Inschriftenkatalog: Stadt Essen

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 81: Stadt Essen (2011)

Nr. 77 Werden, Schatzkammer St. Ludgerus spätestens 1484

Beschreibung

Kasel.1) Roter Samt, gewebte und bestickte Halbseidenborte. Auf der Vorder- und auf der Rückseite sind Gabelkreuze aus Kölner Borte aufgelegt. Auf den senkrechten Kaselstäben vorne und hinten sind abwechselnd Inschriften mit dunkelblauem Garn und Heiligenabbildungen eingestickt. Auf der Vorderseite sind Nomina sacra (A) und Darstellungen der Heiligen Benedikt und Helena mit Bildbeischriften (B, C) zu sehen. Auf beiden Kreuzbalken auf der Vorderseite sind je eine Rosette, darunter je ein Nomen sacrum (D, E) und ein Lebensbäumchen gestickt. Der senkrechte Kaselstab auf der Rückseite zeigt zwei Nomina sacra (F), eine Darstellung der Jungfrau Maria mit Kind und dem Beginn einer Marienantiphon als Bildbeischrift (G) sowie je eine Darstellung der Heiligen Servatius und Viktor mit Bildbeischrift (H, I). Auf den Borten der Kreuzarme sind Nomina sacra (J, K) und ein Lebensbäumchen gestickt. An den unteren Enden der Kreuzarme befindet sich ein mit hellblauem Garn gestickter Stiftervermerk (L), der auf beide Borten verteilt und durch die Überlappung durch den Kaselstab teilweise verdeckt ist. Die Nomina sacra und Bildbeischriften sind mit Ausnahme von Inschrift B in hervorragendem Zustand. Die Heiligendarstellungen sind eingewebt und mit gestickten Details ergänzt. Sie sind von hoher Qualität und gut erhalten.

Maße: H. 131 cm; B. 84,5 cm; Bu. 3,5 cm (A, B, C, F, G, J, K), 3,3 cm (D, H, I), 3,8 cm (E), 1,2 cm (L).

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versal.

  1. A

    ihesus / maria

  2. B

    sanctus / benedict(us)

  3. C

    sancta / helena

  4. D

    ihesus

  5. E

    maria

  6. F

    ihesus / maria

  7. G

    Regi(n)a celi / leta(r)e all(elui)a2)

  8. H

    sanctus / seruaci(us)

  9. I

    sanctus / victor

  10. J

    ihesus

  11. K

    maria

  12. L

    d(ominus) he(n)ric(us) muel[re]a) // [can]o(nicus) xancte(nsis)

Übersetzung:

Du Himmelskönigin, freue Dich! (G)

Versmaß: Hymnenvers (G).

Kommentar

Die Nomina sacra und die Bildbeischriften sind mit den für die Inschriftengestaltung der Kölner Bortenstickerei typischen Zierhäkchen am h ausgestattet.3) Der Stiftervermerk aus hellblauem Garn ist präzise gestickt. Sowohl die gewebten Inschriften als auch die gestickte haben tief gespaltene Oberlängen. Die standardisiert hergestellten Borten wurden mit dem individuellen Stiftervermerk, der sich in Material, Technik und Schriftgestaltung von den anderen Inschriften unterscheidet, nachträglich ergänzt.

Die Kaselstäbe und die Gabelkreuze weisen die für die Kölner Bortenweberei typischen Merkmale auf: gewebte Lebensbäumchen, Rosetten und Inschriften auf golddurchwirktem Grund. Die Gestaltung der gestickten Heiligenfiguren entspricht dem durch niederländische Einflüsse entstandenen ‚neuen’ Stil, der auf Kölner Borten in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts begegnet. Charakteristisch sind die detaillierte Gestaltung des Granatapfelmusters auf den Gewändern von Maria und Helena sowie die dunkle Konturierung der Umrisse der Heiligenfiguren.4)

Inschrift G gibt den Anfang der Marianischen Antiphon ‚Regina caeli’ wieder, die in der Osterzeit als Abschluss des täglichen Stundengebets gesungen wird oder in dieser Zeit als Angelus-Gebet dient.5) Ernst Scheyer nennt zwei weitere Kölner Borten, auf denen der Anfang der Antiphon inschriftlich festgehalten wurde.6)

Die Darstellung der Heiligen Helena und Viktor und der Stiftervermerk weisen darauf hin, dass die Kaselstäbe für das Stift St. Viktor in Xanten angeschafft wurden.7) Viktor soll als Führer einer Kohorte der Thebäischen Legion Ende des 3. Jahrhunderts in der Nähe von Xanten mit seinen Soldaten den Märtyrertod erlitten haben. Ihre Gebeine sollen später von der heiligen Helena (um 255–330), der Mutter Kaiser Konstantins, geborgen und bestattet worden sein, außerdem habe sie über den Gräbern der Märtyrer die Kirche St. Viktor gegründet.8) Im Xantener Domschatz befindet sich eine um 1500 datierte Dalmatik mit Kölner Borte, auf der der heilige Viktor dargestellt ist.9) Darstellungen des heiligen Servatius sind in Xanten auf dem Matthiasaltar vorhanden.10)

Der Stiftervermerk ist nur unvollständig zu sehen, die Teile des Namens und die Ortsangabe weisen jedoch deutlich auf den Xantener Kanoniker Heinrich Muelre hin. Er ist von 1463 bis zu seinem Tod 1484 als Kanoniker im Kollegiatsstift St. Viktor in Xanten belegt.11) Dort hatte er das Amt des Pförtners und die Altarvikarie der Heiligen Drei Könige inne.12) 1464 überließ er dem Stift anlässlich der Viktorstracht, einer feierlichen Prozession mit dem Schrein des heiligen Viktor, einen nicht näher bezeichneten Gegenstand als Kirchenschmuck („ornamenta Ecclesiae“).13)

Das Benediktinerkloster in Werden und das Kollegiatsstift in Xanten waren im Laufe der Jahrhunderte auf verschiedene Arten verbunden. Einige Werdener Mönche stammten aus Xanten, außerdem stand das Benediktinerinnenkloster St. Servatius in Hagenbusch (heute ein Stadtteil Xantens) ab 1474 unter der Aufsicht der Werdener Äbte.14) Die Kasel befand sich 1880 im Besitz des Werdener Klosters,15) wann und warum sie dorthin gelangt ist, konnte bisher nicht geklärt werden.

Textkritischer Apparat

  1. MUC KDM Essen, Reichert.

Anmerkungen

  1. Inv.-Nr. 99. Auf dem Futter der Rückseite ist innen klein No 18 als neuzeitliche Inv.-Nr. geschrieben. Ein zugehöriger Manipel hat die Inv.-Nr. 100.
  2. Marianische Antiphon von Ostern bis Dreifaltigkeit bzw. an Pfingsten. Vgl. Chevalier, Repertorium, Nr. 17170; Schott, Meßbuch, S. [180]; CAO 3, Nr. 4597; Walther, Initia, Nr. 16516: Regina celi laetare alleluia / quia quem meruisti portare alleluia / resurrexit sicut dixit alleluia / ora pro nobis deum alleluia, vgl. auch D. v. Huebner u. a., Art. Regina caeli, in: Marienlexikon 5 (1993), S. 435ff. Der erste Vers in DI 29 (Stadt Worms), Nr. 311. Die ersten beiden Verse in Analecta Hymnica 15, S. 115, Nr. 93f., DI 35 (Stadt Braunschweig 1), Nr. 215 und DI 58 (Stadt Hildesheim), Nr. 289. Die ersten drei Verse in DI 58 (Stadt Hildesheim), Nr. 277. Alle vier Verse in DI 21 (Kärnten 1), Nr. 188 und DI 75 (Halberstadt Dom), Nr. 183.
  3. Vgl. Scheyer, Bortenweberei, Abb. 27, 28; Reichert, Stickereien, S. 15, Abb. 5; DI 60 (Rhein-Hunsrück-Kreis 1), Nr. 76, Abb. 60.
  4. Scheyer, Bortenweberei, S. 47ff.
  5. W. Bretschneider, Art. Marianische Antiphonen, in: LThK3 6 (1997), Sp. 1357ff.
  6. Scheyer, Bortenweberei, S. 72.
  7. Vgl. Runde, Xanten, S. 177f.
  8. Vgl. Scheyer, Bortenweberei, S. 72.
  9. Grote, Schatz St. Viktor, S. 127–131, Nr. 21.
  10. Freundliche Auskunft von Paul Ley, Xanten.
  11. Classen, GS Xanten, S. 136.
  12. StiA Xanten, Akten, H 19: Friedrich Pels, Deliciae Xantenses (...) 2 (1734), S. 291, 272.
  13. StiA Xanten, Akten, H 17 A: Successio canonicorum Xantensium, fol. 22v. Für die Informationen aus den Handschriften des Stiftsarchivs Xanten danke ich Paul Ley, Xanten.
  14. Classen, GS Xanten, S. 456ff.; Stüwer, GS Werden, S. 240.
  15. Kat. Düsseldorf 1880, S. 125, Nr. 543.

Nachweise

  1. KDM Essen, S. 100 (K, L).
  2. Scheyer, Bortenweberei, S. 72 (G).
  3. Reichert, Stickereien, S. 95 (K, L).

Zitierhinweis:
DI 81, Stadt Essen, Nr. 77 (Sonja Hermann), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di081d007k0007701.