Inschriftenkatalog: Stadt Freising

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 69: Stadt Freising (2010)

Nr. 14 Diözesanmuseum Anf. 13. Jh.

Beschreibung

Fragmente einer Stola von Bischof Konrad III. mit Bildüberschriften. 1322 dem Grab des Bischofs im Chor der ehem. Kollegiatstiftskirche St. Johannes Baptist zusammen mit dem gesamten Ornat beigegeben. Dort 1714 entdeckt und anschließend wiederbestattet, 1972 bei Grabungen geborgen, restauriert und seitdem im Diözesanmuseum verwahrt (Inv.-Nr. F 37). Seidengewebe mit musterbildendem goldenen Lanzierschuß. Brettchenarbeit1) in Gold (Metallahn aus Häutchengold2) um Seidenseele) und Seide.

Die aufgrund der technischen Voraussetzungen stark linear und in Frontalansicht ausgeführten Darstellungen zeigen Szenen aus dem Leben Jesu, über jeder Szene eine zugehörige Beischrift. Die vier erhaltenen Teile unterschiedlicher Länge mit folgenden Szenen von oben nach unten:

Fragment A

Szene 1: Unbekannte Darstellung, obere Hälfte mit Inschrift fehlend.
Szene 2: Kreuzigungsgruppe. (I)
Szene 3: Auferstehung. (II)

Fragment B

Szene 1: Unbekannte Darstellung, Kopfleiste mit Inschrift fehlend.
Szene 2: Unbekannte Darstellung. (III)
Szene 3: Anbetung der Könige. (IV)
Szene 4: Unbekannte Darstellung. (V)
Szene 5: Taufe Christi. (VI)
Szene 6: Kreuzigungsgruppe. (VII)

Fragment C

Szene 1: Unbekannte Darstellung. (VIII)
Szene 2: Verkündigung an Maria. (IX)
Szene 3: Geburt Christi. (X)
Szene 4: Anbetung der Könige. (XI)
Szene 5: Unbekannte Darstellung. (XII)
Szene 6: Taufe Christi. (XIII)
Szene 7: Kreuzigungsgruppe. (XIV)
Szene 8: Auferstehung, die Darstellung verloren. (XV)

Fragment D

Szene 1: Auferstehung, die Darstellung größtenteils verloren. (XVI)
Szene 2: Verkündigung. (XVII)

Zustand nurmehr fragmentarisch, keine Anfänge oder Enden erhalten, an den Längsseiten Webkanten (nicht verstärkt) sowie beidseitig Spuren eines ehemals angenähten Gewebes (z. B. Reste begrenzender Flechtbänder), Seide stark verblaßt (ursprünglich vermutlich ein Rot- oder Purpurton), Metallahn teilweise abgerieben, stark angelaufen, zahlreiche Löcher und Einrisse.

DI 69, Nr. 14 – Diözesanmuseum – Anf. 13. Jh.

 © Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege [1/1]

Maße:
A: L. 20,5 cm, B. 4,5 cm, Bu. 0,8 cm.
B: L. 44,5 cm, B. 5 cm, Bu. 0,8 cm.
C: L. 51,5 cm, B. 5,3 cm, Bu. 0,8 cm.
D: L. 12,5 cm, B. 5,5 cm, Bu. 0,8 cm.

Schriftart(en):
Kapitalis.
Kapitalis.
Kapitalis.
Kapitalis.

  1. I.

    PASSI[O D(OMI)NI]

  2. II.

    RESVRRECTIO D(OMI)NI

  3. III.

    PAPANTI D(OMI)NI

  4. IV.

    EPIPHANIA D(OMI)N[I]

  5. V.

    PAPA[…] D(OMI)NI

  6. VI.

    [PAPT]ISMA D(OMI)NI

  7. VII.

    PASSIO D(OMI)NI

  8. VIII.

    – – –] D(OMI)NI

  9. IX.

    AVE MARIA

  10. X.

    PRESEPE D(OMI)NI

  11. XI.

    EPIPHANIA D(OMI)NI

  12. XII.

    PAP[– – – D(OMI)]NI

  13. XIII.

    PAPTISM[A D(OMI)]NI

  14. XIV.

    PASSIO D(OMI)NI

  15. XV.

    [RESVRRE]CTIO [D(OMI)NI]

  16. XVI.

    RESVRR[ECTIO D(OMI)NI]

  17. XVII.

    AVE [MARIA]

Übersetzung:

Die Passion des Herrn. (I, VII, XIV) Die Auferstehung des Herrn. (II, XV, XVI) Die Epiphanie des Herrn. (IV, XI) Die Taufe des Herrn. (VI, XIII) Gegrüßet seist du, Maria. (IX, XVII) Die Krippe des Herrn. (X)

Bibel- und Schriftstellerzitat(e):

Ava Maria. (IX, XVII)

Kommentar

Zu den Schriftformen s. Einleitung XCI.

Das Freisinger Stück gehört zu einer Gruppe rotgrundiger Goldborten mit szenischen Darstellungen, die in Utrecht (zwei Stücke)3), Trier4), Bremen5), London6) und Speyer (zwei Stücke)7) verwahrt werden. Davon erweist sich als dem Freisinger Stück besonders nahestehend eine der beiden in Utrecht verwahrten Stolen, gefertigt durch Brettchenarbeit in Gold (Metallahn um Seidenseele) und purpurroter Seide, in den seitlichen Musterstreifen mit dunkelblauer Seide, sowie ein zugehöriger Manipel, jeweils mit neutestamentlichen Szenen8). Beide Objekte zeigen dieselbe Szenenfolge, ebenso beziehen sich die Inschriften auf die jeweils darunterliegenden Szenen. Zwischen seitlichen Rautenbändern lautet die Szenenfolge der Utrechter Stola:

Verkündigung, mit Inschrift AVE MARIA, unter der Szene steht ANNUNCIACIO D(OMI)NI.
Geburt Christi, mit Inschrift PRESEP(IO) D(OMI)NI.
Anbetung der Könige, mit Inschrift EPIPHANIA D(OMI)NI.
Kreuzigung, mit Inschrift X PASSIO DOMINI.
Die Frauen am Grab, mit Inschrift SEPVLCRV(M) D(OMI)NI.
Christus und Maria Magdalena, mit Inschrift PAX TECVM.
Auferstehung, mit Inschrift RESVRRECTIO DOM(INI).
Himmelfahrt, mit Inschrift ASCENSIO DOMINI.
Majestas Domini mit zwei Engeln und den Symbolen von Markus und Lukas, ohne Inschrift.

Die Inschriften besitzen zweifelsfrei denselben Schrifttypus wie das Freisinger Stück, so daß ein Werkstattzusammenhang naheliegt. Zunächst war die Utrechter Stola als dem hl. Bernulphus († 1054) zugehörig bezeichnet worden, doch bestehen berechtigte Zweifel an einem Zusammenhang mit der anscheinend authentischen Bernulphus-Albe. Anhand der Objektgruppe erscheint dagegen eine Entstehung zu Beginn des 13. Jahrhunderts (terminus ante quem: 1242) in Deutschland plausibel9). Als Entstehungsorte kämen das Textilzentrum Regensburg oder Köln als Fabrikationsort der sog. Kölner Borten in Frage, wobei eine sichere Zuweisung nur durch aufwendige Materialanalysen und Vergleiche zu erreichen wäre10). Vorlagen sind in der ottonischen und der salischen Buchmalerei sowie der Elfenbeinkunst des europäischen Westens zu finden.

Die Utrechter Stücke sowie die Stolen aus Trier und Bremen schließen sich mit dem Freisinger Stück zu einer sehr eng verwandten Gruppe zusammen. Unterschiedliche Bildabfolgen widersprechen der Herstellung in der gleichen Werkstatt keinesfalls, da die Musterrapporte problemlos austauschbar waren. Ob die Objekte allerdings nach derselben Schablone gearbeitet worden sind, ist ohne eingehende Textilanalyse nicht zu beantworten.

Der genaue Beweggrund für die Öffnung des Grabes von Bischof Konrad III. im Jahre 1714 bleibt unklar. Möglicherweise wurde in diesem Jahr eine Neupflasterung des Kirchenschiffs vorgenommen, der – wie schon 13 Jahre zuvor im Dom – eine Abgrabung des Laufniveaus vorausging. Ein erster Termin für die Öffnung des Grabes war kurzfristig abgesagt worden, da der Leibarzt des Bischofs Bedenken äußerte, daß die Gifte, an denen Bischof Konrad III. gestorben sein soll, ihre gefährliche Wirkung über die Jahrhunderte möglicherweise nicht verloren hätten. Schließlich erfolgte am 13. März 1714 im Beisein von Bischof Eckher die Graböffnung durch den Freisinger Hofbildhauer Franz Anton Mallet. Zum Vorschein kamen außer den Gebeinen ein Kelch samt Patene, beide aus Silber, sowie ein Teil der mit goldenen Spitzen besetzten Stola, nicht jedoch der Ring des Bischofs11).

Bei der Wiederbestattung der Gebeine wurde dem Fundmaterial eine Bleitafel mit folgender Inschrift beigegeben: A(NNO) . M . D . CC . XIV . DIE . XIII . MART / REGNANTE EP(ISCOPI) IOANNE FRANC(ISCI) / HOC CORPVS CONRADI III. / HVIVS ECCLESIAE FVNDATOR / EXHVMATVM . ET HIC DENVO / RECONDITVM FVIT12). Die Platte befindet sich heute zusammen mit den Textilresten verwahrt im Diözesanmuseum.

Anmerkungen

  1. Bei der Brettchenweberei bedient man sich einer Anzahl von Brettchen mit zwei oder vier (oder mehr) Löchern, durch die die Fäden gezogen werden. Bei viertel, halber oder ganzer Drehung der Brettchen verflechten sich die Fäden entsprechend miteinander. Durch komplizierten Wechsel bei der Drehung können schließlich sowohl Leinen-, Köper- als auch Atlasbindung erzeugt werden.
  2. Häutchengold sind schmale Streifen von auf der Oberseite vergoldeten Darmhäutchen, die um eine Seele gesponnen werden.
  3. Zum einen Stück s. weiter unten im Kommentarteil, beim anderen Stück handelt es sich um eine Stola, gefertigt durch Brettchenarbeit in Gold (Metallahn um Seidenseele) und roter Seide mit stetiger Wiederholung des Agnus Dei in einem ovalen Rahmen (Utrecht, Rijksmuseum Het Catharijneconvent, Inv. Nr. OKM t. 92). Der Hintergrund außerhalb der Ovale ist hier mit floralem Ornament gefüllt; vgl. Wilckens, Textile Künste 100f.; AK Ornamenta Ecclesiae II 441.
  4. Stola des Trierer Bischofs Arnold II. von Isenburg (1242–1259), gefertigt durch Brettchenarbeit in Gold (Metallahn um Seidenseele) und roter Seide (Trier, Bischöfliches Dom- und Dioezesanmuseum, Inv. Nr. T 172). Die Szenenfolge lautet: Kreuzigung, Vorhölle, Frauen am Grab, Himmelfahrt; vgl. zuletzt DI 70 (Trier I) Nr. 184.
  5. Stola eines Bremer Erzbischofs (mehrere Fragmente mit jeweils L. 40-50 cm, B. 5 cm, insgesamt etwa 250 cm erhalten), gefertigt durch Brettchenarbeit in Gold (Metallahn um Seidenseele) und ursprünglich purpurfarbener oder roter Seide, mit Seidentaft gefüttert (Bremen, Domschatz, Inv. Nr. 5/500) mit derselben Szenenfolge wie die Trierer Stola, allerdings um die Darstellung des Agnus Dei von der zweiten Utrechter Stola ergänzt. Bildfelder jeweils etwa 5 x 3,5 cm. Bildfolge: Agnus Dei, Verkündigung (APPARITIO, Engel und Maria frontal stehend, dazwischen ein lilienartiger, stilisierter Baum), Auferstehung (RESVRECTIO, zwei Frauen links und ein sitzender Engel rechts), Kreuzigung (PASSIO D(OMI)NI, mit Maria und Johannes). Diese vier Bildfelder wiederholen sich fortlaufend. Auf dem Randstreifen sind beiderseits sich entsprechend in etwa halber Bildlängendistanz einzelne Buchstaben parallel zum Schußsystem (also um 90° zum Bildfeld gedreht) eingewebt. Zu erkennen ist einmal die Buchstabenfolge I A M I E N …D E, auf einem anderen Fragment N I M A M V N O. Auf dem Ovalrahmen der Agnus Dei-Darstellung steht AG[NVS DEI]; vgl. Grohne, Seidengewebe 112-121, Taf. nach 160.
  6. Borte mit alttestamentarischen Szenen und der Verkündigung, Kreuzigung, den Frauen am Grab, dem in der Mandorla stehenden Christus (London, Victoria and Albert Museum, Inv. Nr. 1250.1864). Auf diesem Textil hat die Verfertigerin – wohl eine Klosterfrau – unten rechts am Rand eine Signatur eingearbeitet: ODILIA ME FECIT. Das Stück gelangte zusammen mit einem Manipel (London, Victoria and Albert Museum, Inv. Nr. 8588.1863) durch den Domkanoniker Franz Bock nach London. Dieser Manipel mit Vierfüßlern, Vögeln und Pflanzen in der mittleren Bahn stammt zweifelsfrei wegen der Perlstickerei um eine kleine Pergamentminiatur an seinen Enden aus Niedersachsen – vielleicht aus Kloster St. Marienberg in Helmstedt – und nennt neben einem auf den Randstreifen eingetragenen Mariengebet in lateinischen Hexametern einen Priester Albert. Bei dem zuletzt genannten Manipel ist der Goldfaden zweifädig verwendet worden, was im Abendland sowohl bei Geweben als auch in der Stickerei seit dem späten 12. Jh. als Arbeitserleichterung üblich geworden ist. Leonie von Wilckens geht davon aus, daß der Name Odilia „nach der, vom Elsaß aus, in Süd- und Westdeutschland verehrten Heiligen – die deutsche Herkunft, nicht nur für dieses Stück“ bestätigt, s. AK Ornamenta Ecclesiae II 441, Stola F 77.
  7. Stola, gefertigt durch Brettchenweberei mit Seide in zwei Farben, mit Darstellung der Kreuzigung, aus dem Speyerer Bischofsgrab I (Domschatz im Historischen Museum der Pfalz Speyer, Inv. Nr. D 533); Stola und Manipel, gefertigt durch Brettchenweberei mit Seide in zwei Farben, mit der sich stetig wiederholenden Darstellung eines thronenden Christus in der Mandorla, aus dem Speyerer Bischofsgrab III (Domschatz im Historischen Museum der Pfalz Speyer, Inv. Nr. D 342); vgl. Müller-Christensen, Gräber 978f. Nr. 1529, 1530, 996f. Nr. 1569, 1570.
  8. Utrecht, Rijksmuseum Het Catharijneconvent, Inv. Nr. OKM t. 92. Die Maße betragen L. 274 cm, B. 8 cm; vgl. Falke, Seidenweberei 122 Abb. 195.
  9. Datierungen von Textilien sind schwierig, da bestimmte Muster über einen längeren Zeitraum beibehalten und häufig von bereits ikonographisch etablierten Vorlagen übernommen wurden. Meist werden Textilien erst in Zweit- oder Drittverwendung als Grabbeigaben genutzt und/oder gemäß der Mode (auch im liturgischen Bereich) umgearbeitet. Wilckens, Textile Künste 100, datiert um 1200.
  10. Die von Grohne präferierte Vermutung eines oberitalienischen Entstehungsortes beruht auf der fälschlichen Annahme, daß das Utrechter Ensemble vergleichbar den beiden Stolen aus Speyer nur aus Seide bestehe, während es sich tatsächlich ebenfalls um eine Brettchenarbeit in Gold und Seide handelt, s. Grohne, Seidengewebe 112-121.
  11. AEM H 490 p. 239.
  12. Die Maße der Platte betragen B. 12,7 cm, H. 10,3 cm.

Nachweise

  1. Die Angaben zu Material, stilistischer Einordnung und Vergleichsbeispielen von Frau Dr. Tanja Kohwagner-Nicolai.

Zitierhinweis:
DI 69, Stadt Freising, Nr. 14 (Ingo Seufert), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di069m012k0001403.