Inschriftenkatalog: Stadt Freising

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 69: Stadt Freising (2010)

Nr. 3† Benediktusk. E. 11. Jh./Anf. 12. Jh.

Beschreibung

Beischriften zu einem Bildwerk. Genauer Standort unbekannt. Darstellungen aus dem Leben Jesu: Mariä Heimsuchung (V), Verkündigung und Geburt (VI), Anbetung der Könige und Darbringung im Tempel (III), Fußwaschung der Jünger durch Jesus (II), Einzug Jesu in Jerusalem (IV), Thomaszweifel (I). Zu unbekanntem Zeitpunkt – vermutlich beim Umbau 1347 – abgegangen.

Text nach ÖNB Hs. 806.

  1. I.

    Sic se p(ost) morte(m) monstrauit uiuere thome.

  2. II.

    Hos chr(istu)sa) pauit surgensq(ue) pedes sibi lauit.

  3. III.

    Munera dant(ur)b) s(ed) (et) offertur symeoni.

  4. IV.

    Obuia cu(m) palmis p(ro)cessit turba fidel(is).

  5. V.

    V(er)bu(m) q(u)a(m) p(re)gnat cognata(m) leta salutat.

  6. VI.

    In cunis iacet hic q(u)a(m)c) nunciat ang(e)l(u)s istic.

Übersetzung:

So zeigte er Thomas nach seinem Tod, daß er lebt. (I)

Christus nährte sie, erhob sich und wusch ihnen die Füße. (II)

Es werden Geschenke dargebracht, aber er wird Simeon übergeben. (III)

Die gläubige Schar kam ihm mit Palmen entgegen. (IV)

Sie, die mit dem Wort schwanger geht, begrüßt froh ihre Verwandte. (V)

In der Wiege liegt dieser, wie der Engel es hier verkündet. (VI)

Versmaß: Hexameter mit leoninischem Reim.

Kommentar

Die Inschriften sind in einer Sammlung lateinischer Gedichte aus der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts überliefert, in der auch Nr. 2† und 6† enthalten sind1).

Dagegen beruht ihre geographische und zeitliche Einordnung auf einer weiteren Kopiale, in der die Bildbeischrift zur Geburt Christi (VI) nachgewiesen ist: Dabei handelt es sich um ein in Freising entstandenes Sakramentar, das wohl der Benediktuskirche zugehörte und das aufgrund der namentlichen Eintragung des Domherrn Engelschac in die Zeit um 1100 datiert werden kann. Weitere darin überlieferte Inschriften sind Nr. 4†, 5†, 7†.

Dessen Schreiber vermerkt zur genannten Bildszene: v(bi) pict(ur)a fuit nat(ivitatis) Ch(risti)2).

Rudolf Pörtner verwies auf den Titulus-Charakter der Inschriften, der besonders in Demonstrativpronomina wie sic (I), hos (II) und hic (VI) deutlich wird. Aus der Abfolge der Verse in der Kopiale kann jedoch nicht auf die ursprüngliche Anordnung der Bildszenen geschlossen werden. Dagegen wird durch die nachträglichen Vermerke b (I) und a (II) am linken Rand deutlich, daß vermutlich Beischrift II vor oder über Beischrift I angeordnet war. Pörtner vermutet gerade aufgrund der Unordnung der Verse, daß es sich um Beischriften zu einem Bildwerk mit Haupt- und Nebenszenen – vermutlich zu einem gemalten Bilderzyklus – handelte, nicht um eine literarische Fiktion3).

Textkritischer Apparat

  1. Gekürzt: xps.
  2. Danach wäre sinngemäß zu ergänzen: ei.
  3. BSB Clm 6427: qu(em).

Anmerkungen

  1. Vgl. Nr. 2†; Schlecht, Inschriften IV 88f. Nr. 1; Pörtner, Gedichte 239-242.
  2. BSB Clm 6427 fol. 66v; Schlecht, Inschriften IV 88 Nr. 1; Pörtner, Gedichte 240.
  3. Pörtner, Gedichte 240.

Nachweise

  1. ÖNB Hs. 806 fol. 57v; BSB Clm 6427 fol. 66v; Schlosser, Schriftquellen 320 Nr. 920 (VI); Schlecht, Inschriften IV 89 Nr. 4; Pörtner, Gedichte 239-242 Nr. 17, 452f.

Zitierhinweis:
DI 69, Stadt Freising, Nr. 3† (Ingo Seufert), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di069m012k0000308.