Inschriftenkatalog: Stadt Freising

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 69: Stadt Freising (2010)

Nr. 141 Dom Mariä Geburt und St. Korbinian 1495

Beschreibung

Tafelgemälde (sog. Gründonnerstagstafel) mit Stifterdarstellung des Domkustos Tristram von Nußberg. In der unteren Domsakristei (Sommersakristei) im südlichen Schiff an der Westwand über dem Fußwaschungsaltar, die oberen zwei Drittel der Wandfläche einnehmend. Tempera auf Holz. Spitzbogige Tafel mit Simultandarstellung der Fußwaschung, des Letzten Abendmahls sowie weiterer Szenen: Vor einem phantastischen architektonischen Aufbau schickt sich Jesus an, die Füße des erstaunten Petrus zu waschen, rechts neben ihnen und in der breiten Sockelnische der Architektur die Apostel, teils sitzend und auf das Geschehen verweisend; vor einer Säule in der rechten Bildhälfte ein in Rot und Grün gewandeter Prophet, in seinem rechten Arm ein Buch, darin ein Einmerker mit Beschriftung (III), auf dem Kapitell dieser Säule ein rechteckiger, vorgewölbter Schild mit hebraisierenden Schriftzeichen am Ober- und Unterrand. Am linken Bildrand die etwas verkleinerte Darstellung des Stifters Tristram von Nußberg als kniender Orant im Chorgewand mit Almucia vor einem Betpult, an diesem sein Wappen, über ihm ein mehrfach umschlagendes Schriftband (II), links unterhalb ein angeleintes Eichhörnchen, das an Nüssen nagt (wohl in Anspielung auf den Familiennamen Nußbergs). Im Obergeschoß des architektonischen Aufbaus vor einem kapellenartigen Gebäude, dessen Portal Einblick in das Innere gewährt, ein Balkonerker, auf diesem der Schauplatz des Letzten Abendmahls mit dem segnenden Christus in der Mitte. Links der Architekturstaffage Judas, der im Hintergrund angedeuteten Stadt zueilend, dort simultan dargestellt sein Verrat Jesu und sein Freitod am Baum; rechts Christus am Ölberg. Auf dem Dachgiebel des kapellenartigen Gebäudes zwei kniende, geharnischte Fahnenhalter, ihre Fahnen zum Dachreiter neigend, auf beide Fahnen eine Jahreszahl verteilt (I). Vertikaler Riß durch die Mittelachse. 1902 restauriert.

Maße: H. 260 cm, B. 380 cm, Bu. 5,0 cm (I), 1,7 cm (II), 0,3 cm (III).

Schriftart(en): Gotische Minuskel (II), frühhumanistische Schrift (III).

DI 69, Nr. 141 – Dom Mariä Geburt und St. Korbinian – 1495

 © BAdW München, Inschriftenkommission [1/3]

  1. I.

    14//95a)

  2. II.

    D[e]usb) · // + pr(o)p(i)ciu(s)c) esto michi · pecatorid) · + // + // +

  3. III.

    · AN(N)O · D(OMINI)e) / · 1495 If) / mg)

Übersetzung:

Gott, sei mir Sünder gnädig. (II)

Bibel- und Schriftstellerzitat(e):

  • Lc 18,13. (II)
Wappen:
Nußberg1).

Kommentar

Zu den Schriftformen s. Einleitung CX.

Die Freisinger Gründonnerstagstafel gehört zu den wenigen Ausstattungsgegenständen des Doms, die seit ihrer Entstehung, soweit bekannt, in situ verblieben sind2). Nach Ausweis des Wappens handelt es sich um eine von Domkustos Tristram von Nußberg gestiftete Bildtafel3). Das Bildthema erklärt sich aus dem liturgischen Kontext des Sakristeialtars, dem das Gemälde zugeordnet ist: Zum Zeichen einer von Demut und Nächstenliebe geprägten Nachfolge Christi nahm der Bischof an dieser Stelle jeden Gründonnerstag nach dem Hochamt die Fußwaschung an den zwölf ältesten Kanonikern vor und richtete ein Frühstück für das gesamte Domkapitel aus4).

Das Tafelbild wird allgemein dem bis 1504 tätigen Kupferstecher und Maler Mair von Landshut zugewiesen5). Dieser ist identisch mit Hans Mair aus Freising, der 1490 in den Münchner Stadtsteuerbüchern aufscheint6) und als Onkel von Hans Holbein d. Ä. belegt ist7). Wie eine jüngere Untersuchung der Pentimenti der Freisinger Tafel und einiger Tafelgemälde von Jan Polack ergeben hat, war Mair zumindest zeitweise Mitarbeiter in der Werkstatt des Münchner Stadtmalers8). Letztlich beruhen sämtliche für ihn reklamierte Gemälde – so auch die Freisinger Gründonnerstagstafel – auf Zuschreibungen9). Diese gründen sich auf stilistische Analogien zu den bizarren Architekturstaffagen und ornamentalen Details im druckgraphischen Werk, das – häufig mit MAIR signiert10) – wohl überwiegend in Landshut entstanden ist11).

Zu den Gemäldeinschriften im Antependium des Fußwaschungsaltars vgl. Nr. 142.

Zu Domkustos Tristam von Nußberg vgl. Nr. 175.

Textkritischer Apparat

  1. Die Datierung auf zwei Fahnen verteilt.
  2. D[e] in Rot. Nachfolgende Unterbrechungen durch Umschlagen des Schriftbandes.
  3. Aufgrund unklarer Buchstabenfolge nur annähernd genaue Auflösung möglich.
  4. Worttrennzeichen quadrangelförmig.
  5. Text nach spiegelverkehrtem D vom Buchrücken „verdeckt“.
  6. Text nach dem Schaft vom Buchrücken „verdeckt“, evtl. als Schaft eines gedachten P von P(INXIT) zu deuten.
  7. Kleines Zeichen in Form eines m (?).

Anmerkungen

  1. BayA1 167 (Tafel 173).
  2. Die Angabe bei Sighart, Mittelalterliche Kunst 217, die Tafel sei früher beim Fronleichnamsaltar aufgehängt gewesen, ist irrig.
  3. Sighart, Dom 80, identifiziert das Wappen irrig mit dem des Domherrn de Curia, d. i. Albert vom Hof (Nr. 158).
  4. Mitterwieser, Zubehör 68; Domsakristei 399f.; vgl. Ramisch, Spätgotische Domsakristei 156.
  5. Zuerst 1904 von Dörnhöffer, Jugendwerk Sp. 197f. Anm. 1; ihm folgend Buchheit, Landshuter Tafelgemälde 19-22; Schubert, Mair von Landshut 79f., 136f.; Domsakristei 399f.; Friedrich Kobler in Domsakristei 197f.
  6. Buchheit, Landshuter Tafelgemälde 22 Anm. *; Hartig, Münchner Künstler 336 bzw. 64 Nr. 324. Nach Lipowsky wird 1492, 1499 und 1514 in Landshut ein Nikel Alexander Mair pictor genannt, zu dem Westenrieder mitteilt, dieser sei in Landshut um 1450 geboren und ebenda um 1520 gestorben; Werke, die sich mit diesem Künstler verbinden lassen, sind jedoch nicht erhalten. Vgl. L. S. in Thieme/Becker Künstlerlexikon 24 (1930) 492f.; Schubert, Mair von Landshut 7-9; Domsakristei 157f.
  7. Lieb/Stange, Hans Holbein d. Ä. 3; AK Hans Holbein 17; Ramisch, Spätgotische Domsakristei 158.
  8. AK Jan Polack 257-260.
  9. Buchheit, Landshuter Tafelgemälde 20f.; L. S. in Thieme/Becker Künstlerlexikon 24 (1930) 492; Schubert, Mair von Landshut 75-120, 135-139; Christoffel, Mair von Landshut 306, 309f.
  10. Die Signatur MAIR findet sich – teilweise zusammen mit der Datierung 1499 – auf 21 Kupferstichen und drei Holzschnitten altbaierischer Provenienz, s. Schubert, Mair von Landshut 10.
  11. Der eingeführte Beiname „von Landshut“ des Hans Mair ist trotz seiner mutmaßlichen Herkunft aus Freising nicht völlig abzulehnen, da einer seiner Kupferstiche (B. 10) mit dem Landshuter Wappen versehen ist und mehrere seiner Blätter das Landshuter Wasserzeichen aufweisen, vgl. Schubert, Mair von Landshut 9f.

Nachweise

  1. Buchheit, Landshuter Tafelgemälde 20; Schlecht, Inschriften VI 83 Nr. 3; Schubert, Mair von Landshut 136f.; Christoffel, Mair von Landshut 305; Maß, Bistum Taf. vor 321; Domsakristei 400; Bös, Gotik 58; AK Jan Polack 257-260.

Zitierhinweis:
DI 69, Stadt Freising, Nr. 141 (Ingo Seufert), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di069m012k0014106.