Inschriftenkatalog: Stadt Freising

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 69: Stadt Freising (2010)

Nr. 135 Diözesanmuseum / München, Bayerische Staatsgemäldesammlungen um 1485–1489

Beschreibung

Sieben Tafelbilder sowie eine Schreinfigur des hl. Erzengels Michael, sämtlich mit Beischriften. Drei der Bilder im Diözesanmuseum Freising, davon eines im Museumsbesitz (K, Inv.-Nr. P 251), die anderen beiden sind Leihgaben der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen (F, vorderseitig B unbeschriftet, Inv.-Nr. 7413; I, Inv.-Nr. 7412); vier weitere Bilder im Eigentum der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, München, Alte Pinakothek (A/E, Inv.-Nr. 1402; C/L, Inv.-Nr. 1397); die Schreinfigur des Erzengels Michael im Diözesanmuseum Freising (O, Inv.-Nr. P 32).

Sämtliche Gemälde und die Schreinfigur zum ehemaligen Hochaltar der Benediktinerklosterkirche St. Stephan in Weihenstephan gehörig. Um 1488 von Jan Polack (Gemäldetafeln) und dem Meister der Blutenburger Apostel (Schnitzfiguren) angefertigt, um 1690 durch einen neuen Altar aus Stuckmarmor ersetzt1), dabei Zerlegung des gotischen Altars und Aufbewahrung der Gemälde im Kloster. Acht der ursprünglich zwölf Tafelbilder im Zuge der Säkularisation wiederaufgefunden, davon sieben in Staatsbesitz überführt: Die Bilder A/E, B/F, C/L und I am 28. Juli 1803 von Dillis verpackt2), im August 1804 der Kurfürstlichen Galerie überlassen3) und am 20. August 1804 nach Schleißheim verbracht4), 1911 der Alten Pinakothek, München, eingegliedert. Aus diesem Bestand die Bilder B/F und I 1920 an das Germanische Nationalmuseum, Nürnberg abgegeben5), seit 1974 als Leihgabe im Diözesanmuseum Freising. Das stark beschädigte Bild K und die Schreinfigur des hl. Michael (O) in Freising verblieben, um 1850 von Joachim Sighart erworben, 1857 der Kunstsammlung des Klerikalseminars einverleibt, 1974 in das Diözesanmuseum überführt. Eine weitere Schreinfigur, Maria mit dem Kind (N), nach Abbruch des Altars auf den Rosenkranzaltar versetzt6), vermutlich schon vor 1800 an die dem Kloster inkorporierte Pfarrei Eching abgegeben, später in die neugotische Kapelle von Dietersheim b. Eching gelangt7).

Mischtechnik auf Fichtenholz (A-M) bzw. Lindenholz, gefaßt (N, O, wohl auch P). Die derzeitige Forschung rekonstruiert den Altar als Wandelaltar mit zwei Paar beweglichen Flügeln zu jeweils zwei Registern und einem Mittelschrein, darin mindestens eine der drei Schnitzfiguren.

Geschlossener Zustand (Werktagsseite): Die beiden Außenflügel mit Szenen aus der Passion Christi. Auf der Außenseite des linken Außenflügels oben die Darstellung des Gebets Christi am Ölberg (A), unten die Kreuztragung Christi (B); auf der Außenseite des rechten Außenflügels oben die Kreuzannagelung (C), die untere Bildtafel, vermutlich mit Darstellung des Kalvarienbergs (D), verloren.

Erste Wandlung (Sonntagsseite): Auf den Flügeln Szenen aus den Viten der für Weihenstephan bedeutsamen Heiligen. Auf der Innenseite des linken Außenflügels oben der Tod des hl. Korbinian (E), unten das Bärenwunder desselben Heiligen (F); der linke Innenflügel mit beiden Tafelbildern (G, H) verloren, möglicherweise Darstellungen aus der Vita des hl. Korbinian, Rupert, Michael oder Stephanus; auf der Außenseite des rechten Innenflügels oben die Disputation des hl. Stephanus (I), unten die Steinigung desselben Heiligen (K); auf der Innenseite des rechten Außenflügels die Darstellung des hl. Benedikts als Vater des abendländischen Mönchtums und Lehrmeister der Kirche (L); die untere Tafel (M) ist verloren.

Vollständige Öffnung (Feiertagsseite): Auf beiden Innenseiten der Innenflügel Schnitzreliefs wohl mit Darstellungen aus dem Marienleben, sämtliche verloren. Im Mittelschrein Schnitzfiguren: Im Zentrum, sicher erhöht aufgestellt, eine Sitzfigur der Maria mit dem Kind (N), dazu der hl. Michael (O) und der hl. Stephanus8) (P; verloren), deren genaue Position unsicher. Predella und Gesprenge ebenfalls nicht erhalten.

Die Gemälde der Außen- und Innenseiten eines Flügel sind auf denselben Träger aufgebracht: So bilden die Gemälde auf den Außenflügeln A/E, B/F und C/L Vorder- und Rückseite einer gemeinsamen Tafel. Auf der Rückseite von Gemälde I Hintergrundmalereien für die durchbrochenen Stellen des Schnitzreliefs: Im Mittelbereich blaue Bemalung für die figurale Zone, oben rote Bemalung für die Baldachinzone. Eine derartige Bemalung ursprünglich wohl auch auf der abgeschliffenen Rückseite von Gemälde K, ebenso auf den Rückseiten der verlorenen Gemälde G und H.

Die Gemälde und ihre Inschriften im Einzelnen (Gemälde ohne Inschriften sowie hebraisierende Inschriften sind nicht berücksichtigt):

A. Christus am Ölberg: Im Vordergrund einer Felsenlandschaft der kniende Christus, die Hände vor die Brust erhoben, auf dem Antlitz blutige Schweißtropfen, sein Haupt von einem Nimbus mit Jesus-Monogramm und Gebetsinschrift (I) umgeben. Links neben ihm im Schlaf versunken Johannes Ev. und Jakobus der Jüngere, davon Jakobus mit Beischrift im Nimbus (II), rechts der hl. Petrus. Weiter hinten zwei Simultandarstellungen: Das Anrücken der von Judas geleiteten römischen Soldaten und der Judaskuß. Ganz im Hintergrund eine Idealansicht der Stadt Jerusalem.

C. Annagelung Christi ans Kreuz: Schräg in der Bildmitte das Holzkreuz, auf dem Christus liegt. Seine linke Hand ist bereits angenagelt, ein Scherge treibt den zweiten Nagel durch seine Rechte; ein weiterer Scherge rechts zieht mit einem Seil seine gefesselten Füße an, links mit beschriftetem Helm (IV) ein dritter Scherge, der unterhalb der Füße Christi mit einem Bohrer ein Loch in den Kreuzstab treibt. Vor dem Kreuz ein Beutel mit Handwerkszeug, dabei auch der Kreuztitulus (III). Links der Mitte sich unterhaltende jüdische Schriftgelehrte, rechts im Hintergrund die Simultandarstellung der Entkleidung Christi, links im Hintergrund die Silhouette der Stadt Jerusalem, davor die hl. Maria, von Johannes und Maria Magdalena gestützt.

E. Der Tod des hl. Korbinian: Der todkranke Heilige, mit bischöflichem Ornat bekleidet, liegt in einer Säulenhalle unter einem Baldachin gebettet, die rechte Hand erhoben. Inschriften in seinem Nimbus (V), auf dem Humerale (VI) und auf dem linken und rechten Saum des Pluviales (VII, VIII). Mit der Linken öffnet er das noch unbeschriebene Lebensbuch, das ihm sein älterer Bruder Erimbert vorhält, am Kopfende ein Schreiber, der die letzten Ereignisse im Leben des Heiligen vermerkt. Rechts hält ein junger Laie einen Schlüsselbund als Zeichen der nun zu Ende gehenden Schlüsselgewalt des sterbenden Bischofs, ein Kanoniker kniet an seinem Fußende. Im Hintergrund der offenen Säulenhalle Ausblick auf die Stadt Freising von Süden: Links Vötting und die Klosteranlage Weihenstephan mit dem Korbiniansbrunnen, rechts unterhalb das Kollegiatstift St. Veit, in der Mitte die obere Stadt mit Münchner Tor, Pfarrkirche St. Georg und Rathaus, rechts der Domberg, im Vordergrund die Moosach9). In den oberen Ecken des Bildes steinerne Zwickel, diese mit ledigen Wappen besetzt. Auf beide Wappen die Initialen des Leitspruches von Abt Christoph Schleicher (reg. 1481 bis 1491) verteilt (IX).

F. Das Bärenwunder des hl. Korbinian nach der zweiten Fassung der Vita Corbiniani: Mitten im Gebirge hat ein Bär das Tragpferd des Heiligen gerissen. Daraufhin befiehlt Korbinian dem Bären, das Gepäck nach Rom zu tragen. Wie auf Tafel E Inschriften im Nimbus (X), auf dem Humerale (XI) sowie auf dem linken (XII, XIII) und rechten (XIV) Saum des Pluviales. Ein mit Peitsche versehener Helfer befestigt das Gepäck auf dem Rücken des Bären, links hinter Korbinian zwei weitere Begleiter, einer davon den Bischofsstab haltend. Links im Hintergrund die Toranlage einer Stadt, rechts im Hintergrund Simultandarstellung des Fischwunders des hl. Korbinian.

I. Die Disputation des hl. Stephanus nach der Apostelgeschichte: Stephanus wird aufgrund seiner Predigten vor den Hohen Rat gerufen und der Gotteslästerung angeklagt (Apg 6, 8-15). In seiner Verteidigungsrede beruft sich Stephanus auf Christus und die Stammväter, woraufhin er zum Tode verurteilt wird (Apg 7, 1-53). Darstellung des Tempelinneren, im Zentrum erhöht sitzend Stephanus, mit beschriftetem Nimbus (XV). Um ihn herum die Mitglieder des Hohen Rates, die bereits das Todesurteil gefällt haben; der rechts unten Sitzende mit beschriftetem Ärmelsaum (XVI). Über die Stufen mehrere Bücher und Schriftstücke verstreut. Im linken oberen Fensterdurchblick die Vision des Stephanus: vor einer Engelsschar der leere Thron Gottes, rechts davon Christus (Apg 7, 54-56). Im Eingang rechts Simultandarstellung der Verhaftung des hl. Stephanus.

K. Die Steinigung des hl. Stephanus nach der Apostelgeschichte: Im Vordergrund wird der im Gebet kniende Stephanus von drei Schergen gesteinigt, um sein Haupt ein beschrifteter Nimbus (XVII). Etwas im Hintergrund in der Bildmitte Saulus, durch Beischrift über seinem Kopf gekennzeichnet (XVIII). Er sitzt am Boden und sieht dem Mord teilnahmslos zu (Apg 7, 58), links von ihm zwei Zeugen der Tat. Im Hintergrund zwei Simultandarstellungen: Links treiben zwei Schergen den hl. Stephanus vor die Stadt, rechts wird sein Leichnam von einer Frau und zwei Männern in ein Grab gelegt. Über der Stadt links zwei einander zugewandte Engel, ein Tuch haltend.

L. Der hl. Benedikt als Vater des abendländischen Mönchtums und Lehrmeister der Kirche: Im Zentrum eines durch Arkaden und Gewölbe angedeuteten Raumes befindet sich der hl. Benedikt auf einem thronähnlich erhöhten Sitz, um sein Haupt ein Nimbus mit Beischrift (XIX). Er verweist auf ein leeres Buch – eine Aufforderung, sich um Glauben und Kirche Verdienste zu erwerben –, umgeben von zahlreichen Vertretern der Kirche: Links unterhalb von ihm kniet der Papst, dahinter stehen ein Bischof, ein Kardinal, ein Abt und mehrere Ordensangehörige, rechts knien ein Kardinal, ein Bischof und ein Zisterzienser-Mönch. Nach hinten gruppieren sich ein Abt, mehrere Nonnen und ein weiterer Geistlicher. In den drei Arkadendurchblicken im Hintergrund Szenen aus der Vita des Heiligen, entsprechend der Legenda aurea: Links die Rettung des Mönchs Placidus durch den von Benedikt geschickten Mönch Maurus; in der Mitte wirft Benedikt seinem Raben das von Florentius vergiftete Brot hin, um es fortzutragen; rechts die von Benedikt geschaute Himmelfahrt der Seele des Germanus, Bischof von Capua.

O. Schreinfigur des hl. Erzengels Michael: Auffallend der schlanke, jugendliche Gesichtstypus sowie das tänzerische Bewegungsmotiv. Das aus Dalmatik, Stola und Pluviale bestehende Gewand liturgisch. Am unteren Saum des Pluviales eine Inschrift (XX), diese ebenso wie die Ornamentik der Kleidung erhaben gearbeitet. Die Hände zu unbekanntem Zeitpunkt erneuert. In der erhobenen Rechten ursprünglich wohl ein Schwert, in der Linken eine Seelenwaage. Die Farbfassung mehrfach überarbeitet, die heutige vermutlich aus dem 18. Jahrhundert stammend10).

Rekonstruierte Gesamtgröße des geöffneten Altars11): H. 300 cm, B. 500 cm.
Maße der Tafelbilder und der Schreinfigur:
A: H. 147 cm, B. 129 cm, Bu. 1,5 cm (I, II).
B: H. 147 cm, B. 129 cm.
C: H. 147 cm, B. 129 cm, Bu. 2,5 cm (III), 1,3 cm (IV).
E: H. 147 cm, B. 129 cm, Bu. 1,5 cm (V, VI), 1,3 cm (VII, VIII), 1,5-2,5 cm (IX).
F: H. 147 cm, B. 129 cm, Bu. 4,5 cm (X, XI), 1,5 cm (XII, XIV), 1,3 cm (XIII).
I: H. 152 cm, B. 125 cm, Bu. 1,5 cm (XV), 1,7 cm (XVI).
K: H. 152 cm, B. 120,5 cm, Bu. 2 cm (XVII), 1,2 cm (XVIII).
L: H. 147 cm, B. 129 cm, Bu. 1,5 cm (XIX).
N: H 155 cm.
O: H. 168 cm, B. 55 cm, Bu. 4,5 cm (XX).

Schriftart(en):
A: Frühhumanistische Kapitalis.
B: Ohne Inschriften.
C: Frühhumanistische Kapitalis.
D: verloren.
E: Frühhumanistische Kapitalis.
F: Frühhumanistische Kapitalis.
G: verloren.
H: verloren.
I: Frühhumanistische Kapitalis.
K: Frühhumanistische Kapitalis, Gotische Minuskel.
L: Frühhumanistische Kapitalis.
M: verloren.
N: Ohne Inschriften.
O: Gotische Minuskel.
P: verloren.

A. Christus am Ölberg

  1. I.

    IE(SV)Sa) + // HILF VNSb) // NIT

  2. II.

    SANDc) · IACOB · MINOR · ORA

Übersetzung:

Sankt Jakob der Jüngere, bitt ... (II)

C. Annagelung Christi ans Kreuz

  1. III.

    · I · N · R · I ·

  2. IV.

    I(CH) L(EID) V(ND) M(EID) W(ART) D(ER) Z(EIT)d)

E. Tod des hl. Korbinian

  1. V.

    SANCTVSc) · CORBIANVSc) · ORA · P(RO)

  2. VI.

    ARKE

  3. VII.

    SANNDe) · CORBI//ANVSf) · PIT · FVR · VNSc) · ARM ·

  4. VIII.

    I(CH)f) // L(EID) V(ND) M(EID) V(ND)

  5. IX.

    I(CH) L(EID) V(ND) M(EID) // W(ART) D(ER) CZ(EIT)g)

Übersetzung:

Sankt Korbinian, bitt für … (V)

F. Das Bärenwunder des hl. Korbinian

  1. X.

    SANCTVSc) · CORBIANVS · ORA · PRO · MEh)

  2. XI.

    I(CH) L(EID) V(ND) M(EID) V(ND) W(ART) // APi)

  3. XII.

    SANNDf) · // CORBIANVS · PIT · FVR · VNSc) · ARM CKk) // VNDc) · FVR · ALL · GELAVBIG · ELLENDc) · SELL AMl)

  4. XIII.

    AERERm)

  5. XIV.

    EBf) // AB

Übersetzung:

Sankt Korbinian, bitt für mich. (X)

I. Disputation des hl. Stephanus

  1. XV.

    · SANNDe) · STEFFANc) [·] PIT FVR V(NS)n)

  2. XVI.

    ICH · LEID // VNDc) · MEID · VNDc) · WARDo)

K. Steinigung des hl. Stephanus

  1. XVII.

    [SANND ·] STEF[FAN PIT FVR VNS]p)

  2. XVIII.

    Saulvs

L. Der hl. Benedikt als Vater des abendländischen Mönchtums und Lehrmeister der Kirche

  1. XIX.

    SANDc) · WENNEDICq) · PIT · FVR · VNSc) · VNDc)

O: Schreinfigur des hl. Michael

  1. XX.

    et libera nos a malo amenr)

Übersetzung:

Und befrei uns von dem Bösen. Amen. (XX)

Versmaß: Deutsche Reimverse. (IV, VIII, IX, XI, XVI)

Bibel- und Schriftstellerzitat(e): Nach dem Pater noster. (XX)

Kommentar

Zu Beginn und/oder Ende einiger Inschriften (IX, X, XIX) C-bogenförmige Klammern.
Auf den Gemälden B, C und I hebraisierende Zeichen.
Auf den Gemälden E, F und I die bischöflichen Handschuhe teilweise mit einem ornamental verwendeten Zeichen, ähnlich dem Buchstaben A12).

Michael Hartig konnte 1908 aufgrund eines Archivalienfundes die Weihenstephaner Altartafeln erstmals dem Münchner Maler Jan Polack zuweisen, eine Publikation dieser Quelle wurde im Jahr darauf von Hans Buchheit vorgenommen13). Danach hatte das Kloster Weihenstephan bei Polack bereits 1484 einen Achatiusaltar und wenig später auch den Hochaltar in Auftrag gegeben. Bis 1489 wurden mehrere Abschlagszahlungen für beide Altäre geleistet14). Die letzte Zahlung erfolgte ebenfalls noch 1489, als die Rechnungen vermelden, der Altar – wohl der Hochaltar – sei von München hergeführt worden15). Diese Angaben verschafften dem heute an mehrere Standorte aufgeteilten Altar quasi eine „Geburtsurkunde“ und waren Ausgangspunkt für die Zuschreibung einer Vielzahl weiterer Werke an Polack16). Da bereits in den Abrechnungen für den Achatiusaltar keine Posten für die Schnitz- und Kistlerarbeiten ausgewiesen sind, muß davon ausgegangen werden, daß auch für den Hochaltar die jeweiligen Künstler als „Zulieferer“ für Polack tätig wurden, der dem Kloster gegenüber als Generalunternehmer auftrat17).

Nachdem Abt Christoph I. Schleicher vom Konvent der Mißwirtschaft bezichtigt worden war, ordnete Bischof Sixtus 1489 eine Rechnungsrevision an, für die sämtliche Ausgabeposten der Jahre 1484 und 1485 in Reinschrift zusammengefaßt wurden. Offenbar führten die dabei publik gewordenen hohen Kosten für den Hochaltar Polacks mit zur Absetzung des Abtes18).

Jan Polack gehört zu den profiliertesten Tafelmalern in Altbayern am Ausgang der Gotik. Herkunft und Geburtsdatum sind ungewiß, möglicherweise gelangte er im Zuge der Landshuter Fürstenhochzeit 1475 nach Bayern, doch ist der Familienname Polack schon längere Zeit vorher in Bayern nachweisbar. Erstmals 1479 mit Wandbildern in St. Wolfgang in Pipping nachgewiesen, erscheint er 1482 im Münchner Steuerbuch und wird von 1485 bis 1519 – seinem Todesjahr – vierzehnmal als einer der Vorsteher der Münchner Malerzunft erwähnt19). Polack leitete nicht nur eine große, arbeitsteilig organisierte Malerwerkstatt, die bedeutende Altarwerke für Kirchen und Klöster in München und im Herzogtum Bayern schuf, sondern war auch Eigentümer einer Werkstätte für Glasmalerei20). So zählen zu den Hauptwerken die Retabel für die Münchner Stadtpfarrkirche St. Peter (um 1490/95), die Schloßkirche Blutenburg (1491/92), das Münchner Franziskanerkloster (1492) und die Weihenstephaner Klosterkirche21), auch fertigten er und seine Werkstatt Entwürfe für das Herzogenfenster der Münchner Frauenkirche (um 1485), sowie für die Bildfenster der Schloßkirche Blutenburg und von St. Martin in Scheyern (1485)22). Sein qualitativ uneinheitliches Werk zeichnet sich durch unbekümmerte Erzählfreude, oftmals drastische Detailschilderungen und Erfindungsreichtum aus, entbehrt jedoch malerischer Finesse und neigt in den Werkstattarbeiten zu Formelhaftigkeit und Typisierung, ohne sich jedoch in motivischen Wiederholungen zu verlieren23).

In der Polack-Werkstatt wurde – wie bei vielen anderen Malerschulen am Ende des 15. Jahrhunderts auch – u. a. der extensive Einsatz von Bildbeischriften gepflegt, die zumeist bei den zentralen Heiligenfiguren in Form von Gewandsauminschriften auftreten24). Hierfür kommt vorrangig die Frühhumanistische Kapitalis zur Anwendung, die auch in Schriftbändern (Blutenburg, Außenseiten der Hochaltarflügel) und – ausschließlich bei den Weihenstephaner Tafeln – in Nimben eingesetzt wird; nur vereinzelt zieht Polack für Gewandsauminschriften die Gotische Minuskel heran (Altar für St. Peter, Petri Gang über das Wasser und Heilung des Lahmen), diese Schriftart bleibt sonst Beischriften an Rahmenleisten (Blutenburg, Seitenaltäre) sowie erklärenden Namensbeischriften (Altar für die Franziskanerkirche, Innenseiten der Außenflügel) vorbehalten. Zu den Schriftformen s. Einleitung CIXf. Bei allen seinen Altarwerken läßt sich außerdem die dekorative Verwendung hebraisierender Zeichenfolgen beobachten, die dem zumeist auf die Schergenrolle fixierten, jüdischen Bildpersonal zugewiesen wird, selten auch als zusätzliche Gewandsauminschrift christlicher Figuren vorkommt (Altar für St. Peter, Heilung des Lahmen). Diese kryptischen Zeichenfolgen enthalten jedoch entgegen früherer Annahme offensichtlich keine Botschaften oder Künstlersignaturen25).

Besonderes Augenmerk galt von jeher dem auf mehreren Weihenstephaner Tafeln anzutreffenden Spruch ICH LEID VND MEID VND WART (IV, VIII, IX, XI, XVI), wobei die Initialen am Textende DZ (IV, IX) zu D(ER) Z(EIT) ergänzt wurden, soweit ersichtlich erstmals von Hans Buchheit im Katalog der Ausstellung „Altmünchener Tafel-Gemälde“26). Als Variante des Textendes existiert daneben auch WART AP (XVI). Die gängige Behauptung, daß es sich dabei um den Wahlspruch des mutmaßlichen Auftraggebers, Abt Christoph I. Schleicher, handelt, läßt sich quellenmäßig nicht belegen, doch scheint die Positionierung der Initialen (IX) in den oberen, sonst ledigen Wappen auf der Tafel mit Darstellung des Todes des hl. Korbinian diese Vermutung zu bestätigen27).

Tatsächlich handelt es sich im Falle des deutschen Reimverses „Ich leid und meid“ um die freie Übertragung des Mottos „Sustine et abstine“ (Ertrage und entsage) der stoischen Tugendlehre, welches Epiktet (um 50 – um 138 n. Chr.) zu seinem persönlichen Leitspruch erhoben hatte. Dieser Spruch war ab dem späten Mittelalter bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts weit verbreitet28) und erfuhr eine Vielzahl von Erweiterungen. Zu besonderer Popularität brachte es „Leid und meid, der Christen Kreid“29), doch waren auch „Leid und meid, bist du gescheit“ oder „Leid und meid, all Ding hat seine Zeit“30) beliebte Varianten.

„Ich leid und meid und wart (der Zeit)“ kehrt auch zweimal auf dem Altar für St. Peter wieder: einmal auf der Tafel der „Kreuzigung Petri“, wo am rechten Gewandsaum des hl. Petrus der Textanfang erscheint: ICH · LEID · VND31), und einmal auf der Tafel „Heilung des Lahmen“, wo die Initialen des Spruchs am Gewandsaum unterhalb der segnenden Rechten Petri erkennbar sind: ILVM//VWDZ32). Im Gegensatz zu den Weihenstephaner Tafeln dürfte die neuerliche Verwendung jedoch eher der Eigeninitiative der Polack-Werkstatt zu verdanken sein, wie auch die bekannte Bildbeischrift auf dem Tafelgemälde „Petrus heilt Kranke und Besessene“ des Altars für St. Peter weniger die Intention des Auftraggebers als die der ausführenden Künstler reflektiert: O · LIEBER · HEILIGER · HER · SAND · PETER · S//CHAF · VNS · AIN · GVET · TRINCK · GELT · SO · WEL · WIR · GVET33).

Die beiden noch erhaltenen Schnitzfiguren, die sitzende Madonna mit Kind (N) und der hl. Michael (O), werden dem Meister der Blutenburger Apostel zugeschrieben, dessen Werke einen lyrischen, mäßig bewegten Stil aufweisen. Die Inschrift (XX) am Gewandsaum des hl. Michael steht in engem Zusammenhang mit dessen mutmaßlichem Typus des Seelenwägers und – darauf bezugnehmend – mit dem hinter dem Altar gespendeten Bußsakrament. Daraus kann gefolgert werden, daß die Figur möglicherweise nicht im Schrein selbst, sondern eher an einer der Schreinseiten gestanden haben dürfte, unter Berücksichtigung ihrer Körperdrehung und der Anbringungsstelle der Inschrift wohl an der rechten Seite34).

Textkritischer Apparat

  1. Gekürzt: IHS; nachfolgend Unterbrechung durch Arabeske.
  2. N spiegelverkehrt, S kaum erkennbar; nachfolgend Unterbrechung durch Arabeske.
  3. N spiegelverkehrt.
  4. Letzter Buchstabe undeutlich ausgeführt, ähnlicher einem K als einem Z.
  5. Zweites N spiegelverkehrt.
  6. Unterbrechung durch Schließe.
  7. Die Inschrift auf zwei Schilde in den oberen Bildecken verteilt.
  8. Unteres Drittel von ME durch die Mitra verdeckt, gefolgt von zwei kurzen Schäften.
  9. Die Inschrift auf die beiden Kragenenden verteilt.
  10. Inschrift gegen Ende zu stark verkleinert; nachfolgend Unterbrechung durch Saumumschlag.
  11. A verschränkt mit unklaren Buchstabenelementen: wohl M oder N, mögliche Auflösung als AM(EN); am folgenden Saum noch einige ornamental verwendete Schäfte und Bogen.
  12. Die Inschriftengröße zu- und abnehmend, die Farbe teils abgerieben.
  13. NS durch den Kopf des hl. Stephanus „verdeckt“.
  14. Die Inschrift auf die Säume beider Ärmel verteilt.
  15. Die Inschrift bis auf wenige Reste abgerieben.
  16. Beide N spiegelverkehrt.
  17. Scriptura continua.

Anmerkungen

  1. Gentner, Weihenstephan 152.
  2. BayHStA Lokalkommission Weihenstephan Nr. 14; Busch, Bilderschätze 19.
  3. Busch, Bilderschätze 20.
  4. Busch, Bilderschätze 20; Schloß Schleißheim, Gde. Oberschleißheim, Lkr. München.
  5. Busch, Bilderschätze 20f.
  6. AEM KB 122 p. 77; Gleixner, Rekonstruktion 106.
  7. AK Freising 1989, 273 Nr. III.10; Dietersheim, Gde. Eching, Lkr. Freising.
  8. Vgl. AEM KB 122 p. 77; AEM KB 123 fol. 173r.
  9. Zur Frage der topographischen Genauigkeit der Polack’schen Stadtansicht s. Maß/Benker, Ansichten 3-6.
  10. 1988/89 wurde die Figur mikroskopisch untersucht, wobei die Fassung des 15. Jahrhunderts näher bestimmt werden konnte, s. AK Freising 1989, 276 Nr. III.11.
  11. Buchner, Jan Polack 25.
  12. Ein ähnliches Zeichen befindet sich auf dem Gemälde „Sturz des Simon Magus“ vom Altar für St. Peter, dort zeigt das Brokatmuster im Umhang von Kaiser Claudius ebenfalls ein ornamental verwendetes A, vgl. AK Jan Polack 213 und ebd. vordere Umschlag-Abbildung.
  13. Buchheit, Altmünchner Tafel-Gemälde 15f. Nr. 18; Ernst Buchner in Thieme/Becker Künstlerlexikon 27 (1933) 201; Steiner, Jan Polack 16.
  14. BayHStA KL Weihenstephan Nr. 85 fol. 51v, 57v, 63v, 66v, 68r; Hartig, Münchner Künstler 332 bzw. 60 (Sonderdr.) Nr. 298; 333 bzw. 61 (Sonderdr.) Nr. 303; 334 bzw. 62 (Sonderdr.) Nr. 313; 336 bzw. 64 (Sonderdr.) Nr. 323; Rosthal, Jan Polack 189.
  15. Magistro Jon polack monachi habet CC L XXXVI fl. rh. XVIIII dn et unacum bibalibus uxoris suorum et aliorum domesticorum eius. Item pro sumptibus dum tabulam adveheret de Monaco pro suo et aliis exposui XX ß XV dn, s. BayHStA KL Weihenstephan Nr. 85 fol. 68r; Hartig, Münchner Künstler 336 bzw. 64 (Sonderdr.) Nr. 323; AK Münchner Gotik 181 Nr. 37; Rosthal, Jan Polack 189.
  16. Buchner, Jan Polack 24. Eine erste und im Wesentlichen bis heute gültige Werkliste von Ernst Buchner in Thieme/Becker Künstlerlexikon 27 (1933) 200-202.
  17. AK Münchner Gotik 146 Nr. 17, 181 Nr. 37.
  18. BayHStA KL Weihenstephan Nr. 85 fol. 65r; vgl. Gentner, Weihenstephan 100f.
  19. Ernst Buchner in Thieme/Becker Künstlerlexikon 27 (1933) 200; AK Münchner Gotik 181 Nr. 37; Loos, Jan Polack 11-14; Steiner, Jan Polack 16.
  20. Weniger, Polack-Werkstatt 27-35; Fischer, Münchner Glasmalerei 111f.
  21. Vgl. Loos, Jan Polack 11-14.
  22. Fischer, Münchner Glasmalerei 112; Blutenburg, Stadt München; Scheyern, Lkr. Pfaffenhofen a. d. Ilm.
  23. Vgl. Weniger, Polack-Werkstatt 33f.
  24. Vgl. Lanckoronska, Matthäus Neithart Sculptor 38.
  25. Salm/Goldberg, Altdeutsche Malerei 171f. Die ebd. 173 angekündigte Studie von Georgine Bán-Volkmar zu den hebräischen Inschriften ist offenbar nie erschienen; vgl. dagegen Steiner, Jan Polack 16 Anm. 4, der mitteilt, daß sich die Deutung dieser Zeichen als sinnvolle Texte nicht bestätigt habe.
  26. Buchheit, Altmünchener Tafel-Gemälde 16 Nr. 19.
  27. Buchheit, Altmünchener Tafel-Gemälde 16 Nr. 19; vgl. dagegen Gisela Goldberg in Steiner, Auftraggeber 141; Goldberg, Tafel- und Wandmalerei 92.
  28. Fraenger, Neuruppiner Bilderbogen 285.
  29. Singer/Liver, Thesaurus 314; Heinrich/Körte, Sprichwörter 273 Nr. 3756; Grimm, Deutsches Wörterbuch 11 Sp. 2138; Fraenger, Neuruppiner Bilderbogen 285.
  30. Karl Simrock, Deutsche Sprichwörter. Eltville am Rhein 1988 206 Nr. 6309. Karl F. W. Wanderer, Deutsches Sprichwörter-Lexikon, 3. Leipzig 1873 19 Nr. 20, 22.
  31. Vgl. AK Jan Polack 205.
  32. Vgl. Bösl, Polack 13, 30; Goldberg, Tafel- und Wandmalerei 92; AK Jan Polack 199.
  33. Vgl. Bösl, Polack 30; Goldberg, Tafel- und Wandmalerei 92.
  34. Otto, Weihenstephaner Hochaltar 138f.

Nachweise

  1. Buchheit, Altmünchener Tafel-Gemälde 16 Nr. 19; Kat. Pinakothek 1911 u. spätere Auflagen; Busch, Bilderschätze 20-22 Nr. 113; Elsen, Jan Polack 35; Kat. GNM Gemälde 13.–16. Jh. 153f. Nr. 1101, 1102 Abb. 265, 266; Kat. Bayerische Frömmigkeit 1960, 188f.; Salm/Goldberg, Altdeutsche Malerei 171-172 (mit weiterer Literatur); Lanckoronska, Matthäus Neithart Sculptor 38; AK Bayern 339 Nr. 269-270 (Goldberg Gisela, Zwei Tafeln vom Weihenstephaner Hochaltar); Benker, Dom und Domberg 9; Kat. Diözesanmuseum Freising 81-87; Steiner, Diözesanmuseum Freising 42-45; Bösl, Jan Polack 30; AK Freising 1989, 273-278 Nr. III.8-11; Pfister, Leben aus dem Glauben I 19, II 24; Bös, Gotik 56; AK Gottesbild 102f.; Goldberg, Tafel- und Wandmalerei 92; AK Münchner Gotik 146f. Nr. 17, 181-186 Nr. 37; AK Jan Polack 125-147.

Zitierhinweis:
DI 69, Stadt Freising, Nr. 135 (Ingo Seufert), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di069m012k0013501.