Inschriftenkatalog: Stadt Freising

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 69: Stadt Freising (2010)

Nr. 150† Dom Mariä Geburt und St. Korbinian (1324)/15. Jh. (?)

Beschreibung

Figurale Grabplatte für Bischof Johannes I. Wulfing. Im Mittelschiff vor dem Kreuzaltar. Wohl 1701 bei der Abgrabung und Neuverlegung des Kirchenbodens oder 1723–1724 im Zuge der Barockisierung des Doms abgegangen1). Umschrift, nach innen gerichtet. Im Mittelfeld Darstellung des Verstorbenen als Bischof im vollen Ornat, in seiner Linken der Bischofsstab, die Rechte segnend erhoben, zu seinen Füßen sein Wappenschild.

Standort nach AEM H 291, Beschreibung und Text nach der Nachzeichnung in HVO Ms. 318.

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versalien.

  1. Lux decretoru(m) Johan(n)es uasa) / et honoru(m)b) ·Hic est fossatus qui bis bisc) erat / KathedratusHuic / finem sextod) Maij tribuere Kale(n)de ·

Übersetzung:

Das Licht des Kirchenrechts und das Gefäß der Ehrengaben, Johann, liegt hier begraben. Er war zweimal zweimaliger Bischof2), der sechste Tag vor den Kalenden des Mai setzte ihm ein Ende.

Datum: 1324 April 26.

Versmaß: Hexameter mit leoninischem Reim.

Wappen:
Bischof Johannes I. Wulfing3).

Kommentar

Der Kopist Frey gibt die Inschrift gemäß der Vorlage von Eckher in Gotischer Minuskel wieder. Für die zeitliche Einordnung dieser Inschrift ergibt sich daraus die Schwierigkeit, daß im süddeutschen Raum um 1324 die Gotische Minuskel nicht im Original nachweisbar ist und erst mit Beginn der zweiten Hälfte des 14. Jahrhundert vereinzelt in Steininschriften auftritt, bis sie die Gotische Majuskel ab 1400 vollständig verdrängt. Da wohl bereits die Nachzeichnung Eckhers um die Wiedergabe charakteristischer Schriftdetails bemüht war, kann davon ausgegangen werden, daß es sich offenbar um eine tatsächlich in dieser Form existente Platte handelte. Möglicherweise wurde im Zuge der Gotisierung des Doms 1481–1483 die ursprüngliche Grabplatte stark beschädigt, was die Anfertigung einer Ersatzplatte – nunmehr mit zeitgemäßer Schriftgestaltung – erforderlich machte.

Johannes I. Wulfing stammte aus Schlackenwert in Böhmen und war bürgerlichen Standes4). 1303 wird er als Magister, decretorum doctor und protonotarius des Königs von Böhmen genannt. Kanonikate und Pfründe besaß er 1305 als Domherr in Krakau, Olmütz, Meißen und Prag5). In Prag gehörte er dem höheren Klerus an und erschien als capellanus familiarissimus König Wenzels II6). Er gelangte vor dem 30. März 1307 auf den Brixener Bischofsstuhl und erhielt am 16. Juni 1322 von Papst Johannes XXII. auch den Bischofssitz von Bamberg, wechselte jedoch nach nur einjähriger Verwaltung von dort nach Freising7). Da das königstreue Domkapitel von Freising dieser Provision Widerstand leistete, konnte Bischof Johannes erst im März 1324 von seiner neuen Residenz Besitz nehmen8). Völlig unerwartet verstarb er am 26. April 1324, nach nur 5 Wochen und 2 Tagen im Amt des Bischofs von Freising. Er wurde im Dom vor dem Kreuzaltar begraben9).

Außer der verlorenen figuralen Grabplatte gibt es im Dom im Mittelschiff vor der Chortreppe eine quadratische Bodenplatte aus der Zeit von Bischof Eckher mit der Inschrift: IOANNIS. I. DE. GIT/TINGEN. EP(ISCOP)US XXXII. / FRIS(INGENSIS) O(BIIT) 26. APR(ILIS) / A[(NN)o] 132410).

Textkritischer Apparat

  1. BSB Cgm 5805: vnus.
  2. BSB Clm 1292, AEM H 291 Variante I: Text von Lux bis honoru(m) fehlt; AEM H 602: honoris.
  3. Hundt/Gewold, BSB Cgm 5805, BSB Cgm 1716, BayHStA KL Freising – St. Andreas Nr. 161, BSB Clm 1292, AEM H 291 Variante I und Leidinger: Nur einmal bis. Nachfolgend bei BSB Cgm 1716, BayHStA KL Freising – St. Andreas Nr. 161, BSB Clm 1292, AEM H 291 Variante I: erat hic cathedratus. huic finem verae VI maij tribuere calendae.
  4. AEM H 5, AEM H 253, BSB Cgm 5805, BSB Clm 1292: vere sexto; AEM H 602: vero sexto.

Anmerkungen

  1. Zum Zeitpunkt der Abfassung von AEM H 291 wird die Platte bereits als verloren bezeichnet, s. ebd. p. 540.
  2. Diese Aussage bezieht sich wohl auf seine Regierungszeiten als Bischof in Brixen, Bamberg und Freising, die er zeitweise in doppelter Funktion erfüllte.
  3. Gespalten und vorne geteilt, oben ein sechsstrahliger Stern, unten ledig, hinten ein Mohrenhaupt (Hochstift Freising?).
  4. Redlich, Traditionsbücher Brixen 261 Nr. 718 (Johannes wird hier magister Joannes de Zlakonwerd genannt); Strzewitzek, Sippenbeziehungen 249; Santifaller, Brixener Domherren 521; Santifaller, Stand und Herkunft 239; Bischofs-Chronik II 25f. Anm. 6. An dem Familiennamen Wulfing ist laut Santifaller, Brixener Domherren 521 Anm. 1, nicht zu zweifeln. Die häufige Namensbezeichnung Johannes „von Güttingen“, die zu Verwechslungen Anlaß gab, widerlegt Haid, Brixen 30; Schlackenwert (Ostrov nad Ohři), Bezirk Karlovy Vary, Tschechien.
  5. Strzewitzek, Sippenbeziehungen 249.
  6. Strzewitzek, Sippenbeziehungen 249.
  7. Lang/Freyberg, Regesta Boicarum VI 21; Deutinger, Päpstliche Urkunden 26-30 Nr. 8; Dormann, Stellung 9; Strzewitzek, Sippenbeziehungen 250.
  8. Dormann, Stellung 10; Strzewitzek, Sippenbeziehungen 250.
  9. Deutinger, Bischöfe 50, 80, 183; Dormann, Stellung 10; Leidinger, Veit Arnpeck 888; Bischofs-Chronik II 26 Anm. 3 und 4; Schlecht, Inschriften II 21f.; Strzewitzek, Sippenbeziehungen 250. Zu Meichelbecks unrichtigen Daten vgl. Dormann, Stellung 10 Anm. 3.
  10. Vgl. AEM H 76 p. 339; AEM H 8a p. 619; Schlecht, Inschriften II 21 Nr. 90. Plattennummer der Bauaufnahme des staatlichen Hochbauamts Freising von 1993: H.046.

Nachweise

  1. BayHStA HL Freising Nr. 3c fol. 123v; BayHStA HL Freising Nr. 3 fol. 51r; BayHStA HL Freising Nr. 1 fol. 206r; AEM H 5 p. 130f.; HABW Cod. Helmst. 205 fol. 257v; AEM H 602 p. 74; AEM H 253 p. 49, 131; Hundt/Gewold, Metropolis Salisburgensis I2 169, I3 114; BSB Cgm 5805 fol. 42v; AEM H 666 p. 57; BSB Cgm 1725 p. 189; AEM H 57 p. 128; Meichelbeck, Historia Frisingensis II,1 140; BayHStA KL Freising – St. Andreas Nr. 161 fol. 94r; BayHStA KL Freising – St. Andreas Nr. 162 p. 280; BSB Clm 1292 p. 262; AEM H 291 p. 540 Varianten I und II; AEM H 462; AEM H 8a p. 43, 619; AEM H 464 fol. 16r; HVO Ms. 318 fol. 21r; AEM H 467; AEM B 8 II p. 299; AEM H 270; Deutinger, Kataloge 183; Deutinger, Viti Arnpeckhii 522; MGH SS XXIV 325; Leidinger, Veit Arnpeck 888; Bischofs-Chronik II 26; Bischofs-Chronik, Neuausgabe 40; Glaser, Grabsteinbuch 311 Nr. 36.

Zitierhinweis:
DI 69, Stadt Freising, Nr. 150† (Ingo Seufert), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di069m012k0015005.