Inschriftenkatalog: Stadt Freising

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 69: Stadt Freising (2010)

Nr. 29 Dom Mariä Geburt und St. Korbinian 1350/1359

Beschreibung

Wappengrabplatte für den Marschall Arnold IV. von Massenhausen. Im äußeren südlichen Seitenschiff in der Elisabeth- bzw. Fürstenkapelle an der Westwand. Ursprünglich dort im Boden, im Zuge der Barockisierung des Doms 1724 an den heutigen Standort versetzt1). Adneter Kalkstein. Umschrift zwischen zwei Linien nach innen gerichtet, rechtwinklig eingekerbt mit je zwei Nietlöchern pro Buchstabe bzw. einem Loch pro Worttrennzeichen. Die Vertiefungen ursprünglich mit Metall ausgelegt, einige Textstellen mit durchfärbtem, harzhaltigem Kitt korrigiert2). Im Mittelfeld das Vollwappen des Verstorbenen, dabei der im Profil dargestellte Topfhelm in Ritzzeichnung ausgeführt, die anderen Teile mit unterschiedlichen farbigen Materialien entsprechend der Tingierung des Wappens ausgelegt: Im Schild schwarzer Schiefer, stellenweise durch eine schwarze Masse ergänzt, davon Teile herausgebrochen; beim Oberwappen die Krempe des Stulphuts und der Federbusch mit hellockerfarbenem Solnhofer Kalkstein, der Korpus des Huts mit schwarzem Schiefer gefüllt.

Maße: H. 288 cm, B. 143 cm, Bu. 11 cm.

Schriftart(en): Gotische Majuskel.

DI 69, Nr. 29 – Dom Mariä Geburt und St. Korbinian – 1350/1359

 © BAdW München, Inschriftenkommission [1/3]

  1. + ANNOa) · D(OMI)NI · Mo / 〈C〉CCo 〈· Lo NONOb) · I(N) VIG(ILI)Ac) · PVRIF(IC)A(TIONIS)c) · M(ARI)Ed) ·〉 OBIIT · / ARNOLDVS · DE M/AEZZENHAVSE(N) · MARSCALCVS · WaW(ARI)Ee)

Übersetzung:

Im Jahre des Herrn 1359 am Vorabend des Festes der Reinigung Mariä starb Arnold von Massenhausen, Marschall Bayerns.

Datum: 1359 Februar 01.

Wappen:
Massenhausen3).

Kommentar

Zu den Schriftformen s. Einleitung XCII.

Die große Unsicherheit der kopialen Überlieferung hinsichtlich des auf der Platte angegebenen Sterbejahrs resultiert auNonos der verwirrenden Überlagerung mehrerer Buchstaben bzw. römischer Zahlzeichen im Datumsbereich4). So liest Hundt an dieser Stelle PRIMO (also 1301), Eckher nennt – wie auch die nachfolgende Literatur – als Todesjahr 13305). Dieses Datum findet sich auch auf dem in der unteren Domsakristei erhaltenen Bodenstein der Eckher-Zeit.

Grundsätzlich ist von einem anfänglichen Zustand der Inschrift mit nicht ausgeschriebener Jahreszahl auszugehen, der auf eine Anfertigung der Platte noch zu Lebzeiten des Auftraggebers Arnoldus hindeutet, sowie von einer späteren Überarbeitung und Ergänzung im Datumsbereich. Die ursprüngliche Datierung mit Sterbevermerk lautete: · Mo / · CCCo · Lo 〈– – –〉 OBIIT. Nach dem Tode des genannten Arnoldus ergab sich für den Steinmetzen das Problem, die doch beträchtliche Lücke zwischen Lo und OBIIT sinnvoll auszufüllen. Dabei hätte sich angeboten, die Jahreszahl um IXo bzw. NONO zu ergänzen und die Tagesdatierung gemäß dem römischen Kalender als KAL(ENDAS) FEB(RUARII) einzufügen. Stattdessen wählte man die platzraubendste Lösung, indem man die zu ergänzende Einerstelle der Jahreszahl ausschrieb und zugleich eine Datierung nach dem Heiligenkalender vornahm6). Dies aber ließ sich nur durch einen Verzicht auf die weite Buchstabensetzung der ursprünglichen Inschrift bei gleichzeitiger extremer Kürzung der Tagesdatierung erreichen: So wurde der erste sternförmige Worttrenner vor CCCo durch ein C und das letzte C durch · Lo ersetzt. Unmittelbar danach folgte jetzt NONO, wobei das erste N anstelle des ursprünglichen Worttrenners nach CCCo und ON anstelle des originalen Lo eingehauen wurden. Die Lücke bis OBIIT füllte nun die Tagesdatierung mit abschließendem Worttrenner: Mo / 〈C〉CCo 〈· Lo NONO · I(N) VIG(ILI)A · PVRIF(IC)A(TIONIS) · M(ARI)E ·〉 OBIIT. Die nicht mehr benötigten Vertiefungen der Originaldatierung wurden dabei vermutlich mit rot durchfärbter Gipsmasse ausgefüllt. Im Vergleich zwischen originaler Inschrift und nachträglich vorgenommener Textergänzung fällt vor allem die diszipliniertere Durchgestaltung der Konturen bei der Originalschrift auf, während die Textergänzung zumeist über eine recht derbe Nachahmung nicht hinausreicht.

Aus dem nunmehr gesicherten Datierungsansatz 1350/1359 folgt jedoch, daß es sich bei dem inschriftlich genannten Arnoldus mit einiger Sicherheit um Arnold IV. von Massenhausen, einen Sohn des Ortlieb von Massenhausen, handelt, der wegen seines entstellten Äußeren den Beinamen „der Nasenlose“ erhielt7). Die Mitglieder der Familie der Massenhauser, die einem der vornehmsten bayerischen Turniergeschlechter angehörten, waren über mehrere Generationen Ministeriale der Wittelsbacher und der Bischöfe von Freising8). Arnold IV., Sohn des Ortlieb von Massenhausen, zählte zu den Vertrauten Kaiser Ludwigs des Bayern. 1323 bis 1325 ist er als Pfleger im Gericht Kranzberg belegt, außerdem übte er das Amt des Marschalls von Ober- und Niederbayern aus9). Zu trauriger Berühmtheit gelangte er, indem er seine Frau Elisabeth von Greifenstein der Untreue mit einem Knecht bezichtigte und sie deswegen am 5. Dezember 1323 auf dem Scheiterhaufen verbrennen ließ10). Ihr Leichnam wurde von ihrer Familie im Kloster Dießen beigesetzt11). Nachdem Arnold infolge einer Vision seine Anschuldigungen als haltlos erkannt hatte, veranlaßte er zur Sühne seiner Tat reiche Zuwendungen an mehrere Kirchen und Klöster, so z. B. an Indersdorf und Dießen12). Auf ihn geht die Errichtung der Elisabethkapelle im Freisinger Dom zurück, die seiner Familie neben dem Erbbegräbnis im Kreuzgang von Kloster Indersdorf als weitere Grablege diente. Aus der zweiten Ehe des Arnold IV. mit einer Tochter des Konrad von Wolfersdorf gingen nur zwei Töchter hervor, wodurch das Geschlecht der Massenhauser im Mannesstamm 1409 erlosch13).

Das Todesjahr 1359 wird auch indirekt durch Hundt bestätigt, der eine urkundliche Erwähnung des Arnold aus dem Jahre 1356 anführt, ihn jedoch bereits 1360 als verstorben bezeichnet14). Im Stiftungskalender des Freisinger Doms ist unter dem 2. Februar die Stiftung einer Totenwache und einer Messe für Arnold IV. verzeichnet15). Ebenso ist eine Jahrtagsstiftung nach St. Andreas belegt16).

Der überlieferte Flammentod eines Arnold von Massenhausen bei der Schleifung von Schloß Oberarnbach zu Jahresbeginn 1465 wurde bisweilen mit Arnold IV. in Verbindung gebracht und als gerechte Strafe für die Tötung seiner Frau interpretiert17). Unfallhergang und Todesdatum 1465 beziehen sich jedoch nach Angabe von Hundt auf seinen Bruder Arnold V., der in der Klosterkirche zu Indersdorf begraben liegt18).

Ein Fenster der Elisabethapelle war ursprünglich mit drei Wappen (Massenhauser, Preysing, Rechberg) verziert, die heute verloren sind und sich wohl auf ihn und seine zweite Frau bezogen19).

Außerdem gab es vermutlich in der Elisabethkapelle des Doms eine quadratische Bodenplatte aus der Zeit von Bischof Eckher mit der Inschrift: ARNOLDUS / DE MASSENHAUSEN / MARSCHALCUS / FUNDATOR CAPELLAE / S. ELISABETHAE / O(BIIT) A(NN)o 1330 / 1. FEB(RUARII)20). Die Platte gelangte spätestens 1830 im Zuge der Bodenerneuerung in die untere Domsakristei.

Textkritischer Apparat

  1. Am Textbeginn griechisches Kreuz mit Serifen an den Armen.
  2. Jahresangabe nachträglich korrigiert, s. Kommentar.
  3. A hochgestellt.
  4. E hochgestellt.
  5. a und E hochgestellt. Worttrennzeichen in Form sechsstrahliger Sterne.

Anmerkungen

  1. BSB Cgm 2290 XVIII fol. 43v.
  2. BSB Cgm 2290 XVIII fol. 43v; Kloos, Einführung 54.
  3. BayA1 49 (Tafel 48).
  4. Vgl. Bornschlegel, Epigraphische Überlegungen 125f.
  5. Hundt, Stammenbuch I 272; BSB Cgm 2268 V fol. 301v; BSB Cgm 2290 XVIII fol. 43v.
  6. Vgl. Bornschlegel, Epigraphische Überlegungen 123f., 126.
  7. Gumppenberg, Massenhausen 405; Prechtl, Massenhausen 8.
  8. Gumppenberg, Erb-Landmarschall-Amt 98. Danach ist Arnoldus II. 1294 als Marschall von Niederbayern und 1306 als Hofmarschall von Bischof Emicho belegt.
  9. Gumppenberg, Massenhausen 405; Geiß, Beamte 56, 77.
  10. Leidinger, Veit Arnpeck 578; Prechtl, Massenhausen 8; vgl. Hundt, Stammenbuch I 273 und den Eintrag im Diessener Nekrolog unter dem Datum des 5. Dezember: Elyzabeth Laica exusta. 1323. ux. Domini Arnoldi de Maccshenhausen filia Ottonis de Greiffenperch, s. Monumenta Boica VIII 309.
  11. Gumppenberg, Massenhausen 405f.
  12. Vgl. Modlmayr, Massenhausen 14.
  13. Gumppenberg, Massenhausen 412.
  14. Hundt, Stammenbuch I 273.
  15. BayHStA HL Freising Nr. 569 p. 5, 51; BayHStA HL Freising Nr. 570 fol. 29v; MGH Necrologia III Liber Oblagiorum 86.
  16. BayHStA KL Freising – St. Andreas Nr. 163a fol. 3r; BayHStA KL Freising – St. Andreas Nr. 161 fol. 348v. Ein Arnold von Massenhausen – es bleibt unklar, ob es sich um Arnold II. oder IV. handelt – veranlaßte auch eine Meßstiftung nach St. Veit, s. BayHStA KL Freising – St. Veit Nr. 62 fol. 10r; BayHStA KL Freising – St. Veit Nr. 9 p. 163; BayHStA KL Freising – St. Veit Nr. 63 fol. 24r.
  17. Gumppenberg, Massenhausen 407f., 412; Prechtl, Massenhausen 9; Mayr, Blutrichter 3f.
  18. Hundt, Stammenbuch I 273, III 756f. Die Angabe bei Gumppenberg, Massenhausen 408, daß auch Arnold IV. in Indersdorf begraben liege, ist irrig.
  19. Hundt, Stammenbuch I 272. Auf wen sich das Wappen der Rechberg beziehen könnte, ist nicht bekannt, s. Gumppenberg, Massenhausen 401 (mit Stammtafel).
  20. BSB Oefeleana 10 IV p. 12; AEM H 76 p. 339, 359; Schlecht, Inschriften II 43 Nr. 119a, VI 85. Dagegen der Text bei AEM H 76 p. 323 (ausgestrichen): Arnoldus de Matzenhausen, Marscalcus Superioris Bavariae. O(biit) A(nn)o 1309. 1. Febr(uarii).

Nachweise

  1. BSB Cgm 2290 XVIII fol. 43r; AEM H 482a p. 1097; BSB Cgm 1718 5 nach p. 564; HVO Ms. 318 fol. 46r; AEM H 477 p. 739; HVO Geissiana 454 p. 1 Nr. 5; Gumppenberg, Massenhausen 402; HVF U XI 11 p. 1 Nr. 4; Kdm Obb II 359; Schlecht, Inschriften II 41f. Nr. 119; Modlmayr, Massenhausen 8; Glaser, Grabsteinbuch 325 Nr. 60; Bornschlegel, Epigraphische Überlegungen 126.

Zitierhinweis:
DI 69, Stadt Freising, Nr. 29 (Ingo Seufert), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di069m012k0002902.