Inschriftenkatalog: Stadt Essen

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 81: Stadt Essen (2011)

Nr. 25† Werden, St. Ludgerus, ‚Liudgeridenkrypta’ um 1065–um 1080

Beschreibung

Tumba für Altfrid (gest. 849), Bischof von Münster und Vorsteher des Klosters Werden. Vermutlich wie die Fragmente der Tumbenplatte für Gerfrid aus Baumberger Sandstein,1) möglicherweise mit Stuck, Marmor- oder Kalksinterplatten in Opus sectile verkleidet.2) Das Grabgedicht enthält eine Grabbezeugung, einen Sterbevermerk und ein Totenlob. Es war auf der Tumbenplatte umlaufend am Rand eingehauen.3) Die Tumba befand sich bis zum Abbruch der vier Grabdenkmäler für Werdener Vorsteher aus der Familie der Liudgeriden 1791/92 im Mittelschiff der ‚Liudgeridenkrypta’ im ersten Joch von Westen an der südöstlichen Seite.4)

Nach Nünning.5)

Schriftart(en): Kapitalis.6)

  1. + ALTFRIDVS · TVMVLVM · PRAESVL · SIBI · VENDICAT · ISTVMa) ·PNEVMAb) · CREATORI · DANS · CINEREM · CINERI · OBIIT · IN · DECIMIS · MAI · PATER · ISTE · KALENDIS · CVIVS · NOS · SACRIS · PROTEGIMVR · MERITIS

Übersetzung:

Bischof Altfrid nimmt dieses Grab für sich in Anspruch, während er die Seele dem Schöpfer übergibt und die Asche der Asche. Dieser Vater starb am 10. Tag vor den Kalenden des Mai, wir werden beschützt durch seine heiligen Verdienste.

Datum: 22. April.

Versmaß: Zwei elegische Distichen, leoninisch einsilbig rein gereimt.7)

Kommentar

Die Grabinschrift Altfrids gibt wie die seines Vorgängers Thiadgrim die Vorstellung wieder, dass die Seele, die in beiden Inschriften mit dem griechischen Wort ‚pneuma’ bezeichnet wird, zu Gott aufsteigt, während der Körper in der Erde verbleibt. Die Gleichsetzung des menschlichen Körpers mit Erde oder Asche geht auf Genesis 3,19 zurück: „Quia pulvis es, et in pulverem revertis“.8) Dieser Vers wird vom Priester bei der kreuzförmigen Aschebestreuung der Gläubigen am Aschermittwoch gesprochen.9) In Grabschriften findet sich der Topos „Asche zu Asche“ beispielsweise bereits bei Eugenius von Toledo (gest. 657)10) und in karolingischer Zeit im Epitaph für Abt Avo von Corvey.11)

Die Feststellung, dass die Lebenden durch die Verdienste Altfrids beschützt werden, spiegelt Altfrids starke Verehrung in Werden wider. Altfrid wird damit auf die Stufe der Gerechten und Märtyrer gestellt, die durch ihre Verdienste bereits vor dem Jüngsten Gericht eine Auferstehung erfahren haben.12) Sie weilen am Fuße des himmlischen Altars, wo sie an der Herrschaft Christi teilhaben. Dadurch können sie für die Menschen bei Gott Fürsprache halten. In allen vier Tumbeninschriften der Liudgeriden werden deren Verdienste bei Gott genannt, die direkte Auswirkung aber, die Einreihung unter die Gerechten, die bereits am ewigen Leben teilhaben und Fürsprache für die Gläubigen einlegen können, klingt nur in der Inschrift für Altfrid an.

Altfrid trat 839 nach dem Tod von Gerfrid, Bischof von Münster und Vorsteher des Klosters Werden, dessen Nachfolge in beiden Positionen an, wobei der Schwerpunkt seiner Aktivitäten anscheinend in Werden lag.13) Hier ließ er einen Neubau der Klosterkirche errichten, der das Grab des heiligen Liudger, das sich östlich außerhalb des Chors befand, mit einschloss. An die Heiligengrablege anschließend ließ er die ‚Liudgeridenkrypta’ für die geistlichen Verwandten des Heiligen bauen, in der er sich und seinem Vorgänger Gerfrid einen Bestattungsplatz in der Nähe des Heiligen zuwies.14) Altfrid verfasste die erste Vita des heiligen Liudger, in der er auch über die Verdienste Hildegrims des Älteren bei der Überführung der Gebeine des Heiligen und über eine Blindenheilung im Beisein Gerfrids berichtet.15) Er starb am 22. April 849.16)

Textkritischer Apparat

  1. Nünning gibt als einziger ALTVM. Alle anderen Überlieferungen, auch die von Overham, der die Tumben offensichtlich ebenfalls selbst gesehen hat, in der HAB Wolfenbüttel, Cod. Guelf. 64.4 Helmst., fol. 36, geben ISTVM an, weshalb an dieser Stelle ausnahmsweise emendiert wird. Die Tumba war zur Zeit Nünnings anscheinend schon stark zerstört, vgl. Anm. 5.
  2. Pneva Overham, Vgl. zum Begriff Nr. 24, Anm. 10.

Anmerkungen

  1. Vgl. Nr. 23.
  2. Zu Material und Gestaltung der vier Grabtumben für die Liudgeriden vgl. Nr. 22, Anm. 2.
  3. Zur Anordnung der Verse auf den Tumbenplatten Nr. 22, Anm. 3.
  4. Zu diesen Tumben vgl. Nr. 22, 23, 24. In der ‚Liudgeridenkrypta’, die sich nordöstlich der ‚Liudgeruskrypta’ befindet, wurde mit Hildegrim d. J. ein weiteres Mitglied der Liudgeridenfamilie und Vorsteher Werdens bestattet, vgl. Nr. 97.
  5. Zur Verlässlichkeit von Nünnings Überlieferung vgl. Nr. 22, Anm. 5. Er bezeichnet die Tumba für Altfrid als bereits sehr zerstört und gibt die Inschrift nicht zeilenweise wieder.
  6. Nach Nünning war die Inschrift in „litter[ae] major[es]“ (im Manuskript durchgestrichen) bzw. „litter[ae] roman[ae]“ ausgeführt.
  7. Zum Versmaß vgl. Nr. 22. Hier wird die erste Silbe von obiit lang gemessen.
  8. Die Gleichsetzung von ‚pulvis’ und ‚cinis’ findet sich z. B. bei Ambrosius Autpertus, Libellus, 2,5 (hg. v. R. Weber, CCCM 27B).
  9. Missale Romanum, S. 67. Die Verwendung von ‚cinis’ und ‚cinerem’ anstelle von ‚pulvis’ und ‚pulverem’ z. B. in TBMA 1, S. 261. Als Bestattungsformel kommt die Wendung erst in der reformierten und anglikanischen Kirche vor, vgl. F. Merkel, Art. Bestattung IV, in: TRE 5 (1979), S. 743–749, besonders S. 745; Kleinheyer, Feiern 2, S. 224. Sie wird allerdings bereits von Benedikt von Aniane in seinen Ergänzungen zum Gregorianischen Sakramentar, das Papst Hadrian an Karl den Großen sendete, benutzt, vgl. Paxton, Death, S. 147, Anm. 70.
  10. Eugen von Toledo, Carmina, Nr. XVIII (hg. v. F. Vollmer, MGH SS AA 14, S. 246,3).
  11. Epitaphia Corbeiensia II, in: MGH Poetae 4, hg. v. K. Strecker, S. 1041,3.
  12. Vgl. Angenendt, Theologie, S. 82; Scholz, Grab, S. 272f.
  13. Zu Altfrid vgl. R. Schieffer, Art. Altfrid von Münster, in: Verf.-Lex. 1 (1978), Sp. 295f.; Kohl, GS Münster 7,3, S. 28ff.
  14. Zu Altfrids Baumaßnahmen in der Krypta vgl. Nr. 22.
  15. Diekamp, Vitae, S. 38, 40.
  16. Urbare A, S. 337; Janssen, Chroniken, S. 294.

Nachweise

  1. Anonymus, Annales, S. 56.
  2. Brouwer, Vita, S. 91.
  3. Bucelinus, Germania 2, S. 309.
  4. StA Wolfenbüttel, VII B Hs 94, S. 105 (= Overham, Annalen, S. 52, hier nur der Anfang der Inschrift).
  5. HAB Wolfenbüttel, Cod. Guelf. 64.6 Helmst., fol. 36r, 61v.
  6. BNF, Fonds latin, Nr. 12703, fol. 218v/213v.
  7. StA Wolfenbüttel, VII B Hs 92, fol. 57v.
  8. BSBM, Cgm 2213 (Slg. Redinghoven) 6, fol. 297v; 31, fol. 538r, 539r.
  9. LWL – Archivamt für Westfalen, Münster, Archiv Haus Ruhr, Nachlass Nünning, Nr. 943.
  10. ebd., Nr. 449.
  11. ebd., Nr. 975 (alle drei ohne Paginierung).
  12. HStAD, Kloster Werden, Akten II c 2, fol. 8r.
  13. Martène/Durand, Voyage 2, S. 236.
  14. Janssen, Chroniken, S. 294 (nur das erste Distichon, Zusätze Corfeys).
  15. HAStK, Best. 7030 (Chroniken und Darstellungen) 184, fol. 176r.
  16. Kleinsorgen, Kirchengeschichte 1, S. 308, Anm. *.
  17. KDM Essen, S. 97.
  18. Kraus, Inschriften 2, S. 291, Nr. 630,4.
  19. Effmann, Bauten 1, S. 54, Anm. 4.
  20. MGH Poetae 4, hg. v. K. Strecker, S. 1040.
  21. Hdb. Bistum Münster 1, S. 31.
  22. Korte, Geschichte, S. 14.
  23. Bücker, Epigramme, S. 430, mit Übersetzung.
  24. Hauck, Geist, S. 27, Nr. 6.
  25. Wallmann, Neuausstattung, S. 12.
  26. ders., Tumba, S. 220.
  27. Kohl, GS Münster 7,3, S. 30.

Zitierhinweis:
DI 81, Stadt Essen, Nr. 25† (Sonja Hermann), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di081d007k0002507.