Die Inschriften der Stadt Freising

4. Die Schriftformen

von Franz-Albrecht Bornschlegel und Ramona Epp193)

Romanische und Gotische Majuskel

Eine Besonderheit des Inschriftenbestandes des Freisinger Doms stellt eine Anzahl hochrangiger Inschriftendenkmäler bedeutender Persönlichkeiten aus dem frühen und hohen Mittelalter dar, die in historisierender Weise mit Schriften der Romanischen bzw. Gotischen Majuskel versehen wurden. Es handelt sich hierbei um außerordentliche Zeugnisse eines frühen Schrifthistorismus, den die grundlegenden Renovierungsarbeiten am Dom von den 20er Jahren des 17. Jahrhunderts bis zum tausendjährigen Domjubiläum im Jahre 1724 hervorbrachten. Mitunter erhielten historisch bedeutsame Denkmäler der Vergangenheit eine neue Bewertung, indem ihre oftmals verblaßten Inschriften überarbeitet und erweitert oder auch gänzlich neu beschriftet wurden. Diese hauptsächlich außerhalb des Bearbeitungszeitraums des Bandes liegenden Nachweise historisierenden Schriftgestaltens bilden aber nicht den Gegenstand des nachfolgenden inschriftenpaläographischen Abrisses zur Romanischen und Gotischen Majuskel194). Die prominenten Beispiele des Freisinger Schrifthistorismus betreffen die Inschrift der figürlichen Grabplatte des Otto von Moosen – sie wurde bislang für die sagenhafte Person des Dompförtners, Otto Semoser, in Anspruch genommen (um 1160–70, Nr. 11, Abb. 23) – den Titulus zur figürlichen Darstellung der Kaiserin Beatrix am Domportal (Nr. 13, Abb. 22) sowie die Umschrift der Tumbendeckplatte des Freisinger Bischofs Erchanbert († 854, Nr. 17, Abb. 24)195).

Die älteste original erhaltene Inschrift der Stadt Freising zeigt sich insofern erstmals in dem kurzen Namen Liutpreht, der in Romanischer Majuskel sorgfältig in die Deckplatte eines Kapitells der Domkrypta eingemeißelt ist und der ersten Bauphase des nach dem verheerenden Brand des Jahres 1159 neu errichteten Freisinger Doms angehört (Nr. 9, Abb. 19)196). Die breit proportionierten Buchstaben von stämmiger Kontur sind mit kräftigen Sporen versehen, die bei unzialem E und auch bei T dreieckförmige Züge annehmen. In dem kapitalen Alphabet, das P mit üppigem Bogen und R mit nach außen geschwungener Cauda ausweist, findet sich einzig das unziale E als Fremdform. Die Sporen an den Bogenenden und am Mittelbalken sind weit ausgezogen, ohne sich zu berühren197).

Nicht wesentlich verändert in Schriftcharakter, Proportion und Duktus ist der ebenfalls in Romanischer Majuskel versehene Titulus über dem Relief Kaiser Friedrich Barbarossas am Hauptportal des Doms (Nr. 13, Abb. 21). Er scheint einer etwas jüngeren Bauphase des romanischen Doms zu entstammen, für die das Jahr der Domweihe 1205 den „terminus ante quem“ bildet. In das nach wie vor von Formen der Kapitalis bestimmte Mischalphabet treten als Alternativformen unziales E und G mit eingerollter Cauda. Das kapitale A ist trapezförmig gebildet und mit einem markanten, die Schrägschäfte übergreifenden Deckbalken versehen. Die vier R-Formen weisen eine nach außen gebogene, weit abgestreckte Cauda auf. Die beiden Varianten des Kapitalis-M zeigen senkrechte Schäfte mit [Druckseite XCI] kurzem Mittelteil bzw. leicht schräg gestellte Schäfte mit bis zur Grundlinie geführtem Mittelteil. Die Abschlüsse der Buchstabenzüge erfolgen in der Regel durch spachtelförmige Sporen, durch weites Ausziehen der Sporen (insbes. S und T-Balken) sowie durch kontinuierliche Verbreiterung der Schäfte (A, V, T).

Keine Absicherung durch zeitgleiche epigraphische Zeugnisse – weder aus Freising noch aus der näheren wie ferneren Umgebung – findet die Schrift der nur mehr fragmentarisch erhaltenen Stola aus dem Grab des Bischofs Konrad III. (Nr. 14, Abb. 29). Die aufgrund technischer und kunsthistorischer Kriterien in den Anfang des 13. Jahrhunderts datierte Stola zeigt in den fragmentarisch überlieferten Inschriften der Tituli eine von linearer Kontur geprägte, gänzlich von Unzial- und Rundformen freie Kapitalis mit strichartig ausgeprägten Sporen ohne größere Formenvarianten. Es fehlen die zeitüblichen Ausrundungen der Winkel zwischen Bogen, Schaft und Sporn und ebenso jegliche Ansätze von Bogenverdickungen. Die schlanken, eng gesetzten Buchstaben weisen vielfach eckige Bögen auf (D, O, P und R), unter denen das O auch rhombische Form annehmen kann. Auffällig sind ferner spitzes A mit Deckstrich, N mit oftmals eingezogenem Schrägschaft, P mit bisweilen gedrücktem, in die untere Hälfte der Schriftzeile reichendem Bogen sowie das häufig rechtsgeneigte S.

Die älteste Gotische Majuskel des Bearbeitungsgebietes ist in einer zu Treppenstufen umgearbeiteten, in vier Fragmenten überlieferten Grabplatte des Treppenturms der Benediktuskirche dokumentiert (Nr. 18, Abb. 26, 27 und 28). Die grazile, verspielte Ausgestaltungsweise der Schrift mit Buchstaben von zierlicher Kontur, moderaten Schwellungen sowie Zierstrichen und Punktverzierungen, ebenfalls die noch nicht verwirklichten seitlichen Abschlußstriche bei C und unzialem E, sprechen für eine Einordnung der Schrift in die frühe Phase der Gotischen Majuskel und für eine der Region angemessene Datierung in das 13. Jahrhundert198). Die in großen Spatien gesetzten, sorgfältig eingemeißelten, breiten Buchstaben zeigen A-Formen in leicht trapezförmiger Bildung mit die Schrägschäfte übergreifenden Deckbalken und linksschrägen Mittelbalken. Der linke Schrägschaft ist jeweils mit einer Schwellung versehen. Die Buchstaben C und unziales E tragen mitunter weit ausgezogene Sporen, die noch nicht zur Abschließung der Buchstaben führen. Einige der C- und E-Formen weisen im Bogeninneren einen feinen, senkrechten Zierstrich auf, der für den Mittelbalken des unzialen E den linken Ansatzpunkt bildet. Zwei der I-Formen verzieren rechts bzw. links des Schaftes angesetzte Halbnodi. Der Buchstabe L besteht aus einem leicht linksschräg gestellten, sich nach unten verjüngenden Schaft und einem im spitzen Winkel ansetzenden, stark gebogenen Balken. Die drei vorhandenen M-Formen zeigen ausschließlich das links geschlossene unziale M mit waagrechtem Zierstrich im linken Bogen. Zum Gesamteindruck einer runden Schrift steuern ferner rundes N und rundes T mit geschwungenem Deckstrich sowie der aufgeblähte Bogen und die nach außen gekrümmte Cauda des R bei.

Einen fortgeschrittenen Entwicklungsstand der Gotischen Majuskel hinsichtlich der Durchbildung der Buchstabenzüge und der Ausprägung der Formen kennzeichnet die Umschrift der Tumbendeckplatte des Bischofs Gottfried († 1314, Nr. 20, Abb. 25). Sie ist in erhabener Technik ausgeführt und trägt eng aneinander gereihte Buchstaben von flächiger Kontur. Die freien Enden der Schäfte und der Balken verbreitern sich keil- oder spachtelförmig, die Bögen sind mit kräftigen Schwellungen versehen. Abermals erscheinen Nodi als Zierelemente, die am Schaft des I sowie an den Innenseiten der oberen und unteren Bogenkrümmung von C, unzialem D, O, Q und S auftreten. Die A-Formen zeigen sich in drei Varianten: in Trapezform mit übergreifendem Deckbalken, in der pseudounzialen und ein einziges Mal in der unzialen Version ohne Mittelbalken. Doppelformen sind in E, N, T und U/V belegt. Das unziale E ist nunmehr kontinuierlich mit einem seitlichen Abschlußstrich geschlossen. Es konkurriert mit dem kapitalen E, dessen freie Balkenenden dreieckförmig verbreitert sind, jedoch keine Anzeichen zur Schließung erkennen lassen. Bei N dominiert die runde Form über die nur einmalig vertretene kapitale Form, bei T die kapitale über die runde und bei U/V die kapitale über die unziale. Kleinere Varianten mit geradem bzw. gebogenem Balken kennzeichnen den Buchstaben L. Das M ist ausschließlich in der kapitalen Version mit kräftigen, senkrechten Schäften und schmalem, leicht verkürztem Mittelteil überliefert.

Spärliche Schriftreste in Gotischer Majuskel trägt die zu Beginn des 18. Jahrhunderts umfassend erneuerte Tumbendeckplatte Bischof Konrads III. († 1322, Nr. 22, Abb. 2, 3). Unter den sechs mit kräftiger Kontur gezeichneten Buchstaben weisen B mit aufgeblähten Bögen, C mit seitlichem Abschlußstrich, ovales O und T mit kräftigen Sporen auf die bereits fortgeschrittene Phase der Gotischen Majuskel.

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Im typischen Gewande einer ausgereiften Gotischen Majuskel – sowohl im Duktus als auch im Formenbestand – präsentiert sich die Inschrift der Grabplatte des Hiltprand von Massenhausen († 1347, Nr. 27, Abb. 31). Ein dynamisches, spannungsreiches Wechselspiel von fetten Bogenschwellungen und stämmigen Schäften mit dünnen Haarlinien charakterisiert die Durchformung der Buchstaben. Aufgeblähte Bögen, insbesondere bei B und P, dessen Bogen nahezu die gesamte Zeilenhöhe einnimmt, bestimmen das Schriftbild. Im Buchstabenbestand haben die Unzial- und Rundformen die kapitalen Formen stark zurückgedrängt, ausgemerzt wurden auch die Doppelformen von Buchstaben. Somit ist das pseudounziale A mit geradem oder leicht rechtsschräg gestelltem Mittelbalken zur allein gebräuchlichen Form geworden. Die Buchstaben D, E, H und M erscheinen ausschließlich in der unzialen Version. M ist als symmetrisch offene Form mit beidseitig nach außen umgebogenen Bogenenden überliefert. N zeigt sich in der runden, T in der kapitalen Version. Die seitlichen Abschlußstriche von C und unzialem E gehören zum Standard, das S tendiert mit seinen weit ausgezogenen Sporen zur seitlichen Schließung.

Der Verzicht auf Buchstabendoppelformen ist auch für die in breiten rechtwinkeligen Kerben eingetiefte und einst mit Metall ausgelegte Inschrift des Arnold von Massenhausen († 1359, Nr. 29, Abb. 32) bezeichnend199). Die breiten Buchstaben mit kräftigen, meist dreieckförmig ausgezogenen Schwellungen sind großteils mit Abschlußstrichen versehen und in sich geschlossen. Wohl um den in Metall ausgeführten Buchstaben mehr Halt und Stabilität im Stein zu verleihen, wurden neben C und unzialem E auch das pseudounziale A, F, unziales H, unziales symmetrisches M, rundes N, R, V und W mit Abschlußstrichen versehen oder mittels zusammenwachsender Sporen geschlossen. Bei S ist die Abschließung nur zum Teil und bei G mit hoch eingerollter Cauda annähernd verwirklicht. Weit ausgezogene Sporen von dreieckigem Zuschnitt kennzeichnen die Balkenenden von L und T. Wie auf der wenige Jahre früher entstandenen Grabinschrift für Hiltprant von Massenhausen finden sich auch hier unziales D und P mit nahezu zeilenfüllendem Bogen.

Eine zeitlich eng zusammen liegende Serie von vier Domkanonikergrabplatten aus den Jahren 1357 bis 1369 dokumentiert in ihren Inschriften eine veränderte ästhetische Auffassung in der Gestaltung der Gotischen Majuskel. Als ein gemeinsames Gestaltungsprinzip dieser sich stilistisch stark unterscheidenden Inschriften erweist sich die schmale, gestreckte Form der Buchstaben. Der von Rudolf M. Kloos konstatierte Wandel der Gotischen Majuskel von der breiten zur hohen Form gegen Mitte des 14. Jahrhunderts200), der anhand diverser regionaler Inschriftenbestände einiger jüngst publizierter Bände des deutschen Inschriftenunternehmens oftmals nicht nachvollzogen werden konnte201) und somit für den gesamtdeutschen Raum zu relativieren ist, läßt sich wiederum ausnahmslos am überlieferten Freisinger Inschriftenmaterial bestätigen.

Die Umschrift auf der Grabplatte des Wernhard von Kochenheim († 1357, Nr. 31, Abb. 33), in der das Verhältnis Buchstabenhöhe zu Buchstabenbreite bisweilen mehr als 2:1 beträgt, vermittelt einen unruhigen Gesamteindruck. Er wird insbesondere durch ungleiche Höhe und Ausrichtung der Buchstaben, fahrige Sporen sowie unregelmäßige Buchstabenabstände und durch die diversen Spielformen von Buchstaben gleichen Phänotyps hervorgerufen. Die Doppelformen bleiben einzig auf den Buchstaben T beschränkt, der in der runden Form mit hoch eingerolltem Bogen und in der kapitalen Form auftritt. Ferner haben pseudounziales A, unziales E, unziales H, symmetrisches unziales M sowie rundes N die kapitalen Versionen vollständig ersetzt. Buchstabenschließungen sind bei C, unzialem E, symmetrisch unzialem M und S nachzuweisen.

Ausgewogener im Schriftbild, mit weniger gestreckten und in größeren Spatien gesetzten Buchstaben, erweist sich die Grabinschrift für Jakob von Nannhofen († 1364, Nr. 34, Abb. 34). Die Gegensätze zwischen den fett gestalteten Schäften und Bogenscheiteln und den dünnen Balken und Bogenenden wurden nochmals verstärkt. Die gespaltenen Abschlußstriche bei C und unzialem E und auch die Sporen des S wurden zu gebogenen Zierlinien umgestaltet. Doppelformen zeigen sich bei E, I, L, N, T sowie U/V, wobei die unzialen bzw. runden Versionen stets die kapitalen überwiegen. Die Verwendung des offenen kapitalen E – ein zu dieser Zeit bereits anachronistischer Buchstabe innerhalb der Gotischen Majuskel – ist nur einmalig und ausschließlich im Namen NJENHOVEN [Druckseite XCIII] (Nannhofen) belegt. Der hohe Anteil an gerundeten Buchstaben dokumentiert sich im pseudounzialen A, den Unzialformen D, E, H, M und U, in den Rundformen N und T sowie im Buchstaben L mit jeweils eingebogenem Schaft und Balken. Drei Nexus litterarum erfassen die Buchstaben AN (2x) und NH.

Die Grabinschrift für Konrad Schauch († 1366, Nr. 35, Abb. 35), die mehr aus Platzgründen denn aus ästhetischem Prinzip auf drei Nexus litterarum (AN, AU, CH) zurückgreift202), zeigt eine stark vereinheitlichte Gotische Majuskel ohne Doppelformen. Die Buchstaben mit stets geschlossenem C und unzialem E neigen in einigen ihrer Bogenschwellungen zu dreieckförmiger Bildung (pseudounziales A, C, D, unziales E, R). Die Rundformen bestehen aus unzialem E, G mit eingerollter Cauda, unzialem H, symmetrisch unzialem M und rundem N. Besonders auffällig erweisen sich die oftmals unter die Grundlinie geführten und mit einer tropfenförmigen Schwellung endenden zierstrichartigen Ausläufer von N und R.

Die jüngste in Stein gearbeitete Gotische Majuskel, die Grabinschrift des Ulrich Schenk von Au († 1369, Nr. 38, Abb. 36), läßt in der Ausführung der Buchstabenkontur neue Gestaltungselemente erkennen. Eine Vielzahl der Schäfte weist markante, dornenartig ausgezogene Sporen auf, die insbesondere oben, am Übergang vom Schaft zum Bogen, in Erscheinung treten. Sie zeigen sich meist am linken Schaft des runden N, P, R sowie am rechten Schaft des pseudounzialen A und führen bisweilen zu einseitigen Zackungen des Schaftes. Ferner tragen dreieckförmige Schwellungen an schlanken, gestauchten Bögen und pfahlförmige Schäfte zum spitzen und scharfkantigen Gesamteindruck der Schrift bei. Eine weitere Besonderheit stellen die oft weit ausgreifenden haarstrichartigen Ausläufer an Bögen und vereinzelten Schäften dar, die spitz oder mit dreieckigen Aufsätzen enden. Mit Ausnahme von I/J und U/V sind die individuell ausgeführten Buchstaben des Alphabets auf jeweils einen Phänotyp zurückzuführen. Die weiteren Buchstaben basieren auf denselben Grundformen wie die Buchstaben der Inschrift des Konrad Schauch, wobei nur das runde F herausfällt. Gegenüber der vorgenannten Inschrift wurde der Anteil an Nexus litterarum auf fünf erhöht203).

Nach einem großen zeitlichen Abstand von über 50 Jahren zur letzten in Stein überlieferten Gotischen Majuskel fand jene Schrift in einem anderen Medium, nämlich in Holz, nochmals eine späte Anwendung. In dem Inschriftenfragment des einstigen Chorgestühls von St. Andreas von 1420 (Nr. 68, Abb. 51, 52) präsentiert sich die Gotische Majuskel mit eng gesetzten, jedoch breit gelagerten Buchstaben in einer den Freisinger Steininschriften unbekannten Zierform. So wurden neben kräftigen Halbnodi, die in der Zeilenmitte an den Schäften von I, unzialem H, L, N und R erscheinen, auf Höhe der Ober- und Unterlinie perlartige Zierelemente ausgeprägt, indem freie Bogen- und Sporenenden zu Zierpunkten oder -blättern umgestaltet wurden. Unter den Formen stechen insbesondere das vollrunde A mit links überstehendem, gebogenem Deckbalken sowie das links geschlossene unziale M hervor, die zum einen den Freisinger Steininschriften fremd und zum anderen seit dem 13. Jahrhundert nicht mehr geläufig waren. Auch das in der Inschrift des Chorgestühls als Alleinform nachgewiesene kapitale N fand ausschließlich in zwei Freisinger Steininschriften des 14. Jahrhunderts als jeweils einmalig verwendete Nebenform Einsatz. Wie in den Steininschriften ab der Mitte des 14. Jahrhunderts läßt auch die hölzerne Inschrift kaum Doppelformen zu. Sie bleiben auf die Buchstaben I/J, L und U/V beschränkt. Buchstabenabschließungen liegen stets bei C, unzialem E, rundem F und S vor, nur sporadisch sind sie bei U und V nachzuweisen. Nicht ganz geschlossen ist das runde T mit nahezu bis zur Oberlinie geführtem Bogen. Auffällig erweisen sich schließlich die in der Schriftart der Gotischen Majuskel nicht allzu häufig anzutreffenden paragraphenzeichenartigen Worttrenner.

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Tabelle: zeitliche Verteilung der Buchstaben der Romanischen und Gotischen Majuskel
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Gotische Minuskel

Die „ältesten“ Beispiele der Gotischen Minuskel im Bearbeitungsraum tragen die Jahreszahlen 992, 1037204) und 1282, stammen jedoch erst aus der 1. bzw. 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts (Nr. 149, Abb. 88, Nr. 92, Abb. 61 und Nr. 93). Es handelt sich hierbei um Gedenksteine für Bischöfe von Freising. Sie entstanden möglicherweise in einer unbekannten Werkstatt, die in Freising v.a. in den 20er bis 40er Jahren faßbar ist205). Das tatsächlich erste Exempel Gotischer Minuskel in Stein in dem vorliegenden Material ist auf das Jahr 1374 datiert. Es ist die Grabplatte für den Domherrn Dietmar Feurer von Pfetrach im Domkreuzgang (Nr. 41, Abb. 37). Es handelt sich um eine relativ einfach gestaltete Gotische Minuskel, die aber durchwegs Versalien aufweist.

Ab dem letzten Viertel des 14. Jahrhunderts gewinnt die Minuskel sehr rasch die Oberhand über die bisher vorherrschende Gotische Majuskel: Mit Ausnahme von wenigen Einzelfällen sind ab 1374 nur noch Inschriften in Gotischer Minuskel erhalten. Das zeitlich auf die Platte des Feurer folgende, überlieferte Objekt ist die Grabplatte für den Domherrn Konrad Gaimann († 1376, Nr. 43, Abb. 38). Sie ähnelt im Aufbau stark der älteren Platte, unterscheidet sich jedoch in der Schrift, v.a. in den Gemeinen. Es können hier erste Tendenzen festgemacht werden, die sich auch bei einigen anderen Inschriften finden, die vielleicht in einer Gruppe zusammengefaßt werden können, ohne daß hier eindeutig [Druckseite XCVII] eine Werkstatt definiert werden kann: Auffallend ist hier v.a. g, das in den Mittellängenbereich eingepaßt ist, das runde s, das relativ breit gestaltet ist und dessen abgeknickter unterer Abschnitt des unteren Bogens kräftig ausfällt. Ähnliche Ansätze finden sich in der Inschrift für den Domherrn Franz Falk von Falkenstein († 1394, Nr. 50, Abb. 43), in der Grabinschrift für den Domdekan Wilhelm von Fraunberg († 1395, Nr. 52, Abb. 45), auf der figuralen Grabplatte für den Domherrn Franz von Preysing († 1395, Nr. 53, Abb. 46) und auf dem Grabmal für den Stiftspropst Nikolaus Mänzinger († 1400, Nr. 59, Abb. 48).

Bei dem Freisinger Inschriftenmaterial in Gotischer Minuskel bleibt es streckenweise eher schwierig, eindeutige Schrifttypen herauszuarbeiten. Gewisse Merkmale treten die gesamte Zeit hindurch auf und finden sich auch in den verschiedenen Werkstattypen, aber auch bei Einzelfällen. Eine besonders beliebte Form ist das gebrochene, runde s, bei der alle Enden der gebrochenen bzw. geknickten, gegenläufigen Bögen auf einer diagonalen Haarlinie enden, die gleichsam dieselben miteinander verbindet, den Buchstaben schräg durchläuft und an den beiden Enden eingerollt wird. Eine solche Form findet sich schon bei der Grabinschrift für den Domherrn Heinrich Sätzler († 1388, Nr. 47, Abb. 40) und auf der Grabplatte für den Domherrn Leonhard Hornpeck († 1391, Nr. 48, Abb. 41), ohne daß die beiden Schriften einem gleichen Typ zugewiesen werden könnten. Diese Form erscheint sehr häufig in der zweiten Hälfte des 15. und am Beginn des 16. Jahrhunderts, sowohl außerhalb als auch innerhalb von Werkstattypen, bei denen dieses s – neben anderen Formen – trotzdem zum charakteristischen Formenkanon gehört (vgl. unten).

Auch die Form des gebrochenen e, dessen Balken zu einem steil rechtsschrägen Strich, der unten umgebogen ist, reduziert ist, wird in vielen Inschriften verwendet. So dürfen u.U. bei der Schriftanalyse gewisse Details, die auf den ersten Blick charakteristisch wirken, wegen ihres häufigen Auftretens nur mit Vorsicht berücksichtigt werden.

Solche Buchstaben können aber aussagekräftig sein, wenn sie in besonderem Maße stilisiert sind oder von der üblichen Ausformung abweichen. So findet sich beispielsweise in der Grabinschrift für den Domherrn Erhard von Möring († 1384, Nr. 44, Abb. 39) und somit einem der ältesten Exempel für Gotische Minuskel in Freising, ein relativ spitz angelegtes rundes s: die oben und unten jeweils abgeknickten Bogenabschnitte sind – zwar an der „Spitze“ abgeflacht – sehr spitzwinklig ausgeführt. Somit erhält der Buchstabe eine auffallende Ausprägung. Rundes d zeigt annähernd die Form eines Parallelogramms, der senkrechte Teil des gebrochenen unteren Bogens bei doppelstöckigem a füllt fast den gesamten Mittellängenbereich aus, g ist sehr schmal, der gerade Schaft geht in die Unterlänge. Im Bereich der Großbuchstaben fällt M bei der Jahresangabe auf: die Grundform ist die eines links geschlossenen unzialen M, der geschlossene Teil ist gebrochen und fügt sich in den Mittellängenbereich ein (ähnlich einem o), der gebrochene rechte Bogen dagegen reicht weit in die Oberlänge hinauf, verbunden ist er mit dem ersten Teil des Buchstabens durch eine doppelte waagrechte Haarlinie im Mittellängenbereich. Trotz einiger auffallender Merkmale bewegt sich die Schrift im Großen und Ganzen im normalen Rahmen der Gotischen Minuskel. Es konnten keine weiteren, ähnlichen Inschriften hierzu in Freising gefunden werden.

Eine mögliche Zuweisung kann bei zwei Grabplatten getroffen werden, deren Aufbau sehr ähnlich ist und die mutmaßlich im selben Jahr angefertigt wurden: eine Grabplatte umfasst die Inschriften für die Domdekane Berthold, Wilhelm und Friedrich von Fraunberg († 1391, 1395 und 1416, Nr. 52, Abb. 45). Die andere ist den Domherrn Konrad und Thomas von Grunertshofen († 1391 und 1392, Nr. 49, Abb. 42) gewidmet. Die Platten weisen jeweils zwei Medaillons mit je einer Darstellung eines Kanonikers und Umschrift auf; in den Zwickeln zwischen den Medaillons ist links und rechts je ein Wappenschild schräg eingestellt. Bei der Platte der Fraunberger ist zusätzlich eine Umschrift am Plattenrand angebracht. Bei dieser Grabplatte wurde wohl zunächst nur die Umschrift für Berthold, der als erster gestorben ist, angebracht. Die anderen beiden Grabinschriften weichen im Aussehen von dieser ab. Die Inschriften auf der Platte für die Grunertshofer weisen hingegen den selben Schrifttyp auf. Möglicherweise wurden sie zusammen angebracht, oder zumindest wurde der zweite Eintrag in der selben Schrift ausgeführt. Die Schrift ist insgesamt sehr schmal und im Mittellängenbereich gestreckt. g ist ebenso sehr schlank, der Schaft reicht unter die Zeile, wo er umknickt, der Abschnitt des unteren Bogens geht relativ steil nach oben. Gebrochenes rundes s ist in die Vertikale gezogen, weist aber trotzdem den die Bogenenden verbindenden Haarstrich auf.

Zwei Inschriften aus dem ersten Viertel des 15. Jahrhunderts sind trotz einiger Unterschiede miteinander vergleichbar: Die eine ist die Grabplatte für den Propst Ulrich Waller von Wall († 1414, Nr. 65, Abb. 55), die andere die für den Domherrn Petrus Walther († 1425, Nr. 71, Abb. 56). Obwohl über zehn Jahre zwischen den beiden Inschriften liegen und die jüngere einen weitaus gestreckteren Mittellängenbereich aufweist, sind doch Ähnlichkeiten vorhanden: Neben der analog gestalteten bildlichen Darstellung – die Figur als Ritzzeichnung über einem Wappenschild, die Gesichtspartie jeweils [Druckseite XCVIII] als Flachrelief ausgearbeitet – zeigt beispielsweise der Buchstabe w denselben Aufbau: Der linke Schaft ist auf der Grundlinie gebrochen, jedoch oben ausgerundet und nach links umgebogen, ähnlich der mittlere Schaft, der unten an den gebrochenen Teil des linken Schafts anschließt; der rechte Schaft ist oben gebogen und wird schräg zum mittleren Schaft hingeführt. Ebenso erscheint in beiden Inschriften die eher breite Form des gebrochenen runden s. a ist in der älteren Inschrift doppelstöckig, wobei der senkrechte Teil des unteren Bogens sehr weit nach oben reicht. Alternativ wird hier auch ein kastenförmiges a verwendet, das dann in der jüngeren Inschriften durchgehend eingesetzt wird. In beiden Inschrift findet sich auch ein g, das in den Mittellängenbereich eingestellt ist.

In den 20er bis 40er Jahren des 15. Jahrhunderts erscheint eine Gruppe Inschriften, die dieselben Schriftausprägungen aufweisen. Es handelt sich hierbei nach Sabine Ryue um eine unbekannte Werkstatt, der sie mit Sicherheit zehn Grabplatten zuweisen konnte206).

Kennzeichnend für diesen Schrifttyp ist unter den Versalien S, bei dem der Mittelteil verdoppelt ist; die Enden oben und unten enden in Quadrangeln; der Buchstabe gleicht nahezu einem etwas kompakten Paragraphenzeichen. Auch der A-Versal kann eine besondere Ausgestaltung erfahren: Auf der figuralen Grabplatte für Kaspar von Seiboltsdorf findet sich am Textbeginn ein A in vergrößerter Minuskelform. Der obere Bogen wird durch einen relativ weitläufigen Haarstich ausgedrückt, der sich im oberen Punkt zu einem Dreieck verdickt, von dem ein weiterer Zierstrich nach oben läuft, der in drei Punkten endet. Am senkrechten Teil des gebrochenen unteren Bogens ist ebenfalls ein Zierelement angesetzt: Von den Kanten der Brechungen laufen nach links zwei Haarlinien zusammen, die so ein Dreieck bilden, auf dessen Spitze eine Linie sitzt.

Unter den Gemeinen treten folgende Merkmale hervor: Der gerade Teil des unteren gebrochenen Bogens bei doppelstöckigem a ist halbhoch. Der obere freistehende Bogenabschnitt des runden d ist relativ flach und deckt den Buchstaben beinahe ab. Der rechte Teil des gebrochenen oberen Bogens bei a ist analog zum oberen Teil des d gestaltet. Der obere Bogenabschnitt bei c ist in der Regel (spitz) abgeknickt. Der Schaft des g wird auf der Grundlinie nach rechts gebrochen, der untere Bogen ist waagrecht nach links abgeknickt; am oberen Schaftende ist ein kleiner Balken nach rechts angesetzt; der oberen Bogen ist oben zum Schaft hin abgeknickt. Das runde s weist den oben bereits beschriebenen Aufbau auf, bei dem alle Bogenenden auf einer diagonalen Haarlinie organisiert werden. Bei näherer Betrachtung der der Werkstatt zugewiesenen Beispiele fallen einige wenige Diskrepanzen auf: So ist beispielsweise der untere Bogen des g in der Grabinschrift für Johannes Ebran von Wildenberg (Nr. 67) nicht waagrecht, sondern spitz abgeknickt. Ähnlich auch auf der Platte für Johannes Türndl (Nr. 101), dem jüngsten der genannten Beispiele: Hier ist darüber hinaus der obere Bogen unten verkürzt und – im Gegensatz zu den anderen Beispielen – oben waagrecht abgeknickt. Dieser Gruppe können vielleicht noch einige wenige weitere Inschriften zugewiesen werden: In der Grabinschrift für Simon von Nassenfels († 1427, Nr. 74, Abb. 58), findet sich das charakteristische S mit dem doppelten Mittelteil wieder. Auch scheinen a, d und rundes s durchaus in den Formenkanon zu passen. Geringfügige Unterschiede ergeben sich bei c und g: Der obere Bogenabschnitt des c ist hier waagrecht geformt; der Schaft des g – soweit erkennbar – ist unten nicht gebrochen. Ebenso unterscheidet sich die Platte in ihrem Gesamtaufbau von den übrigen dieser Gruppe: Die Inschrift ist hier nicht als das Relief umlaufende Umschrift gestaltet, sondern befindet sich über dem Bildteil. Die Gestaltung des gotischen Maßwerkbogens könnte aber durchaus mit den anderen vergleichbar sein. Ebenfalls in dieses Schriftbild würde sich auch die Gedenkinschrift für die beiden Bischöfe Gerold Judmann von Reichersdorf und Konrad I. von Tölz (2. Viertel 15. Jahrhundert, Nr. 91, Abb. 62) einordnen lassen. a, c, d und s korrespondieren mit den Formen dieses Schrifttyps.

Ein Stück aus derselben Zeit steht in seiner hochwertigen Ausprägung singulär im Raum: Es handelt sich hierbei um die figurale Grabplatte für den Stiftspropst Degenhard von Weichs († 1425, Nr. 72, Abb. 57) im Domkreuzgang. Die erhaben gearbeitete Schrift weist zahlreiche, meist am Ende eingerollte Zierstriche auf. Solche finden sich an den rechten Spitzen der umgebrochenen unteren [Druckseite XCIX] Schaftenden, aber auch beispielsweise an der oberen linken Spitze des schräg abgeschnittenen, senkrechten Bogenteils bei a und d. Die oberen Sinusabschnitte bei c, e und Schaft-s sind spitzwinklig abgeknickt. Der untere Bogenteil des p ist waagrecht angelegt. Rundes s tritt in der gebrochenen Form auf, bei der die Sinusenden auf einer diagonalen Zierlinie organisiert sind. Diese Ausprägung, v.a. der schräglaufende Haarstrich, bietet sich wiederum für Dekorelemente an: So ist die Zierlinie an beiden Enden geschwungen und eingerollt. Auch bei g kommt ein an den Enden eingerollter dekorativer Haarstrich zum Einsatz: Dieser führt von dem unteren umgebrochenen Ende des oberen Bogens schräg bis unter die Grundlinie. An dieser Zierlinie endet auch der schräg nach oben gebrochene untere Bogen der Letter.

Vergleichbare Ausführungen finden sich um die Zeit in Freising nicht. Es wäre bei diesem Stück daher zu überlegen, ob es entweder zeitlich später anzusetzen oder ein auswärtiges Produkt darstellen könnte. Leider ist das Grabmal bislang nicht näher zugewiesen worden. Eine Spur führt jedoch nach Straubing, wo sich in der Pfarrkirche St. Jakob eine figurale Grabplatte für den Pfarrer und Domherrn von Augsburg und Regensburg, Dr. Magnus von Schmiechen († 1418), befindet207). Neben Ähnlichkeiten bei der Darstellung – beispielsweise finden sich auf beiden Platten die sehr rund ausgeformten Quasten des Kissens – erscheint auch die Schrift in groben Zügen ähnlich. Die vielen Zierstriche, die die Inschrift für Degenhard von Weichs prägen, kommen weniger zur Geltung – die Schmiechen-Inschrift ist vertieft gearbeitet. Obwohl die Freisinger Schrift reicher ausgeschmückt ist, läßt sich trotzdem bereits die A-Initiale vergleichen: In den Grundzügen liegt hier die gleiche Form vor, nämlich ein A ohne Mittelbalken, aber mit einem nach links laufenden Deckbalken; dieser sowie die beiden Schenkel laufen alle in einem Punkt rechts oben zusammen. Bei den Gemeinen sind in ihren Grundformen folgende Buchstaben gleich: a, c, d, e, g, rundes s, evtl. auch p. Halm siedelt den Bildhauer der Grabplatte des Magnus von Schmiechen im Umkreis des Straubinger Meisters des Kastenmayr-Grabmals an208). Ob und in wie weit die Freisinger Grabplatte hier einzuordnen ist, müsste noch genauer untersucht werden.

Im vorliegenden Material finden sich erst ab den 40er Jahren des 15. Jahrhunderts wieder Stücke, die auf einem vergleichbaren Niveau gearbeitet sind: Es sind dies eine ganze Reihe von Grabplatten, die der Werkstatt des Hans Haldner zugewiesen werden.

Aufbauend auf Volker Liedke, der einige Werke Hans Haldner bzw. dessen Werkstatt zuweist, ordnet Sabine Ryue einige weitere Stücke dieser Werkstatt zu209).

Dieser Typ einer Gotischen Minuskel weist folgende mehr oder weniger charakteristische Buchstaben auf: doppelstöckiges a, bei dem der linke Teil des oberen gebrochenen Bogens als Haarlinie in den Buchstaben geführt wird und dort eingerollt ist – eine Form, die sich allerdings nicht nur in dieser Werkstätte findet. Ähnlich e, bei dem der Balken als Haarlinie steil nach unten geführt und dort eingerollt wird (ebenso eine Form, die auch außerhalb dieser Werkstätte häufig auftritt). Der obere Bogenabschnitt bei e ist spitzwinklig abgeknickt. Dagegen findet sich c und auch Schaft-s mit sowohl spitz als auch rechtwinklig abgeknickten oberen Bogenabschnitten. Ob anhand von Feinheiten wie dem Brechungswinkel bei c oder s z.B. Hände innerhalb der Werkstatt unterschieden werden können, muss dahingestellt bleiben. Der Unterschied erscheint als nicht aussagekräftig genug, zumal sich gewisse andere Formdetails durchwegs finden: So ist eigentlich in allen der Haldner-Werkstatt zugewiesenen Inschriften der untere, abgeknickte Bogenabschnitt des p linksschräg gestellt und durchschneidet den Schaft. Der Schaft des g biegt unter der Grundlinie leicht nach rechts um, der rechte Teil des unteren, geknickten Bogens ist ebenfalls linksschräg, ebenso der abgeknickte, obere Teil des oberen Bogens. Die beiden Bögen des gebrochenen, runden s sind ineinander verschoben. Das Verhältnis dieser beiden Bögen ist ungefähr folgendes: Denkt man sich zwei parallele Linien, die den [Druckseite C] Buchstaben rechtsschräg durchlaufen, dann würde an der linken Linie der obere Teil des oberen Bogens enden, ebenso der oberen Teil des unteren Bogens, der mit seiner oberen Spitze die untere Spitze des Teils des oberen Bogens berührt; weiter würde diese Linie an der unteren Bruchstelle des oberen Bogens verlaufen. Analog, nur spiegelverkehrt, würde es sich mit der rechten Linie verhalten. Tritt Bogen-r auf, so ist immer der Bogen zu einem Schrägbalken umgeformt, der parallel, aber versetzt zur Cauda steht und mit der unteren Ecke auf derselben aufsitzt. Das – eher häufiger verwendete – Schaft-r weist eine zum Quadrangel stilisierte Fahne auf. Häufig wird die untere Spitze dieses Quadrangels in eine senkrecht nach unten führende Zierlinie verlängert, die unten nach rechts eingerollt wird: Bei näherer Betrachtung – v.a. bei erhaben gearbeiteten Inschriften – erinnert diese Zierlinie an einen Rüssel. Hier manifestiert sich eine Art Unterscheidungskriterium innerhalb dieser Schriftgruppe: Neben eher schlicht gehaltenen Schriftanfertigungen finden sich solche, die ein besonderes Dekor aufweisen. Die Grundformen der (charakteristischen) Buchstaben bleiben jedoch gleich. Es gesellen sich aber kleine Zierelemente hinzu: So wird beispielsweise an den gebrochenen Schaftenden auf der Grundlinie an der rechten Spitze v.a. bei e, r, oder t ein geschwungenes bzw. eingerolltes Zierhäkchen angesetzt. Ähnlich verhält es sich auch an der rechten Spitze des oberen Endes des l-Schaftes. Eine aufwendigere Ausgestaltung können in diesen Fällen auch die Worttrenner erfahren: Wo an vielen Stellen einfache runde Punkte oder Quadrangel dienen, kommen in den reicher ausgeschmückten Inschriften Quadrangel mit Zierhäkchen oder auch Rosetten zum Einsatz. An manchen Stellen treten minutiös ausgestaltete Versale, v.a. Initialen auf: So kann beispielsweise der rechte (Schräg-)Schaft des A mit einer Art Gesicht versehen – vielleicht ähnlich einem gesichteten, knorrigen Baumstamm – oder als eine Art Drache geformt sein. Solche Besonderheiten finden sich bei den Freisinger Exempeln in erster Linie auf der Tumbadeckplatte für Bischof Johannes Grünwalder (Nr. 95, Abb. 63), auf der figuralen Grabplatte für Nikolaus Schlegel (Nr. 103) und auf dem Grabmal für Nikolaus von Gumppenberg (Nr. 86, Abb. 60: hier v.a. die A-Initiale)210). Eine derartige Gestaltung mit Zierhäkchen erinnert sehr stark an die Inschrift für Degenhard von Weichs (Nr. 72, Abb. 57), die bislang nur schwer einzuordnen ist. Die Schrift scheint sich in Details eindeutig von den typischen Formen der Haldnerwerkstatt zu unterscheiden. So ist hier beispielsweise der untere Bogenabschnitt bei p waagrecht, der untere Bogen des g vom umgebogenen Schaftende leicht abgesetzt, aber mit einer Haarlinie verbunden; die Bögen des runden s sind nicht ineinander verschoben, sondern auf einer Zierlinie organisiert. Im Gegensatz dazu sind v.a. die Zierhäkchen an den gebrochenen Schaftenden beinahe identisch mit der Ausprägung bei den der Haldner-Werkstätte zugewiesenen Stücken. Ob hier eine Beeinflussung stattfand, ist bislang noch ungeklärt.

In jedem Fall scheint der Einsatz derartiger Zierhäkchen in der Folgezeit durchaus beliebt zu werden, auch wenn er von Beispiel zu Beispiel unterschiedlich ausgeprägt ist; so auf der Grabplatte für Johannes Simon (Nr. 121), jedoch hier nicht an den gebrochenen unteren Schäften. Die Platte wird Hans Haldner zugewiesen, weist aber einige Unterschiede zu seinen sonstigen Arbeiten auf211). Die Schrift orientiert sich am Formenkanon der Haldnerwerkstätte. Es wird das ineinander verschobene s verwendet; auch p mit dem schräggestellten unteren Bogenabschnitt: p ist allerdings auf die Grundlinie gestellt und entbehrt einer Unterlänge. Auffallend und – sozusagen buchstäblich – aus dem Rahmen fallend ist das doppelstöckige a, das sehr gestreckt ist und dessen oberer Teil in die Oberlänge reicht. Eine vergleichbare Form des a findet sich auch auf der – im Gegensatz zur Inschrift für Simon vertieft gearbeiteten – Grabinschrift für Joachim von Nußdorf (Nr. 99, Abb. 65). Ansonsten treten auch bei der Nußdorf-Inschrift ähnliche Buchstabenausprägungen auf, u.a. auch p mit schrägem unteren Bogenteil, dessen Schaft jedoch normal in die Unterlänge reicht. Worttrenner sind in Form eines Quadrangels mit Zierhäkchen gestaltet, Schaft-r weist den eingerollten Zierstrich an der quadrangelförmigen Fahne auf; c und Schaft-s haben jeweils einen waagrecht abgeknickten oberen Bogenabschnitt.

Ein weiteres Stück, das in den Umkreis Haldners eingeordnet wird und auffallende Zierhäkchen aufweist, ist die figurale Grabplatte für Johannes Heller (Nr. 120, Abb. 70)212). Die Schrift entspricht jedoch in den einzelnen Grundformen nicht dem Formenkanon, der bei der Haldnerwerkstätte herausgefiltert werden konnte: Das doppelstöckige a bewegt sich noch im Rahmen des Halderstils; e weist den unten eingerollten, schrägen Balken auf; der obere Bogenabschnitt scheint hier jedoch in einem größeren Winkel abgeknickt zu sein als das bei den Beispielen der Halderwerkstätte der Fall war. Ähnlich auch der obere, abgeknickte Bogenabschnitt bei Schaft-s, der hier v.a. länger ist. Schaft-r [Druckseite CI] besitzt eine quadrangelförmige Fahne, von der unten ein Zierhaken ausgeht, der in diesem Fall den Schaft berührt und somit nicht senkrecht verläuft. Die auffallendsten Unterschiede finden sich jedoch bei p, s und g: p umfaßt hier nicht den für den Haldnerstil charakteristischen, schräggestellten unteren Bogenabschnitt: Derselbe ist im vorliegenden Beispiel waagrecht, durchschneidet aber ebenfalls den Schaft. s besitzt zwar zwei verschobene Bögen, sie sind aber – wie das schon bei anderen Inschriften der Fall war – auf einer diagonalen Zierlinie organisiert und nicht – wie beim Haldnerstil – auf zwei (gedachten!) schrägen Linien. Der Schaft des g führt gerade in die Unterlänge, der untere Bogen ist waagrecht abgeknickt, so auch der obere Abschnitt des oberen Bogens. Die gebrochenen unteren Schaftenden besitzen bei der Inschrift für Heller keine eingerollten Zierhäkchen; die rechte Spitze wird hier nach schräg rechts oben verlängert, sodaß ein dornförmiger Fortsatz entsteht. Gerade aber solche Zierelemente mögen durchaus vom Haldnerstil beeinflußt sein, sind aber – wie hier gezeigt wurde – nicht einfach kopiert, sondern eigens stilisiert.

Überhaupt finden sich in der Folgezeit – beginnend in den 50er Jahren des 15. Jahrhunderts bis hin zum Jahrhundertende – eine ganze Reihe Einzelbeispiele, die sich vielleicht gegenseitig beeinflußten, bei denen aber kein einheitlicher Schriftstil herausgearbeitet werden kann. Es handelt sich hierbei vielmehr um – teils eigenwillige – Stilisierungen, die nur in bestimmten Details vergleichbar sind.

Eine einzige Gruppe, die in diesem Zeitabschnitt herausgefiltert werden konnte, muß wohl einer anonymen Werkstatt zugewiesen werden213). Innerhalb der drei von Ryue, von der die Zuweisung stammt, zugeschriebenen Werke, die auch in der bildlichen Darstellung ähnlich aufgebaut sind, können folgende Buchstaben als charakteristisch herausgestellt werden: Der linke Teil des gebrochenen oberen Bogens des a wird durch einen geschwungenen Haarstrich ausgedrückt, der häufig – aber nicht immer – genau über dem geraden Teil des gebrochenen unteren Bogens endet; in manchen Fällen wird er jedoch quasi in den unteren Bogen hineingezogen. Der obere Teil des gebrochenen oberen Bogens bei g ist als Deckbalken gestaltet, der rechts über den Schaft hinausgeht. Der Schaft bricht unter der Grundlinie nach rechts weg, der untere Bogen ist ebenfalls gebrochen; der gerade Teil ist schräg und steht parallel zur Brechung des Bogens. Rundes s tritt in zwei Varianten auf: Eine Form ist nicht gebrochen, sondern rund, oben und unten werden die Bogenenden jedoch gebrochen bzw. enden in Quadrangeln. Die eher häufigere Form erinnert hingegen an das runde s der Haldnerwerkstatt, bei dem die gebrochenen Bögen versetzt sind und an zwei (gedachten) Schräglinien organisiert werden. Der Unterschied zum Haldner-s besteht darin, daß der gebrochene obere Abschnitt des oberen und der gebrochene Abschnitt des unteren Bogens die gedachten Linien nicht berühren. Die Schrift kann auch Zierelemente aufweisen. Neben der bereits erwähnten Gestaltung des oberen a-Bogens können eingerollte Zierlinien auftreten, so an freistehenden Enden wie beim gebrochenen oberen Abschnitt des d, am g-„Balken“ und an dessen unterem Bogen, an den s-Bögen. Ähnlich wird auch der e-Balken als Zierstrich gebildet. Bei diesem Schrifttyp erscheint noch eine weitere Stilisierungstendenz, die besonders bei der Grabplatte für Leonhard Zeller (Nr. 110) zur Geltung kommt: Bögen werden zum Teil so gebrochen, daß sie unten horizontal der Grundlinie folgen. Es entsteht dadurch eine Art Basislinie, die u.U. auch an der Stelle, an der der senkrechte Teil des Bogens mit dem waagrechten zusammentrifft, dornförmige Fortsätze bilden kann214). Ersichtlich ist dieses Phänomen bei b, rundem d, o, p und v. Dieses Merkmal tritt allerdings bei den anderen beiden Beispielen nicht so stark hervor. Dagegen findet sich in der Inschrift für Johannes von Pienzenau (Nr. 122) ein Element, das sonst auch nicht erscheint: Der g-Schaft durchbricht hier den „Deckbalken“.

Dieser Schrifttyp, der teils doch sehr markante Details aufweist, findet sich mehr oder weniger auch bei anderen Objekten: Eine Inschrift, die von Liedke mit Vorbehalt noch der Werkstatt der Haldner zugewiesen wurde215), zeigt bereits einige Merkmale, die an den hier beschriebenen Schrifttyp denken lassen: Es ist dies die Wappengrabplatte für Otto von Staudach († 1452, Nr. 98, Abb. 64)216). a – soweit dies der leicht abgetretene Zustand der Platte zuläßt – läßt den aus einem Haarstrich gebildeten oberen Bogenabschnitt erkennen, der über dem senkrechten Teil des unteren Bogens angebracht [Druckseite CII] ist. Buchstaben wie b, d, o und v tendieren zu dem oben beschriebenen „Basisstrich“. Der untere Teil der Lettern auf der Grundlinie wird folgendermaßen aufgebaut: Der linke Schaft bzw. senkrechte Teil des Bogens wird auf der Grundlinie gebrochen, der rechte Teil endet quasi stumpf, weist aber eine horizontale Verbindungslinie zur linken „Haste“ auf, sodaß dadurch der „Basisstrich“ entsteht, im linken Abschnitt sich aber trotzdem eine Brechung befindet. Eine solche Form enthält die Inschrift für Johann von Pienzenau: Hier steht Brechung neben stumpf endenden Schaft, was optisch ein ähnliches Ergebnis bietet. Der obere Teil des g ist als Deckbalken gestaltet, der untere Bogen ist schräg, jedoch nicht parallel zur Brechung des Schaftes; der gerade Teil des unteren Bogens ist (leicht) rechtsschräg gestellt. Dieses Element unterscheidet sich von der Form, wie sie bei dem oben beschriebenen Schriftstil auftritt. Ähnlich wiederum ist hier die Gestaltung des runden s mit den zwei verschobenen, gebrochenen Bögen. Obwohl die Schrift hier einige ähnliche Merkmale aufweist, kann sie noch nicht eindeutig dem anonymen Schrifttyp zugewiesen werden. Dagegen gibt es zwei andere Objekte, die auch zeitlich dieser Stilgruppe näher stehen und in den Formen ähnlicher sind: die Grabplatte für Benedikt Wieland († 1472, Nr. 109) und die figurale Grabplatte für Ulrich Kemnater († 1474, Nr. 113, Abb. 67), auf der die Inschrift – im Gegensatz zu den anderen Beispielen – erhaben gearbeitet ist. Mutmaßlich läßt sich hier auch die – leider an der Oberfläche sehr beschädigte – Grabplatte für Balthasar Neunberger († 1490, Nr. 136, Abb. 73) dazuzählen.

Auf der Wieland-Platte findet sich neben einem kastenförmigen a die doppelstöckige Variante mit dem Zierstrich, der genau über dem senkrechten Teil des unteren Bogens organisiert ist. Auch die Behandlung der Buchstaben mit Bögen auf der Grundlinie ist eine ähnliche: Auch hier steht Brechung neben stumpfem Ende, sodaß eine optische „Basislinie“ entsteht. g zeigt den Deckbalken und den parallel zur Schaftbrechung stehenden unteren Bogen. So auch g auf der Platte für Kemnater. Die Organisation der Bögen auf der Zeile ist eine ähnliche; das Phänomen der „Basislinien“ kommt hier hingegen nicht zur Geltung. Rundes s umfaßt die beiden verschobenen, gebrochenen Bögen. Daneben findet sich hier auch die Variante des rund ausgeformten s mit den Quadrangeln an den beiden Enden. Das doppelstöckige a besitzt den geschwungenen Zierstrich, der annähernd über dem senkrechten Teil des unteren Bogens endet. Allerdings reicht hier der obere Bogen leicht in die Oberlänge, was aus dem Rahmen des bisher beschriebenen Schrifttyps fällt. Die Inschrift für Neunberger umfaßt die typische Formengestaltung bei a, b/d und g.

Ein Beispiel, das nicht in allen Formen in diese Schriftgruppe paßt, aber doch Analogien enthält, ist die Wappengrabplatte für Matthäus und Erntraud von Weichs (1475, Nr. 114, Abb. 68), die erhaben gearbeitet ist. Neben vergleichbar ähnlichen Formen wie a zeigt g (in der Umschrift) nicht den zum Deckbalken stilisierten oberen Bogenabschnitt; im gleichlaufenden Teil der Inschrift dagegen findet sich genau die Form mit dem Deckbalken wieder; der untere Abschnitt des Buchstabens ist wie in dem oben beschriebenen Schriftstil gestaltet. Ein Merkmal, das hier besonders ins Auge sticht und stark an die Inschrift für Leonhard Zeller erinnert, sind die ausgeprägten „Basisstriche“ bei b, d, o, v oder w. Sie besitzen auch den „Dornfortsatz“. Die gebrochenen Bögen bei s sind im vorliegenden Beispiel nicht so stark verschoben und erscheinen eher auf nur einer (gedachten) Schräglinie organisiert.

Es zeigt sich also, daß zwar ein bestimmter Schrifttyp herausgefiltert werden kann und daß diesem auch eine ganze Reihe an Inschriften zugewiesen werden können. Jedoch erschließt sich aus dem Schriftvergleich auch, daß die Einzelbeispiele in bestimmten Details doch voneinander abweichen können. Die exakten Grenzen dieser Schriftgruppe – oder Werkstatt? – lassen sich demnach nur schwer ziehen, zumal gleichzeitig auch Einzelfälle auftreten, die eindeutig außerhalb von Gruppen anzusiedeln sind. Hierzu ist wohl auch die Inschrift auf der figuralen Grabplatte für Wilhelm Greuter († 1458, Nr. 102) zu zählen. Die Schrift ist im Mittellängenbereich eher breiter angelegt. Der durch einen Haarstrich ausgedrückte Teil des oberen Bogens bei doppelstöckigem a läßt sich auf Grund des leicht abgetretenen Zustandes der Platte nicht mehr genauer nachvollziehen. Rundes d ist auf der Grundlinie gebrochen; der obere freistehende Bogenabschnitt ist relativ flach gehalten. Die Bögen des gebrochenen runden s sind hier nicht verschoben, sondern sozusagen nur unterbrochen: Die jeweils gebrochenen Teile der Bögen im mittleren Bereich des Buchstabens stehen einander gegenüber. Eine derartige Konstellation fand sich bislang nicht im Freisinger Inschriftenmaterial. Diese Schrift zeichnet sich v.a. durch die gespaltenen Oberlängenenden bei b, h, l und w (linker Schaft) aus. Hier fehlen in dem vorliegenden Material Vorbilder: Bei einigen wenigen Inschriften gibt es Ansätze; meist werden jedoch eingerollte Zierhäkchen ausgeprägt. Im Greuterbeispiel sind die gespaltenen Enden sehr schwungvoll ausgeführt und schneiden relativ weit in den Schaft ein. Die A-Initiale ist eine Abwandlung eines pseudounzialen A: Der Balken ist geschwungen, der linke verdoppelte Schaft bildet eine Art Fischblase.

Vollkommen singulär steht die figurale Grabplatte für Heinrich von Schmiechen († 1483, Nr. 128, Abb. 72). Durch die kräftige Strichstärke, den beinahe das gesamte Schriftband einnehmenden Mittellängenbereich [Druckseite CIII] und die Tendenz zur Längung von gebrochenen Abschnitten entsteht ein eher „eckiger“, beinahe „klobiger“ Eindruck bei dieser Schrift. Buchstaben mit runden Teilen wie b, d oder o zeigen einen relativ langen gebrochenen Abschnitt links unten. Rundes d hat zusätzlich einen sehr flachen freistehenden Bogenabschnitt, der den Buchstaben beinahe abdeckt. g besitzt einen zum Deckstrich stilisierten oberen Bogenabschnitt; der untere Bogen ist ebenfalls beinahe horizontal, relativ lang und fügt sich nahe an die Grundlinie (der Schaft geht nicht weit in die Unterlänge), sodaß der Buchstabe beinahe eine rechteckige Form erhält. Rundes s zeigt die Grundform, bei der die beiden gebrochenen Bögen auf einer diagonalen Zierlinie organisiert werden. Die Letter ist sehr breit, die äußersten Bogenabschnitte oben und unten sind eher lang und stumpf gebrochen. Dagegen ist der zur Haarlinie stilisierte linke Abschnitt des oberen Bogens bei doppelstöckigem a beinahe spitz abgeknickt und läuft direkt in den unteren Bogen hinein. In Freising sucht man eine dieser Schrift vergleichbare Stilisierung vergebens.

Weitere Einzelfälle der Folgezeit sind in erster Linie die figuralen Grabplatten für Konrad Aichelstain († 1488, Nr. 133), für Vinzenz Schrenck von Notzing († 1499, Nr. 147), für Margret Schach († 1505, Nr. 155, Abb. 90) und für Albert vom Hof († 1508, Nr. 158). Bei allen finden sich die häufig auftretenden Merkmale wie a mit dem rechten Teil des oberen Bogens als geschwungenem Zierstrich ausgeprägt; g in verschiedenen, aber doch ähnlichen Varianten mit gebrochenem oberen Teil des oberen Bogens, kurzem Balken am Schaft und gebrochenem bzw. nach recht ausschwingenden Schaft; e, dessen Balken als unten eingerolltes Zierhäkchen ausgeformt ist; rundes, gebrochenes s, dessen Bögen auf einer diagonalen Zierlinie organisiert sind, etc.; alle vier Beispiele sind erhaben ausgearbeitet. Die Schrift bei Aichelstain ist relativ schmal und gestreckt, wobei jedoch die Wortabstände relativ groß sind. Die Zierstriche beispielsweise bei e erscheinen leicht überproportional. Die Bögen des runden s sind stärker verschoben. Die Buchstaben tendieren teils leicht zur Grundform eines Rechtecks, wobei viele Bögen auf der Grundlinie beinahe horizontal ausgeprägt sind, so bei rundem d, s mit stumpf gebrochenen äußeren Abschnitten oben und unten. Im Gegensatz zur eher gedrängt wirkenden Textschrift sind die Versalien teils sehr ausladend bzw. besitzen platzfüllende Schlaufen oder geschwungene Anstriche. Die Oberlängen sind v.a. bei venerabilis gespalten. Eher breiter erscheint die Schrift auf der Platte für Vinzenz Schrenck. Hier fällt v.a. rundes s auf, das sehr breit und im Gegensatz zu den übrigen Textbuchstaben überproportioniert wirkt. Rundes d besitzt einen „Basisstrich“ auf der Grundlinie. Der untere g-Bogen ist ebenfalls horizontal ausgeformt. e tendiert zu einem eher längeren abgeknickten oberen Bogenabschnitt. Ansonsten enthält diese Inschrift keine besonders ins Auge stechenden Merkmale. Ein ähnliches s findet sich auf der Grabplatte für vom Hof: Auch hier ist der Buchstabe teils sehr ausladend gestaltet. Der aus der geschwungenen Haarlinie bestehende Bogenteil bei a biegt scharf nach innen ein, sodaß sich ein beinahe „spitzwinkliger“ Bogen bildet. e weist einen relativ langen abgeknickten Bogenabschnitt oben auf. Ähnlich auch c, f und Schaft-s. Als markant tritt der Bogen des p hervor, der an der Brechung rechts unten eine Art „Schaftfortsatz“ bildet. Die Grabschrift für Margret Schach umfaßt trotz einer kräftigen Strichstärke teils eher schmälere Buchstaben, so v.a. – im Gegensatz zu den eben besprochenen Beispielen – ein schlankes rundes s. Bei r überwiegt die gebrochene runde Form. Der obere gebrochene Abschnitt bei e ist hier eher kürzer. Zu der doppelstöckigen a-Form mit Zierlinie gesellt sich hier die Kastenform, die weitaus häufiger vorkommt. Der A-Versal gleicht annähernd der Form auf der Schrenck-Platte.

Ein weiteres, anderen Stücken nicht wirklich zuweisbares Beispiel ist die Inschrift auf der figuralen Grabplatte für Konrad vom Stain († 1503, Nr. 153, Abb. 89). Sie wird von Liedke Wolfgang Leb zugeschrieben217). Es handelt sich auch hier um eine erhaben gearbeitete Gotische Minuskel, die bereits bekannte Formen umfaßt: a tritt in zwei Varianten auf: Neben der Kastenform findet sich doppelstöckiges a, dessen linker oberer Teil als Zierlinie gestaltet ist, die hier nicht über den unteren gebrochenen Bogen hinausgeht; e besitzt den unten eingerollten „Zierbalken“; der Schaft des g schwingt an der Grundlinie nach rechts weg, der obere gebrochene Bogenabschnitt ist schräg, der untere waagrecht; rundes s ist in der Form mit dem diagonalen Zierstrich; der untere gebrochene Bogenabschnitt bei p ist diagonal gestellt. Trotz dieser bekannten Formen bleibt es schwer, dieser Schriftausprägung weitere Beispiele zuzuordnen. Es stellt innerhalb der eben aufgeführten Einzelfälle seit den letzten Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts eigentlich das einzige bzw. erste Stück dar, das mit einem Meisternamen in Verbindung gebracht wird. Namentlich bekannte Meister lassen sich erst wieder zu Beginn des 16. Jahrhunderts – mit einer einzigen Ausnahme, die auf 1496 datiert ist – unterscheiden. Unter den Freisinger Inschriften aus den ersten beiden Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts dominieren die Stücke, die entweder der Werkstatt Hans Beierlein des Mittleren oder der [Druckseite CIV] Stephan Rottalers zugewiesen werden. Gleichzeitig stellen diese beiden Gruppen auch die letzten wirklichen Werkstatttypen dar. In den späteren Jahrzehnten finden sich allenfalls Einzelbeispiele, die nur in Ausnahmen einer namentlich benennbaren Meisterwerkstätte zugeschrieben werden können. Auch läßt mit der Zeit die Verwendung der Gotischen Minuskel nach, sodaß hier auch – allein von der Menge her – keine Gruppen mehr herausgearbeitet werden können.

Aus den Freisinger Beständen werden von Volker Liedke und darauf aufbauend von Sabine Ryue Hans Beierlein bzw. Peurlin dem Mittleren eine Reihe Grabmäler zugewiesen218). Beim Schriftvergleich dieser zugeschriebenen Stücke lassen sich in jedem Fall gemeinsame Tendenzen erkennen. Es treten jedoch von Fall zu Fall Details auf, die von den anderen Beispielen abweichen. Dies bedeutet, daß kein eindeutiger Schriftstil, der immer wieder in der genau gleichen Form ausgearbeitet ist, herausgefiltert werden kann. Das könnte entweder daran liegen, dasß die einzelnen Stücke vielleicht doch nicht alle aus derselben Werkstatt stammen, oder daß die Werkstatt keinen exakt einheitlichen Stil ausgebildet hat und möglicherweise verschiedene Mitarbeiter unterschiedliche Schriftausprägungen – innerhalb eines gewissen Stils – angewandt haben. Dies lässt sich über den Schriftvergleich leider nicht klären. Hier kann nur auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede aufmerksam gemacht werden.

Das älteste Werk, das aus dem Freisinger Material Hans Beierlein dem Mittleren zugewiesen wird, ist gleichzeitig ein Stück, das auch archivalisch für diese Werkstatt gesichert ist219). Es handelt sich um die figurale Grabplatte für Bischof Sixtus von Tannberg, datiert auf 1496 (Nr. 143, Abb. 74). Es finden sich in dieser Inschrift bekannte Formen: doppelstöckiges a weist einen als Zierstrich gestalteten linken Teil des oberen Bogens auf; alternativ wird kastenförmiges a verwendet; rundes s ist in der Form, bei der die Bogenenden auf einer Zierlinie organisiert sind, anzutreffen; der Schaft von g ist unten nicht gebrochen, der obere Bogenabschnitt oben hingegen ist gebrochen, der untere Bogen ebenso; der oben freistehende Teil des runden d ist relativ flach, die gesamte Form tendiert leicht zu einem Parallelogramm. Der untere Bogenabschnitt des p ist waagrecht gestaltet. Der Balken des e ist als unten eingerollte diagonale Zierlinie verwirklicht. Diese Formen sind annähernd vergleichbar mit denen auf der Grabplatte für Johannes von Lamberg (Nr. 156, Abb. 95) und evtl. auch in der Grabinschrift für Markus Hörlin (Nr. 157, Abb. 94). Bei Lamberg und Hörlin wird eine Zweitform des runden s verwendet: die Bögen sind im Mittelbereich nicht gebrochen; der Mittelteil tendiert zum Schwellschaft; die Bögen sind an den jeweiligen äußeren Enden abgeknickt und werden an manchen Stellen mit einer Haarlinie verbunden. Eine derartige Gestaltung von s findet sich auf der Tannbergplatte nicht. Grob fügt sich auch die Inschrift auf der Platte für Johannes Schrenck (Nr. 160, Abb. 93) in diesen Formenkanon ein. Jedoch ist hier der „Schnitt“ der Buchstaben teils ein anderer. a tritt auch hier in der doppelstöckigen Form mit Zierstrich auf; der rechte Teil des oberen Bogens ist jedoch steiler, der linke Haarstrich wird spitzwinklig abgeknickt und verläuft beinahe parallel zum rechten Abschnitt; der senkrechte Teil des unteren Bogens reicht relativ weit nach oben. g ist aufgebaut wie in der Tannberginschrift; der untere Bogen schließt sich enger an den Rest des Buchstabens an und sitzt auf der Grundlinie: g ist in den Mittellängenbereich eingefügt. Der obere Bogenabschnitt bei b ist nicht abgebrochen bzw. fehlt: Der Bogen endet oben mit dem senkrechten Teil, der oben linksschräg abgeschnitten ist. Rundes s besitzt den sonst üblichen gebrochenen Aufbau mit der diagonalen Zierlinie; der untere Bogen ist im Gegensatz zu den sonstigen Formen und zum oberen Sinus unten rechtwinklig umgebrochen. Die Inschrift auf der Platte für Tristram von Nußberg (Nr. 175) scheint sich wieder stärker im gewohnten Formenrahmen zu bewegen. Die Schrift tendiert zur Streckung im Mittellängenbereich und erinnert in diesem Merkmal wohl am ehesten an die Lamberg-Inschrift. Die Grabschriften für Rupert Auer (Nr. 180) und Michael Fischer (Nr. 208) fügen sich grob in den Formenkanon ein, weisen jedoch einige unterschiedliche Details auf. So ist hier in beiden Fällen der g-Schaft unten gebrochen; bei Auer wird g in den Mittellängenbereich eingefügt, bei Fischer reicht [Druckseite CV] der Buchstabe knapp in die Unterlänge. Der untere Abschnitt des p-Bogens ist bei Auer im Gegensatz zu der Tannberg-Inschrift schräggestellt. Der obere abgeknickte Bogenabschnitt bei e ist in der Fischer-Inschrift relativ kurz, bei Auer eher länger. Dafür erscheinen die Einzelteile des gebrochenen Bogen-r bei der Fischer-Inschrift weiter auseinandergezogen; bei Auer ist diese Form schmäler. Neben diesen Abweichungen von bestimmten Grundformen treten beide Inschriften durch ein besonderes Merkmal hervor: An Schäften, die in die Oberlänge gehen, werden an manchen Stellen – nicht immer – links kleine Ansätze angefügt. Es handelt sich hier um kleine dreieckige „Fortsätze“ auf Höhe der Brechungen an der oberen Begrenzung des Mittellängenbereichs. Tatsächlich erscheinen diese Ansätze analog zu den oberen Mittelschaftbrechungen, also sozusagen so, als wäre ein gebrochener Mittellängenschaft exakt über eine Haste, die in die Oberlänge reicht, gelegt. Dies kommt besonders bei b zur Geltung; die Fortsätze erscheinen aber auch bei l oder Schaft-s. Dieses Phänomen tritt bei den restlichen, Beierlein und seiner Werkstatt zugeschriebenen Stücken nicht auf. Jedoch finden sich ähnliche Ansätze schon in der Inschrift für Albert vom Hof (Nr. 158), hier aber nur in Albertus, sodaß man in diesem Fall den Eindruck gewinnen könnte, als ob an der Stelle eine Ausbesserung stattfand. Wie sich aber bei der Auer- sowie bei der Fischer-Inschrift zeigt, werden diese dreieckigen Fortsätze bewußt zur Schriftgestaltung eingesetzt.

Ein vielleicht ähnliches Bild wie bei der Beierlein-Werkstatt ergibt sich bei Stephan Rottaler. Auch hier können grobe Züge herausgearbeitet werden, in den Details ergeben sich jedoch Unterschiede. Auch in diesem Fall wurden bereits einige Freisinger Stücke von Volker Liedke und – offenbar auf Liedke aufbauend – von Sabine Ryue Rottaler und seiner Werkstatt zugeschrieben220). Als mögliche typische Formen erscheinen: das auch bei anderen Inschriften-Gruppen auftretende doppelstöckige a mit dem geschwungenen Zierstrich oben links; daneben steht kastenförmiges a mit einem diagonalen oder waagrechten „Balken“. Diese Form scheint in früheren Beispielen zu überwiegen, bei denen das doppelstöckige a meist nur am Wortbeginn steht (vgl. sog. Marolt-Altar Nr. 165, Abb. 96 und Wirsing-Epitaph Nr. 169, Abb. 97). e besitzt durchgehend den zum unten eingerollten Zierstrich stilisierten Balken. g tritt meist in der Form auf, bei der der Schaft unten gebrochen ist; p mit waagrechtem unteren Bogenabschnitt; der obere Bogen bei Schaft-s ist im rechten Winkel gebrochen; Bogen-r ist überwiegend gebrochen; rundes s oft auf der diagonalen Zierlinie organisiert; bei den Großbuchstaben überwiegen „gotische“ Grundformen wie das pseudounziale A; die Versalien werden gern aufwendig gestaltet, oft in einzelne Schwellschäfte zerlegt bzw. mit eingerollten Dekorausläufern verziert; gerade beim pseudounzialen A wird die Schaftverstärkung an der linken Schräghaste „tropfenförmig“ gestaltet. Trotz dieser gemeinsamen Tendenzen lassen sich im Fall Rottaler bzw. seiner Werkstatt beinahe bei jedem Beispiel Unterschiede festmachen. Somit ist es eigentlich unmöglich, einen fixen Werkstatt-Schrift-Stil auszumachen. Daher bleibt es auch schwierig, dieser Gruppe weitere Beispiele über den Schriftvergleich zuzuweisen. Es sollen hier also nur die Stücke angesprochen werden, die bereits – wie oben schon ausgeführt – von der Kunstgeschichte zugeschrieben wurden. Im Fall des sog. Marolt-Altares (Nr. 165, Abb. 96) ist das Werk durch eine Signatur gesichert. Die Inschrift umfaßt die oben beschriebenen Formen. Die Schrift ist hier relativ breit mit einer kräftigen Strichstärke erhaben ausgeführt. Der untere gebrochene g-Bogen ist links leicht verkürzt; rundes s ist nicht gebrochen, wie es auch schon bei Beierlein auftrat: mit einer Art Schwellzug im mittleren Bereich des Buchstabens und abgeknickten Teilen an den extremen Enden der beiden Bögen. Relativ ähnlich ist das nächste zeitlich darauf folgende Freisinger Beispiel, das Epitaph für Wolfgang Wirsing (Nr. 169, Abb. 97). Die Schrift ist hier allerdings gestreckter; wohl in diesem Zug erscheint auch Bogen-r hier etwas steiler; rundes s tritt hier nur in der gebrochenen Form auf. Auf dem Epitaph für Peter Schaffmannsberger ist die Schrift wiederum eher breiter. Einige Details unterscheiden sich von den vorherigen Beispielen, wie die oben abgeknickten Abschnitte bei c und Schaft-s, die hier nicht recht- sondern spitzwinklig sind; oder der obere Teil des oberen g-Bogens, [Druckseite CVI] der hier beinahe flach gebildet ist. Auch die Großbuchstaben demonstrieren hier ein eindeutiges Übergewicht an kapitalen (Grund-)Formen. Die Auer-Inschrift bewegt sich wiederum mehr im gewohnten Oeuvre der Werkstatt. Ein Unterschied ergibt sich hier darin, daß das Bogen-r nicht gebrochen ist. Ähnlich wird zumindest der untere Bogen des gebrochenen runden s teilweise gebogen. Die Umschrift auf dem Grabmal für Paul Lang ist dagegen im Mittellängenbereich eher gestreckt, zeigt aber auch rundes Bogen-r. v (als u-Laut) weist in diesem Beispiel ein diakritisches Zeichen auf. g läßt den nach rechts gehenden Ansatz oben am Schaft vermissen. Die Kalbsohr-Inschrift schließlich hebt sich noch ein wenig mehr von den bisherigen Stücken ab: sie tendiert mehr in die Breite; der obere g-Bogen ist waagrecht gehalten, ohne über den Schaft nach rechts hinauszugehen; der Schaft ist unten nicht gebrochen; rundes s tritt meist in gebrochener Form auf, aber auch in der „halbgebrochenen“ mit rundem unteren Bogen. Es ergibt sich also – wie hier grob demonstriert – eine relativ große Spielweite innerhalb der inschriftlichen Ausführungen, die aus der Rottaler-Werkstätte stammen sollen. Wie dieser Umstand genau zu interpretieren ist, bleibt anhand der Schriftanalyse unklar und stellt den Beobachter vor ähnliche Probleme, wie sie bereits bei der Beierlein-Werkstatt angesprochen wurden. Der Schriftvergleich kann in den meisten Fällen zu keinem eindeutigen Ergebnis führen, sodaß mögliche Zuschreibungen sich im Bereich der Hypothese bewegen. Dies demonstriert auch ein weiteres Beispiel – die Grabplatte für Stephan von Sunderndorf († 1528, Nr. 194) –, das ähnliche Formen wie die der Rottaler-Werkstätte umfaßt, jedoch nicht exakt zuzuweisen ist. So könnte beispielsweise g mit waagrechtem unteren Bogen durchaus dem auf dem Marolt-Altar ähnlich sein. Auch der im rechten Winkel abgeknickte obere Abschnitt des Schaft-s, das gebrochene relativ steile Bogen-r oder e mit dem unten eingerollten Balken stellen Merkmale dar, wie sie sich auch auf anderen, Rottaler zugewiesenen Werken finden.

Zwei sehr eigenwillige Einzelstücke, die keiner Werkstatt mehr zugeschrieben werden können, erscheinen in der zeitlichen Folge. Auf 1529 datiert eine Wappengrabplatte für Johannes Melber (Nr. 196, Abb. 105). Die sehr knapp gehaltene Inschrift ist in einer sehr schmalen und – im Mittellängenbereich – gestreckten Gotischen Minuskel ausgeführt, wobei der oben freistehende Teil des runden d bereits relativ weit in die Oberlänge reicht. Im starken Kontrast zur Textschrift stehen die sehr ausladenden und überproportional gestalteten Versalien. Die Grabinschrift für Ulrich und Anna Litzlkircher (1534, Nr. 201) zeigt eine eher in die Breite tendierende Gotische Minuskel, deren Großbuchstaben kaum hervorstechen. Sie werden in diesem Fall von sehr eigenwilligen Formen der Gemeinen überschattet: doppelstöckiges a ist gebrochen, der obere gebrochene Bogen wird durch einen zweimal sehr spitz abgeknickten Haarstrich ausgedrückt, der in den gebrochenen unteren Bogen führt; dieser ist relativ kurz, jedoch in einer erheblichen Distanz zum Schaft ausgeführt. Der obere Teil des g ist nach wie vor gebrochen; der untere Bogen hingegen weist keinerlei Knicke auf, sondern ist geschwungen. o dagegen ist „parallelogrammförmig“ gebrochen. Trotz der sehr markanten Elemente findet sich in Freising kein weiteres Beispiel mit dieser Schriftausprägung.

Das letzte Objekt, das von der Kunstgeschichte einem namentlich bekannten Meister zugeordnet wird, ist die figurale Grabplatte für Anna Lösch von Hilgertshausen († 1534). Sie soll von Thomas Hering stammen (Nr. 202, Abb. 92).

Die Schrift ist sehr schmal; dabei ist aber der Mittellängenbereich nicht mehr stark gestreckt; es treten eindeutig Ober- und Unterlängen hervor, was charakteristisch für eine späte Gotische Minuskel ist. Die Grundformen sind nach wie vor mit den für Freising bekannten Stiltypen vergleichbar. Auffallend sind hier zum einen die einem Parallelogramm gleichenden Buchstabenkörper bei b, rundem d, o, teils auch v. Darüber hinaus macht sich gerade an den Oberlängen ein weiterer „moderner“ Zug bemerkbar: Sie weisen „humanistische“ Serifen an Stelle von „gotischen“ Brechungen bzw. Schaftspaltungen auf. In den Umkreis der Hering-Werkstätte wird zuletzt die figurale Grabplatte für Leo Lösch von Hilgertshausen (1559, Nr. 250) gesetzt. Auch hier gleichen die Grundformen bei rundem d und o einem Parallelogramm. Die Oberlängen treten nicht so stark hervor und weisen kaum Serifen auf. Auffallend ist hier rundes s, das einer gebrochenen 8 gleicht. Anhand des Freisinger Materials können hier die Werkstattzuweisungen nicht verifiziert werden, da es sich jeweils um Einzelbeispiele innerhalb des untersuchten Materials handelt.

Zu berücksichtigen sind neben den Schriftzeugnissen in Stein auch einige wenige Stücke in anderen Materialien. So muß auf eine ganze Reihe gemalter Schriftzüge in Gotischer Minuskel verwiesen werden, die sich auf Tafelgemälden befinden221). Oft sind hier die Buchstabenformen jedoch mit Vorsicht zu behandeln, da diese Inschriften überarbeitet sein können, wie das Beispiel der sog. Sigismundtafel aus dem Jahre 1498 zeigt (Nr. 145, Abb. 85). Das Tafelgemälde wurde im 19. Jahrhundert [Druckseite CVII] renoviert. Die Schrift scheint dabei nachgearbeitet worden zu sein. Dabei wurden möglicherweise Details nicht berücksichtigt. Beispielsweise findet sich heute unter den Formen der Gotischen Minuskel ein einstöckiges a, das vielleicht auf ein ursprüngliches kastenförmiges a zurückgeht.

Nicht nur überarbeitet, sondern ergänzt wurden einige Teile am Chorgestühl (Nr. 134, Abb. 75–79). Dies ist gleichzeitig ein Beispiel für eine in Holz gearbeitete Gotische Minuskel. Das Freisinger Chorgestühl im Dom ist auf das Jahr 1488 datiert und umfaßte ursprünglich einen Zyklus der Bischöfe Freisings bis Sixtus von Tannberg. Ein Großteil dieser Inschriften ist auch heute noch erhalten. Es handelt sich um eine sehr qualitätvolle Schrift, die wohl auch angesichts des Materials zu feinen Ausarbeitungen besonders bei den Versalien einlädt. Die Großbuchstaben sind häufig den Formen der Gotischen Majuskel entlehnt und oft mit Knoten oder Zierlinien versehen. Auffallend ist beispielsweise W (Walto), das aus zwei unzialen U zusammengesetzt ist. Auch die Schlusszeichen sind an manchen Stellen sehr dekorativ, meist in Form einer Art Dornenzweigchens. Unter den Textbuchstaben ist o zu nennen, das eine Parallelogrammform aufweist. Analog dazu verhält es sich bei unzialem d. Besonders die o-Form verrät dann auch die beiden erst später ergänzten Inschriften (die des Heiligen Corbinian und des Bischofs Atto): Hier weist o eben nicht die Parallelogrammform auf, sondern ist oben und unten derart gebrochen, daß der Buchstabe quasi auf der Spitze eines unregelmäßigen Sechseckes steht. Ähnlich werden die Bögen bei q und p gebildet, während in der Originalschrift der untere Abschnitt des Sinus bei p waagrecht ausgebildet ist. Es handelt sich bei diesen beiden 1724 hinzugefügten Schriftzügen um eine historisierende Schrift des 18. Jahrhunderts, bei der versucht wurde, die Gotische Minuskel des Originals nachzuahmen.

Bei einem zweiten Beispiel einer in Holz gearbeiteten Gotischen Minuskel handelt es sich ebenfalls um ein Chorgestühl (Nr. 82(†), Abb. 53, 54). Hier haben sich Kranzleisten mit einer Stifterinschrift erhalten. Die erhabene Schrift gibt das Jahr 1441 in arabischen Ziffern wieder. Während 1 als simples Minuskel-i gestaltet ist, ist die schlingenförmige 4 relativ rund, die sich überkreuzenden Enden sind nur sehr klein außerhalb des eigentlichen Schriftspiegels zu erkennen. Wohl aufgrund der erhabenen Ausarbeitung der Schrift erscheinen die Buchstaben auf den ersten Blick etwas klobig. Jedoch treten bei näherer Betrachtung doch Zierelemente auf, wie beispielsweise die haarförmigen Abschlußstriche am t-Balken, am gebrochenen oberen Abschnitt des e oder an der r-Fahne, die zu einem Quadrangel stilisiert ist. a weist zwei Ausformungen auf, nämlich die Kastenform und die doppelstöckige, die oben leicht abgeflacht ist.

Obwohl sich in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts die Fraktur langsam als Minuskelschrift zu etablieren beginnt (vgl. Kapitel zur Fraktur), kann sich die Gotische Minuskel noch einige Zeit halten. Es treten noch vereinzelt Inschriften in dieser Schrift auf. Diese geben jedoch tendenziell das typische Schriftbild der Gotischen Minuskel auf oder stellen besondere Stilisierungen derselben dar. Da es sich mehr um vereinzelte Vertreter der Schrift handelt, können anhand dieses Materials keine Gruppierungen oder Werkstätten mehr erarbeitet werden.

Aus dem Jahre 1555 haben sich zwei Objekte in Gotischer Minuskel erhalten. Das eine ist die Wappengrabplatte für Barbara von Aham, geb. Lösch (Nr. 240), die Schwester des Freisinger Bischofs Leo Lösch. Die Schrift besitzt hier noch weitgehend den gitterförmigen Charakter der Gotischen Minuskel. Allerdings ist der Mittellängenbereich weitläufiger und weniger gestreckt, sodaß das Schriftbild lockerer wirkt. Die Versalien sind – bis auf die Initiale – zurückhaltend gestaltet. Die Großbuchstaben werden in geschwungene Schwellschäfte aufgelöst, wie es auch bei der Fraktur üblich ist. Auch die Verwendung eines diakritischen Zeichens bei u erinnert bereits an die Fraktur, wo dies beinahe durchwegs eingesetzt wird (vgl. Kapitel zur Fraktur). Die Buchstabenkörper – v.a. bei b, rundem d und o – „sitzen“ auf einer Spitze, die sich durch die Brechung des linken Buchstabenteils auf der Grundlinie ergibt. Dieses Element unterscheidet sich von der Behandlung der Buchstabenkörper in den Schriftbeispielen, bei denen die Tendenz zum Parallelogramm gegeben ist; so auch ansatzweise in der zweiten Inschrift aus dem Jahre 1555, der Wappengrabplatte für Katharina Kepser, geb. Wolf (Nr. 241). Hier ist die Grundform v.a. bei b, aber auch bei o und rundem d annähernd ein Parallelogramm. Der Mittellängenbereich ist eher gestreckt. Dafür sind die Ober- und Unterlängen sehr ausgeprägt. Die Schäfte reichen relativ weit nach oben. Bei b und h weisen die oberen Enden einen Sporn auf, was eher an Humanistische Minuskel erinnert. Dagegen ist das untere Ende des p-Schaftes, der ebenfalls relativ weit nach unten geht, gegabelt. Der untere g-Bogen hingegen ist dicht an die Grundlinie gedrängt. Der obere Bogen des doppelstöckigen a besteht zu einem Großteil aus einem mächtigen Balken, der links oben eine Art Dornfortsatz bildet, nach unten wird ein gebogener Zierstrich geführt, der den eigentlichen Bogen darstellt – wie es für die meisten Ausprägungen der Gotischen Minuskel typisch ist. Ein Element aus dem Bereich der Bastardschriften, das dazu beiträgt, das Schriftbild aufzulockern, ist das kursive s am Wortende. Ebenso verleihen geschwungene Buchstabenabschnitte wie der Anstrich bei v, der in die Unterlänge reichende Teil des [Druckseite CVIII] x oder die Oberlänge bei k sowie die schlaufenbildenden Unterlägen bei J / j, h und 5 der Schrift einen verspielten Anstrich. u bzw. v weisen diakritische Zeichen auf.

Es werden also mehr und mehr Elemente aus unterschiedlichen anderen Schriften in die Gotische Minuskel aufgenommen. Dadurch wird das Schriftbild aufgelockert bzw. „modernisiert“. Die meisten dieser Merkmale stammen aus dem Bereich der Fraktur bzw. der Bastardschriften. So ergeben sich zum Teil Mischschriften, die u.U. nicht mehr eindeutig einer Schriftart zugewiesen werden können.

Das vorletzte Freisinger Beispiel einer Schrift, die noch als Gotische Minuskel angesprochen werden kann, ist die Grabinschrift für den bischöflichen Kanzler Markus Tatius Alpinus auf dessen Epitaph aus den 60er Jahren des 16. Jahrhunderts (Nr. 273, Abb. 116). Das Schriftbild macht einen sehr strengen, gotischen Eindruck. Der gitterförmige Charakter ist sehr ausgeprägt, die Ober- und Unterlängen sind zurückhaltend gestaltet, der Mittellängenbereich ist schmal und gestreckt. Die Tendenz zum „Gedrängten“ verstärkt sich noch durch die relativ häufige Verwendung von Bogenverbindungen bzw. Nexus litterarum, die sonst – gerade in den Inschriften – nicht so häufig sind. Die Schrift enthält durchwegs doppelstöckiges a, bei dem der untere Bogen praktisch zu einem (kurzen) Schaft stilisiert ist. Trotz der starken Orientierung an der Gotischen Minuskel findet sich hier Schaft-s, das unter die Grundlinie reicht und einen Schwellschaft aufweist. Es handelt sich hier um die voll ausgeprägte Form des s der Fraktur. Abgesehen von diesem Frakturelement stellt die Schrift eine reine Gotische Minuskel dar. Diese erscheint für diese Zeit sehr konservativ und wirkt – besonders in Anbetracht des in der Inschrift Gedachten, der v.a. als humanistischer Poet hervortrat – unerwartet. Es läßt sich daher nicht ausschließen – auch unter Berücksichtigung der auffallend streng realisierten Formen der Schrift –, daß hierfür ein Vorbild aus dem Druckbereich als Vorlage diente.

Das letzte Beispiel einer Schrift, die noch Elemente der Gotischen Minuskel – namentlich doppelstöckiges a – enthält, jedoch auch Merkmale der Fraktur aufweist findet sich auf der Wappengrabplatte für den Domdekan Johannes von Adelzhausen († 1580, Nr. 311, Abb. 122). Hier liegt eine jener Mischschriften vor, bei denen man sich darüber streiten kann, ob sie noch der Gotischen Minuskel oder schon der Fraktur zuzurechnen sind. Auffallend sind darüber hinaus die relativ breiten, rundlich-ovalen o, die eigentlich weder für die eine noch für die andere Schrift typisch sind. Diese Ausformung ist breiter als das für die Fraktur charakteristische „mandelförmige“ o und läßt eher an Schriften aus dem Bereich der (inschriftlichen) Gotico-Antiqua denken. Ähnlich „rund-oval“ sind die Bögen bei b und h sowie der rechte Bogenabschnitt des runden d. Dagegen sind Buchstaben wie c oder e noch streng gebrochen. a ist – wie schon erwähnt – doppelstöckig, der untere Bogen ist auf einen kurzen, gebrochenen Schaft reduziert. Auch der obere g-Bogen ist gebrochen, der Schaft hingegen ist geschwungen. Eindeutiges Frakturmerkmal sind Schaft-s und f, deren pfahlförmige Schäfte unter die Grundlinie reichen. Auch die in kräftige, gebogene Schwellschäfte aufgelösten Großbuchstaben sind in den Bereich der Fraktur einzugliedern. u weist diakritisches Zeichen auf. Auffallend sind auch die Nexus litterarum, wie z.B. g-e oder h-e. Die Oberlängenenden der Hasten, v.a. bei b und h, zeigen einen – allerdings eher zaghaften – Ansatz zur Ausbildung eines Sporns, ein Element, das im allgemeinen für die Humanistische Minuskel spricht. Gerade aber diese Verbindung aus verschiedenen Charakteristika macht diese Schrift lebendig und interessant. Sie bildet zum einen den endgültigen Schlußpunkt für die Gotische Minuskel in Freising, der sie nicht einmal mehr voll zugeschrieben werden kann. Zum anderen öffnet sie sozusagen endlich die Pforten für die Fraktur, die zwar schon vereinzelt früher anzutreffen ist, sich aber erst ab den 80er Jahren des 16. Jahrhunderts durchzusetzen beginnt.

Rotunda

Im Bestand der historischen Inschriften Freisings befindet sich ein Stück, das völlig aus dem Rahmen fällt. Es handelt sich dabei um die Grabinschrift für den Domherrn Leonhard Friesinger, der 1437 verstorben ist (Nr. 81, Abb. 30). Das Stück weicht nicht nur im Format – es ist nicht einmal einen halben Meter hoch – und im Material – es ist aus Eichenholz gefertigt – von den zeitgenössischen Grabplatten Freisinger Domherrn ab. Auch die Schrift stellt einen singulären Fall dar, was sich sicherlich auch auf die Wahl des Mediums Holz und die damit zusammenhängende Technik zurückführen läßt. Die Schrift ist erhaben; die Zeilen sind durch erhabene Linien voneinander getrennt. In jedem Fall ist die Schrift als eine Minuskel aus dem gotischen Schriftbereich anzusehen. Allerdings werden Brechungen im Gegensatz zur Gotischen Minuskel abgerundet. Auch die Proportionen halten sich nicht mehr so streng an den gestreckten Charakter der letzteren. Der Mittellängenbereich tendiert vielmehr in die Breite. Die Ober- und Unterlängen heben sich noch nicht grundsätzlich vom Mittelband ab, einige treten jedoch deutlich hervor, so v.a. der untere Bogen des g. Abgesehen von den abgerundeten Brechungen werden auch die Bögen relativ rund ausgestaltet, wie bei unzialem [Druckseite CIX] d, o, p, q und rundem s. Die gleichzeitig noch eindeutig vorhandenen Bogenverbindungen weisen die Schrift noch als gotisch aus. Untersucht man einzelne Formen genauer, so könnten wohl folgende Elemente entscheidend sein: Das untere Ende der Haste bei f und Schaft-s ist schräg abgeschnitten und wird nicht auf der Grundlinie gebrochen, sondern endet ebenda stumpf. Auch die Bögen der beiden Buchstaben werden nicht scharf geknickt. Der obere Sinus des doppelstöckigen a ist rund, der untere ist gebrochen und – bei genauerer Betrachtung – über einen Haarstrich mit dem Schaft verbunden. Rundes d ist relativ rund; der obere freistehende Abschnitt knickt nach oben hin weg. g weist zwei Varianten auf: Bei der ersten läuft der untere Bogen links direkt in den oberen über, ohne daß der obere im unteren Abschnitt den Schaft berührt. Bei der zweiten Spielart wird der untere Abschnitt des oberen Sinus zur Haste geführt. Beiden Formen gemeinsam ist der relativ gerade Schaft, der bis unter die Grundlinie geführt wird, der relativ runde untere Bogen und der waagrecht gestaltete obere Abschnitt des oberen Bogens, der rechts über den Schaft hinausragt.

Die Schrift entspricht also nicht einer typischen Gotischen Minuskel. Bei der Benennung und Einordnung derselben ergeben sich aber erhebliche Probleme. Betrachtet man nun zum einen die rundliche Tendenz – sei es nun bei den Bögen oder bei den umgebogenen Schaftenden – der Schrift an sich, zum anderen die eben beschriebenen Einzelformen, so liegt wohl der Vergleich mit der Rotunda am nächsten. Eine teilweise auch schon vorgeschlagene Bezeichnung als Gotico-Antiqua – die wegen der Mischung der gotischen mit den rundlichen Elementen nicht ganz abwegig erscheint – ist wohl für die Zeit zu früh. Der Charakter der Schrift tritt leider nicht sehr deutlich zu Tage, da der Duktus – wohl bedingt durch die Technik – etwas klobig wirkt. Feinheiten wie die Verwendung von Haarstrichen kommen nicht gut zur Geltung. Trotzdem kann die Schrift als Rotunda angesprochen werden.

Ein regionaler Vergleich muß leider unterbleiben, da sich diese Schrift nördliche der Alpen eigentlich nie wirklich als epigraphische Schreibart durchgesetzt hat. Woher nun das Vorbild für diese Tafel herrührt, kann letztendlich nicht geklärt werden. Der Buchdruck, wo die Rotunda als Druckschrift ein gutes halbes Jahrhundert später ihre große Verbreitung findet, kann in dieser Zeit noch nicht als Vorlage herangezogen worden sein – selbiges gilt übrigens auch für die auch schon erwähnte Gotico-Antiqua. Die Rotunda ist jedoch zur gleichen Zeit die maßgebliche Variante der Textura in den Handschriften im Italienischen Raum, wo sie auch Eingang in den epigraphischen Bereich findet. Hier dürfte also am ehesten das Vorbild für die Schrifttafel zu suchen sein, möglicherweise auch in italienischen Handschriften, die in Freising vielleicht zur Verfügung standen.

Frühhumanistische Schrift und Frühhumanistische Kapitalis

Nahezu zeitkonform mit dem Inschriftenbestand der benachbarten Stadt München222) setzt im vorletzten Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts in der Stadt Freising die inschriftliche Überlieferung der Frühhumanistischen Kapitalis ein, die analog zu München ausnahmslos in gemalten Inschriften erscheint und nach kurzem Auftritt bereits vor dem Jahrhundertwechsel wieder verschwindet223). Sowohl in Freising als auch in München ist dieses Phänomen an der Werkstatt des berühmten Malers Jan Pollack festzumachen, der als Protagonist der neuen Schrift im ausgehenden 15. Jahrhundert Aufträge für Altargemälde in diversen Kirchen in München wie Freising wahrnahm. In dem um 1488 angefertigten ehem. Hochaltar der Benediktinerklosterkirche St. Stephan in Weihenstephan (Nr. 135, Abb. 10) findet die Frühhumanistische Kapitalis in sechs der acht Bildtafeln ihren Einsatz in Gewandsäumen, Nimben und Kreuztituli. Die weitgehend linearen Buchstabenzüge lassen kaum Bogenschwellungen und nur gemäßigte Schaftverbreiterungen erkennen und zeigen damit kaum Anklänge an die zu dieser Zeit bereits historisch gewordene Schrift der Gotischen Majuskel. Auch im Buchstabenbestand erinnern allenfalls die meist üppigen Bögen des P und R an diesen Schriftvorläufer. Aus den vornehmlich auf Grundformen der Kapitalis zurückzuführenden Buchstaben des Alphabets, die verfremdet und in einer Vielzahl variantenreicher Formen vorliegen, stechen als frühhumanistische Leitformen das epsilonförmige E und das hier selten eingesetzte byzantinische M hervor. Die spitzen A-Formen werden mit Deckbalken oder – weit häufiger – mit einem linksseitigen, in spitzem Winkel an die Spitze des linken Schaftes geführten Balken versehen. Nur einmal ist der linke Schaft konkav geschwungen und mit einem darüber gesetzten Zierschwung ausgestattet. Während bei B die ungelenk ausgeführten, in variablen Breiten gestalteten Bögen auffallen, zeigt sich D ausschließlich als offenes kapitales D. Bei E [Druckseite CX] überwiegt die Epsilonform – sie gleicht mit kurzem Mittelteil bisweilen einem gekerbten C – die Kapitalisform. Das nur zweimal vorhandene G umschließt mit seiner vom Bogen abgesetzten Cauda in Form eines links offenen Rechtecks das untere Bogenende. Die I-Formen sind meist mit einfachen wie doppelseitigen Nodi verziert, nur einmal ist eine Ausbuchtung an der rechten Seite zu konstatieren. Der Buchstabe L bildet in der Verdoppelung einen Nexus litterarum aus, bei dem sich die Fußbalken überschneiden. Bei M dominiert die konische Form mit äußerst kurzem Mittelteil gegenüber der byzantinischen Form, bei N gehen die zahlreichen Varianten primär auf die Erscheinungsform des Schrägschaftes zurück, der als Links- oder Rechtsschräge sowohl mit als auch ohne Ausbuchtung vorliegt. Während das O schmal gebildet ist und einmal ovale Form annimmt, bestimmen breite Bögen den Buchstaben P. Das R, das ebenfalls von breiten Bögen geprägt ist, zeigt in der Regel eine weit nach außen gebogene, im rechten Winkel auf die Grundlinie geführte Cauda. Die S-Formen variieren stark in Form und Proportion und weisen abgeflachte, geschwungene und stark gekrümmte Bogenenden sowie gekippte Ausführungen auf. Der Buchstabe W liegt in verschränkter Version vor. Im Vergleich mit den Schriftformen der Münchner Tafeln des ehem. Hochaltars der Peterskirche und des ehem. Passionsaltars der Franziskanerkirche224) könnten sich A mit rechtsschrägem Anstrich, offenes kapitales D, epsilonförmiges E mit kurzem Mittelteil, G mit abgesetzter Cauda, konisches M mit sehr kurzem Mittelbalken, R mit konvexer, im rechten Winkel auf die Grundlinie führender Cauda möglicherweise als Charakteristika der Werkstatt Jan Pollacks herauskristallisieren.

Der zweite Freisinger Beleg, der eine neue Schriftauffassung verkörpert, entstammt der sog. Gründonnerstagstafel von 1495 in der unteren Domsakristei, die nur wenige Buchstaben in frühhumanistischer Schrift trägt (Nr. 141, Abb. 86). Die vier Buchstaben auf einem Einmerker im Buch eines Apostels zeigen unziales A, N mit schmalem Schrägstrich, spitzovales O und einen nicht zweifelsfrei zu deutenden Buchstaben (rundes G oder spiegelverkehrtes unziales D). Mit Ausnahme des Diagonalstrichs von N sind die Buchstabenzüge von kräftiger Kontur und die Rundungen mit moderaten Schwellungen versehen. Es fehlen die Buchstaben mit den kennzeichnenden Merkmalen der Frühhumanistischen Kapitalis225).

Das Spruchband des Engels auf dem Verkündigungsbild einer ehem. Altartafel von 1495 in der unteren Domsakristei (Nr. 142, Abb. 81) dokumentiert eine breit proportionierte Frühhumanistische Kapitalis mit unregelmäßig nachgezogenen Konturen. Die A-Formen, die sämtlich einen gebrochenen Mittelbalken aufweisen, haben leichte Trapezform mit beidseitig überstehenden wie linkseitig ausgerichteten Deckbalken. Der Buchstabe E ist von zwei Varianten gekennzeichnet, der Epsylonform und der unzialen, offenen Form. G präsentiert sich mit eingerollter Cauda, N in retrograder Form mit ausgebuchtetem Schrägschaft und P mit vergrößertem, aufgeblähtem Bogen.

Abermals Belege für eine frühhumanistische Schrift finden sich in den Bildbeischriften der für Hans Wertinger gesicherten Sigismundtafel von 1498 (Nr. 145). Zu den bezeichnenden Buchstabenformen des Alphabets dieser auf Gewandsäume und Altartücher gemalten Inschriften zählen spitzes wie leicht trapezförmiges A mit Deckbalken oder linksseitigem Balken. Der gebrochene Mittelbalken ist Standard, jeweils einmal zeigt sich das A mit waagrechtem Mittelbalken bzw. ohne Mittelbalken. B besteht aus einer Minuskelform mit überdimensionalem Bogen, E bedient sich der unzialen, offenen wie der kapitalen Form und das M ist in der konischen Form mit kurzem Mittelteil überliefert. Der Buchstabe R verwendet eine nach außen gebogene Cauda, die nur einmal eckig umgesetzt ist und am Schaft oder am Bogen ansetzen kann. Im Buchstaben S fällt die starke Einkrümmung der Bogenausläufer ins Auge.

Kapitalis

Der erste Freisinger Beleg einer neuzeitlichen Kapitalis zeigt sich noch bescheiden in den Namensinitialen und Tituli des Epitaphaltars des Domherrn Kaspar Marolt aus dem Jahr 1513 (Nr. 165, Abb. 96)226). Die grazile, dünnstrichige Kapitalis mit eng gestellten, schlanken Buchstaben von einheitlicher [Druckseite CXI] Kontur läßt in ihrem Alphabet zwar keine phänotypisch unterschiedlichen Zweitformen, doch kleinere Variationen einer größeren Anzahl von Buchstaben erkennen. Die Formen G mit rechtwinkeliger Cauda, M mit parallelen Schäften und kurzem Mittelteil, P und R mit unterschiedlicher Bogengröße bzw. unterschiedlichem Verlauf der Cauda (gebogen, aber auch stachelförmig) offenbaren gewisse Unsicherheiten im Umgang mit der neuen epigraphischen Schrift. Als frühhumanistisches Einsprengsel erweist sich das links offene D.

Die zweite, original überlieferte Kapitalisinschrift der Stadt Freising, eine Bauinschrift der ehem. fürstbischöflichen Residenz von 1519 (Nr. 178, Abb. 98), erhebt deutlich repräsentativen Anspruch. Die sorgfältig eingemeißelte Kapitalis mit moderatem Haar- und Schattenstrichwechsel unterwirft sich allerdings nicht den strengen Gestaltungsregeln der in der deutschen Renaissance vielfach zum Vorbild erkorenen scriptura monumentalis, der ranghöchsten Schrift der römischen Antike. Die Buchstaben sind eng aneinandergerückt und bilden Nexus litterarum (ND, NN) sowie verschränkte Stellungen (OG, PP, RA). Mit der Enklave GE, dem gespiegelten Z, dem Buchstaben W sowie den dreieckigen I-Punkten, dem Y-Bogen und dem ausgebuchteten Kürzungszeichen bringt die Kapitalis ihre Individualität zum Ausdruck, auch wenn das G mit kurzer Cauda, das M mit Schrägschäften und bis zur Grundlinie herabreichendem Mittelteil sowie das R mit nach innen gekrümmter, stachelförmiger Cauda auf die klassischen Formen der römisch antiken Kapitalis zurückgreifen. Gegenüber der Kapitalis des Epitaphaltars von 1513 sind in der Bauinschrift von 1519 die Proportionen der Buchstaben breiter und die Spielarten innerhalb der Buchstabenformen geringer geworden.

Die drei zeitlich nachfolgenden Kapitalisinschriften auf aufwendigen Totengedächtnismalen der Jahre 1520, 1527 und 1528 lassen eine deutliche Hinwendung zu römisch antiken Vorbildern erkennen227). In der vierzeilig zentrierten Kapitalis am Epitaph des Domherrn Rupert Auer (Nr. 181, Abb. 101) von 1520, die präzise auf die Schrifttafel des Sockels komponiert wurde und innerhalb ein und derselben Buchstabenform nur mehr geringste Spielarten zuläßt, vollzieht die Schrift den Schritt zu einer in Proportion und Form ausgewogeneren, stark vereinheitlichten Renaissance-Kapitalis. Normierte Haar- und Schattenstrichwechsel, M-Formen mit schräggestellten Schäften und bis zur Grundlinie reichendem Mittelteil, R mit nach innen gebogener, stachelförmiger Cauda und die weit geschwungene, stachelförmige Cauda des Q zeigen in ihrer Anlehnung an die antike scriptura monumentalis ein hohes Maß an Regulierung. Auch die zeitgenössischen Formen in der Inschrift, wie das E mit gegenüber dem oberen Balken etwas verkürztem Mittelbalken und weit ausgezogenem unteren Balken sowie R mit weit innen am Bogen ansetzender Cauda, wurden zunehmend standardisiert.

Auf der Wandtafel für den Domherrn Ulrich Höchstätter (Nr. 191, Abb. 99) von 1527 präsentieren antike Satyren eine in Kapitalis beschriftete Tabula ansata. Obgleich die Anlehnung an die Buchstabenformen der römisch antiken scriptura monumentalis unverkennbar ist, wie insbesondere M mit Schrägschäften und zur Grundlinie herabreichendem Mittelteil sowie die ausschließlich stachelförmige Cauda des R verdeutlichen, so offenbaren die eng gesetzten, gestreckten Buchstaben mit den noch ein oder anderen Proportionsschwankungen (E), die etwas unbeholfene Übertragung der Haar- und Schattenstriche und die Einzelformen G (mit weit hochgezogener Cauda), P (mit kleinem geschlossenen Bogen) und Q (mit kurzer, auf der Grundlinie verlaufender Cauda) noch manche Unzulänglichkeiten bei der Umsetzung des antiken Ideals.

Mit der Inschrift auf dem Epitaph des Domherrn Magnus Schöllenberg von 1528 (Nr. 193) dokumentiert sich der Wandel der Freisinger Kapitalis hin zu breitgelagerten und in größeren Abständen gesetzten Buchstaben. Die durch die breiteren, stärker angeglichenen Proportionen und die nahezu uniform gestalteten Buchstaben mit normiertem Haar- und Schattenstrichwechsel fast ausdruckslose Kapitalis läßt nur mehr geringste Modifikationen zu. Diese sind auf den minimal verschobenen Ansatz der kurzen Cauda am Bogen des G und auf die unterschiedliche Länge der nach innen gebogenen, stachelförmigen Cauda des R beschränkt. Den klassischen Formen G mit kurzer Cauda, M mit Schrägschäften und bis zur Grundlinie reichendem Mittelteil und R mit stachelförmiger Cauda steht nur mehr das E mit geringfügig verkürztem Mittelbalken gegenüber.

[Druckseite CXII]

Trotz der antikisierenden Ausrichtung der Freisinger Kapitalis ab den 20er Jahren des 16. Jahrhunderts sind frühhumanistische Einsprengsel in den Inschriften des Bearbeitungsgebietes noch bis gegen die Mitte des 16. Jahrhunderts nachzuweisen. Auf der Grabplatte des Ulrich Litzlkircher († 1534) belegt die von der Grabinschrift in Gotischer Minuskel abgesetzte Fürbitte (Nr. 201) eine anspruchslose Kapitalis von nahezu einheitlicher Buchstabenkontur, in der das links offene D, G mit weit hochgezogener Cauda und M mit Parallelschäften und kurzem Mittelteil hervorstechen. Gleichermaßen eigenwillig wie außergewöhnlich mutet die Kapitalis auf dem Epitaph des 1542 verstorbenen Domherrn Johannes Freyberger (Nr. 215, Abb. 108) an. Die mittels einheitlicher Buchstabenkontur, in der nur der dünne Mittelteil des M und die Ausbuchtungen des I-Schaftes herausfallen, sehr klobig gestaltete Kapitalis wird durch die ausgebuchteten I-Schäfte mit kreisförmigen I-Punkten, zahlreiche Nexus litterarum und Enklaven verfremdet228). Die Anleihe frühhumanistischer Stilelemente besteht primär aus der I-Form mit Ausbuchtung, die hier in stereotyper Ausgestaltung in die Kapitalis übernommen wurde. Zur ausgesprochen konservativen, nahezu anachronistischen Wirkung der Kapitalis tragen trapezförmiges A, E mit gleichlangen Balken, schmales G mit gedrücktem Bogen und weit hochgezogener Cauda, M mit Parallelschäften und dünnem, kurzen Mittelteil, spitzovales O, P mit vergrößertem Bogen, R mit geschwungener Cauda und abgeflachtes V bei.

Der größere Teil der Freisinger Kapitalis von 1530 bis zum Ende des dritten Jahrzehnts des 16. Jahrhunderts basiert weitgehend auf den Buchstabenformen wie Proportionen der klassisch geprägten Renaissance-Kapitalis. Dem klassischen M mit Schrägschäften und bis zur Grundlinie reichendem Mittelteil erwächst jedoch zunehmend Konkurrenz durch M-Formen mit senkrechten Schäften, auch das R mit stachelförmiger R-Cauda, das bis zum Ende des Bearbeitungszeitraumes noch zahlreichen Einsatz findet, wird von der R-Form mit nach außen gekrümmter Cauda zurückgedrängt.

Im Epitaph des Stiftspropstes Matthäus Hörlin von 1535 (Nr. 203) läßt die sorgfältig eingehauene Kapitalis, mit M mit schrägen wie senkrechten Schäften, R mit stachelförmiger wie nach außen gekrümmter Cauda, Nexus litterarum NN und TH, OE-Enklave, quadratischen Worttrennern auf der Grundlinie und Kommata, erste Anzeichen einer Auflösung der in den 20er Jahren des 16. Jahrhunderts erreichten hohen Stilstufe der Freisinger Renaissance-Kapitalis erkennen.

In dem Epitaph für den Bischof Philipp von der Pfalz des Eichstätter Bildhauers Thomas Hering von 1541 (Nr. 210, Abb. 106) dokumentieren die Kapitalisinschriften am Karnies des Rundgiebels und in der Sockelinschrift wiederum formvollendete Belege der Renaissance-Kapitalis. Trotz Verwendung typischer Schriftmerkmale der Werkstattschrift seines Vaters, Loy Hering, wie die stachelförmige Cauda des R, T mit schräg am Deckbalken ansetzenden, weit ausgezogenen Serifen und das mit einem dreieckigen Punkt ansetzende hakenförmige Schlußzeichen, verfügt die Schrift des Thomas Hering über eigenständige Formen229). Dazu zählen spitzes A, I ohne Punkt, M mit doppelseitiger Serife an der linken oberen Seite und Spitze an der rechten oberen Seite sowie R mit beidseitiger Schwellung der stachelförmigen Cauda am Ansatz des Bogens. Der einzig markante Unterschied zwischen den Inschriften am Karnies und am Sockel des Epitaphs liegt in den Cauden der R-Formen, die in der Sockelinschrift weit in die Unterlänge ausschwingen. In den Schriftformen des Epitaphs vollzieht der vormals in der Werkstatt Loy Herings tätige Thomas Hering die Lossagung von dem strengen Kanon der Kapitalisschriften der Werkstatt seines Vaters.

In den 40er Jahren des 16. Jahrhunderts ist die Kapitalis erstmals in erhabener Technik überliefert, zunächst in einem unbeholfen ausgeführten Datierungsnachtrag von 1541 im Rahmen einer Gotischen Minuskel in der Grabinschrift für den Stiftskanoniker Michael Fischer (Nr. 208), dann in der Grabplatte für den Weihbischof Peter Stoll von 1548 (Nr. 220), bei der zum ersten Mal der gesamte Inschriftentext in erhabener Kapitalis vorliegt. Die enggestellten und schmal proportionierten Buchstaben weisen bis auf das G mit flachem Bogen und weit hochgezogener Cauda sowie einigen R-Formen, deren Cauden von der klassischen stachelförmigen Gestaltungsweise abweichen, keinen nennenswerten Unterschied zu den Formen der klassisch orientierten, vertieft ausgeführten Kapitalis auf. Auffällig sind die in verschiedensten Größen ausgeführten us-Häkchen und die späte Verwendung der mittelalterlichen O(BIIT)-Kürzung, ferner die Nexus litterarum HR, NE, ME sowie die Hochstellungen der Casusendungen von A(NN)O D(OMIN)I. Von der Inschrift der Wappengrabplatte für Georg Stenglin von 1554 bis zum Jahr 1600 dominieren die in erhabener Technik ausgeführten Kapitalisinschriften [Druckseite CXIII], wobei die Glockeninschriften einen erheblichen Anteil dazu beitragen230). Mit der Kapitalis auf der Wappengrabplatte des Generalvikars Georg Stenglin von 1554 (Nr. 239) entfernt sich nun auch die erhaben ausgeführte Kapitalis zunehmend von dem Vorbild der antiken scriptura monumentalis. E mit stark verkürztem Mittelbalken, M mit senkrechten Schäften und verkürztem Mittelteil, N mit rechtem unteren Sporn, R mit nach außen geschwungener Cauda stark eingekrümmte Bogenausläufer bei S und die individuell ausgeprägte Q-Form mit rechtsschräg in den Bogen einschneidender, gewellter Cauda, dokumentieren die Distanz zu der von der klassischen scriptura monumentalis inspirierten Renaissance-Kapitalis. Quadratische Worttrenner und Doppelpunkte, doppelte Worttrennungszeichen und auch die ausgeprägten dreieckigen Balken von E und T lassen sich anfügen. Die enggedrängte Abfolge von Buchstaben behält auch die erhaben ausgeführte Kapitalis auf dem Epitaph des bischöflichen Kanzlers Wolfgang Hunger von 1555 (Nr. 242) bei. Das Schriftbild bestimmen hier weniger die nichtklassischen Einzelformen, wie R mit nach außen gebogener Cauda, W mit sich überschneidenden mittleren Schäften und X mit gewellter Linksschräge das Schriftbild, als vielmehr andere gestalterische Maßnahmen, wie die klein gehaltenen Zeilenabstände und die übermäßige Anzahl an Nexus litterarum und Einschreibungen231).

Neue Tendenzen zeichnen sich in der Freisinger Kapitalis der 50er Jahre des 16. Jahrhunderts ab. Die E-Mittelbalken, die vormals nicht oder nur gering gegenüber den oberen Balken zurückgesetzt waren, sind nun stets stark verkürzt. I-Punkte, die früher nur in wenigen Freisinger Kapitalisinschriften zum Einsatz kamen, finden nun in großem Maße und in unterschiedlicher Ausformung Eingang in die Kapitalisschriften232). Insbesondere in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts war die Ausgestaltung der Freisinger Kapitalis mit I-Punkten besonders beliebt, wo sie allein in 20 Inschriftenobjekten nachzuweisen sind. Ein weiteres markantes Element dieser Zeit stellen vergrößerte Buchstaben dar, die vor 1550 nur ein einziges Mal, als Incipit einer Bauinschrift233), vorkamen. Während die Grabplatte des Domherrn Georg Wirttenberger von 1558 (Nr. 248) ebenfalls nur den einleitenden Buchstaben der Inschrift hervorhebt, macht die Stifterinschrift des Jörg Lot von 1552 (Nr. 234) mehrfachen Gebrauch von Buchstabenhervorhebungen. In selbiger Verwendung zeigen sie sich noch in weiteren vier Inschriften aus den 50er Jahren des 16. Jahrhunderts234). Die ansonsten sehr unterschiedlich, doch sorgfältig ausgeführten Inschriften halten an der klassischen Manier der Haar- und Schattenstrichgestaltung fest, auch wenn mit Ausnahme der Grabinschriften für den Domherrn Georg Wirttenberger von 1558 (Nr. 248) und für den Domdekan Anton von Albersdorf (vor 1560, Nr. 253) kaum mehr auf die die klassischen M- und R-Formen zurückgegriffen wurde. Die Inschrift des Epitaphs Albersdorf, in der die Sterbedaten unbeholfen nachgetragen wurden, läßt in ihrer klassisch orientierten Renaissance-Kapitalis all jene Schriftmerkmale erkennen, die eine Zuordnung an die Werkstätte des im Jahre 1555 verstorbenen Eichstätter Bildhauers Loy Hering erlauben. Dazu zählen in erster Linie A und die klassische M-Form mit beidseitig ausgezogenen oberen Serifen, der in Form eines unten offenen Häkchens gebildete I-Punkt, R mit stachelförmiger Cauda und T mit rechtsschräg an den Deckbalken angesetzten Serifen235). Die größten Abweichungen vom klassischen Kanon der Kapitalis zeigen sich in den 50er Jahren des 16. Jahrhunderts neben der oben bereits erwähnten Inschrift für Wolfgang Hunger von 1555 in der Schrift der Wappengrabplatte für Lukas von Boymont von 1557 (Nr. 245). Abgesehen von den eng gesetzten, nahezu organisch geformten Buchstaben, den Buchstaben M mit Schrägschäften und verkürztem Mittelteil, R mit nach außen geschwungener Cauda sowie I mit dreieckigen Punkten, tragen die Nexus litterarum und insbesondere die zahllosen Enklaven und Buchstabenunterstellungen zum außergewöhnlichen Schriftbild dieser Kapitalis bei236).

Die acht nach einem Stadtbrand 1563 durch den Freisinger Bischof Moritz von Sandizell im selben Jahr wiederhergestellten und mit erhabenen Kapitalisschriften versehenen Glocken (Nr. 259265, 267, Abb. 112–114) sind auf unterschiedliche Techniken und Künstler zurückzuführen. Für die Kapitalis der Renovierungsinschriften, die auf Schrifttafeln an jeweils einer Flanke der Glocken angebracht [Druckseite CXIV] wurden, zeichnet voraussichtlich der Steinmetz Sebald Hering verantwortlich, der die Modeln der Schrifttafeln mit den spiegelverkehrten Inschriften gestaltet haben dürfte237). Die Kapitalis der Renovierungsinschriften unterscheidet sich von den übrigen Kapitalisinschriften an Schulter und Schlagring (Kranz) der Glocken durch etwas kleinere Buchstabenabmessungen und durch etliche, vom klassischen Kanon abweichende Buchstabenformen, die gemeinsame Merkmale aufweisen: dreieckige I-Punkte, G mit im oftmals spitzen Winkel auf die senkrechte Cauda stoßendem unteren Bogenausläufer, M mit geraden Schäften und kurzem Mittelteil, dessen nach außen gebogene Linksschräge den linken Schaft weit übergreift, sowie bisweilen B und R mit getrennt zur Haste führenden Bögen. Nur in der Renovierungsinschrift der Frauenglocke erfuhr der Guß gegenüber den Modeln eine Abänderung. Diese dokumentiert sich in den I-Punkten, in der Abbreviatur von TVRRISQ(VE) und in den M-Formen der einleitenden Zeile. Die Kapitalis des Sebald Hering zeigt keinerlei Gemeinsamkeiten mit den bis 1555 gebräuchlichen, stereotyp ausgeprägten Kapitalisinschriften der Werkstätte seines Großvaters, Loy Hering238).

Entgegen den gegossenen Inschriften auf den Schrifttafeln und analog der gegossenen Inschriften an Schulter und am Schlagring der Glocken von 1563 weist das Gros der Steininschriften der 60er Jahre des 16. Jahrhunderts in der Gestaltung des M mit Schrägschäften und bis zur Grundlinie herabreichendem Mittelteil klassische Diktion auf. Die durchgebogene, stachelförmige Cauda des R ist in diesen Kapitalisinschriften allerdings nicht, die gerade, stachelförmige Cauda ausschließlich einmal belegt239).

Die kennzeichnenden Merkmale einer klassisch orientierten Kapitalis gehen den Freisinger Kapitalisinschriften ab den 70er Jahren des 16. Jahrhunderts zunehmend verloren, das Alphabet zeigt sich offener für diverse phänotypische Varianten der Kapitalis und für individuelle Zierelemente. Diese sind in den jeweiligen Freisinger Kapitalisinschriften allerdings sehr moderat und meist als wohldosierte Einsprengsel eingebracht. Hierbei wird auf Gestaltungselemente der Frühhumanistischen Kapitalis, wie das A mit gebrochenem Mittelbalken (Nr. 312 von 1581), das G mit flachem Bogen und in spitzem Winkel daran ansetzender Cauda (Nr. 287 von 1575 und Nr. 312 von 1581), das N mit spiegelverkehrtem Querbalken, spitzovales O (beide Nr. 288 von 1574/75, Abb. 16), M mit Schrägschäften und stark verkürztem Mittelbalken (Nr. 283 von 1573, Abb. 117, Nr. 298 und Nr. 300 von 1578, Nr. 315 von 1584), R mit wellenförmig geschwungener Cauda (Nr. 312 von 1581, Nr. 315 und Nr. 316 von 1584, Nr. 319 von 1585, Nr. 332 von 1592) sowie X mit geschwungener Rechtsschräge (Nr. 300 von 1578 und Nr. 316 von 1584) zurückgegriffen. Hinzu kommen G mit weit in den unteren Bogen eingestellter Cauda (Nr. 298 von 1578) und N mit geschwungenem Querbalken (Nr. 300 von 1578). Einzig das Gemälde-Epitaph des Wolf Bernhardt (Nr. 300 von 1578) und die Grabinschrift der Gebrüder Pfister (Nr. 312 von 1581) lassen eine Anhäufung von manierierten Formen erkennen. Die gemalte Inschrift weist N mit gewelltem Schrägbalken, P mit nicht an die Haste anschließenden Bogenausläufern und X mit durchgekrümmter Rechtsschräge auf, die vertiefte Inschrift A mit gebrochenem Mittelbalken, D mit in die Oberlänge verlängertem Schaft und zweistöckiges Z mit linksschrägem Deckbalken. Diese in den jeweiligen Inschriften nur vereinzelt auftretenden Formen stellen eine Erweiterung des Spektrums der Kapitalisbuchstaben dar, in dem E mit stark verkürztem Mittelbalken, I mit Punktsetzung, M mit schrägen bzw. geraden Hasten und verkürztem Mittelteil sowie R mit wellenförmig geschwungener Cauda die antiklassische Strömung vorgaben. Bei den E-Formen zeigen sich die Mittelbalken seit den 70er Jahren des 16. Jahrhunderts nahezu kontinuierlich und gegenüber dem oberen und unteren Balken deutlich verkürzt. Übereinstimmende Schriftmerkmale, die auf eine gemeinsame Werkstatt bzw. auf die gleiche Schrifthand deuten, weisen die Inschriften am Epitaph des Michael Knab-Eck von 1573 (Nr. 283, Abb. 117) und auf der Wappengrabplatte des Nikolaus von Mornberg von 1578 (Nr. 298) auf. Sie lassen sich in den Formen C mit weit ausgezogenem unteren Bogenausläufer, die zwei M-Varianten mit kurzem Mittelteil bei geraden bzw. schrägen Schäften, O mit extrem schräg gesetzter Schattenachse, R mit stachelförmiger Cauda, und die quadratischen, auf die Spitze gestellten Worttrenner und Doppelpunkte, die etwas über der Grundlinie angesetzt sind, deutlich erkennen240).

Eine aufgrund schwankender Buchstabenproportionen und -höhen sowie sehr kräftiger Sporengestaltung äußerst lebhafte Kapitalis zeigt sich am Epitaph des Domkustos Valentin Sommer von 1584 [Druckseite CXV] (Nr. 315). Zum lebhaften Bild der Schrift tragen ferner der Kontrast wie das Wechselspiel zwischen den markanten, überbetonten Sporen und den fein auslaufenden Zügen der Buchstaben bei, wie sie insbesondere bei den Buchstaben C und G vorliegen. Neben den sehr breiten A, M und N fallen die Buchstaben I und Y mit quadratischen, auf die Spitze gestellten Punkten auf, desweiteren E mit extrem verkürztem Mittelbalken und R mit wellenförmig geschwungener Cauda. In den drei erhaben die Grabplatten umlaufenden Kapitalisinschriften für Wolfgang Lantrachinger (Nr. 319), Oktavian August Schrenck von Notzing (Nr. 332) und Johann Pankraz Rummler (Nr. 337, Abb. 119) von 1585, 1592 und 1594 sind zahlreiche Nexus litterarum nachzuweisen, ohne daß gemeinsame Merkmale in der Art der Buchstabenkombinationen oder der Buchstabenformung auf Werkstattzusammenhänge hinwiesen. In den Inschriften Lantrachinger und Schrenck von Notzing finden die M-Formen mit schräggestellten Schäften letztmalig im 16. Jahrhundert Einsatz. In der Folgezeit bis zum Ende der unteren Bearbeitungsgrenze sollten sie nahezu vollständig durch die M-Formen mit senkrechten Schäften ersetzt werden.

Im 17. Jahrhundert findet die allmähliche Umgestaltung der Kapitalis ihre Fortsetzung. In Proportion und Gestaltung der Buchstaben sowie in den oftmals sehr schmalen Spatien zwischen den Buchstaben hat sich die Kapitalis prinzipiell noch einen Schritt weiter von dem Erscheinungsbild der klassischen Kapitalis entfernt. Zu den bislang verwendeten Gestaltungselementen der Buchstaben treten neue Varianten hinzu, die insbesondere die Buchstaben G und Q erfassen. So zeigt das G erstmals 1619, am Epitaph des Domdekans Johann Christoph Herwart (Nr. 395, Abb. 126), eine am unteren Bogenansatz gespaltene Cauda. G mit rechtwinkeliger, am Berührungspunkt des unteren Bogenendes rechts ausschwingender Cauda ziert die gemalte Kapitalis in den Rollwerkkartuschen der ehem. fürstbischöflichen Hauskapelle von 1629 (Nr. 426, Abb. 132) und G mit links vom unteren Bogenausläufer eingerückter Cauda kennzeichnet die Inschrift der Grabplatte des Domherrn Johann Adolf von Gepeckh von 1650 (Nr. 468). Bei den Ausprägungen von Q, wo bereits in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts ein Abrücken von der geschwungenen, stachelförmigen Cauda zu konstatieren war, sind nun vermehrt Cauden sichtbar, die in gerader, wellenförmiger oder durchgebogener Form den Kreis des Q durchschneiden241). Neben einer Anzahl von tildenartigen Q-Cauden, die verbunden oder unverbunden unterhalb des Kreises ansetzen (Nr. 386 von 1618, Nr. 402 (Abb. 134) von 1622 und Nr. 417 von 1628) und hakenförmigen Cauden (Nr. 365 von 1608), zeigt das Epitaph Herwart (Nr. 395, Abb. 126) von 1619 eine kursive Cauda mit Schlaufe. In der Grabplatte des Veit Adam von Schönstein von 1631 (Nr. 430, Abb. 129) zeigt sich erstmalig in den Inschriften der Neuzeit die unziale Form des Q. Unter den im Vergleich zur zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts zunehmend mit individuellen Formen durchsetzten Buchstaben in den Inschriften der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts fallen zudem das R mit schlaufenförmigem Ende der Cauda in der Inschrift Herwart von 1619 (Nr. 395, Abb. 126), X in Form zweier voneinander abgewendeten Bögen mit Mittelbalken in der gemalten Inschrift der ehem. Fürstbischöflichen Hauskapelle von 1629 (Nr. 426, Abb. 132) und A mit kursiven, bisweilen Schlaufenform annehmenden Mittelbalken des A in der Inschrift des Domherrn Georg Desiderius von Königsfeld von 1645 (Nr. 459) auf.

Unter den etwa 50 Kapitalisinschriften von 1600 bis zum Ende der unteren Bearbeitungsgrenze stechen zwei Inschriften hervor, die der Schrifttradition der klassischen Kapitalis noch stark verpflichtet sind. Die Kapitalis auf der Wappengrabplatte des Dompropstes Anton Welser von 1618 (Nr. 387, Abb. 125) bedient sich in der breiten Ausführung der Buchstaben, den elegant geschwungenen, stachelförmigen Cauden von Q und R, den harmonisch gerundeten G-Formen mit kurzer Cauda, der Verwendung des V anstelle des W sowie der Hervorhebung der Zahlzeichen mittels Überstreichung der Stilmittel der römisch antiken scriptura monumentalis. Die zeitgenössischen Schriftmerkmale zeigen sich hingegen in der Hervorhebung der Initialen, dem E mit verkürztem Mittelbalken, dem M mit geraden Schäften und den quadratischen Worttrennern auf der Grundlinie. Bei der zweiten Inschrift mit klassischer Orientierung handelt es sich um die erhabene Inschrift auf der Grabplatte des Bischofs Veit Adam von Gepeckh von 1651 (Nr. 470, Abb. 138). Trotz der enggedrängten Buchstaben knüpft die Kapitalis bei Q und R an die stachelförmigen Cauden hochrangiger römischer Schriftvorbilder an, ebenso die M-Formen mit Schrägschäften und bis zur Grundlinie herabreichendem Mittelteil. Die neuzeitlichen Elemente sind aber auch in dieser Schrift greifbar242).

Von den von Sigmund Benker der Werkstatt des Weilheimer Bildhauers Philipp Dirr zugewiesenen Freisinger Grabmälern eignen sich auf Grund ihrer umfangreichen Kapitalisinschriften ausschließlich die Epitaphien Lechl, Herwart und Fuermann aus den Jahren 1608, 1619 und 1621 (Nr. 365, Nr. 395, [Druckseite CXVI] Abb. 126 und Nr. 400) für einen Schriftvergleich. Die zeitlich eng beieinander liegenden Epitaphien von 1619 und 1621 lassen allerdings durch grundlegende Unterschiede in den Formen (G, I, M, R) keine Werkstattgemeinsamkeiten erkennen. Das älteste, der Werkstatt Dirr zugeschriebene Epitaph von 1608 ist weder mit den einen, noch mit den anderen Schriftformen in Einklang zu bringen243).

Eine Auffälligkeit der Freisinger Kapitalis ist die häufige zentrierte Ausrichtung der Schrift, die bereits in der frühesten mehrzeiligen Renaissance-Kapitalis (Nr. 178, Abb. 98) von 1519 nachzuweisen ist244). Häufig werden dabei die einleitende Zeile und die Schlußzeile zentriert, der dazwischen eingespannte Text linksbündig oder im Block gesetzt. Komplett zentrierte Kapitalisinschriften finden sich erstmals in der Stifterinschrift für Jörg Lot (Nr. 234) von 1552 und dann besonders zahlreich in den Steininschriften ab den späten 30er Jahren des 17. Jahrhunderts245).

Fraktur

Das früheste erhaltene Beispiel für eine Frakturinschrift in Freising ist die gemalte Ahnenprobe für Bischof Philipp von der Pfalz, die grob in dessen Amtszeit 1530–1541 datiert werden kann (Nr. 209, Abb. 11). Leider ist Malerei mitsamt den Beischriften nur noch fragmentarisch erhalten. Größere zusammenhängende Schriftzüge sind fast nur noch im unteren Bereich erkennbar. Die gemalte Fraktur zeigt schreibschriftliche Züge, die durchaus typisch für den Bereich der Fraktur bzw. der Bastarda sind: So weisen Oberlängen, z.B. bei h und l, Schlaufen auf. Die Schrift umfaßt auch die sonst üblichen Merkmale der Fraktur: a ist einstöckig, der Bogen ist leicht durchgebogen, oben jedoch gebrochen. Die Haste des Schaft-s ist pfahlförmig und reicht unter die Grundlinie. Die Buchstabenkörper mit runden Elementen sind annähernd mandelförmig, so vergleichsweise bei rundem d und e. Ebenfalls als typisch bei Frakturinschriften kann die Gestaltung des letzten Schaftes bei m und n gelten, der oben – im Gegensatz zu den anderen Schäften – zweimal spitz gebrochen ist.

Das älteste in Freising erhaltene Exempel einer Fraktur in Stein steht ebenfalls in Zusammenhang mit Bischof Philipp. Es handelt sich um die Bauinschrift an der ehem. Neuen Residenz, datiert auf das Jahr 1537 (Nr. 205, Abb. 110). Die Schrift umfaßt typische Merkmale der Fraktur wie einstöckiges a und Schaft-s bzw. f, deren Hasten in die Unterlänge reichen und leicht pfahlförmig ausgeprägt sind. Die Buchstabenkörper mit Bögen sind oval – annähernd mandelförmig. Das Schriftbild wirkt locker und lebendig. Hierzu tragen in erster Linie Buchstabenvarianten bei. So findet sich v.a. g in verschiedenen Ausprägungen: Teils wird der senkrechte Abschnitt des oberen Bogens geschwungen ausgeführt, teils nur leicht nach links gebogen; auch der untere Schaft ist kleinen Variationen unterworfen, mehr oder weniger gebogen bzw. geschwungen. Auch das v wird unterschiedlich ausgeformt: So kann das untere Ende des linken Schafts umgebrochen sein; der erste Schrägschaft ist unterschiedlich stark geschwungen, der zweite verschieden stark gebogen. u weist ein diakritisches Zeichen auf. s am Wortende entspricht der kursiven Grundform und ist – sozusagen – in die Form eines spitzen Ovals eingepaßt. Die Großbuchstaben fügen sich durchaus in das Bild der Frakturversalien ein, sind allerdings eher zurückhaltend gestaltet.

Diese beiden Beispiele aus den 30er Jahren des 16. Jahrhunderts stellen eine Ausnahme dar und sind wohl auf den Bischof als Auftraggeber zurückzuführen. Im Anschluß klafft eine Lücke von über 20 Jahren bis zum nächsten erhaltenen Objekt, dessen Schrift als Fraktur anzusprechen ist. Die Wappengrabplatte für den fürstlichen Rat Hans Münch zu Münchhausen nennt das Jahr 1553 (Nr. 237). Sie zeigt ebenso alle Schlüsselmerkmale der Fraktur: einstöckiges a, unter die Zeile reichendes Schaft-s und mandelförmige Buchstabenkörper, was v.a. bei o zur Geltung kommt. Auch diese Schriftausprägung zeigt einen bewegten, lebendigen Charakter. In den Details unterscheidet sie sich jedoch von der Bauinschrift Bischof Philipps. Auffallend bei dieser Inschrift sind die umgebogenen schlaufenförmigen Oberlängenenden bei b, h und l. Die Haste des Schaft-s reicht unter die Zeile, allerdings nur leicht, und ist weniger pfahlförmig – sie läuft nach unten hin schmal zu – als geschwungen, oben ist sie abgeknickt. Somit erhält der Buchstabe eine sehr charakteristische Form. Ebenfalls bezeichnend erscheint der Bogen des h, der ebenfalls leicht geschwungen ist, den Buchstaben nach unten hin verbreitert und unter der Zeile nach links umbiegt, dort auch des öfteren eine Schleife bildet. g ist hier weniger variantenfreudig: Der obere Sinus ist leicht durchgebogen, der Schaft ebenso, dieser schwingt unter der Zeile in einem kleinen feinen Bogen aus. Die Schrift ist im Mittellängenbereich eher schmal und gestreckt. Aus der Reihe fällt hier eigentlich nur das runde d, das spitzoval ausgeprägt [Druckseite CXVII] ist und eher etwas breiter gestaltet wird; es neigt sich leicht nach links. u besitzt ein diakritisches Zeichen, das sich auch bei v – in der Verwendung für den u-Laut – wiederfindet. Die Versalien bewegen sich im üblichen Rahmen der Fraktur. Die Großbuchstaben werden weitestgehend aus geschwungenen Schwellschäften zusammengesetzt, an deren Enden häufig Schleifen gebildet werden. Auch dieses Beispiel bleibt zunächst ein Einzelfall.

In den folgenden Jahrzehnten kann sich die Fraktur immer noch nicht recht durchsetzen. Mit Ausnahme von Gemäldeepitaphen (Nr. 268, Abb. 12 und Nr. 300) und (gemalten) Bildfensterbeischriften (Nr. 293, Abb. 16, Nr. 297, Abb. 14, Nr. 302 bis 307), die v. a. in den 70er Jahren die einzig überlieferten Frakturinschriften darstellen, setzt die Verwendung dieser Schrift bei den steinernen Denkmälern erst wieder verstärkt ab Mitte der 80er Jahre ein und nimmt dann in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts zu. Sie nimmt jedoch gegenüber der Kapitalis nur den zweiten Stellenwert ein.

Ein Beispiel, das auf das Jahr 1587 zu datieren ist, ist eine erhaben gearbeitete Frakturinschrift auf der fragmentarischen Grabplatte für Gregor Münch zu Münchhausen und seine Frau Barbara (Nr. 322, Abb. 123). Die Schrift zeichnet sich durch „spielerische“ Elemente wie die geschwungenen Bogenabschnitte bei g, a und unzialem d aus. Darüber hinaus fällt die kursive Form des s auf. Allgemein besitzt die Schrift die typischen Elemente der Fraktur, nämlich das mandelförmige o und die durch Schwellschäfte – die allerdings in der erhabenen Ausarbeitung nicht so gut hervortreten – ausgeführten, unter die Zeile reichenden Hasten bei Schaft-s und f.

Im Gegensatz zur Gotischen Minuskel, bei der sich einzelne Gruppen mit den selben Stilmerkmalen erkennen und auch in einigen Fällen bestimmten Werkstätten zuweisen lassen, bleibt eine derartige Auswertung bei der Fraktur schwierig. Dies liegt zum einen an den zunächst nur vereinzelt auftretenden Beispielen in dieser Schrift, denen kein vergleichbares Stück an die Seite gestellt werden kann. Zum anderen liegt hier die Vermutung nahe, daß möglicherweise in der Zeit der Fraktur – also in den letzten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts und der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts (bis zum Ende des Erfassungszeitraumes für die vorliegende Inschriftenedition) – weniger Wert auf einen einheitlichen und eindeutigen Stil, an dem die Werkstatt erkennbar war, wie es offensichtlich in der Hochzeit der Gotischen Minuskel der Fall war, gelegt wurde. Die einzelnen Inschriften in Fraktur zeigen durchaus ähnliche Merkmale – sowohl im gesamten Schriftbild als auch in den Details; es läßt sich aber kaum noch ein bestimmter Typ erkennen, der auf eine bestimmte Werkstatt weisen würde. Selbst bei Stücken, die nachweislich aus derselben Werkstatt stammen, ist die Herausarbeitung eines charakteristischen Schriftstils schwierig.

In diesem Zusammenhang muß auf zwei Epitaphe verwiesen werden, die beide mit demselben Monogramm OV des Bildhauers Oswald Vorster versehen sind. Es sind dies das Epitaph für Ursula Neuhauser (1591 datiert, Nr. 329) an der Gottesackerkirche und das Epitaph für Georg Thaimer und seine Ehefrau Ursula, datiert 1592, in St. Georg (Nr. 333, Abb. 118). Der Text der Grabinschrift ist in beiden Fällen in Fraktur ausgeführt. Das Schriftbild wirkt auf den ersten Blick durchaus ähnlich. Der Text ist eher gedrängt in den Schriftspiegel eingefügt – ein Bild, wie es häufig bei Frakturinschriften auftritt. Der Mittellängenbereich ist nicht so rigoros durchgestaltet wie bei der Gotischen Minuskel, weist aber durchaus eine gewisse Strenge auf. Der Ober- und Unterlängenbereich wird hingegen durch geschwungene Elemente aufgelockert. Dies geschieht auch durch vereinzelte Versalien im Text, die durch ausladende, geschwungene Ansätze das Schriftbild unterbrechen. Die einzelnen Buchstabenformen sind die der Fraktur. Versucht man nun, bestimmte Charakteristika ausfindig zu machen, so wird man bei der älteren Inschrift auf dem Epitaph für Ursula Neuhauser fündig: hier wird an den Bogenenden am oberen Ende des Mittellängenbereiches – z.B. bei b, h, n, auch an der Fahne des r – eine Art Fortsatz gebildet: Der Bogen endet in einem Sporn, der nach oben links hinausgezogen wird. Dieses Merkmal erscheint sehr eindringlich und somit als mögliches Erkennungsmerkmal der Werkstatt. Betrachtet man nun jedoch das jüngere Stück, das Epitaph für das Ehepaar Thaimer, so treten hier eben diese Sporen nicht auf. Einzige Tendenz, die eventuell als vergleichbar gelten kann und über das übliche Formenrepertoire der Fraktur hinausgeht, könnte die Ausprägung des oberen freistehenden Bogenabschnitts des runden d sein, der relativ weit nach links gezogen wird und in der Oberlänge annähernd waagrecht erscheint.

Ein weiteres Stück, das von kunsthistorischer Seite einer Werkstatt zugeschrieben wird, in Freising jedoch ein Einzelfall bleibt, ist die figürliche Grabplatte für den Hauptmann Hans Karl Herwart von Hohenburg († 1626, Nr. 411, Abb. 127), die von Benker dem Weilheimer Bildhauer Philipp Dirr zugeschrieben wird246). Es handelt sich hierbei um eine erhaben ausgearbeitete Fraktur, die einen eher schmalen, gestreckten Mittellängenbereich zeigt. Da auch die Ober- und Unterlängen nicht besonders [Druckseite CXVIII] ausgeprägt sind, erinnert das Schriftbild noch stark an die – freilich nicht mehr zeitgenössische – Gotische Minuskel. Auch die Bögen bei den Buchstaben sind zurückhaltend ausgeprägt und in den meisten Fällen noch in gotischer Manier gebrochen. Spitzovale oder mandelförmige Buchstabenkörper sind also kaum auszumachen. Dennoch verwendet die Schrift ein – allerdings gebrochenes – einstöckiges a und ein pfahlförmiges Schaft-s, das unter die Zeile reicht. Vor allem die Versalien verstärken das Bild der Fraktur: Sie bestehen aus geschwungenen bzw. durchgebogenen Schwellschäften, die allerdings wegen der erhabenen Ausprägung, bei der die Strichstärke ohnehin dicker ist als bei vertieft gearbeiteten Inschriften, weniger zur Geltung kommen. Auch die beiden Bögen des g sind geschwungen; der untere drängt sich jedoch stark an die Grundlinie. Ein weiteres Stück, das von Benker ebenfalls Philipp Dirr zugewiesen wird, ist die Wappenplatte für Maria Salome von Stauding († 1628, Nr. 418, Abb. 128). Sie weist eine vertiefte Fraktur auf, die weder im Gesamtduktus noch in den Einzelformen der Schrift auf der Platte für Herwart besonders vergleichbar erscheint.

Ein sehr schönes Beispiel einer Fraktur aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts – ein Einzelfall – ist die Wappengrabplatte für den bischöflichen Rat Wilhelm von Taufkirchen und Höhenrain (Nr. 421). Das Stück beweist, daß die Fraktur durchaus individuell durchstilisiert werden kann. Die Schrift ist sehr schlank, der Mittellängenbereich ist gestreckt. Im Gegensatz dazu ist der Ober- und Unterlängenbereich zurückhaltend gestaltet. Das Schaft-s geht nur leicht unter die Grundlinie. Die Buchstabenkörper zeigen Brechungen und Knicke an Stellen, an denen bei anderen Stilisierungen die Tendenz mehr in die Rundung geht: so ist beispielsweise der Bogen des e oben und unten gebrochen, der dazwischen liegende Teil ist gerade und senkrecht – beinahe wie bei der Form der Gotischen Minuskel. Nur der Balken ist gebogen. Charakteristisch für diese Stilisierung ist die Behandlung der Bögen auf der Grundlinie bei a, rundem d und g: Der jeweilige Bogen ist oben gebrochen und wird senkrecht nach unten geführt, läuft aber oberhalb der Grundlinie leicht nach links biegend aus. Ergänzt wird der Bogen durch einen geschwungenen Quadrangel auf der Grundzeile, der aber den oberen Teil des Bogens nicht berührt, sodaß der Buchstabe an der Stelle offen bleibt.

Da sich die Fraktur in der frühen Neuzeit v.a. für Inschriften in deutscher Sprache etabliert, bleibt sie in Freising auch in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts hinter der Kapitalis – der Schrift für die lateinischen Texte der Domkanoniker – zurück. Sie folgt der Majuskelschrift an zweiter Stelle. Dagegen spielt die zweite wichtige Minuskelschrift der Neuzeit im Erfassungszeitraum so gut wie keine Rolle: die Humanistische Minuskel.

Humanistische Minuskel

Die Humanistische Minuskel – wie der Begriff schon andeutet – bezeichnet die in der Zeit des Humanismus wieder aufgegriffene Minuskelschrift, die in ihren Formen auf der karolingischen Minuskel basiert. Obwohl sich diese Schrift im handschriftlichen Bereich schon im 15. Jahrhundert entwickelt und in den Druckschriften noch im selben Jahrhundert Ausbreitung erfährt, dauert es in den Inschriften verhältnismäßig lange, bis sie sich hier durchsetzen kann247).

Das einzige erhaltene Beispiel in Freising aus dem Erfassungszeitraum in Stein, das in Humanistischer Minuskel realisiert ist, stellt das Epitaph für den Domherrn und Generalvikar Jobst Münch von Münchhausen dar (Nr. 270, Abb. 115). Es ist auf das Jahr 1565 datiert. Da bis zum Ende der Inschriftenerfassung für den vorliegenden Band, also bis 1650, keine weitere relevante Inschrift in Humanistischer Minuskel mehr auftritt, handelt es sich daher bei diesem Stück um einen absoluten Einzellfall. Dies dürfte zum einen mit der ausführenden Technik zusammenhängen: Die Tafel ist geätzt und stellt auch in dieser Hinsicht ein Unikat im zeitlichen und lokalen Umfeld dar. Zum anderen wird sowohl die Wahl der Technik als auch möglicherweise der Schrift mit dem Auftraggeber sowie auch mit der ausführenden Werkstatt in Verbindung stehen. Es ist nicht auszuschließen, daß das Stück auswärts angefertigt wurde. Die Schrift wirkt sehr ausgewogen; die Buchstaben gehen in die Breite und haben somit die gotische Streckung des Mittellängenbereichs aufgegeben. Bögen sind rund. Schaftansätze, v.a. auf der Grundlinie, weisen Serifen auf. a umfaßt einen ausgeprägten runden und offenen oberen Bogen, der untere ist ebenfalls rundlich gestaltet. Es findet d mit senkrechter Haste Verwendung. Das g besitzt einen sichelförmigen unteren Bogen, der allerdings etwas an die Grundlinie gedrückt erscheint. Es tritt neben der a-e-Ligatur auch eine Verbindung zwischen c und t, analog auch zwischen Schaft-s und t auf, bei der der Bogen des ersten Buchstaben mit dem nach oben verlängerten t-Schaft (durch einen kleinen Bogen) verknüpft wird. Diese Elemente sowie auch die sehr ausgeprägte Umsetzung der Humanistischen Minuskel – die Schrift wird ohne irgendwelche [Druckseite CXIX] Vorläufer in den Inschriften plötzlich und voll ausgebildet eingesetzt – deuten darauf, daß für die Gestaltung des Epitaphs Vorbilder aus dem Druckschriftenbereich herangezogen worden sein könnten. Diese Möglichkeit unterstützt auch die reiche Ornamentik, die die Schrift umgibt.

Unter den restlichen Inschriften des zu bearbeitenden Materials ist allein die dreizeilige Stifterinschrift Bischof Veit Adams auf der Inschriftentafel in der Rahmung der byzantinischen Ikone (Nr. 423, Abb. 131), datiert 1629, in Humanistischer Minuskel ausgeführt. Auch hier ist die Verwendung der – für die Inschriften in der Zeit – modernen Schriftart wohl sowohl auf den Auftraggeber als auch auf die verwendete Technik bzw. Material bzw. Werkstatt zurückzuführen.

Neben diesen beiden Inschriften spielt die Humanistische Minuskel eine Randrolle bei Inschriften in Kapitalis, in der v.a. bei gekürztem Wortbestand einzelne Buchstaben in Minuskel ausgeführt werden, vgl. hierzu z.B. die Bauinschrift Bischof Veit Adams von Gepeckh am Kardinal-Döpfner-Haus aus dem Jahre 1629 (Nr. 426).

  1. Die Abschnitte zur Romanischen und Gotischen Majuskel sowie zur Frühhumanistischen Kapitalis und zur Kapitalis wurden von Franz-Albrecht Bornschlegel verfaßt, die restlichen Abschnitte von Ramona Epp. »
  2. Die in der Nachahmung der mittelalterlichen epigraphischen Schriften für die Zeit des Barock überaus beachtlichen Leistungen sind ein weiterer Beleg für das ausnehmende Traditions- und Geschichtsbewußtsein des Freisinger Domstifts. Eine Studie zu den historisierenden Inschriften des Freisinger Doms ist von dem Bearbeiter des vorliegenden Inschriftenbandes in Vorbereitung. »
  3. Im Gegensatz dazu wurde eine im Zuge der barocken Renovierungsarbeiten unter Bischof Eckher neu entdeckte, unbeschriftete Grabkreuzplatte des hohen Mittelalters dem Freisinger Bischof Hitto († 854) zugeordnet und mit einer zeitgenössischen Kapitalis erstbeschriftet. Sie fand keine Aufnahme in den Inschriftenkatalog. – Vgl. Glaser, Grabsteinbuch 302f. Nr. 14. »
  4. Die vorliegende schriftkundliche Untersuchung zur Romanischen und Gotischen Majuskel stützt sich mit Ausnahme der Katalognummern 14, 18 und 68 auf Vorarbeiten von Sabine Ryue, gelangt jedoch insbesondere in Nr. 11, 17, 29 zu einer anderen Bewertung; vgl. Ryue, Inschriften Freising, Teil 1, 23–29 und dies., Grabinschriften 29–43. »
  5. Zur Romanischen und Gotischen Majuskel siehe insbes. Koch, Paläographie 1–42; ders., Gotische Majuskel 225–247; Kloos, Einführung 123–132; Bornschlegel, Gotische Majuskel (im Druck) 203–235; ebenso die Einleitungskapitel der jüngeren DI-Bände. »
  6. Die zeitliche Einordnung dieser nicht bei Ryue, Inschriften Freising, erfaßten Fragmente erfolgt nach mündlicher Datierung Ryue. »
  7. Ryue, Inschriften Freising Nr. 30, folgt in der Datierung der Inschrift der älteren Forschungsmeinung, indem sie den zweiten Teil des überarbeiteten Todesjahres mit TR(I)C(ESI)MO, also dem Jahr 1330 auflöst; vgl. hierzu Bornschlegel, Epigraphische Überlegungen 123–126. »
  8. Kloos, Einführung 132. »
  9. Vgl. DI 25 (Lkr. Heidelberg) XLIII; DI 29 (Stadt Worms) LXI; DI 34 (Lkr. Bad Kreuznach) XLVI; DI 37 (Rems-Murr-Kreis) XLVf.; DI 43 (Rheingau-Taunus-Kreis) LXVII; DI 51 (Stadt Wiesbaden) XLIII; DI 67 (Stadt Passau) XXXVI»
  10. Insbesondere die beiden Nexus litterarum AU und CH im Familiennamen Schauch dokumentieren die Not des Steinmetzen, Vor- und Nachname der verstorbenen Person auf der Schmalseite der umlaufenden Schriftleiste unterzubringen. »
  11. AN, AP, AU, EL, ER»
  12. Datum irrig, vgl. Nr. 92, Abb. 61. »
  13. Vgl. unten und Ryue, Inschriften Freising, Teil 1, 39. »
  14. Ryue, Inschriften Freising 39f.: Bei den zehn zugewiesenen Grabplatten handelt es sich um folgende Inschriften für: Eglolph von Hornpeck († 1418, Nr. 66), Johannes Ebran von Wildenberg († 1420, Nr. 67), Hiltprand von Kammer († 1426, Nr. 73), Heinrich Judmann († 1436, Nr. 78), Friedrich Stauthamer († 1436, Nr. 80), Erhard Ottenhofer († 1442, Nr. 84, Abb. 59), Kaspar von Seiboltsdorf († 1444, Nr. 87), Diepold von Aichberg († 1447, Nr. 88), Dionysius Abtesmüller († 1448, Nr. 89) und Johannes Türndl († 1457, Nr. 101). Darüber hinaus geht sie davon aus, daß die Weiheinschrift in der Benediktuskirche (Nr. 94) und die drei eingangs bereits genannten Gedenkplatten für Freisinger Bischöfe (Nr. 92, Abb. 61, Nr. 93 und Nr. 149, Abb. 88) möglicherweise von der selben Werkstatt stammen. Obwohl zwei von diesen Platten, die für Heinrich Judmann und die für Friedrich Stauthamer, offenbar dasselbe Steinmetz- bzw. Meisterzeichen aufweisen (vgl. Nr. 78 und 80), kann die Werkstatt bislang nicht identifiziert werden. »
  15. Vgl. Gegenüberstellung bei Liedke, Franz Sickinger 43 (Abb. 38 und 39): leider ohne nähere Ausführungen; vgl. genauer auch Kommentar in der Katalognummer. »
  16. Halm, Studien I 86f., Abb. 75, 76. »
  17. Vgl. hierzu Liedke, Haldner v.a. Werkkatalog ab 161; Ryue, Inschriften Freising 41–43. Es handelt sich um folgende meist figurale Grabplatten für: Nikolaus von Gumppenberg († 1443, Nr. 86, Abb. 60), Johann III. Grünwalder († 1452, Nr. 95, Abb. 63), Wigislaus von Rorbeck († 1456, Nr. 100; nur von Ryue zugewiesen), Johannes Türndl († 1457, Nr. 101; von Liedke Haldner zugewiesen, von Ryue einer unbekannten Werkstatt zugeordnet), Nikolaus Schlegel († 1461, Nr. 103), Johannes von Aresing († 1463, Nr. 105, Abb. 66), Johannes von Muggenthal († 1477, Nr. 119), Johannes Frey († 1477, Nr. 117, Abb. 69), Johannes Simon († 1479, Nr. 121; von Liedke Hans Haldner zugewiesen, Ryue konstatiert Unterschiede in der Schrift), Heinrich von Baruth († 1481, Nr. 126, Abb. 71; von Liedke Hans Haldner zugewiesen, Ryue konstatiert Unterschiede in der Schrift), Kaspar Schmidhauser († 1485, Nr. 132), Abraham († 992, Nr. 149, Abb. 88; nur von Ryue zugewiesen) und Jakob Rudolf († 1525, Nr. 187; nur von Ryue zugewiesen). »
  18. Vgl. an dieser Stelle zu den Buchstabenformen bei Haldner auch Detailansichten der Inschrift(en) auf dem spätmittelalterlichen Grabmal für Ludwig den Bayern in der Münchner Frauenkirche in Hundemer, Grabplatte 94ff. »
  19. Hierauf hat bereits Ryue verwiesen, vgl. oben. »
  20. Liedke verweist auf den Einfluß der Haldner-Werkstätte, vgl. hierzu Liedke, Haldner 148. »
  21. Vgl. Ryue, Inschriften Freising 43f.: sie weist hier folgende Inschriften einer unbekannten Werkstätte zu: für den Domherrn Johannes Tumberger († 1469, Nr. 106), für den Domherrn Leonhard Zeller († 1472, Nr. 110) und für den Stiftspropst Johannes von Pienzenau († 1479, Nr. 122). »
  22. Ein ähnliches Phänomen konnte bei den Inschriften der Stadt Passau beobachtet werden, wo sich in den Jahren um 1500 eine Gruppe festmachen läßt, die vergleichbare „Basisstriche“ aufweist und die möglicherweise mit der Werkstatt Jörg Gartners zusammenhängt, vgl. hierzu DI 67 (Stadt Passau) XLIIIf. »
  23. Liedke, Haldner 162. »
  24. Am Ende der Umschrift befindet sich ein Zeichen, von dem nicht sicher ist, ob es sich um eine Meistermarke handelt, vgl. Nr. 98. Da bislang nicht einmal die Bedeutung ganz geklärt werden konnte, kann über dieses Zeichen auch keine Zuweisung vorgenommen werden. »
  25. Liedke, Hanns Peurlin 97. »
  26. Vgl. hierzu Liedke, Hanns Peurlin und Ryue, Inschriften Freising 44–46. Es werden folgende Objekte Hans Beierlein d. Mittleren (bzw. seiner Werkstatt) zugeschrieben: die figurale Grabplatte für den Bischof Sixtus von Tannberg († 1495, Nr. 143, Abb. 74; Liedke, Hanns Peurlin 136f.; Ryue, Inschriften Freising 44; auch Halm, Studien I 110), die figurale Grabplatte für Markus Hörlin (um 1500–1507; Nr. 157, Abb. 94; Liedke, Hanns Peurlin 139; Ryue, Inschriften Freising 44), die figurale Grabplatte für Johann von Lamberg († 1505, Nr. 156, Abb. 95; Liedke, Hanns Peurlin 139; Ryue, Inschriften Freising 44; auch Halm, Studien I 126) und die figurale Grabplatte für Johannes Schrenck († 1510, Nr. 160, Abb. 93; Liedke, Hanns Peurlin 139; Ryue, Inschriften Freising 44). Ryue führt noch weitere Stücke an: die figurale Grabplatte für Tristram von Nußberg (vor 1518, Nr. 175; Ryue, Inschriften Freising 44), die figurale Grabplatte für Rupert Auer von Pullach († 1520, Nr. 180; Ryue, Inschriften Freising 44) und die figurale Grabplatte für Michael Fischer (vor 1541; Nr. 208; Ryue, Inschriften Freising 44). »
  27. Vgl. Liedke, Hanns Peurlin 137; auch Halm, Studien I 110. »
  28. Vgl. hierzu Liedke, Rottaler und Ryue, Inschriften Freising 46f. Zugeschrieben wurden hier von Liedke folgende Objekte: der sog. Marolt-Altar (1513; Nr. 165, Abb. 96; Liedke, Rottaler 347f.; auch Halm, Studien II, v.a. 124), das Epitaph für Wolfgang Wirsing (1515; Nr. 169, Abb. 97; Liedke, Rottaler 348; auch Halm, Studien II 129), das Epitaph für Peter Schaffmannsberger (1516; Nr. 171, Abb. 100; Liedke, Rottaler 348f.; auch Halm, Studien II 129), das (nur noch in Photographie überlieferte) Epitaph für Balthasar und Anna Hugendorfer (1517, 1525; Nr. 188†, Abb. 104; Liedke, Rottaler 349; auch Halm, Studien II 145f.), das (kopial überlieferte) Grabmal für Warmund und Elisabeth von Fraunberg (1517, 1526; Nr. 172†; Liedke, Rottaler 349f.), die figurale Grabplatte für Georg Auer von Pullach (1518; Nr. 176; Liedke, Rottaler 351), die Bauinschrift an der fürstbischöflichen Residenz, in Kapitalis ausgeführt (1519; Nr. 178 (Abb. 98) vgl. Schriftkapitel zur Kapitalis; Liedke, Rottaler 351f.), die figurale Grabplatte für Peter Kalbsor (1521; Nr. 184, Abb. 103; Liedke, Rottaler 353f.; auch Halm, Studien II 126), das Grabmal für Paul Lang von Wellenburg (1521; Nr. 183, Abb. 102; Liedke, Rottaler 355f.; auch Halm, Studien II 130). »
  29. Zu nennen wären hier Nr. 107, 135 und 141 (Abb. 80, 86). »
  30. Vgl. DI 5 (München) XXIII und Nr. 80, 81, 97»
  31. Zur Frühhumanistischen Kapitalis vgl. Neumüllers-Klauser, Epigraphische Schriften 315–328; Koch, Frühhumanistische Kapitalis 337–345; Koch, 15. Jahrhundert 596 ff. »
  32. Die Tafeln befinden sich heute im „Kirchensaal“ zur Altbayerischen Malerei und Skulptur um 1500 (Raum 15) des Bayerischen Nationalmuseums München. »
  33. Zur Begriffsbestimmung der „frühhumanistischen Schrift“ und der „Frühhumanistischen Kapitalis“ s. Koch, Frühhumanistische Kapitalis 337; Ders., Epigraphische Vielfalt 373; Ders., Variationsfreudige Majuskel 621–640. »
  34. Während die Kapitalis in Augsburg bereits seit 1484 in kontinuierlicher Folge überliefert ist und ab 1496 erstmals in den reinen Formen der Renaissance-Kapitalis erscheint, zeigt sich die erste Kapitalis in München nahezu zeitgleich mit der frühesten Freisinger Kapitalis um 1510. Sowohl in ihrer Verwendung als Bildbeischrift wie auch in ihrer dünnstrichigen Ausführung und dem tastenden Versuch, klassische Formen zu integrieren, besteht eine große Nähe zu der Freisinger Inschrift von 1513. In Freising wie in München wird man die Kapitalis als selbständige Inschrift erst Jahre später – in Freising 1519, in München um 1525 – einsetzen. Vgl. DI 5 (München) Nr. 129 bzw. Nr. 151. – Zur Renaissance-Kapitalis allgemein vgl. Kloos, Einführung 153–160, insbes. 158 ff.; Bornschlegel, Frühe Renaissance-Kapitalis 217–225; Fuchs, Schrift/Typographie 1094f. »
  35. In der Renaissancestadt Augsburg hat die antikisierende Strömung der Kapitalis in Form der „reinen Renaissance-Kapitalis“ bereits um 1513 die nichtklassischen Ausprägungen der Kapitalis nahezu völlig verdrängt. Während sich in Freising die Kapitalis erst im zweiten Viertel des 16. Jahrhunderts etwas verdichtete, aber noch nicht gegen die vorherrschende Gotische Minuskel durchzusetzen vermochte, dominiert die Kapitalis in Augsburg bereits in den ersten drei Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts das Schriftwesen. – Vgl. Bornschlegel, Kapitalis der Renaissance 90f. , 154; Ders., Frühe Renaissance-Kapitalis 221. »
  36. Nexus litterarum AR, EF (2x), MR (2x) NE (2x), Enklaven CE, LA, MO (2x), OS, VI»
  37. Zur Schrift des Loy Hering s. Bornschlegel, Inschriften Loy Herings 39–50. Zur Schrift des Thomas Hering vgl. auch das einer Expertise von Franz-Albrecht Bornschlegel folgende Kapitel „Die ‚Handschrift’ des Thomas Hering“ in: Arnold, Herkules 82f. »
  38. Der Anteil der ausnahmslos mit erhabenen Inschriften versehenen Glocken an den erhabenen Kapitalisinschriften des Bearbeitungsgebiets beträgt im Zeitraum von 1541 bis 1600 etwa die Hälfte. »
  39. Nexus litterarum: AE (6x), AR (4x), AV (2x), ET, HE (2x), HR, IN, ND (2x), NE (4x), NN (6x), NR, NT, TE (4x), VR (3x), Einschreibungen: CA (6x), TI, TV (6x). »
  40. Vor 1550: Nr. 178 (1519, Abb. 98), Nr. 208 (=Y) (1541), Nr. 215 (1542, Abb. 108); in den 50er Jahren des 16. Jahrhunderts: Nr. 236 (1553), Nr. 245 (1557), Nr. 248 (1558), Nr. 253 (vor 1560). »
  41. Nr. 178 (1519, Abb. 98). »
  42. Nr. 234 (1553), Nr. 239 (1554), Nr. 245 (1557), Nr. 253 (vor 1560). »
  43. Bornschlegel, Inschriften Loy Herings 41 und 49 Taf. I,1. »
  44. Nexus litterarum: ENE, MV, NE – Enklaven und Buchstabenunterstellungen: CA, CE, LE, LI (2x), OB, OI, OM, ON, OR, PA, PE, TI (3x), TO, TR, TS (2x), TV (2x), TV, VV»
  45. Vgl. Ryue, Model 171f. »
  46. Vgl. Bornschlegel, Inschriften Loy Herings 49 Taf. I,1. »
  47. Nr. 275 (1567). – Demgegenüber lassen sich R-Formen mit durchgebogener, stachelförmiger Cauda in den Inschriften auf Schulter und Schlagring von vier Glocken (Nr. 259, Nr. 263, Abb. 112–114, Nr. 264, Nr. 267) sowie auf dem Gemälde-Epitaph Litzlkircher (Nr. 268, Abb. 12) nachweisen. »
  48. Unterschiedlich in der Ausführungsweise ist hingegen der Buchstabe G»
  49. Gerade: Nr. 453 (1641) und Nr. 454 (1644), wellenförmig: Nr. 442 (1637, Abb. 136), durchgebogen: Nr. 426 (1629, Abb. 132). »
  50. E mit verkürztem Mittelbalken, geschlossener P-Bogen, Interpunktion und Worttrenner. »
  51. Benker, Philipp Dirr 116–118, 156f.; vgl. auch Sauermost, Weilheimer 112. »
  52. Dabei wird die erste und letzte Zeile zentriert, die zweite bis vierte Zeile linksbündig gestaltet. »
  53. Nr. 442 (1637, Abb. 136), Nr. 457 (vor 1645), Nr. 458 (1645, Abb. 130), Nr. 468 (1650), Nr. 470 (1651, Abb. 138). »
  54. Benker, Dirr 122, 157. »
  55. Vgl. hierzu beispielsweise Kloos, Einführung 143–153. »