Inschriftenkatalog: Stadt Freising

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 69: Stadt Freising (2010)

Nr. 143 Dom Mariä Geburt und St. Korbinian 1496

Beschreibung

Figurale Grabplatte für Bischof Sixtus von Tannberg. Zwischen dem äußeren und inneren südlichen Seitenschiff am ersten Freipfeiler von Westen auf der Nordseite. Ursprünglich in der Mitte des Domes im Boden vor dem Kreuzaltar1), wohl seit 1701 oder 1723–1724 am heutigen Standort. Adneter Kalkstein. Erhaben gearbeitete Umschrift, nach innen gerichtet (I). Im Mittelfeld unter einem Bogen aus Astwerk Darstellung des Verstorbenen als Bischof im bischöflichen Ornat mit Mitra, der Kopf auf einem Kissen ruhend; in der rechten Hand der Bischofsstab, die Linke leicht erhoben; auf dem Manipel, der über seinem linken Arm hängt, eine erhaben gearbeitete Schrift (II), ebenso auf der Stola (III); zu seinen Füßen das Hochstiftswappen und sein Personalwappen; das Anfertigungsdatum der Grabplatte auf die beiden Zwickel zwischen Kissen und Bogen verteilt (IV). Die Grabplatte ist stark abgetreten.

Maße: H. 254 cm, B. 125 cm, Bu. 10,0-10,7 cm (I), 3 cm (II), 3 cm (III), 3-4 cm (IV).

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versalien.

DI 69, Nr. 143 – Dom Mariä Geburt und St. Korbinian – 1496

 © BAdW München, Inschriftenkommission [1/1]

  1. I.

    Anno · d(omi)ni · Mo · cccco · nonagesimo / · q(ui)nto · quarta decima · die · mensis · July · obyt · R(everendissi)musa) · In · chr(ist)ob) · p(ate)r · et · / d(omi)n(u)s · d(omi)n(u)s · Sixtus · Tannberg / h(uius) · eccl(esi)e · ep(iscop)us · qui · bene · rexit · c(uius) · a(n)i(m)a · in pace · req(ui)escat ame(n)c)

  2. II.

    (a)ve · mar(ia)

  3. III.

    · a[v]e [· m(aria)]

  4. IV.

    · 14//96d) ·

Übersetzung:

Im Jahre des Herrn 1495 am 14. Juli starb der hochwürdigste Vater und Herr in Christus Herr Sixtus Tannberg, Bischof dieser Kirche, der gut regiert hat. Seine Seele möge in Frieden ruhen, Amen. (I)

Gegrüßet seist du, Maria. (II, III)

Wappen:
Hochstift Freising2), Tannberg3).

Kommentar

Die Grabplatte, die in der Literatur übereinstimmend dem Augsburger Bildhauer Hans Beierlein dem Mittleren zugeschrieben wird, ist für ihn auch durch einen Zahlungsvermerk in den Freisinger Domkustos-Rechnungen gesichert4). Zu den Schriftformen vgl. Einleitung CIV.

Sixtus von Tannberg entstammte einem bayerischen Adelsgeschlecht, das häufig Ministerialen des Hochstifts Passau stellte5). Er war der Sohn des Hans III. von Tannberg zu Aurolzmünster und seiner zweiten Frau Ursula, geb. von Rohr, deren Bruder Bernhard seit 1446 das Erzbistum Salzburg regierte6). 1456 trat Sixtus ein Domkanonikat in Freising an, wurde 1458 zum Kapitular gewählt und erhielt noch im selben Jahr die Propstwürde von St. Zeno in Isen7). Nach achtjährigen Studien in Padua und der Promotion zum Doktor beider Rechte8) erlangte er durch Vermittlung seines Onkels, des Salzburger Erzbischofs, 1466 die Pfarrei Lauffen und 1470 den bischöflichen Stuhl zu Gurk9). 1471 vom Papst bestätigt, verweigerte ihm Kaiser Friedrich III. jedoch im folgenden Jahr seine Zustimmung. Schließlich ließ sich 1473 der amtierende Freisinger Bischof Johannes Tulbeck mit Einverständnis des Domkapitels zur Resignation zugunsten des Sixtus von Tannberg bewegen; zugleich mit seinem Wechsel nach Freising, wo er bereits das Amt des bischöflichen Kanzlers bekleidet hatte, resignierte dieser das Bistum Gurk10). Nach Erhalt der am 12. Januar 1474 ausgestellten päpstlichen Bestätigung11) wurde er am 10. April 1474 von seinem Onkel, dem Salzburger Erzbischof Bernhard, zum Bischof geweiht, die Belehnung mit den weltlichen Gütern erfolgte am 30. Mai 147412).

Schwerpunkt seiner Regierungstätigkeit war die Reform des Klerus. Zu diesem Zweck berief er in den Jahren 1475, 1480 und 1484 Diözesansynoden ein, auf denen nicht nur eine Fülle von Synodalstatuten, sondern auch die Einführung von Visitationen beschlossen wurden13). Zur Verbreitung der Synodalbeschlüsse und Durchsetzung der Reformvorhaben bediente sich Bischof Sixtus des aufkommenden Buchdrucks, ebenso förderte er den Druck von Meß- und Chorbüchern, um die Liturgie in seinem Bistum zu vereinheitlichen (Brevier 1482/83, Rituale 1484, Meßbuch 1487)14).

Außerdem bemühte sich der Bischof um die militärische Sicherung des Dombergs, indem er in den Jahren 1479 und 1480 Mauern und Wehrtürme erbauen ließ15). In besonderem Maße war ihm der Ausbau der Domkirche angelegen: So wurden 1481/82 die Wölbung des Mittelschiffs unter der Leitung des zuvor in München tätigen Dombaumeisters Jörg von Halsbach durchgeführt16) und der von seinem Vorgänger 1470 begonnene Lettner fertiggestellt17), dazu kam 1489 ein von Erasmus Grasser geschaffenes, monumentales Sakramentshaus, dessen Kosten von einer Stiftung des Domherrn Konrad Aichelstain (Nr. 133) getragen wurden18). Das 1483 in Auftrag gegebene Chorgestühl (Nr. 134) enthält an repräsentativer Stelle auf den Dorsalwänden einen Bischofskatalog in Form von Bischofsbüsten mit Beischriften, also ein Programm, das auf ein starkes Interesse des Bischofs an der Bistumsgeschichte hindeutet.

Während seines Aufenthalts auf dem Reichstag zu Worms starb Bischof Sixtus von Tannberg nach kurzer Krankheit am 14. Juli 1495 im Augustinerchorherrenstift Großfrankenthal19). Von ihm sind Jahrtagsstiftungen nach St. Johannes Baptist20), St. Andreas21), St. Veit22), Weihenstephan23) und an die Domkirche24) überliefert.

Außer der figuralen Grabplatte gibt es im Dom vor der Chortreppe eine quadratische Bodenplatte aus der Zeit von Bischof Eckher mit der Inschrift: SIXTUS. / A. TANBERG. EP(ISCOP)US / 45. FRIS(INGENSIS) O(BIIT) 14. / IULY. A(NN)o 149525).

Textkritischer Apparat

  1. mus hochgestellt.
  2. Gekürzt: xpo.
  3. Worttrennzeichen paragraphenförmig.
  4. Unterbrechung durch das Haupt des Dargestellten. Worttrennzeichen quadrangelförmig.

Anmerkungen

  1. Freyberger, Cronica fol. (vir); Hundt, Stammenbuch II 312; Meichelbeck, Chronica 258f.; Meichelbeck, Historia Frisingensis II,1 280.
  2. Bi 46 (Tafel 76ff.).
  3. BayA1 110 (Tafel 109).
  4. In den Domkustos-Rechnungen wird unter dem Jahr 1496 vermerkt, daß dem Meister Johanni Pewrl für die Ausarbeitung des Steins 30 fl. gezahlt worden seien, nachdem er zuvor 18 fl. für den Kauf der Steinplatte erhalten hatte, s. Mitterwieser, Zubehör 70 Anm. 1; Liedke, Hanns Peurlin 58; Otto, Sixtus von Tannberg 387; Dom-Custos-Rechnungen I 729 Nr. 11.143.
  5. BayA1 110.
  6. BSB Cgm 1716 Catalogus Canonicorum fol. 61r; Krick, Stammtafeln 392 Nr. 180; Strzewitzek, Sippenbeziehungen 225.
  7. BSB Cgm 1716 Praepositi S. Zenonis in Isen fol. 38r, Catalogus Canonicorum fol. 61r: 1464–1467; AEM FS 118 p. 187: 1463; Geiß, St. Peter 417; Isen, Lkr. Erding.
  8. Mayer, Correspondenzbücher 419.
  9. BSB Cgm 1716 Catalogus Canonicorum fol. 61r; Mayer, Correspondenzbücher 419; Widmann, Geschichte Salzburgs II 308 Anm. 3; Lauffen, Gem. Bad Ischl, Pol. Bez. Gmunden, Oberösterreich, Österreich.
  10. Meichelbeck, Historia Frisingensis II,1 262; Leidinger, Veit Arnpeck 901; Bistum Gurk, Kärnten, Österreich.
  11. Meichelbeck, Chronica 251; Meichelbeck, Historia Frisingensis II,1 262; Leidinger, Veit Arnpeck 901; Strzewitzek, Sippenbeziehungen 226.
  12. Meichelbeck, Chronica 251; Meichelbeck, Historia Frisingensis II,1 262; Leidinger, Veit Arnpeck 901; Mayer, Correspondenzbücher 419.
  13. Landersdorfer, Sixtus von Tannberg 104f.
  14. Saltzwedel/Benker, Buchdruck 16-28.
  15. Leidinger, Veit Arnpeck 62, 901; Landersdorfer, Sixtus von Tannberg 106.
  16. Mitterwieser, Zubehör 15-23.
  17. Mitterwieser, Zubehör 11-13.
  18. Mitterwieser, Zubehör 28-30.
  19. BSB Cgm 1716 Catalogus Canonicorum fol. 61r; Großfrankenthal, Stadt Frankenthal, Rheinland-Pfalz.
  20. BayHStA KL Freising – St. Johann Collegiatstift Nr. 30 fol. 9v; BayHStA KL Freising – St. Johann Collegiatstift Nr. 31 fol. 2v.
  21. BayHStA KL Freising – St. Andreas Nr. 163a fol. 28v; BayHStA KL Freising – St. Andreas Nr. 161 fol. 354v.
  22. BayHStA KL Freising – St. Veit Nr. 62 fol. 17r; BayHStA KL Freising – St. Veit Nr. 9 p. 161, 285; BayHStA KL Freising – St. Veit Nr. 63 fol. 73v.
  23. BSB Clm 21556 fol. 48r; BSB Clm 1026 fol. 66r; MGH Necrologia III Weihenstephanense 212.
  24. BayHStA HL Freising Nr. 569 p. 49b; BayHStA HL Freising Nr. 570 fol. 29r; BayHStA HL Freising Nr. 573; AEM H 80 p. 34; Boegl, Jahrtagsverzeichnis 3.
  25. AEM H 76 p. 339. Plattennummer der Bauaufnahme des Staatlichen Hochbauamts Freising von 1993: H.217.

Nachweise

  1. BSB Clm 27475 fol. 38r; AEM H 57 p. 180; Meichelbeck, Historia Frisingensis II,1 280; BSB Clm 1294 p. 116; AEM H 482a p. 932f.; BSB Cgm 1718 1 nach p. 465, 466; AEM H 9 p. 367; AEM H 292 p. 270; AEM H 464 fol. 19r; HVO Ms. 318 fol. 24r; AEM H 465 fol. 250r, 250v; AEM B 8 II p. 483; Schlecht, Inschriften II 36f. Nr. 113; Alckens, Freising 51f.; Liedke, Hanns Peurlin 58, 60f., 136f.; Otto, Sixtus von Tannberg 386f.; Glaser, Grabsteinbuch 315 Nr. 44.

Zitierhinweis:
DI 69, Stadt Freising, Nr. 143 (Ingo Seufert), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di069m012k0014302.