nr. 63 fol. 25v.
  18. BayHStA HL Freising Nr. 569 p. 56; BayHStA HL Freising Nr. 570 fol. 31v, 32r; BayHStA HL Freising Nr. 573; AEM H 80 p. 24.
  19. Vgl. AEM H 64 p. 610; Kdm Obb II Taf. 43.

Nachweise

  1. BSB Oefeleana 10 IV p. 114; BSB Cgm 1717 p. 520 (hier irrig mit Inschrift von Nr. 164); AEM H 482a p. 550f.; BSB Cgm 1718 p. 251, 1 nach p. 257; AEM H 76 p. 330; HVO Ms. 318 fol. 65r; AEM H 477 p. 750; AEM H 61 p. 203; AEM H 465 fol. 149v, 152v; Ehrlich, Kaspar Marolt 44; HVF U XI 11 p. 10 Nr. 83; Kdm Obb II Taf. 43; Schlecht, Inschriften III 68f. Nr. 33; Hoffmann, Altarbau Taf. nach 32; Alckens, Freising 56, 135 Anm. 47; Benker, Dom und Domberg 64; Liedke, Rottaler 84-92, 347; Thauer, Epitaphaltar 38, Anm. 248, 251; Glaser, Grabsteinbuch 348f. Nr. 137.

Zitierhinweis:
DI 69, Stadt Freising, Nr. 165 (Ingo Seufert), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di069m012k0016502.