Inschriftenkatalog: Stadt Freising

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 69: Stadt Freising (2010)

Nr. 17(†) Dom Mariä Geburt und St. Korbinian 13. Jh./(1721)

Beschreibung

Figurale Deckplatte des Hochgrabes für Bischof Erchanbert. Ursprünglich in der Peterskapelle auf dem Domberg, im Zentrum des Kirchenraums auf einem vom Boden zwei Schuh erhöhten marmornen Unterbau1). Im Zusammenhang mit der am 26. Juni 1721 erfolgten Errichtung einer Petersbruderschaft2) Öffnung des Hochgrabes am 7. Juli 1721 und Registrierung der Gebeine, im Zuge dieser Maßnahme Erneuerung des Unterbaus aus Rotmarmor und Auswechslung der offenbar stark beschädigten Tumbadeckplatte durch eine originalgetreue Kopie, am 31. Oktober 1721 Wiederbestattung der Gebeine in der erneuerten Tumba in einem Zinnsarg3). Am 19. April 1803 – 15 Tage vor Abbruch der Kapelle – Öffnung der Tumba auf Veranlassung des kurfürstlichen Generalkommissärs Johann Adam Frhr. von Aretin und Entnahme der Reliquien durch Vikariatsdirektor Joseph von Heckenstaller4). Die Gebeine am Abend des folgenden Tages in der unteren Domsakristei deponiert5), der marmorne Unterbau der Tumba an Steinmetz Einsele verkauft, die Deckplatte im Ostflügel des Kreuzgangs an der Westwand angebracht6). Am 6. September 1828 die Gebeine im Rahmen eines Reliquienfestes in der Krypta des Domes bestattet, zugleich die Tumbadeckplatte in die Krypta an die Wand neben dem Lantpertusaltar versetzt7). Seit der durchgreifenden Renovierung der Krypta 1957 die Platte im nördlichen Seitenschiff des Domes an der Südwand der Gedächtniskapelle. Dunkelgrauer Sandstein. Umschrift, nach innen gerichtet. Im Mittelfeld Darstellung des Verstorbenen im bischöflichen Ornat, in der linken Hand der Bischofsstab, die Rechte segnend erhoben. Im unteren Drittel und in den Randbereichen starke Schäden durch Auswaschungen und mechanische Einwirkung.

Ergänzt nach der Nachzeichnung in AEM H 57.

Maße: H. 153 cm, B. 48,5 cm, Bu. 3,5 cm.

Schriftart(en): Gotische Majuskel.

DI 69, Nr. 17(†) – Dom Mariä Geburt und St. Korbinian – 13. Jh./(1721)

 © BAdW München, Inschriftenkommission [1/1]

  1. EST · ERKEN[BER/TVS · H]AC · PRESVL · IN EDE · [S]EP[VLTVS · ATQ(VE) · COOPERTVSa)] / · [SAX]O · DE · PAVPERE · SCVLPTOb) · S(VB)c) · TV(MV)LO · [R(EQVIESCIT) +]

Übersetzung:

Bischof Erchanbert ist in diesem Haus begraben und ruht – von einem schlicht behauenen Stein bedeckt – unter diesem Grabmal.

Versmaß: Hexameter mit leoninischem Reim. (EST bis SCVLPTO)

Kommentar

Der kunsthistorische Befund steht im Einklang mit den archivalischen Angaben, die eine grundlegende Neubearbeitung der Tumbadeckplatte annehmen lassen: So weist das stilistische Gepräge der figuralen Darstellung eindeutig in nachmittelalterliche Zeit. Ebenso ist die Ausführung einzelner Buchstabenformen im Detail unvereinbar mit Originalen des 13. Jahrhunderts, auch wenn 1721 versucht wurde, den Buchstabencharakter im Einzelnen weitgehend zu bewahren.

Vor seiner Bischofsweihe war Erchanbert vermutlich Lehrer an der Domschule und verfaßte eine Grammatik für den Gebrauch beim dortigen Unterricht8). Am 25. Januar 836 wird er erstmals als Bischof von Freising bezeichnet9). Angeblich war Erchanbert seit 840 auch Abt von Kempten, als gesichert gilt jedoch das Jahr 84410). Seine Freisinger Regierungszeit fiel in die letzte große Welle von Schenkungen des Adels an die Freisinger Kirche, auch wenn das Ausmaß der Schenkungen unter Bischof Hitto (811–835) nicht mehr ganz erreicht wurde. Unter Erchanbert wurde zusätzlich zum bestehenden Domkloster ein Kanonikerstift eingerichtet. Erfüllten Mönche und Kanoniker zunächst noch gemeinsam die Funktion des Domkapitels, wurden in den folgenden drei Jahrzehnten die Mönche von den Kanonikern vollständig abgelöst11).

Mit Erchanbert gelangte ein Neffe des Bischofs Hitto auf den Freisinger Bischofsstuhl, wodurch der starke Einfluß des Adels auf die Besetzung dieses Amtes offensichtlich wird12). Weiterer Beleg für das ausgeprägte Familienbewußtsein des Bischofs ist der Eintrag der „Freisinger Brüder“ im Reichenauer Verbrüderungsbuch, der nur wenige hochgestellte Namen seines Domstifts umfaßt, dagegen eine ganze Reihe von lebenden und toten Verwandten aufführt13).

Erchanbert starb am 1. August 85414) – nach früherer Auffassung am 11. Januar 85415) – und wurde in der Peterskapelle auf dem Domberg begraben. Seine Verehrung als Seliger mündete wohl ab dem späten Mittelalter – sicher belegt jedoch ab dem 17. Jahrhundert – in eine bescheidene Wallfahrtstätigkeit von lokaler Bedeutung. So berichtet Bischof Eckher: Auf diesen Grabstein werden die vermainte vnd sonsten mit allerley Kranckheiten beschaffte Künder gelegt welichen meistens auch in Ihren anligenheiten, durch die Verdienst des seligen Pischoffen geholffen würd, dergleichen guetthaten ereignen sich noch fortan vnd zwar in dem 1680isten Jahr16). Und 1721 heißt es: Es tragen gar viele leuth ihre Kinder herauf, und zeigt es sich gleich, dan es entweder zur besserung oder zum toth mit denen Kindern gehet17). Noch 1775 vermeldet Crammer, daß kranke Kinder auf dem Stein – im Volksmund „Peterstein“ genannt18) – abgelegt worden sind und anschließend Heilung erfuhren19). Die Auswaschungen in der unteren Hälfte der überkommenen Platte sind sichtbare Zeichen dieser Wallfahrtstätigkeit (Weihwasser, Pflanzenschmuck, mechanischer Abrieb etc.).

Bei der Erneuerung des Unterbaus 1721 ließ Bischof Eckher auf der Südseite des Hochgrabes folgende Inschrift anbringen: ERKENBERTUS . EP(ISCOP)US / FRISING(ENSIS) ECCL(ES)IAE VII BENEFICYS CLARUS, / A R(E)V(ERENDISSI)mo ET CEL(SISSI)mo EP(ISCOP)O FRISING(ENSI) / JOANNE FRANCISCO / S(ACRI) R(OMANI) IMP(ERII) PRINCIPE / INVENTUS A(NNO) MDCCXXI. VII. JULY. / SUB HUMILI, MARMOREO HOC RECONDITUS / QUIESCIT MONUMENTO. Auf der Nordseite: ERKENBERTUS / FRISINGENSIS . ECCL(ES)IAE EP(ISCOP)US VII. / ELECTUS. XXIX JAN(UARII) / A(NN)O CH(RIS)TI. DCCCXXXV. / ABBAS CAMPIDONENSIS . A(NN)O DCCCXL . O(BIIT) XI. JAN(UARII) A(NN)O DCCCLIV. / REXIT ANNIS XVIII. MENSIBUS XI. / DIEBUS XIII. / EX FAMILIA NOBILIUM. / DE MÖRINGEN. IN HOPFERBACH20). Bei ihrer Wiederbestattung 1721 wurde den Gebeinen eine Bleiplatte mit der Inschrift beigegeben: AN(N)O D(OMI)NI. M.D.C.C.XXI. 31. / OCT(OBRIS) REPOSITA SVNT OS=/=SA BEATI ERKENBERTI / EP(ISCOP)I. FRIS(INGENSIS) SEPTIMI SVB / TVMBA HAC MARMOREA21). Die Platte kam 1828 zusammen mit einer neuen Pyxis22), die die Gebeine enthielt, in das Reliquiengrab, wo beide 1957 anläßlich der Renovierung der Krypta wieder aufgefunden wurden. Bei der Versetzung der Deckplatte wurden die Reliquien in ihrem Grab in der Krypta belassen23).

Außerdem gab es in der Krypta eine quadratische Bodenplatte aus der Zeit von Bischof Eckher mit der Inschrift: + / ERKENBERTUS / EP(ISCO)PUS FRISINGENSIS / OBIIT / 11 Jan(uarii) 85424). Diese Platte ging 1957 im Zuge der Entfernung des barocken Pflasters zugrunde.

In einer gegen Ende des 16. Jahrhunderts entstandenen Abschrift von Freybergers Cronica (1520) findet sich links neben dem Abschnitt zu Bischof Erchanbert eine wohl zu Beginn des 17. Jahrhunderts angebrachte Anmerkung: In ipsius monumento post inscriptionem incisum est Taulerj nomen, quo sensu mihi incompertum est25). Weder ist eine Verbindung des Theologen und Mystikers Johannes Tauler (um 1300–1361) nach Freising belegt, noch gibt es weitere Anhaltspunkte zu Existenz und Inhalt dieser Inschrift26).

In der Kapelle war außerdem folgende, sicher neuzeitliche Inschrift angebracht: Beatus Erkenbertus VII Piis(sim)um Ep(iscop)us / sub exiguo hoc marmorea recon-/ditus Monumento / Magnus / Capellam hanc Deo ter opt(imo) Max(imo) in / honorem Divi / Petri Apostolorum Princ(i)pis / Erexit, Fundavit, et Cons(ecra)vit / DCCCL27).

Textkritischer Apparat

  1. AEM H 57: Wohl irrig COOPPERTV[S], mit fehlendem S und unzialem E ohne Mittelbalken.
  2. HABW Cod. Helmst. 205, AEM H 253 p. 93, Hundt/Gewold, Meichelbeck, BSB Clm 1287 Version I, AEM H 289 p. 362, AEM H 464, AEM H 8a: sculptus, nachfolgender Text fehlt. AEM H 5 setzt den Text fort: Obyt Anno d(omi)nj · xccco · lvto; AEM H 253 p. 25: Nachfolgender Text fehlt, durch (etc.) gekürzt.
  3. AEM H 57, BSB Clm 1287 Version II, BSB Cgm 1725: S(VB) fehlt.

Anmerkungen

  1. Freyberger, Cronica fol. iir; BSB Cgm 1725 p. 30; Pfister, St. Peter 143.
  2. Unter diesem Datum Ausfertigung der Bruderschaftssatzungen durch den fürstbischöflichen Notar Johann Bernhard Krebs, darin eingeschlossen ein bereits am 11. Juli 1720 von Papst Clemens XI. erwirktes Ablaßbreve, s. AEM DK 126.
  3. AEM H 57 p. 27; AEM FS 105 p. 314f.; AEM H 8a p. 313: Der Stein wurde angeblich wieder aufgesetzt, renovata per murarium. Der Begriff renovare wird in der Barockzeit zumeist synonym gebraucht für „von Grund auf erneuern“.
  4. AEM H 49 fol. 89v; Baumgärtner, Meichelbeck’s Geschichte 382.
  5. AEM H 49 fol. 89v; Baumgärtner, Meichelbeck’s Geschichte 389.
  6. HVO Ms. 318 fol. 12v; AEM H 64 p. 629.
  7. Baumgärtner, Meichelbeck’s Geschichte 388-391, 420-423; Sighart, Mittelalterliche Kunst 185; Schlecht, Inschriften II 61.
  8. Strzewitzek, Sippenbeziehungen 189; Maß, Bistum 83.
  9. Bitterauf, Traditionen I 522 Nr. 609; Strzewitzek, Sippenbeziehungen 189.
  10. Meichelbeck, Historia Frisingensis I,1 119; Meichelbeck, Chronica 64; Haggenmüller, Kempten I 29; Deutinger, Kataloge 62; Hundt, Urkunden Freising I 31; Bischofs-Chronik II 20 Anm. 4; Strzewitzek, Sippenbeziehungen 189.
  11. Maß, Bistum 84f.
  12. Bischofs-Chronik I 20 Anm. 3.
  13. Maß, Bistum 83.
  14. BSB Clm 6421 fol. 10v; BSB Clm 21556 fol. 53v; BSB Clm 1026 fol. 70r; Hundt, Urkunden Freising I 36; MGH Necrologia III Notae Necrologicae 81, 85; vgl. MGH Necrologia III Scheftlariense 126, Weihenstephanense 213; Bischofs-Chronik I 21; zum Begräbnis außerdem Schlecht, Inschriften II 62; Bischofs-Chronik I 21; Strzewitzek, Sippenbeziehungen 189; Maß, Bistum 87.
  15. Meichelbeck, Historia Frisingensis I,1 127; Meichelbeck, Chronica 64; Heckenstaller, Dissertatio 27.
  16. BSB Cgm 1725 p. 30.
  17. AEM FS 105 p. 322.
  18. AEM FS 105 p. 322.
  19. Crammer, Magnifica Sanctitatis 139.
  20. AEM H 57 p. 27; vgl. AEM FS 105 p. 316f.; AEM H 8a p. 312.
  21. Transkription nach einem Foto in der Fotosammlung des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege; vgl. AEM FS 105 p. 314; AEM H 8a p. 307, 310, 312; Schlecht, Inschriften II 62 Nr. 141.
  22. Auf dem Deckel der Pyxis, die die Gebeine bei deren Wiederbestattung 1828 enthielt, befindet sich die Inschrift: Ossa / venerabilis ERKENBERTI / Ep(isco)pi Frisingensis, / quae ab Anno 854 usque ad Annum 1803 / in Eccl(es)ia S: Petri in monte Frisingensi / requieverunt ,/ ob Demolitionem autem huius Eccl(es)iae / inde levata, et in Sacristia / interiori Eccl(es)iae Cathedralis / asservata, Anno 1828 demum / in Crypta Eccl(es)iae cathedr(alis) / Sepulta fuerunt; Transkription nach einem Foto in der Fotosammlung des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege, vgl. AEM H 8a p. 308; Schlecht, Inschriften II 62 Nr. 140.
  23. Benker, Bischofsgräber 931f.
  24. AEM H 8a p. 311; Schlecht, Inschriften II 62 Nr. 142.
  25. AEM H 252 p. 3; vgl. Deutinger, Kataloge 40 Anm. *.
  26. Die Namensinschrift Tauler wird außerdem in AEM H 253 p. 93 – jedoch nicht in der Vorlage ebd. auf p. 25 – sowie in BSB Clm 1287 p. 410 Version I und AEM H 289 p. 362 nach der Grabinschrift ohne weiteren Kommentar erwähnt.
  27. DBMF Hs. 112.

Nachweise

  1. AEM H 5 p. 95; HABW Cod. Helmst. 205 fol. 232v; Hundt/Gewold, Metropolis Salisburgensis I2 126, I3 86; AEM Cgm 1725 p. 30; AEM H 57 p. 28; Meichelbeck, Historia Frisingensis I,1 128; BSB Clm 1287 p. 410 Version II; Crammer, Magnifica Sanctitatis 139; AEM H 289 p. 362, Anm. a); AEM H 8a p. 33, 307, 311; AEM H 464 fol. 9v; AEM FS 105 p. 314; HVO Ms. 318 fol. 13r; AEM H 467; AEM B 8 I p. 348; Deutinger, Viti Arnpeckhii 486; Schlecht, Inschriften II 61 Nr. 139; Leidinger, Veit Arnpeck 860; Glaser, Grabsteinbuch 303 Nr. 15.

Zitierhinweis:
DI 69, Stadt Freising, Nr. 17(†) (Ingo Seufert), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di069m012k0001707.