Die Inschriften der Stadt Freising

5. Die Inschriftenträger bzw. Inschriftenarten

von Ingo Seufert

Die Inschriftensituation im heutigen Stadtgebiet von Freising erweist sich als höchst heterogen: Während der Bestand in Dom, Domkreuzgang und Benediktuskirche die Säkularisation einigermaßen unbeschadet überstanden hat und ihm erst im 19. Jahrhundert eher geringe Verluste zugefügt wurden, sind die Originalobjekte der Stifte St. Andreas und St. Veit zu mehr als 90% verloren, der Grabdenkmälerbestand des Klosters Weihenstephan und des Franziskanerklosters sogar zu 100%. Auch die Inschriftendenkmäler der Stadtpfarrkirche St. Georg und der Gottesackerkirche Mariä Himmelfahrt erfuhren vor allem gegen Ende des 19. Jahrhunderts und im 20. Jahrhundert erhebliche Einbußen, in Neustift gab es dagegen von jeher nur eine sehr geringe Zahl an Inschriften. Zu den kaum erklärbaren Freisinger Besonderheiten gehört die Tatsache, daß die städtischen Profangebäude innerhalb des zeitlichen Erfassungsrahmens nur über eine sehr geringe Inschriftendichte verfügen. Die meisten der angesprochenen Verluste werden durch eine kaum übersehbare Flut der kopialen Überlieferung ausgeglichen.

Die Grabdenkmäler – sei es als Tumba, Hochgrab, Wappenplatte, figurale Grabplatte, Epitaph oder Gemälde-Epitaph – sind die nach Überlieferung und erhaltenem Bestand am stärksten vertretene Gattung. Allein der Domkreuzgang besitzt über hundert Platten von Domherren, Adeligen und hochrangigen Beamten von 1357 bis 1628; im Dom gibt es Bischofsgrabmäler aus allen Epochen, vom Sarkophag des hl. Korbinian bis hin zu Prunkgrabmälern aus dem späten 18. Jahrhundert, außerdem den sog. Semoser-Stein von ca. 1160/70 – eine der frühesten figuralen Grabplatten Deutschlands (Nr. 11). Unter den Glocken im Stadtgebiet ragt eindeutig das heute noch komplett vorhandene, achtstimmige Geläut des Doms von 1563/64 hervor (Nr. 259, 260, 261, 262, 263, 264, 265, 267). Die Zahl der früheren und späteren Glocken ist gering. Größte Gruppe innerhalb der kirchlichen Ausstattung sind die mit Stifterinschriften versehenen Altäre des Doms, die in ihrem Originalzustand sämtlich verloren sind, sowie die zugehörigen Altarblätter. Vom großen spätgotischen Flügelaltar des Jan Polack aus Weihenstephan sind noch mehrere Tafeln in Freising und München erhalten (Nr. 135). Von erheblicher Bedeutung ist auch das zeitgleiche Chorgestühl des Doms mit seiner durch Beischriften erläuterten Bischofsreihe (Nr. 134). Vier Kopfreliquiare des 14. und 15. Jahrhunderts gingen in der Säkularisation unter (Nr. 30†, 32†, 33†, 97†).

Mit Ausnahme einer Bauinschrift von 1434 (Nr. 76) spielen die Inschriften an Gebäuden, wie schon erwähnt, kaum eine Rolle, wenngleich die kopiale Überlieferung bereits Inschriften für Dom und Benediktuskirche aus dem hohen Mittelalter kennt. Wichtigstes Objekt unter den wenigen Wandmalereien ist eine freskierte Ahnenprobe von Bischof Philipp in der fürstbischöflichen Residenz. Dagegen verfügt die Stadtpfarrkirche St. Georg über einen heute noch beachtlichen Bestand an Bildfenstern, der einst noch viel umfangreicher gewesen sein muß. Zum ebenfalls dezimierten Bestand an Flurdenkmälern gehören heute nur noch einige Grenz- und Geleitmarksteine des 17. Jahrhunderts.

Rotmarmor bzw. der rotgefärbte Adneter Kalkstein ist das vorrangige Material für Freisinger Grabplatten bis weit ins 17. Jahrhundert. Seit dem frühen 16. Jahrhundert wird aber für Wanddenkmäler verstärkt der gelblich gefärbte Solnhofer Kalkstein herangezogen. Da Freising offenbar niemals über eigene Bildhauerwerkstätten verfügte, sind sämtliche aus Stein hergestellte Inschriftendenkmäler als Importe aus den Kunstzentren München, Landshut, Augsburg, Regensburg oder Straubing anzusehen; unter den namentlich bekannten Meistern ragt hier der Landshuter Renaissance-Bildhauer Stephan Rottaler hervor.

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Totengedächtnismale

Zu den ältesten erhaltenen Grabdenkmälern in Freising zählt der Sarkophag des hl. Korbinian (670/80–724/30) in der Domkrypta. Der völlig schmucklose Steinsarg von ca. 768 befand sich bis zum Dombrand 1159 hinter dem Hochaltar, seitdem hat er seinen Standort in der Krypta. Ab 1709 wurde er mit der Öffnung nach vorne aufgestellt, wobei man die nach oben gekippte Längsseite als Mensa des um ihn herum gebauten Korbiniansaltares benutzte, seit 1956 steht er wieder aufrecht und ist mit einem neuen Deckel versehen248). Die an ihm angebrachte Inschrift gehört dem 18. Jahrhundert an249).

Tumben und Hochgräber waren in Freising den Bischöfen vorbehalten. Das früheste Hochgrab befand sich bis 1803 inmitten der Peterskapelle und war eine retrospektive Anfertigung des 13. Jahrhunderts für Bischof Erchanbert (836–854, Nr. 17(†), Abb. 24). Die heute im Dom befindliche figurale Deckplatte geht auf eine Erneuerung von 1721 zurück. Auffallend sind ihre deutlich unterlebensgroßen Abmessungen und die formale Gestaltung, die sich mit ihrem geraden Randstreifen und der nach innen gekehrten Gotischen Majuskel nicht von anderen figuralen Grabplatten unterscheidet.

Das nächste, im Original erhaltene Objekt dieser Gruppe ist die Platte für Bischof Gottfried (1311–1314, Nr. 20, Abb. 25). Sie befindet sich in der Katharinenkapelle des Doms, wo sie wohl bis zur Asamschen Domrestaurierung 1723/24 eine dort aufgestellte Tumba bedeckte. Die Randleiste ist abgeschrägt und mit einer nach außen gerichteten, erhabenen Gotischen Majuskel beschriftet. Die in stark plastischem Relief wiedergegebene Figur des Bischofs wurde unter Bischof Eckher teilweise überarbeitet und ergänzt.

Die ehemals im Chor der Stiftskirche St. Johannes Baptist errichtete Tumba für den Kirchenstifter Bischof Konrad III. (1314–1322) wurde 1714 abgebrochen und ihre Deckplatte, die man bei dieser Gelegenheit renovierte und mit einer Farbfassung versah, an die Westwand gestellt (Nr. 22, Abb. 2, 3). Auch hier ist die – nurmehr fragmentarisch erhaltene – Randleiste, die eine vertiefte Gotische Majuskel besitzt, nach außen abgeschrägt.

Nur kurze Zeit danach, zwischen 1324 und 1329, ließ auch das Stift St. Andreas eine Tumba für seinen Stifter, den sel. Bischof Ellenhard (1052–1078), anfertigen und im Westteil der Kirche aufstellen. Der mit gotischen Architekturformen verzierte Unterbau wies an einer Schmalseite Darstellungen der beiden Auftraggeber auf (Nr. 24†, Abb. 148, 149). Wie Nachzeichnungen der 1803 abgebrochenen Tumba belegen, war an der abgeschrägten Randleiste eine Gotische Majuskel nach außen gerichtet, auch das figurale Relief der vorderen Schmalseite war mit Beischriften versehen.

Eine letzte Tumba ließ Bischof Johannes Grünwalder (1444–1452) vor dem Kreuzaltar – d. h. mittig vor dem Lettner – um 1450 für sein eigenes Totengedächtnis aufstellen, doch erwirkte das Domkapitel beim Salzburger Erzbischof umgehend einen Abbruch derselben. Nach ihrer vorübergehenden Anbringung in der Thomaskapelle kam die Deckplatte wohl 1723/24 in die Vorhalle (Nr. 95, Abb. 63). Wiederum ist die mit einer nach außen gerichteten, erhabenen Gotischen Minuskel besetzte Randleiste abgeschrägt.

Außerdem gab es eine 1473 angefertigte Tumba in der Isener Stiftskirche für Bischof Joseph (748–768)250) und eine in der Kollegiatstiftskirche U. L. Frau in München für Bischof Johannes IV. Tulbeck (1453–1476)251). Beide Deckplatten sind erhalten.

Der im hohen Mittelalter geläufige Typus des Kreuzsteins ist in Freising mit mehreren Beispielen vertreten. Das frühere der beiden Stücke ist als sog. Hitto-Stein bekannt und gehört wohl dem 12. Jahrhundert an. Ein dünner, rechteckiger Rahmen faßt ein rundbogiges Band ein, das im Feld ein Stabkreuz mit dreieckiger Basis umschließt. Die Platte, die wohl für einen bald nach Errichtung der Krypta dort bestatteten Bischof bestimmt war, wurde später irrigerweise für den hl. Korbinian, aber auch für Bischof Hitto beansprucht und von Bischof Eckher mittels einer weit gesetzten Kapitalis bewußt historisierend beschriftet252). Eine zweite, nur als Fragment erhaltene Platte aus dem 13. Jahrhundert wurde um 1347 zu Treppenstufen verarbeitet (Nr. 18, Abb. 26–28). Vermutlich war ein Scheibenkreuz auf einem Bogensockel dargestellt, als Umschrift diente eine spätromanische Majuskel. Frey überliefert (nach Eckher) außerdem eine ehemals im Dom vorhandene inschriftlose Platte [Druckseite CXXI] mit Lilienkreuz über einem geschweiften Bogensockel, die nach Ausweis des Wappens für Ritter Berchtold von Gebensbach († 1246 oder 1249) geschaffen wurde253). Auch die Platte für Stiftspropst Friedrich von Stauffenburg († 1319) war mit einem Kleeblattkreuz auf einem geschweiften Bogensockel versehen, doch besaß sie eine Umschrift (Nr. 21†). Eine Verbindung von Wappengrabplatte und Kreuzstein lag bei dem in Nachzeichnung überlieferten Stück für Seifried von Fraunberg († 1267) vor (Nr. 15, Abb. 144).

Wappengrabplatten treten in Freising erstmals im 14. Jahrhundert auf. Die frühesten erhaltenen und zugleich monumentalsten Stücke sind die im Dom befindlichen Platten für Hiltprand von Massenhausen († 1347, Nr. 27, Abb. 31) und Arnold IV. von Massenhausen († 1359, Nr. 29, Abb. 32), beide aus Rotmarmor. Als Besonderheit sind hier die Wappen mit andersfarbigen Materialien eingelegt, als Schrift dienten in der Platte für Arnold IV. von Massenhausen sogar eingelegte Metallettern. Eine in Nachzeichnung überlieferte Wappengrabplatte für Stephan und Adelhaid von Gumppenberg († 1347) zeigte zwei vertikal angeordnete Wappenschilde (Nr. 28†). Dieser Typus bricht mit den Platten für Jakob von Nannhofen († 1364, Nr. 34, Abb. 34) und Heinrich Mezzinger († 1386, Nr. 46) zunächst ab. Erst nach einer Unterbrechung von 66 Jahren kommt es mit der Wappengrabplatte des Ritters Otto von Staudach († 1452, Nr. 98, Abb. 64) zu einer Wiederaufnahme. Das Wappen steht nun nicht mehr isoliert im Feld, sondern wird von rahmendem Maßwerk überfangen, als Schrift dient jetzt die Gotische Minuskel. Zunächst weiterhin nur als Umschrift konzipiert (Nr. 98, 104†, 140†), setzt sich parallel dazu auch eine Beschriftung in zeilenweiser Anordnung im oberen Plattenbereich durch (Nr. 105, 109, 112†, 152†, 163†). Ein Sonderfall ist die Platte für Matthäus von Weichs und seine Frau Erntraud († 1470, Nr. 114, Abb. 68) in St. Georg, da sie die in Eckmedaillons eingefügten Wappen der Ahnenprobe, wie sie bei figuralen Platten vorkommt, mit dem Allianzwappen der Eheleute im Feld kombiniert; zusätzlich wird hier die Umschrift durch einen fünfzeiligen Text im unteren Bereich weitergeführt. Anstelle der Wappen wurden bei den im 15. Jahrhundert retrospektiv angefertigten Bischofsgrabplatten auch Bischofsstäbe abgebildet, die Inschrift war dabei mehrzeilig im oberen Bereich der Platte (Nr. 91, 92) oder umlaufend (Nr. 93) angeordnet.

In der Folgezeit tritt die Wappengrabplatte gleichberechtigt neben das Epitaph, während die figurale Grabplatte zunehmend an Bedeutung verliert. Die Wappengrabplatte ist – wie schon in der Frühzeit – oftmals das einzige Denkmal für einen Verstorbenen, das manchmal an der Wand, manchmal am Boden über der Grabstelle liegend auf diese verweist, häufig dient sie aber auch als zusätzliche, eigentliche Grabdeckplatte, während an der Wand ein repräsentativeres Denkmal angebracht wurde. Ihr formaler Aufbau ist dabei in Freising vom 16. bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts einer Wandlung unterworfen: Die Proportionen zwischen Wappenfeld und Schriftanteil werden allmählich zugunsten der Schrift verschoben, bis ein ausgeglichenes Verhältnis erreicht ist. Dabei steht die Schrift zeilenweise zumeist in der oberen Hälfte der Platte, während in der unteren der Wappenschild manchmal von einer architektonischen oder geometrischen Rahmung, zumindest aber von einem Bogenfeld oder Segmentbogen umfangen wird; hinzu kommen manchmal Medaillons, Blattornamente, Memento-mori-Symbole etc. Dieser Typus bleibt bis zum Ende des Erfassungszeitraums maßgebend. Zu den repräsentativsten Stücken der Renaissance zählen die Rotmarmorplatten für Georg Auer († 1518, Nr. 176), Maria Auer († 1554, Nr. 238†) und Barbara von Aham († 1555, Nr. 240) sowie die großen Wappenplatten aus hellem Kalkstein für die Domherren Hans Münch zu Münchhausen († 1553, Nr. 237) und Georg Wirttenberger († 1558, Nr. 248). Der Domherr Georg Eckher († 1561) erhielt neben einer einfacheren Wappengrabplatte (Nr. 256), die die Grabstelle bedeckte, nun auch noch ein repräsentatives Wanddenkmal, das im Feld sein Wappen trug und ähnlich einem Epitaph mit Dreiecksgiebel verdacht war (Nr. 257).

Ab Mitte des 16. Jahrhunderts wird der Wappenanteil teilweise aber auch verkleinert und rückt in die Mitte zwischen zwei Textblöcke, wo er in eine Roll- oder Beschlagwerk-Kartusche eingebettet erscheint (so z. B. bei Nr. 256, 348†, 375†, 437). Gelegentlich tritt das Wappen nur mehr als kleiner heraldischer Verweis einer reinen Schriftplatte auf (Nr. 387), manchmal aber ist das zentral dargestellte Wappen nur Teil einer Ahnenprobe (Nr. 383†, 430, 441†, 458, 459). Die für eine Anbringung an der Wand vorgesehenen Wappenplatten erreichen zuletzt nur noch selten die Maße der Grabdeckplatten, auch wenn der formale Aufbau beibehalten wird. Eine Ausnahme bildet das extreme Querformat der Wappenplatte für Johannes Hueber und seine Frau Margarita († 1630, 1647, Nr. 462, Abb. 133); die Inschrift erscheint hier in der Mitte der Platte in einer querelliptischen Kartusche, die von den beiden Wappen der Eheleute flankiert wird.

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Zahlenmäßig kaum ins Gewicht fallen die Priesterplatten, die statt einem Wappen einen Kelch aufweisen. Eine Platte für Martin Wainsland († 1450, Nr. 96†) wurde derart gestaltet, ebenso eine für Lienhart Prunner (1501/09, Nr. 159); eine weitere für Kaspar Marolt († 1513, Nr. 163†) zeigte einen Kelch über dem Wappen Marolts.

Zu den frühesten figuralen Grabplatten in Deutschland zählt die Platte für Otto von Moosen – bekannt als „Semoser-Stein“ –, die aufgrund der biographischen Daten des Verstorbenen um 1160/70 entstanden sein dürfte (Nr. 11, Abb. 23). Dieser ist in reliefierter, ganzfiguriger Frontalansicht dargestellt und anhand seiner weltlichen Kleidung als Laie erkennbar; zu seinen Füßen liegen drei Steine, die evtl. als Dreiberg zu deuten sind. Die Platte besaß eine als Distichon abgefaßte Umschrift in Romanischer Majuskel, die jedoch abgetreten und anhand noch erkennbarer Textfragmente historisierend nachgearbeitet wurde. Wohl durch eine Überarbeitung im 17. Jahrhundert wurde der Name in der Kopfzeile zu „Otto Semoser“ verballhornt, unter dem der Stein Berühmtheit erlangte. Daran anknüpfend entstand die Sage vom kaltherzigen Bischof Gerold und seinem wohltätigen Torwärter Otto Semoser, die einer unzutreffenden Spätdatierung des Steins in die Zeit um 1230 Vorschub leistete.

Die zweite, jedoch nur durch Nachzeichnung überlieferte figurale Platte galt Bischof Konrad II. († 1278, Nr. 16†). Sie stellte ihn – den Kopf auf einem Kissen ruhend, die Hände zum Gebet gefaltet – in vollem Ornat mit Bischofsstab dar; der Randstreifen war mit einer Gotischen Majuskel beschriftet. Dieser gängige Darstellungstypus kam in den folgenden Jahrhunderten bei vielen Freisinger Bischofsgrabmälern – auch bei Deckplatten von Tumben und Hochgräbern – zur Anwendung (Nr. 17 (†), 20, 22, 24†, 26†, 72, 95, 143, 150†, 210, 250, 274), wobei das Kirchenmodell von St. Andreas in den Händen von Bischof Ellenhard (Nr. 24†, Abb. 148) noch die auffälligste Variante darstellt. Die Koppelung einer sonst inschriftlosen figuralen Grabplatte mit einem übergestellten Epitaph liegt bei den Bischöfen Philipp (Nr. 210, Abb. 106) und Moritz von Sandizell (Nr. 274, Abb. 107) vor.

Figurale Grabplatten für Dom- und Stiftsherren nehmen dagegen eine andere Entwicklung. Eine nur kopial überlieferte, angeblich ganzfigurige Platte für Ritter Thomas von Fraunberg († 1368, Nr. 37†) in Weihenstephan ausgenommen, weisen in Domkreuzgang und Benediktuskirche die frühesten Platten mit Figuraldarstellungen im Feld zwei vertikal angeordnete Ringe auf, wobei in einem (Nr. 31, 39†, 40†, 41, 42†, 43) oder beiden Ringen (Nr. 25†, 49, 52) je ein Domherr mit zum Gebet gefalteten Händen kniet; im Falle der Darstellung eines einzelnen Domherrn ist der zweite Ring mit einem Wappen oder einem Kreuz gefüllt. Die Beschriftung ist hier generell als Umschrift angelegt, doch besitzen teilweise auch die Ringe Inschriften (Nr. 25†, 39†, 49, 52). Dieser Typus, dessen Bildanteil in Ritzzeichnung ausgeführt ist, tritt nur in den letzten beiden Jahrzehnten des 14. Jahrhunderts auf, während parallel zu ihm die ganzfigurige Darstellung zunehmend in den Vordergrund rückt.

Dies ist erstmals mit der figuralen Grabplatte für den Domherrn Erhard von Möring († 1384; Nr. 44, Abb. 39) der Fall. Wie auch auf den Platten für Heinrich Sätzler († 1388, Nr. 47, Abb. 40) und Rudolf von Haslang († 1398, Nr. 56†) ist der Verstorbene als kniender Orant wiedergegeben. Diese überkommene Darstellungsweise wird jedoch bald von der stehenden Ganzfigur abgelöst. Bei einigen frühen Platten gibt es noch keine Rahmung des Feldes, hier steht die Figur isoliert im „leeren“ Raum (Nr. 44, 47, 48, 50, 51, 56†, 65); bald nach 1400 jedoch wird eine Umrahmung mittels eines Baldachins oder einer Arkatur gemäß dem jeweils vorherrschenden Zeitstil Standard. Besonders die figuralen Platten der Renaissance zeigen eine oft sehr aufwendige Gestaltung; hier wird der Plastizitätsgrad größer, zumeist hat reiches Astwerk das altertümliche Maßwerk abgelöst, die Figuren der Verstorbenen werden von Vorhängen hinterfangen oder in eine Muschelnische bzw. einen architektonischen Rahmen gestellt, teils mit allegorischem Beiwerk oder christlichen Symbolen. Der überwiegende Teil der ganzfigurigen Grabplatten ist mit einer Umschrift versehen, zeilenweise Anordnung bleibt die Ausnahme (Nr. 56†, 74, 411).

Daneben gibt es die Variante als halbfigurige Darstellung, indem die untere Körperhälfte durch eine Fläche mit der Grabinschrift (Nr. 169, 208, 374, 382†, 385) oder mit dem Wappen des Dargestellten (Nr. 319) ersetzt ist. Um 1520 wird im Umkreis des Bildhauers Stephan Rottaler diese Fläche auch als Brüstung interpretiert (Nr. 184, 190), später auch als Pergamentrolle (Nr. 458). Zwei Platten mit einem Brustbild des Verstorbenen und einer schmalen Schriftkartusche darunter sind ebenfalls bekannt (Nr. 235, 374†).

Im Domkreuzgang läßt sich gut die Entwicklung des Reliefstils der figuralen Grabplatten ablesen. Zwischen 1384 und 1425 sind bei den meisten Stücken die Figuraldarstellungen auf Ritzzeichnungen beschränkt, wobei jedoch zumeist der Kopf und manchmal auch die Wappen plastisch ausgearbeitet sind, was zu Unrecht an eine nachträgliche Überarbeitung denken läßt (Nr. 44, 47, 48, 50, 51, 65, 66, 67, 71). In einer Übergangsphase nun wird der Reliefgrund abgesenkt und Kopf, Wappen sowie das [Druckseite CXXIII] rahmende Maßwerk erhalten eine plastische Durchformung, während die Binnenzeichnung nach wie vor in Ritztechnik bearbeitet ist (Nr. 78, 80, 84, 87, 88, 89, 99, 102). Ein vollwertiges Relief gab es schon längst bei Bischofsgrabmälern und auch bei einigen frühen figuralen Domherrenplatten (Nr. 45, 53, 54), doch hat es in Freising erst ab ca. 1450 die Ritztechnik endgültig verdrängt. Im 16. Jahrhundert kommt es schließlich zur Ausbildung starkplastischer figuraler Wanddenkmäler, die aufgrund der verwendeten Architekturelemente und ihres dekorativen Reichtums kaum mehr etwas mit der ursprünglichen Funktion einer Grabdeckplatte gemein haben, vielmehr nähern sie sich aufgrund ihrer formalen Eigenschaften mehr dem Epitaph an; hierunter fällt etwa das Denkmal für Paul Lang († 1521, Nr. 183, Abb. 102), das ursprünglich sogar einen Giebel mit figuralem Personal und verkröpfte Gesimse im Bildfeld besaß.

Grabplatten mit der Ganzfigur des Verstorbenen sind in Freising über den gesamten Erfassungszeitraum hinweg anzutreffen, doch verliert dieser Typus ab dem zweiten Viertel des 16. Jahrhunderts zunehmend an Bedeutung und wird in dieser Zeit vom Epitaph abgelöst. Das erste Beispiel, in dem der Dargestellte als Orant in einen bildhaften Kontext gestellt ist, liegt mit der Platte für Petrus Schaffmansberger vor († 1516, Nr. 171, Abb. 100). Ein weiteres, von dem heute nur noch das Relief mit Darstellung des Oranten in Anbetung der Madonna und zweier Heiligen erhalten ist, war architektonisch gerahmt und galt Markus Hörlin († 1517, Nr. 173 (†)). Der am häufigsten vertretene Bildtypus ist der des Andachtsbildes, d. h. die Darstellung des knienden Oranten vor dem Kruzifix, zumeist vor dem Hintergrund einer Hügellandschaft mit der imaginären Stadtsilhouette Jerusalems (Nr. 210, 242, 272, 278, 283, 291†, 312, 316, 329, 350, 356†, 360, 361†, 380, 391, 395, 417, 438). Teilweise treten auch assistierende Heilige hinzu, wodurch eine Verschiebung hin zur Ikonographie der Passion Christi – Arma Christi, Kreuzigungsgruppe, Klage unterm Kreuz, Beweinung, Pietà, Christus als Schmerzensmann – geschieht, teilweise wird dabei die Person des Beters stellvertretend durch sein Wappen eingenommen. Gelegentlich wurden auch andere Begebenheiten aus der Heilsgeschichte – ohne Einbindung des Oranten – gewählt, so etwa Christus am Ölberg, Auferstehung und Himmelfahrt Christi, Tod Mariä, Jüngstes Gericht oder Präfigurationen des Kreuzestodes. Explizite Memento-mori-Darstellungen (Nr. 232†, 405†) sind dagegen genau so selten wie Personen aus der christlichen Ikonographie (Nr. 443†). Ein Sonderfall ist das Epitaph für Johannes Freyberger, das die Figur des hl. Hieronymus aufweist (Nr. 215). Zu Ende des 16. Jahrhunderts wird das Andachtsbild variiert, indem die Szene der Anbetung des Kruzifixes wie bereits beim Epitaph für Petrus Schaffmansberger in eine Hauskapelle verlegt ist, auf deren Altar sich neben dem Kreuz auch Symbole des Memento mori befinden, dazu gewähren Fensteröffnungen einen Durchblick auf die Vedute des nahen Jerusalems (Nr. 320, 364, 365, 370, 378†, 400, 442).

Nicht anders als bei den figuralen Grabplatten in ihrer Endphase, die ab ca. 1520 anzusetzen ist, kann auch und vor allem bei den Epitaphen eine sehr große Bandbreite in bezug auf ihre Abmessungen, ihren Reliefstil und auch ihr Material beobachtet werden. So reicht die Höhe von miniaturhaften 35 cm (Nr. 270) bis hin zu riesenhaften 247 cm (Nr. 360). An Bearbeitungstechniken gibt es ebenfalls alle Variationen von flachem Ätzrelief (Nr. 270) bis hin zu vollplastischen, figuralen Elementen (Nr. 215). Sehr häufig werden architektonische Elemente wie z. B. Gesimse, Pilaster, Giebel, Säulen oder Unterhänge eingesetzt, gelegentlich auch Säulen, doch kommen in Freising keine altarähnlichen Wandgrabmäler mit Auszügen vor. Mehrere Epitaphe haben bei ihrer Versetzung aus der Benediktuskirche in den Domkreuzgang 1716 ihre architektonische Rahmung eingebüßt, wie die von Frey nach Eckher kopierten Nachzeichnungen belegen254).

Vorherrschendes Material ist der gelbliche Kalkstein („Solnhofer Stein“), daneben ist auch grauer Kalkstein anzutreffen, bei den zumeist großformatigen Steinen im Andachtsbildtypus mit Innenansicht der Hauskapelle auch wieder Adneter Kalkstein („Adneter Rotmarmor“). Bei mehreren Epitaphen wurden in die Rahmungen auch Inkrustierungen eingesetzt, d. h. Einlagen aus andersfarbigem Steinmaterial. Epitaphe für geistliche Verstorbene sind in der Regel mit lateinischen Texten in Kapitalis, die für Bürgerliche mit deutschen Texten in Fraktur beschriftet.

Reine Schriftplatten sind innerhalb der Gattung der Grabdenkmäler selten. Die frühesten Stücke stammen aus dem 14. Jahrhundert und befinden sich im Domkreuzgang (Nr. 23†, 35, 38). Sie weisen nur eine Umschrift innerhalb einer Doppellinie auf, das Feld ist leer. Die im 15. Jahrhundert retrospektiv angefertigte Gedenkplatte für Bischof Abraham († 992, Nr. 149, Abb. 88) zeigt anders als die drei vergleichbaren Stücke (Nr. 91, 92, 93) ebenfalls keine bildliche Darstellung. Die Inschrift ist in Gotischer Minuskel zeilengerecht angeordnet, eine unter Bischof Eckher vorgenommene Textergänzung wurde in Kapitalis ausgeführt. Zu den außergewöhnlichsten Stücken des Freisinger Bestandes [Druckseite CXXIV] gehört die aus Eichenholz gefertigte, kleine Grabtafel für Leonhard Friesinger († 1437, Nr. 81, Abb. 30) mit ihrer zwischen Trennleisten erhaben ausgeführten Rotunda, einer für den süddeutschen Raum beispiellosen Schriftart. Im 16. Jahrhundert treffen wir mit der Platte für Ulrich Höchstetter († 1527, Nr. 191, Abb. 99) auf das einzige Epitaph ohne christliche Ikonographie, das stattdessen nach der Form der antiken Tabula ansata gestaltet ist, was an eine Augsburger Werkstätte denken läßt. Die im Erfassungszeitraum späteste Gedenkplatte mit reiner Schriftlösung stammt von 1647 und wurde für Johann Konrad Wagner (Nr. 460) angefertigt; durch eine zentrisch gesetzte, teilweise die Buchstabengröße variierende Kapitalis, die sehr sauber ausgeführt ist, wird ein sehr antikisch anmutendes Schriftbild kreiert.

Von den sechzehn in Freisinger Kirchen überlieferten Gemälde-Epitaphen sind nur vier erhalten (Nr. 231 (†), 268, 280, 300), davon ging bei einem die Inschrift verloren (Nr. 231(†)), die anderen sind nur durch die kopiale Überlieferung (Nr. 123†, 269†, 285†, 328†, 372†, 409†, 467†), teilweise auch durch Nachzeichnungen (Nr. 284†, 327†, 368(†), 376†, 379†) greifbar; ein weiteres, hier nicht berücksichtigtes Epitaph war an die Außenwand der Allerheiligenkapelle freskiert (Nr. 195†)255). Ihre Blütezeit erlebte diese Gattung in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts und zu Beginn des 17. Jahrhunderts. Das früheste, von Oefele dokumentierte Objekt befand sich in Weihenstephan und wies außer einer Darstellung des Geißelheilands eine Grabinschrift für Weihbischof Johannes Grunlarr auf († 1479, Nr. 123†). In fast jeder der Freisinger Kirchen gab es ein oder mehrere Gemälde-Epitaphe, mit Schwerpunkt auf der Stiftskirche St. Andreas. So unterschiedlich die künstlerische Qualität und der formale Aufbau der einzelnen Stücke, so unterschiedlich auch ihre Ikonographie: Sie umfaßt neben dem traditionellen Andachtsbild auch Darstellungen aus dem Leben Jesu (Geburt und Anbetung, Passionsszenen, Kalvarienberg, Jesus als Geißelheiland, Grablegung, Auferstehung), eine thronende Muttergottes, das Jüngste Gericht, außerdem den in Freising seltenen, andernorts jedoch um so häufiger anzutreffenden Typus einer Familie in Anbetung des Kruzifixus. Besondere Erwähnung verdient das aus St. Andreas stammende, heute in Regensburg aufbewahrte Gemälde-Epitaph für Erasmus Litzlkircher († 1558, Nr. 268, Abb. 12), das außer der ungewöhnlichen Ikonographie des Fons Pietatis (Blut-Christi-Brunnen) auch noch einen Trompe-l’oeil-Effekt in bezug auf die Schrifttafel und das (nur gemalte) Rahmenwerk bietet.

Gruftverschlußplatten sind in Freising bisher nicht bekannt geworden.

Glocken

Im heutigen Stadtgebiet von Freising sind zwölf Glocken aus dem Erfassungszeitraum erhalten, von weiteren acht Glocken sind die Inschriften vollständig überliefert, von zwei nur teilweise, bei einer Glocke ist die Freisinger Provenienz ungesichert.

Die wohl älteste, für lange Zeit erhaltene Freisinger Glocke hing bis zum Ende des 19. Jahrhunderts im Giebel des Freisinger Rathauses, ursprünglich könnte sie jedoch zum Geläut der nahen Stadtpfarrkirche St. Georg gehört haben (Nr. 151†, Abb. 82). Nach Ausweis ihrer Krone, ihrer Rippe und der an der Schulter umlaufenden Gebetsinschrift SANCTE ∙ GEORGI ∙ ORA ∙ PRO ∙ NOBIS ∙ in Gotischer Majuskel stammte sie wohl noch aus dem 14. Jahrhundert, doch wurden in einigen Gießereien Majuskeltypen bis ins 15. Jahrhundert hinein verwendet, so daß auch eine spätere Entstehung möglich erscheint. Die ehemalige Rathausglocke wurde 1917 abgeliefert und eingeschmolzen.

Eine 1420 datierte Glocke diente in der Klosterkirche Neustift als Meßglocke, war also von nur geringer Größe (Nr. 69†). Sie ist nur in einer Quelle aus der Mitte des 19. Jahrhunderts belegt, aus der weder ihr genauer Standort noch ihr späterer Verbleib hervorgehen; außer der Datierung war sie nur mit dem weitverbreiteten Spruch O rex gloriae veni cum pace versehen. Denselben Spruch besitzt auch die 1480 datierte Glocke in Tüntenhausen, dazu eine Künstlerinschrift von Meister Andre aus Landshut (Nr. 125). Von den fünf Glocken aus dem Turm der Stiftskirche St. Veit besaßen die zweit- und die drittgrößte die Jahreszahl 1497, der weitere Inschriftentext ist nicht überliefert (Anh. Nr. B5); die Glocken wurden 1803 verkauft und eingeschmolzen.

Ein Ausnahmestück ist die undatierte Glocke aus Altenhausen, weniger aufgrund ihrer Glockenrede und der Künstlerinschrift des Münchner Gießers Lienhart Keller als wegen der Linksläufigkeit ihrer Gotischen Minuskelschrift, d. h. sämtliche Buchstaben sind seitenrichtig, jedoch von rechts nach links angeordnet (Nr. 179, Abb. 83). Die sonst bekannten, zumeist datierten Glocken Kellers machen einen Zeitansatz um 1520 wahrscheinlich.

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Die acht Glocken im Nordturm des Doms können aufgrund der Vollständigkeit des Geläuts einen in Mitteleuropa nahezu einmaligen Rang beanspruchen (Nr. 259, 260, 261, 262, 263, 264, 265, 267). Nach einem Brandunglück im Jahre 1563, bei dem das gotische Vorgängergeläut zerstört wurde, ließ Bischof Moritz von Sandizell durch den Münchner Gießer Wolfgang Steger d. J. acht Glocken herstellen, zu denen der Freisinger Hofpoet Joachim Haberstock die Texte und der Steinmetz Sebald Hering Model für Inschriftenkartuschen lieferten. Alle Glocken weisen Inschriften um Hals und Schlagring auf, außerdem Schriftkartuschen an der Flanke, jeweils in Kapitalis. Inhaltlich sind sich die Inschriftentexte aller Glocken sehr ähnlich: Sie verweisen auf das Brandunglück, auf ihre Neuanfertigung durch Wolfgang Steger, auf den Auftraggeber Bischof Moritz von Sandizell und auf ihren Klang, der zum Gottesdienst ruft. Sämtliche Texte scheinen bei oberflächlicher Betrachtung bestimmten Versmaßen zu folgen, doch ließen sich einigermaßen korrekte Hexameter und Distichen meist nur bei den Inschriften an Hals (I) und Schlagring (III) feststellen, während die Inschriften in den Kartuschen (II) nur selten einem Versmaß folgen. Die kleinste Glocke, die sog. Einserin (Nr. 266†), mußte offenbar aufgrund eines Gußfehlers 1583 umgegossen werden und erhielt dabei eine abweichende Gestaltung, bei der die ursprünglichen Texte nicht mehr berücksichtigt wurden (Nr. 267), diese sind jedoch durch die Textentwürfe Haberstocks überliefert. Im Einzelnen handelt es sich (der Größe nach absteigend) um die sog. Sturm oder Sigismundglocke (Nr. 259), die sog. Frauen- oder Marienglocke (Nr. 260), die sog. Sechserin oder Kreuzglocke (Nr. 261), die sog. Fünferin oder Lantpertglocke (Nr. 262), die sog. Viererin oder Nonnosusglocke (Nr. 263, Abb. 112, 114), die sog. Dreierin oder Alexanderglocke (Nr. 264), die sog. Zweierin oder Justinusglocke (Nr. 265) und die sog. Einserin oder Friedensglocke (Nr. 267). Mit Ausnahme der „Sturm“ waren alle Glocken während des Zweiten Weltkrieges zum Einschmelzen bestimmt und bereits nach Hamburg auf den sog. Glockenfriedhof transportiert worden. Nach ihrer Rückkehr wurden jedoch zwei Glocken (die „Dreierin“ und die „Zweierin“) nicht mehr im schadhaften Glockenstuhl aufgehängt sondern an die Pallottinerkirche bzw. an die Freisinger Wieskirche ausgeliehen. 2007 schließlich gelang die Wiedervereinigung mit den anderen sechs Glocken im Nordturm des Doms unter Hinzunahme von drei neuen Glocken. Neben der großen Seltenheit der Vollständigkeit eines Renaissance-Geläuts und der hohen Qualität der Glocken selbst kommt in diesem Fall hinzu, daß auch der Entstehungsprozeß des Geläuts lückenlos durch Archivalien, Abrechnungen, Textentwürfe und sogar Steinmatritzen für die Inschriftenkartuschen (Abb. 113) dokumentiert ist.

Zwei sich zeitlich nahestehende Glocken hängen im Turmrisalit des erhaltenen Weihenstephaner Konventbaus: Die eine, 1598 datiert, besitzt eine Glockenrede mit Künstlerinschrift des Gießers Sixt Steger aus München (Nr. 343), die Umschrift der anderen ist auf die Künstlerinschrift des Münchner Gießers Bartholomäus Wengle und die Datierung 1602 beschränkt (Nr. 351), jeweils in Kapitalis. Die Provenienz beider Glocken ist ungewiß, eine Herkunft aus Weihenstephan oder Freising darf jedoch angenommen werden.

Nicht mehr erhalten sind die fünf Turmglocken der Stiftskirche St. Andreas, die im Jahre 1600 von Martin Frey aus München gegossen wurden (Nr. 349†). Analog zu anderen Glocken dieses Meisters liefen Glockenrede und Künstlerinschrift wohl in Kapitalis um den Hals der Glocken, während jeweils eine – inhaltlich nicht überlieferte – Schriftkartusche an der Flanke mit der Jahreszahl geendet haben dürfte. Im Einzelnen handelte es sich (absteigend nach der Größe) um die Dreifaltigkeitsglocke, die Frauenglocke, die St. Andreasglocke, die St. Laurentiusglocke und die St. Sixtusglocke. Alle Glocken aus St. Andreas wurden 1803 verkauft und als Glockenspeis verwendet.

Die späteste Glocke aus dem Erfassungszeitraum, die überdies nur kopial überliefert ist, war ein in Neustift in der Mitte des 19. Jahrhunderts nachgewiesenes Meßglöckchen, das die 1627 datierte Künstlerinschrift des Andreas Bartholomäus Weinzierl aus München trug (Nr. 416 †). Offenbar handelte es sich bei diesem um einen Stückgießer.

Nicht in den Hauptkatalog aufgenommen werden konnte die 1577 datierte Glocke im Turm der Spitalkirche, da sie – wie die ebenfalls dort hängende Glocke von 1685 – erst nach dem Zweiten Weltkrieg von außerhalb nach Freising gelangt ist (Anh. Nr. D4).

Kirchliche Ausstattung

Inschriften auf Paramenten und Vasa Sacra sind in nur geringer Zahl bekannt, doch besteht zumeist eine enge Verbindung mit der übrigen Ausstattung der Domkirche und auch der Freisinger Bistumsgeschichte. Gut vertreten sind die Inschriften auf Altären, ebenso Bauinschriften, Baudatierungen und Weiheinschriften, während bischöfliche Wappensteine kaum vorkommen. Unter der wandfesten Ausstattung nehmen die Wand- und Deckenmalereien nur einen untergeordneten Rang ein, ebenso die Inschriften aus Stuck, während Bildfenster eine überaus stark vertretene Gruppe bilden.

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Reliquiare und Schatzkunst

Innerhalb des Freisinger Domschatzes gab es fünf Kopfreliquiare, deren Inschriften kopial überliefert sind. Das älteste Reliquiar – das zugleich die älteste bekannte Freisinger Inschrift besaß – galt dem hl. Korbinian und war laut der in Distichen abgefaßten Inschrift eine Stiftung des bayerischen Herzogs Heinrich der Zänker (955–995), die er auf Veranlassung von Bischof Abraham (957–994) vornahm (Nr. 1†). Während dieses Reliquiar wohl im 16. oder frühen 17. Jahrhundert abhanden kam, wurden vier spätmittelalterliche Stücke erst im Zuge der Säkularisation zerstört: ein Kopfreliquiar des hl. Papstes Alexander in Form eines Brustbilds des Bischofs im Ornat mit dreifacher Papstkrone, laut Inschrift war es eine Stiftung des Freisinger Bischofs Albert (1349–1359) von 1356; ein weiteres Kopfreliquiar des hl. Korbinian als Brustbild des Bischofs im Ornat, mit einer Stifterinschrift des Domkapitels von 1362 (Nr. 32†); ein Kopfreliquiar des hl. Lantpert als Brustbild des Bischofs in vollem Ornat, mit einer Stifterinschrift von Domkustodie und Domkapitel von 1363 (Nr. 33†); schließlich das Kopfreliquiar des hl. Sigismund, mit einer Stifterinschrift von Domkapitel und Domkustos Wigislaus Rorbeck von Rorbach von 1450 (Nr. 97†). Alle diese Reliquiare bestanden aus vergoldetem Silber und waren reich mit Edelsteinen geschmückt, teils auch mit Emaileinlagen versehen. Die Inschriften verliefen – soweit bekannt – jeweils um die Brust der Büste.

In Altenhausen hat sich ein Kelch mit einer gravierten Stifterinschrift in Kapitalis von 1535 erhalten (Nr. 203a). Danach handelte es sich um eine Stiftung des 1534 verstorbenen Stadtpfarrers von St. Georg, Valentin Claus, die sein Nachfolger Georg Stenglin und der Testamentsvollstrecker Johannes Krieg vollzogen.

Durch das 1803 erstellte Inventar des Franziskanerklosters ist bekannt, daß sich dort eine Monstranz mit der Datierung 1611 befand, über eine eventuell zugehörige Stifterinschrift wird jedoch nichts mitgeteilt (Anh. Nr. B14).

1442 war an den Freisinger Dom eine byzantinische Ikone gelangt, die nach allgemeiner Auffassung von der Hand des hl. Lukas stammte. Bischof Veit Adam nun drückte seine hohe Verehrung für die Ikone aus, indem er in der umgebauten Elisabethkapelle – die er zu seiner Grabkapelle erwählt hatte – anstelle des bisherigen Altars einen neuen errichten ließ, in welchem das byzantinische Gnadenbild in theatralischer Inszenierung präsentiert werden sollte. Dazu stiftete er einen kostbaren, mit Edelsteinen besetzten und Emaileinlagen versehenen Silberaltar, dessen Mitte die Ikone einnahm; dieser Silberaltar wiederum wurde von Engeln emporgehalten, die zum Vorschein kamen, wenn man das Altarblatt des neuen Elisabethaltars versenkte. Abgesehen von der Vielzahl byzantinischer Inschriften, die in das Beschläg der Ikone eingraviert sind, gibt es ein Jesus-Monogramm an der Bekrönung des Silberaltars, außerdem beinhaltet eine Kartusche, die dessen Predella einnimmt, eine 1629 datierte Stifterinschrift von Bischof Veit Adam in Kapitalis und humanistischer Minuskel (Nr. 423, Abb. 131).

Altäre

Nur wenige Altäre haben sich in Freising über die Säkularisation und die Veränderungen des 19. Jahrhunderts hinweg in situ erhalten. Den verbliebenen Tafelgemälden nach zu schließen, waren die Freisinger Altäre bis ins 16. Jahrhundert hinein vor allem Flügelaltäre, die im 17. und 18. Jahrhundert durch Holzretabel ersetzt wurden. Die Beschriftungen dieser zumeist doppelsäuligen Ädikulaaltäre beschränkten sich auf Wappenbeischriften und Stifterinschriften im Sockelbereich sowie auf Jesus-Monogramme, die jeweils auf einer bekrönenden Scheibe innerhalb eines Strahlenkranzes angebracht waren. Außer dem dreiflügeligen Marolt-Altar in der Sebastianskapelle im Domkreuzgang (Nr. 165, Abb. 96), der eine Stifterinschrift von 1513 und zahlreiche Beischriften aufweist, gab es nur einen weiteren, gänzlich aus Stein bzw. Marmor angefertigten Altar und zwar den von Bischof Eckher im Jahre 1703 gestifteten Matthäusaltar am Ostende des südlichen Kapellenschiffs im Dom256). Ohne Parallele ist die mit einem Stiftervermerk des Domherrn Johannes Städler im Jahre 1476 beschriftete Mensa des Mariä-Opferungs-Altars (Nr. 116). Vermutlich am Stipes oder im Sockelbereich des 1621/24 abgebrochenen Allerheiligenaltars waren eine in Distichen abgefaßte Stifterinschrift von Bischof Philipp von 1522 und der Sterbevermerk des Bischofs angebracht (Nr. 213†); das 1523 von Hans Wertinger gelieferte Retabel ist verloren. Die unter Bischof Veit Adam einsetzende Erneuerung des Domes erstreckte sich auch auf die Altarausstattung: So wurden mehrere Altäre abgebrochen und ihre Zustiftungen auf andere Altäre übertragen, während die Retabel der bestehenden Altäre durchweg erneuert wurden. Falls das kopial überlieferte Datum nicht irrig ist, begann die Neuaufstellung der Altäre bereits im Jahre 1617 mit der Stiftung des Heilig-Geist-Altars durch den Domherrn [Druckseite CXXVII] Balthasar Schrenck von Notzing, die inschriftlich am Altar dokumentiert war (Nr. 384†). Weitere Stifterinschriften sind 1625 von Wilhelm und Georg Desiderius zu Königsfeld für den Mariä-Opferungs-Altar (Nr. 410(†)), 1626 von Christoph Rehlinger für den Michael- und Castulus-Altar (Nr. 412(†)) und 1629 von Johann Anton Gassner für den Thomas- und Ägidius-Altar (Nr. 422(†)) belegt. Die meisten dieser Retabel wurden bei der Innenrenovierung der Jahre 1886/87 beseitigt oder unter Verlust der Inschrift neu gefaßt. Gerade für den prächtigsten der um diese Zeit errichteten Altäre – den später in Lukasbildaltar umbenannten Elisabethaltar von 1629 – ist keine Stifterinschrift belegt; das bischöfliche Wappen von Veit Adam bietet hier den einzigen Hinweis. Die einzige originale Inschrift innerhalb unserer Zeitgrenze scheint hier die bekrönende, von einem Strahlenkranz umsäumte Scheibe mit dem Jesus-Monogramm zu sein (Nr. 425); die Monogramme an den beiden Säulenbasen wie auch weite Teile des Altaraufbaus gehören dagegen einer Renovierung des späten 19. Jahrhunderts an. Auch der Verkündigungsaltar Philipp Dirrs in der Residenzkapelle besitzt als einzige gesicherte Inschrift ein derartiges Jesus-Monogramm als Bekrönung, doch scheint der Altar früher auch die Datierung MDCXXI aufgewiesen zu haben (Nr. 398). Wappenbeischriften gab es 1644 von Maria Maximiliana Kepser am Bruderschaftsaltar der Stiftskirche St. Johannes Baptist (Nr. 455†) sowie im zweiten Viertel des 17. Jahrhunderts von Hans Adam Wager zu Sattelbogen am Vesperbildaltar und Christi-Himmelfahrts-Altar der Mariahilfkapelle bei St. Veit (Nr. 465†, 466†).

Die liturgisch gebotene Abtrennung der Altäre bzw. Kapellen vom Kirchenraum wurde durch Gitter erreicht, die – wie zwei Freisinger Beispiele belegen – ebenfalls mit Inschriften versehen sein konnten: 1618 wurde zum Schutz des verehrten Eberhardsgrabes in der Wallfahrtskirche zu Tüntenhausen ein hölzernes Gitter mit einem deutschen Bibeltext angebracht (Nr. 388†), das jedoch bereits zu Beginn des 18. Jahrhunderts wieder abgebaut wurde. Im Dom sind nicht nur mehrere der Kapellengitter mit kleinen Wappenschilden der (neuzeitlichen) Kapellenstifter versehen, sondern es gibt auch am Gitter der Elisabeth- bzw. Fürstenkapelle als Bekrönungen zwei Eisenkartuschen mit durchbrochen gearbeiteten Jesus-Monogrammen und einem Hoheitstitel Jesu, 1630 entstandene Arbeiten der Meister Hans Keser und Niclas Trescher (Nr. 428).

Chorgestühle

Von den drei wenigstens teilweise erhaltenen Chorgestühlen befand sich das früheste in der Stiftskirche St. Andreas (Nr. 68 (†), Abb. 51, 52). Zwei von dessen Wangen und das erste Drittel von einer der beiden beschrifteten Kranzleisten haben sich im Diözesanmuseum erhalten, doch ist der Text beider Kranzleisten vollständig kopial überliefert: Danach wies die südliche eine Stifterinschrift des Stiftsherrn Konrad Aublinger aus dem Jahre 1420 auf, während die nördliche eine scherzhafte Ermahnung zu wohlgefälligem Chorgesang und einen Segenswunsch enthielt. Abgesehen von dem in der Literatur immer wieder zitierten Text der nördlichen Leiste erscheint hier auffällig, daß zum Zeitpunkt der Anfertigung des Gestühls, 1420, als Schriftform noch die Gotische Majuskel Verwendung findet, während sie sonst überall und in nahezu sämtlichen Bereichen ab dem Jahr 1400 nicht mehr vorkommt. Offenbar wurde ein gewisser monumentaler Charakter des Schriftbildes angestrebt, der sich durch eine gotische Majuskelschrift besser erreichen ließ als durch die bereits seit etwa 50 Jahren in Gebrauch befindliche Gotische Minuskel.

Für das 1441 entstandene Gestühl der Stiftskirche St. Veit griff man dagegen auf die Gotische Minuskel zurück und zwar in erhabener Form (Nr. 82 (†), Abb. 53, 54). Von diesem Gestühl wird der größte Teil der südseitigen Kranzleiste ebenfalls im Diözesanmuseum aufbewahrt. Eine vollständige Textrekonstruktion ist durch die Quellenüberlieferung möglich: So wies die südseitige Leiste wiederum eine Stifter- bzw. Erwerbungsinschrift des Stiftskapitels auf, wogegen die erhaltene nordseitige Leiste eine Aufforderung zu gutem Gesang, freundschaftlichem Miteinander und eine kurze Gebetsinschrift enthält.

Das bedeutendste Ausstattungsstück des Doms stellt das in weiten Teilen erhaltene gotische Chorgestühl dar, das 1484–1488 nach einem Entwurf des Augsburger Meisters Ulrich Glurer vom Freisinger Kistler Meister Bernhard geschaffen wurde (Nr. 134, Abb. 75–79). Die Dorsaltafeln der Hinterreihe besitzen in der oberen Hälfte Ornamentfelder, darunter werden in Gotischer Minuskel in chronologischer Ordnung die Namen und Regierungsdaten der Bischöfe genannt, deren reliefierte Brustbilder an den Aufsatzfeldern unter Baldachinen dargestellt sind. An die Wangen war zweimal die Jahreszahl 1488 aufgemalt, wovon die Datierung an der Außenseite des östlichen Wangenpaars erhalten ist. In seiner ursprünglichen Disposition zog sich das an den Längsseiten zweireihige Gestühl auch um den Lettner; nach dessen Abbruch 1624 und der Anlage der Chortreppe entfielen jedoch die westlichen Sitze, so daß die ursprünglich hier mit Korbinian beginnende und mit Sixtus von Tannberg endende Bischofsreihe nun auf der Nordseite unvermittelt einsetzte und auf der Südseite [Druckseite CXXVIII] vorzeitig abbrach. Unter Bischof Eckher wurde nun die chronologische Ordnung wiederhergestellt; seitdem beginnt die Nordreihe wieder westlich mit dem hl. Korbinian und endet in der Südreihe westlich mit Bischof Johannes I. Wulfing. Dazu ließ Eckher die beschrifteten Dorsalfelder beidseitig im Uhrzeigersinn um fünf Positionen versetzen und ergänzte die seit 1624 fehlenden ersten fünf Schriftfelder durch zwei noch vorhandene alte Stücke, während an drei der Dorsalfelder neu geschaffene Beschriftungen in Gotischer Minuskel angestückt wurden. Diese auch archivalisch belegten Nachschöpfungen der Schrift sind mit größter Sorgfalt ausgeführt worden, so daß eine Unterscheidung zwischen diesen und den original gotischen Beschriftungen schwer fällt.

Gemälde

Die hier behandelten Gemälde sind bzw. waren Teil von Freisinger Kirchenausstattungen in Form von Altarblättern oder autonomen Bildern. Wir treffen hier auf Bildbeischriften, Namens- bzw. Stifterinschriften oder -initialen, Renovierungsinschriften und Datierungen. Nicht berücksichtigt wurden die während der Säkularisation zerstreuten Sammlungsbestände aus bischöflichem Besitz sowie aus dem Besitz der Klöster Weihenstephan und Neustift.

Das früheste erhaltene Tafelgemälde mit Inschrift stammt von ca. 1460/70 und stellt die Anbetung des Kindes dar; rechts unten halten Engel ein Schriftband mit dem Gloria-Hymnus in Gotischer Minuskel. Zusammen mit anderen Tafelgemälden bildete es einen Flügelaltar, der vermutlich in der Stiftskirche St. Johannes Baptist aufgestellt war, heute hängt es im Diözesanmuseum (Nr. 107). Ein Tafelgemälde aus Kloster Neustift, das ins Germanische Nationalmuseum, Nürnberg, gelangt ist, thematisiert die Wallfahrt zu den beiden in Neustift verehrten Heiligen Marinus und Theclanus; außer der großen Datierung 1483 findet sich auf dem Bild auch ein Restaurierungsvermerk von Propst Johannes Dollinger (1605–1617) (Nr. 129).

Vom ehemals zwölf Gemälde umfassenden spätgotischen Flügelaltar der Klosterkirche Weihenstephan haben sich acht Bilder als drei doppelseitig und zwei einseitig bemalte Tafeln in der Neuen Pinakothek, München, und im Diözesanmuseum Freising erhalten, davon weisen sieben Gemälde Beschriftungen auf (Nr. 135, Abb. 10). Auf den Außenflügeln der um 1488 von Jan Polack aus München gemalten Altartafeln waren Szenen aus der Passion Christi zu sehen, die geöffneten Innenflügel widmeten sich Szenen aus dem Leben von Heiligen, die für Weihenstephan von Bedeutung waren (Korbinian, Benedikt, Stephanus, evtl. auch Rupert und Michael). Die Beischriften sind fast durchweg in frühhumanistischer Kapitalis ausgeführt und kommen in Nimben, an Gewandsäumen, auf einem Helm, als Titulus oder auf architektonischer Rahmung vor, wobei es sich zumeist um Gebetsinschriften in lateinischer oder deutscher Sprache handelt, vereinzelt sind kleinere Buchstabenfolgen auch ohne erkennbare Bedeutung. Öfters wiederkehrend ist der Spruch Ich leid und meid und wart der Zeit bzw. … wart ab, der in der Literatur als Wahlspruch von Abt Christoph I. Schleicher gedeutet wurde, jedoch auch bei anderen Werken Polacks anzutreffen ist.

Nur wenig später schuf Hans Mair von Landshut ein von Domkustos Tristram von Nußberg auf den Fußwaschungsaltar der Domsakristei gestiftetes Tafelgemälde, das sich noch heute in situ befindet (Nr. 141). In einer Simultandarstellung, in deren Mittelpunkt eine fantastische Bühnenarchitektur steht, sind das Letzte Abendmahl, die Fußwaschung sowie weitere Szenen dargestellt; links unten kniet der Stifter, von dem ein Schriftband mit einer Gebetsinschrift in Gotischer Minuskel ausgeht (Abb. 80); auf einem Buch zeigt ein Einmerker die Jahreszahl 1495 (Abb. 86), welche auch auf den von zwei Geharnischten gehaltenen Fahnen auftritt. Aus derselben Werkstatt stammen auch die fünf Antependiumstafeln, von denen die beiden äußeren der Frontseite die Verkündigung an Maria zeigen (Nr. 142, Abb. 81). Der Englische Gruß auf dem gerollten Schriftband des Verkündigungsengels ist dabei in frühhumanistischer Kapitalis ausgeführt, neben Maria befindet sich ein kleines Schrifttäfelchen mit einem Bibeltext in kursiver Minuskelschrift (Abb. 84). Die zwischen beiden Tafeln eingefügte Darstellung eines ledigen Wappens ist unbeschriftet, ebenso die beiden Tafeln mit Fahnen haltenden Löwen an den Schmalseiten des Stipes.

Ein Jugendwerk des Renaissance-Malers Hans Wertinger ist die sog. Sigismundtafel, die ursprünglich auf der nördlichen Empore des Doms in der Sigismundkapelle hing und sich heute im Diözesanmuseum befindet (Nr. 145). In 16 zeilenweise angeordneten Szenen stellt Wertinger die Vita des Heiligen in chronologischer Abfolge dar, dies unter Verwendung von zahlreichen kleineren und größeren Bildbeischriften: Vereinzelt treten Anrufungen von Christus, Maria oder Sigismund auf, auch sind die Gewandsäume wiederholt mit der Zeichenfolge TRASPTA beschriftet, die sich einer Sinndeutung entzieht. Diese Inschriften sind generell in frühhumanistischer Kapitalis ausgeführt, wogegen Wertinger für die Gebetsinschrift auf einer gemalten Tafel die Gotische Minuskel gewählt hat (Abb. 85). Auf einem winzigen Fähnchen ist die Jahreszahl 1498 zu lesen – in diesem Jahr fand auch die Rechnungsstellung für die Bildtafel statt.

[Druckseite CXXIX]

Der von Michael Piscator 1532 nach St. Andreas gestiftete Flügelaltar ist der letzte seines Typus in Freising (Nr. 198). Acht der Tafelgemälde haben sich im Diözesanmuseum erhalten, davon besitzen fünf mit den Darstellungen der hll. Georg, Simon und Judas Thaddaeus, Maria Aegyptiaca, Maria Magdalena und Jakobus d. Ä. Beischriften in Gotischer Minuskel mit Versalien, auf einer weiteren Tafel mit dem hl. Michael ist Michael Piscator als kniender Orant abgebildet, anstelle einer Beischrift erscheint nun eine – stark restaurierte – Stifterinschrift. Zwei weitere Tafeln mit Christus im Garten Getsemani und der hl. Maria als Mater Dolorosa sind ohne Inschriften.

Laut Stifterinschrift ließ der Neustifter Richter Wolfgang Geroltspeckh 1538 ein Gemälde für St. Georg anfertigen, doch ist über Ikonographie und Verbleib des Bildes nichts weiter bekannt (Nr. 206†). Ein aus der Gottesackerkirche stammendes, jedoch heute im Stadtmuseum aufbewahrtes Tafelgemälde zeigt die Auferstehung Christi, dazu in einem hochformatigen Schriftfeld die vertikal angeordnete Namensinschrift des Stifters Johannes Hiltmer in Kapitalis (Nr. 227), sowie das 1550 datierte Künstlermonogramm PF, das auch auf dem Gemälde-Epitaph für Servatius Lovius (Nr. 280, Abb. 13) anzutreffen ist. Das an Gemäldeinschriften nicht sehr reiche 16. Jahrhundert schließt mit unbekannten Stifterinitialen von 1583 auf einer nicht erhaltenen Darstellung des Herrgotts in der Rast aus St. Andreas (Nr. 314 †) sowie mit der 1594 datierten Künstlersignatur des Malers Caspar Freisinger auf einem Gemälde mit dem hl. Johannes Ev., ebenfalls früher in St. Andreas (Nr. 339†).

Zwei Gemälde des frühen 17. Jahrhunderts beziehen sich ikonographisch auf Freisinger Wallfahrten: zum einen eine 1603 datierte Darstellung der Stephanuswallfahrt in Weihenstephan, ehemals in der Weihenstephaner Klosterkirche, heute in Kloster Asbach (Zweigmuseum des Bayerischen Nationalmuseums, München) (Nr. 353); zum anderen ein heute verlorenes Altarblatt des ehemaligen Wallfahrtsaltars zu Tüntenhausen, das laut kopial überlieferter Inschrift 1613 von Propst Johannes Dollinger aus Neustift gestiftet wurde und den sel. Eberhard als Viehpatron zeigte (Nr. 377†).

Der größte zusammenhängende Bestand an Freisinger Inschriften auf Gemälden entstand im Anschluß an die Renovierung des Doms 1621/24, als die Altar- und übrige Gemäldeausstattung fast vollständig erneuert wurde. Er setzt um 1624 mit den Flügeln des Orgelprospekts ein, auf denen innenseitig oberhalb eines Engelskonzerts von zwei Engeln mit Psalmen beschriftete Bänder gehalten werden, außenseitig über der Maria einer Verkündigung in einem Buch, das ein Engel hält, die Signatur des Malers Melchior Heller aufscheint, jeweils in Kapitalis (Nr. 404).

Zu den frühesten Altarblättern dieser Erneuerung zählt das um 1625 von Peter Candid gemalte Altarblatt der Anbetung der Könige im heutigen Dreikönigsaltar. Außer einer Bildbeischrift in Form eines von Engeln gehaltenen Schriftbandes war auf ihm früher auch die Signatur des Künstlers zu lesen (Nr. 407). Das Altarblatt des Mariä-Opferungs-Altars mit Darstellung des Tempelgangs Mariä hängt heute im nördlichen Emporenaufgang; das sonst inschriftlose Bild läßt in der Tempelarchitektur die Jahreszahl MDCXXV erkennen (Nr. 410(†)). Das Altarblatt mit der Himmelfahrt Mariens aus dem ehemaligen Michaels- und Castulus-Altar hängt heute an der Westwand des nördlichen Kapellenschiffs; außer dem marianischen Ehrentitel AVXILIVM CHRISTIANORVM findet sich als Beischrift die Datierung 1626 (Nr. 412(†)). Der Thomasaltar in der Kapelle Pauli enthält als Altarblatt die Anbetung der Hirten, ein Werk des Augsburger Malers Matthias Kager von 1626, das er im Bildfeld in Fraktur signiert hat (Nr. 413). Eine Künstlersignatur ist auch auf der 1629 von Georg Vischer gemalten Darstellung der Ruhe auf der Flucht – dem ehemaligen Altargemälde des 1886 abgebrochenen Leonhard-und-Ägidius-Altar – zu sehen; das Bild hängt heute im Diözesanmuseum (Nr. 422). Das versenkbare Altarblatt des Elisabeth- bzw. Lukasbildaltars stellt den Tod Mariens dar und wurde laut der in Kapitalis ausgeführten Signatur von Ulrich Loth 1629 geschaffen (Nr. 425).

Auch für die Freisinger Stiftskirchen sind vereinzelt Gemäldeinschriften kopial überliefert. Zu nennen wären hier ein Gemälde der Hl. Familie mit Stifterinschrift der Familie Rieger in St. Veit, 1627 (Nr. 414†), ein Bildnis Ludwigs IX. des Heiligen mit Stifterinschrift des Stiftsherrn Wilhelm Franckh in St. Andreas, 1629 (Nr. 424†) und ein Gemälde (?) mit unbekannter Darstellung und Stifterinschrift des Wilhelm Sixtus Kepser in St. Johannes Baptist, vor 1633 (Nr. 435†). In den 1803 erstellten Versteigerungsinventaren von Dom und St. Andreas werden außerdem mehrere Gemälde von Peter Candid erwähnt, doch läßt sich nicht feststellen, ob diese Zuweisung aufgrund von Stilvergleichen oder Signaturen erfolgt ist (Anh. Nr. B16).

Holzbildwerke

Inschriften an oder bei Holzbildwerken lassen sich in Freising zweifelsfrei nur zwei feststellen: Wohl vom Meister der Blutenburger Apostel stammt die um 1484/89 entstandene Figur des hl. Erzengels Michael, die dem figuralen Anteil des Weihenstephaner Hochaltars angehört (Nr. 135). In ihrem Gewandsaum ist – nur schwer erkennbar – die dem Pater noster entnommene Gebetsinschrift et libera nos a malo amen in Gotischer Minuskel eingeschnitzt.

[Druckseite CXXX]

Unter den 1598 für die Stiftskirche St. Andreas angekauften, spätgotischen Figuren der Zwölf Apostel wurden die Stifternamen vermerkt, wohl auf separaten Kartuschen; erhalten hat sich davon jedoch nichts (Anh. Nr. B10).

Weihwasser- und Taufbecken

Kein einziges der Taufbecken im Stadtgebiet von Freising war bzw. ist mit einer Inschrift versehen. Dagegen gab es in der Mariahilfkapelle bei St. Veit ein Weihwasserbecken mit der Jahreszahl 1576 (Anh. Nr. B8), das im Jahre 1803 um 32 kr. verkauft wurde. Ein aus Solnhofer Stein gefertigtes Weihwasserbecken am nördlichen Ausgang der Stadtpfarrkirche St. Georg besitzt das Monogramm SP und gibt sich damit als Stiftung von Pfarrer Sebastian Pflüger (1656–1668) zu erkennen257), überschreitet also unsere Zeitgrenze.

Kruzifixe

Das Bildnis des gekreuzigten Heilands – zentrales Motiv der Erlösung der Menschheit durch den Opfertod Christi – spielt als Inschriftenträger in gemalter oder geschnitzter bzw. gegossener Form in Freising keine größere Rolle. Überliefert ist lediglich die Stifterinschrift des Hofglasers Hans Sauschlegl, der 1591 ein bei St. Georg befindliches Kruzifix renovieren und fassen ließ (Nr. 330†). Das im 19. Jahrhundert im Außenbereich aufgestellte Kreuz ist heute ebenso wie die Inschrift verloren. Im Dom waren unmittelbar vor der Säkularisation laut Inventar 34 Altarkruzifixe vorhanden, doch kann die Provenienz keines einzigen der heute noch vorhandenen Stücke zweifelsfrei geklärt werden. So muß auch der wohl dem Ende des 16. Jahrhunderts angehörende Bronzekruzifixus, der auf dem Fußwaschungsaltar der Domsakristei steht, außer Katalog geführt werden (Anh. Nr. D6); außer dem üblichen INRI-Titulus ist hier eine deutsche Gebetsinschrift in Kapitalis an der kassettierten Frontseite des Kreuzsockels vorhanden. Zum 1485 datierten Kreuz auf dem Sühnedenkmal für Nikolaus von Abensberg und Burkhard Rorbeck von Rorbach s. Einleitung CXXXV.

Paramente und andere textile Inschriften

Unter den wenigen textilen Inschriften in Freising ragt die Stola von Bischof Konrad III. (1314–1322) hervor, die erstmals 1714 und dann wieder 1972 aufgefunden wurde (Nr. 14, Abb. 29); seitdem wird sie im Diözesanmuseum verwahrt; sie ist zugleich der einzige erhaltene textile Inschriftenträger des Erfassungszeitraums. Das in mehrere Fragmente zerbrochene Stück aus Seide, das in sog. Brettchenarbeit gefertigt wurde, dürfte – wie Vergleichsbeispiele aus Utrecht, Trier und Bremen nahelegen – in einer Regensburger oder Kölner Werkstätte zu Beginn des 13. Jahrhunderts hergestellt worden sein, also ein Jahrhundert vor dem Episkopat Konrads. In vertikal angeordneten Feldern sind Szenen aus dem Leben Jesu wiedergegeben, über denen Beischriften in einer eigentümlich byzantinisierenden Kapitalis stehen. Ob ein bewußter Formwille oder aber die Herstellungstechnik, die bei der Buchstabenbildung kaum Rundformen zuläßt, hier die maßgebliche Rolle spielte, muß offen bleiben.

Drei liturgische Gewandungen aus der Domkirche, die alle der Zeit um 1600 angehören, sind nur archivalisch belegt: So gab es einen 1593 datierten Ornat aus rotem Samt mit Wappen und Stifterinschrift von Domherr Anton Welser (Nr. 336a†), außerdem ein silberfarbenes Pluviale mit dem Wappen des Domherrn Ulrich Hacker und der Datierung 1594 (Anh. Nr. B9) sowie einen blauen Ornat aus Seide mit der Jahreszahl 1604 (Anh. Nr. B12).

Inschriften an Gebäuden, Wandmalereien, Bildfenster

Unter den Inschriften, deren Träger der wandfesten Ausstattung zuzurechnen sind, nehmen die Glasfenster in Freising zahlenmäßig die größte Gruppe ein. Wandmalereien und Inschriften an Gebäuden treten demgegenüber in den Hintergrund, doch sind es hier gerade die kopial überlieferten mittelalterlichen Bauinschriften, die Interesse beanspruchen. Auffällig ist dennoch, daß es in der Stadt Freising im Gegensatz zu den meisten altbayerischen Städten und Märkten kaum Bürgerhäuser oder kommunale Gebäude gibt, die mit Inschriften aus dem Erfassungszeitraum versehen sind. Ebenso fehlt in Freising fast völlig die andernorts mit reichlich Material vertretene Gruppe der Rötel-Sgraffitos.

Bauinschriften, Baudatierungen, Weiheinschriften

Die für Freising kopial überlieferten oder noch erhaltenen Bau- und Weiheinschriften sind nicht besonders zahlreich und lassen auch keine ausgewogene zeitliche Verteilung erkennen: Die Schwerpunkte [Druckseite CXXXI] liegen hier im 12. Jahrhundert und in der Zeitspanne von der zweiten Hälfte des 15. bis zur ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts.

Durch ein um 1100 verfaßtes Freisinger Sakramentar sind gleich drei in Hexametern mit leoninischem Reim abgefaßte Bauinschriften bzw. Tituli für die Benediktuskirche belegt, die wohl anläßlich einer etwa zeitgleich erfolgten Renovierung durch den Domherrn Engelschac entstanden sind: Die erste befand sich vor den Chorschranken und erwähnte explizit die Bautätigkeit Engelschacs (Nr. 4†, Abb. 141), die zweite hatte ihren Standort in der Apsis und verwies auf die nach damaliger Ansicht herausragende geschichtliche Bedeutung der Benediktuskirche für das Bistum (Nr. 5†, Abb. 141), eine dritte war ebenfalls in der Apsis angebracht und bezog sich auf den hl. Martin, den Engelschac als zweiten Patroziniumsheiligen installierte (Nr. 7†, Abb. 141). Derselben Zeit gehörte eine Weiheinschrift an, die sich wohl in dem unter Bischof Anno errichteten Dom befand und auf das Doppelpatrozinium St. Maria und Korbinian verwies (Nr. 6†). Während die vorgenannten Inschriften der Benediktuskirche vermutlich bis zu deren Neubau im Jahre 1347 überdauert haben, ging die Weiheinschrift des Doms im Verlauf der Brandkatastrophe des Jahres 1159 zugrunde. Mit dem Wiederaufbau der Domkirche erfolgte auch die Anlage einer Krypta, an deren bauplastischem Schmuck mehrere Meister beteiligt waren, so auch ein Liutprecht, der sich an einem Kapitell namentlich verewigt hat (Nr. 9, Abb. 19). Das aufwendig gestaltete, neue Westportal erhielt Stifterreliefs von Kaiser Friedrich I. Barbarossa und seiner Gemahlin, Kaiserin Beatrix von Burgund, die beide mit ihren Namensbeischriften versehen sind; bei der wohl im 17. Jahrhundert erneuerten Beischrift von Beatrix ist außerdem das Jahr 1161 genannt (Nr. 13, Abb. 21, 22).

Bau- und Weiheinschriften setzen nun erst wieder im Spätmittelalter ein. Aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts ist durch Frey eine Weiheinschrift (?) aus St. Veit in Nachzeichnung überliefert (Nr. 57†), doch lassen sich der bereits um 1800 fragmentierten Tafel keine näheren Informationen entnehmen. Ein frühes Beispiel für eine Hausinschrift ist am sog. Thalhuberhaus (Untere Hauptstraße 38) anzutreffen, wo streifenförmige Ziegeltafeln in einer erhabenen Gotischen Minuskel die Erbauung des zu Kloster Neustift gehörenden Hauses im Jahre 1434 durch einen Ulrich Holmas dokumentieren (Nr. 76, Abb. 5–7). Zu den weiteren Bauinschriften des 15. Jahrhunderts gehören die an die innere Chorscheitelwand der Tüntenhausener Kirche gemalte römische Jahresangabe 1447 (Nr. 85), eine in die Mitte des 15. Jahrhunderts zu datierende Steintafel im Chor der Benediktuskirche mit der Angabe des Patroziniumsfestes für den Hochaltar (Nr. 94), die freskierte Baudatierung 1448 an der Decke der ehemaligen unteren Domsakristei (Nr. 90, Abb. 8), der 1494 gesetzte Schlußstein mit Stifterinschrift im südlichen Seitenschiff der Stadtpfarrkirche St. Georg (Nr. 139, Abb. 9) und die dortige gemalte Baudatierung von 1497 (Nr. 144). Nur wenig später entstand die freskierte Weiheinschrift des Katharinenaltars im südlichen Seitenschiff der Stiftskirche St. Johannes Baptist (Nr. 199).

1510 ließ der Propst von St. Veit, Vitus Meler, mit Mitteln seines Vorgängers Andreas Zierenberger die Stiftskirche einwölben und in diesem Zusammenhang eine Bau- und Stifterinschrift anbringen, die u. a. Oefele überliefert (Nr. 161†).

Die repräsentativste und zugleich monumentalste Freisinger Bauinschrift wurde von Stephan Rottaler 1520 gefertigt, sie ist heute im Hof der ehem. fürstbischöflichen Residenz an der Wand unter der nördlichen Arkadenreihe angebracht. Es handelt sich dabei um eine große, querformatige Rotmarmortafel mit einer fünfzeiligen Inschrift in Renaissance-Kapitalis, die auf den von Bischof Philipp veranlaßten Beginn der Bauarbeiten am Nord- und Ostflügel im Jahre 1519 verweist (Nr. 178, Abb. 98). Eine aus hellem Kalkstein gearbeitete Wappenplatte über der Toreinfahrt des neuen Schlosses (heute Domgymnasium) nennt neben den Baudaten 1534 und 1537 wiederum Bischof Philipp als Auftraggeber (Nr. 205, Abb. 110). Weitere Bauinschriften aus dem Erfassungszeitraum befinden sich in der Gottesackerkirche: Hier wurden anläßlich einer früheren Restaurierung an der Spitze der inneren Chorscheitelwand ein kleines Doppelwappen mit den flankierenden Kapitalis-Initialen von Bischof Heinrich und das Baudatum 1544 freigelegt (Nr. 217); an der Langhausnordwand zeigt eine aus dem 19. Jahrhundert stammende, vielleicht aber eine erheblich ältere Fassung ersetzende Wandmalerei das große bischöfliche Wappen Heinrichs und teilt in einer fünfzeiligen Inschrift darunter die Entstehung der Kirche in den Jahren von 1543 bis 1545 mit.

Eine ehemals in der Kepser-Kapelle des Doms angebrachte Schrifttafel von 1627 verweist in einem langen Text auf die Stiftungs- und Bautätigkeit des Generalvikars Wilhelm Sixtus Kepser für diese Kapelle (Nr. 415). Dieser Gruppe ist ebenfalls die nur als Fragment erhaltene Gedenkplatte von 1629 zuzurechnen, die auf die Translation der Gebeine des sel. Batho innerhalb der Stiftskirche St. Andreas Bezug nimmt und sich dabei sowohl hinsichtlich Formular als auch Schriftbild an hochmittelalterlichen Vorbildern orientiert (Nr. 402, Abb. 134).

[Druckseite CXXXII]

Wappensteine

Gemessen an anderen bayerischen Bischofsstädten (z. B. Passau oder Eichstätt) ist die Zahl von bischöflichen Wappensteinen, die die Bautätigkeit oder den Besitz des Bischofs an einem Gebäude oder Gegenstand dokumentieren, in Freising ausgesprochen gering. Der einzige erhaltene Wappenstein ist die bereits erwähnte Platte über der Durchfahrt des neuen Schlosses, die mit einer 1534 und 1537 datierten Bauinschrift versehen ist (Nr. 205, Abb. 110). Eine weitere in Stein gearbeitete bischöfliche Wappendarstellung begegnet uns auf dem im Diözesanmuseum verwahrten Steinquader, der als Sonnenuhr diente (Nr. 464, Abb. 135). Hier zeigt die Frontseite das Wappen von Bischof Veit Adam, verbunden mit dessen Initialen und der Jahreszahl 1649. Aus späterer Zeit sind im Stadtgebiet zahlreiche Wappensteine anzutreffen, die auf eine Erbauung unter Bischof Eckher zurückgehen.

Wand- und Deckenmalereien

Aus dem Erfassungszeitraum sind in Freising nur wenige Wand- und Deckenmalereien nachweisbar oder erhalten, die wiederum nur zum kleineren Teil mit Inschriften versehen wurden. Der Grund für diese erstaunlich dürftige Überlieferungssituation mag darin liegen, daß die Freisinger Bischöfe die ihrem unmittelbaren Herrschaftsbereich zugehörigen Sakral- und Profanbauten stets durch Überformungen, Erweiterungen und Neuanlagen dem jeweiligen Zeitgeschmack angepaßt haben, wodurch eventuell vorhandene Malereien in der Regel verdeckt oder zerstört wurden. Anders als im Falle der Grabdenkmäler wurde die mit der Wand verbundene gemalte Ausstattung nicht als Gegenstand der Memoria angesehen und war daher ohne weiteres austauschbar.

Der nach kopialer Überlieferung vermutlich früheste Freskenzyklus gehörte dem Ende des 11. oder Beginn des 12. Jahrhunderts an und war in der Benediktuskirche angebracht (Nr. 3†). Zu sechs Darstellungen aus dem Leben Jesu gab es in Hexametern abgefaßte Bildüberschriften, wobei über die Anordnung der einzelnen Bildszenen nichts bekannt ist.

Gesichert ist auch die Existenz eines ebenfalls verlorenen Korbinianszyklus’ aus der Zeit bald nach der 1159 einsetzenden Domrenovierung, der wohl in der Krypta nahe dem Korbinianssarkophag zu lokalisieren ist (Nr. 12†). 16 gemalten Szenen aus der späteren Fassung der Korbiniansvita waren gereimte Bildüberschriften in Hexametern beigefügt, allerdings ist auch in diesem Fall die genaue Anordnung der einzelnen Bilder nicht gesichert. Dieser Zyklus dürfte erst im Zuge der ersten Dombarockisierung 1621/24 beseitigt worden sein.

Auffallend ist nun, daß mit Ausnahme des 1448 datierten Wappenmedaillons an der Decke der ehemaligen unteren Sakristei (Nr. 90, Abb. 8) bei fast sämtlichen erhaltenen oder durch Quellen dokumentierten Freisinger Wandmalereien des späteren Mittelalters Inschriften zu fehlen scheinen. So zeigen weder die Fragmente des großen, an der inneren Westwand des Doms noch vorhandenen Weltgerichtsfreskos von 1450 Inschriften258), noch gab es offenbar solche auf dem in der Sakristei 1458 freskierten Wandbild, das den von Heiligen flankierten Gnadenstuhl darstellt259) oder auf dem Wandfresko, das 1701 im Dom am ersten südlichen Pfeiler von Westen aufgedeckt wurde, wo ein gemahlnes Frauenbild mit dem Kündl auf dem Arm, auf der linkhen handt ein Ritter mit ein mörgrienen claidt und rothen Ermeln Knient, auf der rechten handt ein Heilliger in einem Veigelfarben claid Knienter zu sehen waren260). Dagegen wurden die an die Decke von Domkreuzgang und Seitenschiffen des Doms in der Mitte des 15. Jahrhunderts gemalten Wappenschilde möglicherweise von Inschriften begleitet261), ebenso einige im Kreuzgang an die Wand gemalte Wappen bei der Sebastianskapelle, die 1682 übertüncht wurden262). Die einzige gesicherte Inschrift in diesem Zeitraum besaß das Fresko an der nördlichen Chorwand der Benediktuskirche. Es zeigte die Mondsichelmadonna zusammen mit dem Stifter der Bilder, den Domherrn Heinrich Judmann, darunter war seine zweizeilige Namensinschrift mit der Datierung 1428 angebracht (Nr. 75†, Abb. 18). Außerdem gibt es zwei kleinere Inschriften aus dem 15. Jahrhundert, die außerhalb eines Bildzusammenhangs geschaffen wurden: zum einen die gemalte Bau- oder Weiheinschrift von 1442 in Tüntenhausen (Nr. 85), zum anderen die Baudatierung von 1497 in St. Georg (Nr. 144).

Für das 16. Jahrhundert setzt die Überlieferung mit einem heute verlorenen, freskierten Gemälde-Epitaph an der Außenwand der Allerheiligenkapelle bei St. Veit ein (Nr. 195†). Nach Oefele befanden sich unter der Darstellung des Verstorbenen mit seinen Kindern nur seine Namensinschrift und die Datierung 1528. Wohl dem ersten Drittel des 16. Jahrhunderts gehört eine erhaltene Weiheinschrift [Druckseite CXXXIII] für einen Altar an, der sich ehemals im südlichen Seitenschiff der Stiftskirche St. Johannes befand (Nr. 199, Abb. 87); der von einer roten Rahmung eingefaßte, dreizeilige Text ist in einer gerundeten Ausformung der Gotischen Minuskel gestaltet, besitzt jedoch noch keine Fraktur-Elemente. Von der Renaissance-Ausmalung der fürstbischöflichen Residenz hat sich ein bedeutender Rest im Nordflügel erhalten, wenn auch in sehr schlechtem Zustand: An der Südwand eines ehemals großen Raumes erscheint innerhalb einer rahmenden Architektur die sechzehnfache Ahnenprobe von Bischof Philipp, von der jedes Wappen mit einer Beischrift in Fraktur versehen ist (Nr. 209, Abb. 11); da ein Auftreten der Frakturschrift in Freising vor 1530 nicht wahrscheinlich ist, dürfte das Wandbild während des letzten Lebensjahrzehnts von Bischof Philipp geschaffen worden sein, also zwischen ca. 1530 und 1541. Auch das von Philipp zwischen 1534 und 1537 errichtete neue Schloß besaß eine Ausstattung mit Wandmalereien, wovon heute ebenfalls nur noch Fragmente zeugen, jedoch sind hier keine Inschriften vorhanden. Eine im Jahre 2000 in der Stadtpfarrkirche St. Georg kurzzeitig freigelegte Stifterinschrift war nach Ausweis der wenigen erhaltenen Reste ebenfalls in einer frühen Frakturschrift ausgeführt, doch ließen sich weder der genaue Textinhalt noch eine zugehörige Bilddarstellung diagnostizieren (Nr. 224). Auf die freskierte Baudatierung von 1544 im Chor der Gottesackerkirche (Nr. 217) und die im 19. Jahrhundert möglicherweise überfaßte ältere Baunachricht an der Nordwand des Kirchenschiffs wurde bereits oben eingegangen.

Die einzigen auf Putz gemalten Inschriften des 17. Jahrhunderts begegnen uns in der bischöflichen Residenzkapelle im Gewölbe des Chorraums (Nr. 426, Abb. 132). Innerhalb von drei Stuckkartuschen sind hier Texte von Johannes Damaszenus in ockergelber Kapitalis mit schwarzen Schattenkonturen wiedergegeben. Diese 1629 gemalten Inschriften sind zugleich die letzten als Wandmalerei ausgeführten innerhalb des Erfassungszeitraums. Deckenmalereien mit Inschriften treten erst wieder im 18. Jahrhundert auf, mit Schwerpunkt auf der Ausmalung der Domkirche durch Cosmas Damian Asam im Jahre 1724.

Inschriften in Stuck

Mit der seit Ende des 16. Jahrhunderts in Süddeutschland zunehmend gepflegten Raumdekoration durch Stukkaturen entstanden neben den in der Frühzeit als Model- bzw. Versatzstuck hergestellten Ornamentleisten auch in Stuck gearbeitete Inschriften. Sie besaßen jedoch naturgemäß zumeist nur begleitenden Charakter als Monogramme, Initialen oder Datierungen. Auch in der unter Bischof Veit Adam renovierten Raumflucht der fürstbischöflichen Residenz gibt es einen Saal, der an der Decke innerhalb von Kreismedaillons je ein Jesus- und ein Marienmonogramm aufweist, außerdem an einer Wand eine querovale Kartusche mit dem Doppelwappen und den Initialen des Bischofs, dazu die Datierung 1619 (Nr. 396). Eine ähnliche Kartusche mit dem bischöflichen Doppelwappen und den Initialen von Veit Adam ist im Chor der bischöflichen Residenzkapelle über dem Chorbogen zum Gemeinderaum angebracht, allerdings fiel die ebenfalls stuckierte Jahreszahl 1629 baulichen Eingriffen zum Opfer (Nr. 426).

Sgraffitos

Die sonst in zahlreichen Kirchen und teils auch in historischen Profanbauten anzutreffenden, meistens mit Rötelstift ausgeführten Kritzelinschriften fehlen in Freising fast völlig. Da gerade die Gebäude auf dem Domberg im 19. und 20. Jahrhundert wiederholten Renovierungen unterworfen waren, ist auch nicht davon auszugehen, daß hier noch irgendwo eine originale Raumschale des 16. oder 17. Jahrhunderts vorhanden ist, wo sich derartige Sgraffitos erhalten hätten. Die einzige bekannte, in Rötel ausgeführte Kritzelinschrift wurde auf eine Wand im Flur des Hauses Ziegelgasse 1 angebracht, jedoch erlaubt der schlechte Erhaltungszustand keine Aussagen über den Inhalt des 1559 datierten Textes (Anh. Nr. D2).

Bildfenster

Auch wenn es in Freising und hier insbesondere im Dom nie einen umfangreichen Zyklus größerformatiger Bildfenster wie etwa in der Münchner Frauenkirche oder im Augsburger Dom gegeben hat, so ist doch eine stattliche Zahl an bemalten Scheiben in situ erhalten, jedoch in teilweise fragmentarischem Zustand. Der vermutlich größere Teil dürfte bereits lange vor Einsetzen einer kopialen Überlieferung im späten 17. Jahrhundert verlorengegangen sein.

Das erste, durch Nachzeichnung dokumentierte Bildfenster hatte seinen Standort im südlichen Seitenschiff der Benediktuskirche. Es stellte den Stifter, Domherr Ulrich Waller von Wall, als knienden Oranten vor dem hl. Ulrich dar und war mit einer zweizeiligen, 1409 datierten Namensbeischrift versehen (Nr. 62†, Abb. 17).

Das früheste erhaltene und zugleich größte Freisinger Bildfenster ist im Chorscheitelfenster der Benediktuskirche eingesetzt (Nr. 63, Abb. 4, 17). Es stammt von 1412 und wird dem sogenannten [Druckseite CXXXIV] Meister des Astaler-Fensters zugeschrieben. Drei vertikal angeordnete Kreisfelder thematisieren Maria als Tempeljungfrau, die Verkündigung und die Geburt Christi, wobei das mittlere Kreisfeld mit einer Umschrift des Ave Maria in Gotischer Minuskel versehen ist. Weitere miniaturhafte Pseudo-Beischriften sind auf alle drei Bildfelder verteilt. Ein heute modern ergänztes, viertes Feld am unteren Ende wies laut kopialer Überlieferung durch Eckher ursprünglich eine Darstellung des Stifters Dompropst Eglolf von Hornpeckh als Orant mit seinem Wappenschild und dem seiner Mutter auf, begleitet von einem hl. Bischof sowie den hll. Sigismund und Korbinian, dazu eine datierte Namensbeischrift. Auch die anderen Chorfenster besaßen ursprünglich Bildscheiben. So wurden 1436 Martin, der Glaser, und Meister Hanns der Gleismüller für Arbeiten an einem Chorfenster entlohnt, doch ist über dieses nichts weiter bekannt.

Die nächstfolgenden Bildscheiben sind wiederum für die Benediktuskirche durch Nachzeichnung belegt: Eine befand sich im nördlichen Seitenschiff, war laut Beischrift 1420 datiert und zeigte den Wappenschild des Domherrn Petrus Walther (Nr. 70†, Abb. 18), die anderen waren in ein Fenster des südlichen Seitenschiffs eingebaut und wiesen Darstellungen des Stifters Nikolaus von Gumppenberg, der Heiligen Nikolaus, Korbinian, Benedikt, Jakobus d. Ä. sowie einer sitzenden Muttergottes auf, außerdem eine zweizeilige Beischrift von 1434 (Nr. 77†, Abb. 18). Außerdem gab es in den Seitenschiffen beschriftete Wappenscheiben von Gerhoch von Waldeck (dat. 1382), Franz von Preysing sowie von Konrad Schauch und seiner Mutter (dat. 1366), doch ist ihre Zeitstellung ungewiß, da es sich auch um retrospektiv angefertigte Bildfenster handeln könnte (s. bei Nr. 63, Abb. 17).

Im Kreuzgang des Klosters Weihenstephan existierten offenbar auch Wappenscheiben. Von diesen gibt Wiguleus Hundt die Inschrift des 1494 datierten Bildfensters für Barbara Schenk von Schenkenstein wieder (Nr. 138†).

Für Weihbischof Matthias Schach hat sich in der Stadtpfarrkirche St. Georg eine 1512 datierte Wappenscheibe mit Darstellung seines Vollwappens erhalten, darüber verweist eine auf Bändern angebrachte Namensbeischrift in Gotischer Minuskel auf den Wappenträger (Nr. 162, Abb. 15).

Die ersten in Freising nachweisbaren Bildfenster im Stil der Renaissance befanden sich in der vom Stiftsherrn von St. Andreas, Wolfgang Wirsing, gestifteten Allerheiligenkapelle und kamen im 19. Jahrhundert an das Kunstgewerbemuseum in Berlin, wo sie im Zweiten Weltkrieg zugrunde gingen. Die von Hans Wertinger geschaffenen, hochformatigen Bildscheiben wiesen das gängige Repertoire an architektonischer Rahmung in Form von Balusterbrüstungen, Säulen und Festons sowie Laubwerk als Hintergrundfläche auf, dazu Darstellungen des Kapellenstifters, des hl. Andreas, seiner Eltern und von Bischof Philipp. Unter einigen der Bildscheiben waren rechteckige Felder für die ein- oder zweizeiligen Beischriften in einer verzierten Gotischen Minuskel reserviert, eine Bildscheibe besaß auch ein Schriftband im Bildfeld (Nr. 170†).

Der ehemals größte zusammenhängende Zyklus an Bildfenstern in Freising entstand ab 1575 für die Stadtpfarrkirche St. Georg. Wie der Inschrift einer heute nur noch fragmentarisch erhaltenen Wappenscheibe (Nr. 288) von Domdekan Johannes von Adelzhausen zu entnehmen ist, war der Beweggrund seiner Stiftung – wie sicher auch aller nachfolgenden Bildfensterstiftungen – ein größerer Schaden an der Kirchenverglasung, den ein Unwetter im Vorjahr verursacht hatte. Vermutlich gleichzeitig mit der Wappenscheibe stiftete er ein Fenstertriptychon mit einer Kreuzigungsgruppe (Nr. 289). Die Datierungen der wenigen, mit Jahreszahlen versehenen Wappenscheiben schwanken zwischen 1575 (Nr. 287) und 1578 (Nr. 301), sämtliche anderen, undatierten Stücke dürften auch in diesem Zeitraum entstanden sein; zumindest ist für das Jahr 1577 die Herstellung von Wappenscheiben für eine Reihe von Domherren belegt263). Format, Zusammenstellung und Aussehen der einzelnen Bildfenster weichen teils deutlich voneinander ab. Größtenteils handelt es sich um ein jeweils leicht querrechteckiges Wappenfeld, dem seitlich Baluster in architektonischer oder vegetabiler Gestalt und darunter ein Schriftfeld beigegeben sind; die zumeist zweizeiligen Namensbeischriften sind dabei in Fraktur, Kapitalis oder in beiden Schriftarten ausgeführt (Nr. 297, 302, 303, 304, 305, 306, 309†). Diese Bildfenster dürften ursprünglich paarweise angeordnet gewesen sein, wobei sich auch anhand der frühesten kopialen Überlieferung nicht mehr rekonstruieren läßt, wie die Bildscheiben angeordnet und wie viele Bahnen und Reihen welcher Fenster besetzt waren. Einige Scheiben besitzen ein etwas größeres Format, hier ist die Schrift zum Teil auch seitlich neben dem Wappen positioniert (Nr. 294, 301, 308, 308(†)), außerdem gibt es eine großformatige Wappenscheibe mit heraldischem und figuralem Beiwerk (Nr. 287) bzw. das Fragment einer solchen Scheibe (Nr. 288). Dem Freisinger Bischof als prominentestem Stifter waren zwei große, 1576 datierte Doppelfenster vorbehalten, die sein Wappen und eine Kartusche mit Namensbeischrift in Fraktur bzw. die Marienkrönung [Druckseite CXXXV] mit Heilig-Geist-Taube und die hll. Korbinian und Sigismund zeigten (Nr. 293). Über die Anzahl der zu Ende des 16. Jahrhunderts in St. Georg vorhandenen Bildfenster mit Wappen lassen sich keine gesicherten Aussagen treffen; die mehr als dreißig heute noch vorhandenen Stücke stellen jedoch mit Sicherheit nur den Bruchteil eines ursprünglich sehr viel größeren Bestandes dar, der – wie die kopiale Überlieferung belegt – bereits im 18. Jahrhundert stark dezimiert gewesen sein dürfte.

Ein weiteres Bildfenster aus dieser Zeit befand sich laut Versteigerungsinventar in der Allerheiligenkapelle. Dargestellt war der Stifter Hieronymus Schretzmayr als Orant, außerdem war eine 1594 datierte Namensbeischrift vorhanden.

Mit dem 17. Jahrhundert bricht in Freising die Verglasung mit Bildfenstern nahezu ab. Die Stiftskirche St. Johannes Baptist besaß noch bis ins 18. Jahrhundert eine Bildfensterausstattung, die jedoch vermutlich noch dem 16. oder frühen 17. Jahrhundert angehört hat. Der Kopist Oefele überliefert hiervon eine mit einer Stifterinschrift versehene Bildscheibe, die einen Franziskanermönch zeigte (Nr. 471†). Für das Jahr 1625 ist eine Wappenscheibe im sog. Gebeckhischen Haus (Untere Hauptstraße 26/28) belegt, die das Wappen von Rudolf Plieml aufwies (Anh. Nr. B17). Das einzige in Freising erhaltene Bildfenster des 18. Jahrhunderts wurde von Bischof Eckher nach St. Georg gestiftet264).

Flurdenkmäler

Die Zahl der für das Stadtgebiet von Freising nachgewiesenen Inschriftendenkmäler im Außenbereich ist gering. Es fehlen etwa Brunnen mit Beschriftungen, die andernorts verbreiteten Sühnekreuze aus dem 15. und 16. Jahrhundert, ebenso die als „Marterl“ bekannten Bildsäulen.

Durch Nachzeichnung gleich mehrfach überliefert ist dagegen das ehemals auf dem Anger aufgestellte, rotmarmorne Denkmal für Nikolaus von Abensberg und Burkhard Rorbeck von Rorbach, das an deren Ermordung durch Herzog Christoph am 28. Februar 1485 erinnerte (Nr. 131†). Im unteren Teil befand sich die Gedenkinschrift, darüber folgten ein Relief der Kreuztragung, dann das Abensberger-Wappen, schließlich ein Kreuz mit Datierung und Namensinschrift. Das Denkmal wurde 1804 abgebrochen und durch einen massiven Pfeiler mit Beschriftung an derselben Stelle – an der B11 vor dem Schlüter-Gelände – ersetzt.

Von drei Steinkreuzen nahe dem Münchner Tor, die möglicherweise zu einem Kalvarienberg gehörten, besaß eines eine gereimte Renovierungsinschrift des Freisinger Hofrats von 1583 (Nr. 313†); 1646 spielte diese Inschrift bei einer erneuten Renovierung eine Rolle hinsichtlich der Kostenübernahme.

Bedingt durch die territoriale Abgrenzung zwischen der hochstiftischen Stadt Freising und dem umgebenden Kurfürstentum Bayern ist die Gattung der Grenzsteine gut vertreten. Im Zuge der ersten Vermarkung 1639 wurden zehn durchnumerierte Grenzsteine aufgestellt, von denen sich heute noch drei in situ erhalten haben: Nr. 2 auf dem Feld westlich hinter Angerstraße 54 (Nr. 445), Nr. 6 westlich der Wippenhausener Straße im Wald, nördlich der Zufahrt zum Schießplatz (Nr. 446) und Nr. 7 westlich an der Pettenbrunner Straße am Waldausgang (Nr. 447). Diese Steine erhielten auf der Vorderseite die Jahreszahl 1639 und den Buchstaben F für Freising, rückseitig den Buchstaben B für Bayern. Ein heute verlorener zehnter Stein stand bis in die Siebzigerjahre des 20. Jahrhunderts im Vorgarten des Hauses Alte Poststraße 374 (heute 19/21) und besaß auf der Vorderseite zusätzlich die Buchstaben N X, also „Nr. 10“ (Nr. 448). Außerdem gab es drei sog. Geleitsmarksteine (Nr. 449, 450†, 451†), mit denen die Stelle markiert wurde, bis wohin einem Reisenden persönliches Geleit bzw. Geleit durch ein Begleitschreiben zugesichert wurde. Davon hat sich ein Stein östlich an der Haindlfinger Straße beim Bildstock der sog. Kleinen Wies erhalten, der auf der Vorderseite neben der Jahreszahl 1639 und dem Buchstaben F auch noch ein G für Geleit aufweist, rückseitig ist wiederum ein B für Bayern eingehauen (Nr. 449). Im 18. Jahrhundert wurde die Zahl der Grenzsteine erheblich ausgedehnt, zudem wurden die Steine von 1639 mehrfach renoviert und deren Inschriften um die Renovierungsdaten ergänzt.

Historisierende Inschriften

Da Inschriften in der Regel bedeutsame Inhalte in Schriftform auf dauerhaftem Material mitteilen, sind sie per se Informationsträger mit Gedenk- bzw. Gedächtnischarakter. Zumeist entstanden sie in zeitlicher Nähe zum benannten Ereignis. Grabdenkmäler wurden manchmal sogar noch zu Lebzeiten des Verstorbenen in Auftrag gegeben, in der Regel aber innerhalb der nächsten Jahre nach dessen Ableben. Hochgestellte Persönlichkeiten aus Kirche und Adel erhielten jedoch oft noch Jahrhunderte [Druckseite CXXXVI] nach ihrem Tode Gedächtnismale, um zerstörte oder beschädigte Vorgängerwerke zu ersetzen, manchmal handelte es sich aber auch um vollständige Neuschöpfungen. Innerhalb des Freisinger Bestandes gibt es nun retrospektiv entstandene Grabdenkmäler und Beischriften in einer Fülle, wie sie bei keinem anderen bayerischen Bistumssitz anzutreffen ist.

Das früheste Beispiel ist die Grabinschrift für einen Fritelo (Nr. 2†), die eine Quelle aus der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts überliefert. Diese ist in einer Sammlung von 400 lateinischen Gedichten enthalten, unter denen sich auch noch weitere für Freising relevante Texte befinden. Das Gedicht wird aufgrund seines Versmaßes – Distichon mit leoninischem Reim – in das 11. Jahrhundert oder den Beginn des 12. Jahrhunderts datiert. Die in Bezug auf den genannten Fritelo getroffene Aussage quem multum patria laudat deutet darauf hin, daß es sich dabei um den 843 bis 870 in Freisinger Urkunden hinreichend bezeugten bayerischen Pfalzgrafen handelt. Die kopiale Überlieferung gibt demnach eine Inschrift des 11. oder 12. Jahrhunderts für einen im 9. Jahrhundert Verstorbenen wieder. Da diese Inschrift später nie wieder in Erscheinung trat, steht zu vermuten, daß sie bereits während des großen Dombrandes 1159 zugrunde ging. Die Sicherung der Überlieferung bereits im hohen Mittelalter gehört jedoch zu den Selbstverständlichkeiten der Freisinger Historiographie, wie das unter Cozroh – dem Leiter der bischöflichen Kanzlei – bald nach 824 angelegte Kopialbuch, das Traditionsbuch des Conradus Sacrista von 1187 sowie die hochmittelalterlichen Bauinschriften, Tituli und Beischriften in Dom und Benediktuskirche (Nr. 3†, 4†, 5†, 6†) belegen. Ein weiteres retrospektives Grabmal erhielt der zur Zeit von Fritelo regierende Bischof Erchanbert († 854, Nr. 17(†), Abb. 24). Über seiner Grabstätte in der karolingischen Peterskapelle wurde für ihn im 13. Jahrhundert ein das Bodenniveau um zwei Schuh überragendes Hochgrab errichtet, das eine figurale Deckplatte besaß; die Randleiste erhielt die Grabinschrift in romanischer Majuskel.

Ins 14. Jahrhundert fällt die Errichtung einer Tumba für Bischof Ellenhard († 1078, Nr. 24†, Abb. 148) in der Stiftskirche St. Andreas. Die mächtige figurale Deckplatte aus Sandstein wies auf der Randleiste in einer Gotischen Majuskel nicht nur die Sterbedaten Ellenhards auf, sondern erwähnte auch seine Stiftungstätigkeit. Durch die namentliche Bezeichnung der beiden reliefierten Stifterfiguren am Unterbau läßt sich die Tumba auf die Jahre 1324/29 datieren. Nur wenige Jahre zuvor hatte der bischöfliche Territorialbesitz eine Phase staatlicher Festigung durchlaufen, indem die Grafschaften Werdenfels und Ismaning erworben werden konnten und die Erhebung des Herrschaftsgebiets zum Hochstift gelang265). Die Folge davon war eine politische Abspaltung vom Herzogtum Bayern, in dem der Kernbesitz des Fürstbistums Freising nun als Enklave eingeschlossen lag. Wie sehr in dieser Zeit Inschriften als authentische Zeugnisse der eigenen Geschichtlichkeit wahrgenommen wurden, beweist ein bald nach 1347 erstelltes Reliquienverzeichnis für den Stipes der Benediktuskirche, das u. a. auch die Abschrift einer Bauinschrift aus der Zeit um 1100 enthält (Nr. 4†, Abb. 141).

Ein besonderes Verhältnis zur eigenen Tradition – die in erster Linie eine Tradition des Episkopats ist – wird im 15. Jahrhundert sichtbar, das Freising langandauernde Auseinandersetzungen mit der römischen Kurie hinsichtlich der Besetzung des Bischofsstuhls bescherte. In dieser Zeit der Unsicherheit, in der das Hochstift für nur jeweils kurze Zeitspannen von durchsetzungsfähigen Bischöfen regiert wurde, enstand der Wunsch nach einer Vervollständigung der sichtbaren geschichtlichen Zeugnisse. Man stellte anhand der Quellen fest, daß im südlichen Seitenschiff des Doms eine bischöfliche Grablege bestand, ohne daß Grabdenkmäler auf sie verweisen würden. Diejenigen, von denen sich der Begräbnisort zweifelsfrei ermitteln ließ, erhielten nun nach und nach beschriftete Gedenkplatten, doch wurde hierbei offenbar nicht chronologisch vorgegangen266). Die darstellungslose Gedenkplatte für Bischof Abraham († 992, Nr. 149, Abb. 88) war vermutlich ins Pflaster eingelassen und dürfte dem Ende des 15. Jahrhunderts angehören. Wohl schon gegen die Mitte des 15. Jahrhunderts hatten die Bischöfe Heinrich von Tengling († 1137, Nr. 92, Abb. 61) und Friedrich von Montalban († 1282, Nr. 93) retrospektive Platten erhalten, die die Insignie ihres Amtes, den Bischofsstab, zeigen. Während sich das Formular der vorgenannten drei Bischofs-Gedenkplatten in dem für Freising üblichen Rahmen der Angabe von Regierungs- und Sterbedaten bewegt, weicht die Platte für die Bischöfe Gerold Judmann von Reichersdorf († 1231) und Konrad von Tölz († 1258) deutlich davon ab (Nr. 91, Abb. 62): Abgesehen von der Merkwürdigkeit, gleich zwei Bischöfen auf einer einzigen Platte zu gedenken, verwundert der Text für Bischof Gerold, denn nie zuvor wurde ein Bischof postum gerügt. Die Textgrundlage hierfür bildet eine kurze Bischofschronik aus der Mitte des 14. Jahrhunderts, die wortwörtlich umgesetzt wurde. Dieselbe Quelle, bei der es sich um einen Nachtrag [Druckseite CXXXVII] zum vorhin schon erwähnten Kopialbuch des Conradus Sacrista handelt267), zitiert auch die Grabinschrift des 1324 verstorbenen Bischofs Johannes Wulfing (Nr. 150). Eine barocke Nachzeichnung dieses heute verlorenen Grabmals zeigt eine figurale Grabplatte mit Umschrift in Gotischer Minuskel. Da kaum vorstellbar ist, daß diese in Freising bereits im Jahre 1324 zur Anwendung gelangte, liegt wiederum ein restrospektiv geschaffenes Grabdenkmal vor, das nach Ausweis einiger Detailformen um die Mitte des 15. Jahrhunderts entstanden sein dürfte. Die Textabschrift in vorgenannter Quelle gehört jedoch noch dem 14. Jahrhundert an. Vermutlich gab es also ein heute ebenfalls verlorenes, wohl bald nach dem Tod des Bischofs 1324 errichtetes erstes Grabdenkmal, das durch die spätere figurale Platte ersetzt wurde.

Für das 16. und frühe 17. Jahrhundert lassen sich kaum gesicherte Aussagen über den Umgang mit historischen Inschriftendenkmälern treffen. Eine Ausnahme bildet der sog. Semoser-Stein, der um 1160/70 für den Ministerialen Otto von Moosen angefertigt wurde (Nr. 11, Abb. 23). Die Randleiste der ursprünglich im Boden eingelassenen figuralen Platte war mit einer umlaufenden romanischen Majuskel versehen, doch wurde diese offenbar im Lauf der Zeit weitgehend abgetreten. Noch kurz bevor die Inschrift drohte unlesbar zu werden, ging man wohl unter Bischof Veit Adam – möglicherweise während der Domrenovierung 1621/24 – daran, sie unter Beibehaltung des vorherigen Inschriftentextes mit einem vermeintlich alten Alphabet zu überarbeiten, was aber zu einigen Ungeschicklichkeiten und inschriftenpaläographischen Mißverständnissen führte. Erst im 18. Jahrhundert fand die letzte Überarbeitung statt, als die linke obere Ecke ergänzt und neu beschriftet wurde.

Das romanische Domportal (Nr. 13, Abb. 21, 22) entstand wohl als einer der ersten Bauteile im Zuge des Wiederaufbaus nach dem verheerenden Brand von 1159. Während die Beischrift des linken Gewändereliefs, das Kaiser Friedrich Barbarossa und einen nicht näher bezeichneten Geistlichen zeigt, hinsichtlich ihrer Authentizität über jeden Zweifel erhaben ist, waren Beischrift und Relief auf der rechten Seite von jeher Bedenken ausgesetzt. Wie nun seit der letzten Befunduntersuchung bekannt ist, wurde das Portal mehrfach – zuletzt während der Domrestaurierung von 1621/24 – komplett abgebaut und wiederaufgebaut, und mit einiger Sicherheit kam es damals auch zum Austausch des rechten Reliefs. Anders als im Falle des Semoser-Steins wurde hier nicht versucht, die Buchstabenformen des Originals zu reproduzieren, vielmehr war der Steinmetz von der Absicht geleitet, die Inschrift nach damaligem Ermessen altertümlich erscheinen zu lassen – was zu Unvereinbarkeiten im Formenbestand und zu einer unausgewogenen Textaufteilung führte.

Das Vorhaben, mithilfe einer Inschrift geschichtliche Tradition und Kontinuität darzustellen, wurde wenige Jahre später, 1629, in der Stiftskirche St. Andreas auf ungleich subtilere Weise umgesetzt. In diesem Jahr wurde eine Steinplatte neu beschriftet und hinter dem Hochaltar angebracht, nachdem sie zuvor vom Chorboden erhoben worden war, wo sie die Grabstelle des als selig verehrten Batho seit der Erhebung seiner Gebeine im Jahre 1376 bedeckt hatte (Nr. 402, Abb. 134). Diese heute nur noch als Fragment erhaltene Platte läßt aufgrund des kapitalen Buchstabenbestandes, der Scriptura continua und des verwendeten Formulars an ein mittelalterliches Objekt denken, doch ist die neuzeitliche Entstehung der Inschrift mit Blick auf die Buchstabenformen deutlich. Ganz unabhängig von einer Vorlage wird also die formale Erscheinung und Konzeption eines hochmittelalterlichen Schriftbildes wiederaufgenommen und nachgeahmt, obwohl die Vorgänge, auf die sich die Gedenkinschrift bezieht, erst in den Jahren 1356 und 1517 stattgefunden haben, also zu einer Zeit, als beide – die Scriptura continua und das Formular – sich schon längst überlebt hatten.

Die Neu- und Nachschöpfung von historistischen Inschriften erlebte zweifelsohne ihren Höhepunkt zu Ende des 17. und zu Beginn des 18. Jahrhunderts unter Bischof Johann Franz Eckher von Kapfing. Eckher, der bereits als junger Domkanoniker reges Interesse an Genealogie und Heraldik zeigte, legte noch während seiner Amtszeit als Dompropst eine umfangreiche bayerische Adelsgenealogie sowie mehrere Grabstein- und Wappenbücher an und betrieb seine Forschungen auch noch während der Zeit seines Bischofsamtes268). So müssen sämtliche Aktivitäten Bischof Eckhers und seiner unmittelbaren Umgebung vor dem Hintergrund seiner persönlichen genealogischen und historischen Interessen gesehen werden. Seine Absicht war in erster Linie die anschauliche Darstellung der Freisinger Geschichte, und zwar auf möglichst repräsentative Art und Weise, was u. a. auch die Rekonstruktion beschädigter Inschriftendenkmäler miteinschloß269).

So ließ Eckher im Jahre 1714 die Tumba für Bischof Konrad III. († 1322, Nr. 22, Abb. 2, 3), die sich im Chor der Stiftskirche St. Johannes Baptist befand, abbrechen, nach den Gebeinen graben und die [Druckseite CXXXVIII] schon damals stark beschädigte Deckplatte an der Westwand aufstellen. Zugleich wurden wesentliche Teile des Reliefbildes ergänzt, die gesamte Oberfläche farbig gefaßt und eine erläuternde Schrifttafel angebracht. Auch bei den beiden Grabplatten für Hiltprand Taufkircher zu Taufkirchen († 1403, Nr. 61, Abb. 49) und Wilhelm von Preysing († 1413, Nr. 64, Abb. 50), die auf Veranlassung von Eckher im Jahre 1716 im Kreuzgang aufgestellt wurden, nahm man umfängliche Ergänzungen bzw. Rekonstruktionen der figuralen Teile vor, wobei es einer genauen Befunduntersuchung vorbehalten bliebe zu klären, ob diese Platten ursprünglich überhaupt plastische Reliefs oder – wahrscheinlicher – nur Ritzzeichnungen besaßen. Eine kleinere inschriftliche Ergänzung Eckhers ist die Beischrift FUNDATOR CAPELLAE SANCTI THOMAE auf der Grabplatte für Bischof Abraham († 992, Nr. 149, Abb. 88), die im bewußten Gegensatz zur Gotischen Minuskel das Objekt „Grabplatte“ in seiner geschichtlichen Dimension für den Leser nachvollziehbar macht.

Ähnlich verhält es sich im Falle des sogenannten Hitto-Steins, der dem 12. Jahrhundert angehört und ein gerahmtes Stabkreuz zeigt270). Die auf den unteren zwei Dritteln der Rahmung angelegte Grabinschrift ist in einer weit gesetzten Kapitalis ausgeführt und mit Anfangs- und Endkreuzen versehen. Der äußeren Form nach versucht Eckher offensichtlich, das Erscheinungsbild einer Inschrift des 10. oder 11. Jahrhunderts zu imitieren. Andererseits ist der Stein zu diesem Zeitpunkt bereits erhoben und an der Wand angebracht und auch die Inschrift weist einen Denkmalcharakter aus, indem sie nicht auf Hitto verweist, sondern den Stein selbst – LAPIS SEPULCHRUM … OLIM TEGENS – in den Mittelpunkt rückt. Dies erscheint bemerkenswert, denn keine 100 Jahre zuvor wurden inschriftlose Grabplatten aus dem Dombereich gesammelt, um zu Stufen für die Chortreppe verarbeitet zu werden271).

Die Bedeutung von Inschriften im Eckherschen Freising wird auch am Umgang mit ihnen im Zuge von Renovierungsmaßnahmen deutlich. Im Falle der Tumba für Bischof Ellenhard († 1078, Nr. 24†, Abb. 148) erfuhr der Unterbau anläßlich der Öffnung des darunterliegenden Grabes im Jahre 1723 eine vollständige Erneuerung aus Rotmarmor, wobei die bischöfliche Verwaltung Anweisung gab, die figuralen Darstellungen und auch die Inschriften entsprechend dem Original zu rekonstruieren. Aus Nachzeichnungen ist bekannt, daß zwar der beschädigte linke Strebepfeiler an der Kopfseite eine Rekonstruktion erfuhr, die Inschrift jedoch gemäß ihrem fragmentarischen Zustand, d. h. als Gotische Majuskel mit diversen Fehlstellen wiederhergestellt wurde.

Bereits 1721 waren der marmorne Unterbau und die aus Sandstein gearbeitete, figurale Deckplatte des Hochgrabes für Bischof Erchanbert († 854, Nr. 17 (†), Abb. 24) grundlegend renoviert worden. Während der Unterbau mit Inschriftenkartuschen versehen wurde, welche Angaben zur Renovierung und zu den Lebensdaten Erchanberts enthielten, ersetzte man die Deckplatte durch eine Neuanfertigung. Die Umschrift ist in einer Gotischen Majuskel ausgeführt, deren Buchstabenformen eher noch auf das 13. als das 14. Jahrhundert verweisen, doch ist eine sehr lineare Buchstabenstruktur ohne jede Flächigkeit zu beobachten, dazu sind einige Details im 13. Jahrhundert so nicht vorstellbar. Dennoch erscheint bemerkenswert, daß in Freising um 1720 die in einer „altertümlichen“ Form ausgeführte Inschrift als Beleg für die Authentizität ihres Trägers angesehen wurde, ein Beleg, der, wenn wirklich eine Erneuerung notwendig wurde, unbedingt beibehalten werden sollte. Schrift wird also nicht nur inhaltlich wahrgenommen, vielmehr ist es jetzt auch ihre äußere Form, der man einen historischen Aussagewert zubilligt.

Die sehr ambitionierte Kopie einer spätmittelalterlichen Inschrift befindet sich am Chorgestühl des Doms (1484–1488, Nr. 134, Abb. 75–77). Dieses war 1621 zusammen mit dem Lettner teilweise abgebrochen worden, wobei es beiderseits um jeweils fünf Stallen verkürzt wurde. Bischof Eckher ließ nun, um die chronologische Ordnung der an den Rückwänden mit Schnitzreliefs dargestellten Bischofsreihe wiederherzustellen, Reliefs nachschnitzen und auch zwei der mit Beischriften versehenen Tafeln neu anfertigen und an vorhandene Ornament-Felder anstücken. Diese beiden Neuschöpfungen von der Hand des Hofbildhauers Franz Anton Mallet entsprechen weitgehend den Originalen, allenfalls in Details sind Unterschiede festzustellen, ebenso bei den Schlußornamenten. Ohne direkten Vergleich und die archivalischen Nachweise über die beschriebenen Vorgänge aber wäre eine Spätdatierung ins Jahr 1724 kaum in Betracht zu ziehen. Es geht nicht allein um eine Ergänzung der fehlenden Beischriften und ihre Angleichung an die vorhandenen Inschriften, die Inschrift wird jetzt ihrem formalen Aufbau nach erfaßt und für einen ebenfalls rekonstruierten Text verwendet. Damit wurde die über 100 Jahre vorhandene Lücke in der Bischofsreihe geschlossen, die Inschriften sind aufgrund ihres tatsächlichen oder vorgeblichen Alters Teil einer repräsentativen Selbstdarstellung der [Druckseite CXXXIX] Freisinger Geschichte geworden. Zu dieser Selbstdarstellung gehört auch die einst fast unübersehbare Zahl an Bodenplatten in Dom, Domkreuzgang und Benediktuskirche (Abb. 155), die Eckher mit den Lebensdaten der dort begrabenen Freisinger Kleriker versehen und ins Pflaster setzen ließ, letztlich Ergebnis seiner unermüdlichen bistumsgeschichtlichen Forschungen. Nach seinem Tod jedoch, also nach 1727, bricht die Tradition der retrosepktiven Inschriften ab, Geschichte findet von diesem Zeitpunkt an verstärkt und ausschließlich in Manuskripten und Druckwerken statt.

Als Hauptgrund für die Fülle des historisierenden Inschriftenmaterials wäre anzuführen, daß im Bistum Freising die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte von jeher einen zentralen Stellenwert besaß. Sie ist seit dem Traditionsbuch des Conradus Sacrista aus dem Jahre 1187 vor allem Bischofsgeschichte, eine sich ständig selber reproduzierende Vergewisserung der eigenen Existenz und aller damit verbundenen Rechtstitel, wobei dem Altertum der Inschriften besondere Beweiskraft zuerkannt wurde. Auslöser dieses unablässigen historischen Rückbezugs waren – wie zu vermuten ist – die Traumata, die Freising durch die gewaltsame Zerstörung der Öberföhringer Isarbrücke seitens Heinrichs des Löwen im Jahre 1156 und das furchtbare Brandunglück von 1159 erlitt. Auch wenn sich Freising zu Beginn des 14. Jahrhunderts die territoriale Unabhängigkeit gegenüber dem Herzogtum Bayern sichern konnte, so blieb das kleine Hochstift doch bis 1802 politisch bedeutungslos, wirtschaftlich schwach und militärisch nahezu ungeschützt. Seit den Tagen Heinrichs des Löwen sah sich Freising gegenüber dem ungleich größeren Nachbarn Bayern in der Defensive. Insbesondere war das Domkapitel, das eine juristisch eigenständige Körperschaft bildete, massivem Druck und Bestechungsversuchen ausgesetzt, wenn bei der anstehenden Neuwahl eines Bischofs dem Herzogshaus daran gelegen war, einen Wittelsbacher in Freising zu installieren. Der ständigen Gefahr, von Bayern annektiert zu werden, hatte das Hochstift nicht viel mehr als seine eigene geschichtliche Überlieferung entgegenzusetzen. Wenn also eine Bischofschronik nach der anderen – oft im Abstand von nur wenigen Jahren – entstand, die Grabdenkmälerfolge der Bischöfe „vervollständigt“, Grabplatten von Domherren rekonstruiert sowie Bau- und Gedenkinschriften erneuert wurden, so wäre es verkehrt, diese Maßnahmen isoliert voneinander zu sehen; vielmehr handelt es sich um eine historische Positionsbestimmung und Selbstvergewisserung. Inschriften in Freising sind Ausdruck einer umfassenderen Memoria posterorum, durch die die Geschichte dieses Kleinstaats tradiert und sein Existenzrecht untermauert wird, und sei es unter Zuhilfenahme historisierender epigraphischer Konstrukte.

  1. Zum Korbinianssarkophag s. Benker, Dom im ersten Jahrtausend 38–40. »
  2. Zur erhaltenen und verlorenen Inschrift s. Einleitung XIX»
  3. HVO Ms. 318 fol. 10r; Glaser, Grabsteinbuch 301 Nr. 8. »
  4. HVO Ms. 318 fol. 24r; Glaser, Grabsteinbuch 314f. Nr. 43; DI 5 (München) Nr. 52. »
  5. Vgl. Einleitung XIX; HVO Ms. 318 fol. 7r, 11r; Glaser, Grabsteinbuch 300, 302f. Nr. 6, 14. »
  6. HVO Ms. 318 fol. 46r; Glaser, Grabsteinbuch 326 Nr. 57. »
  7. Vgl. Einleitung LXXXV»
  8. Vgl. Einleitung XXXIII»
  9. Meichelbeck, Historia Frisingensis II,1 433. »
  10. Prechtl, St. Georg 54f. »
  11. Ramisch, Fragmente. »
  12. Ramisch, Domsakristei 399. »
  13. BSB Clm 27475 fol. 34r»
  14. Vgl. Einleitung XXIII»
  15. BSB Cgm 2268 II p. 901. »
  16. AEM DK 7 fol. 112v, 26. März 1577. »
  17. Vgl. Nr. 471† Anm. 1. »
  18. Maß, Bistum 231f., 242f. »
  19. Vgl. Benker, Dom im ersten Jahrtausend 35–38. »
  20. BayHStA HL Freising Nr. 3c fol. 123r–125r, die Nachträge des 14. Jahrhunderts auf fol. 123r–124r»
  21. Hubensteiner, Geistliche Stadt 149–156; Götz, Grabdenkmäler 60–67. »
  22. Götz, Kunst in Freising 262f. »
  23. Vgl. Einleitung XIX»
  24. Vgl. Anh. Nr. B15»