Inschriftenkatalog: Stadt Essen

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 81: Stadt Essen (2011)

Nr. 12 Dom, Kreuzgang 10. Jh.–M. 11. Jh.

Hinweis: Die vorliegende Online-Katalognummer ist im Vergleich zum gedruckten Band mit Ergänzungen und Korrekturen versehen. Sie finden diese am Ende des Artikels. [Dorthin springen]

Beschreibung

Sarkophagplatte für einen Bilo. Sandstein. Die trapezförmige Platte ist mit sehr breitem, innen profiliertem Rahmen (zwei gravierte Linien und Hohlkehle) gestaltet, in der linken oberen Ecke ist noch ein Palmettenornament erkennbar.1) Im Mittelfeld sind die Konturlinien eines lang gezogenen Stangenkreuzes eingehauen, der eingehauene Sterbevermerk befindet sich an der oberen Schmal- und an der rechten Langseite. Die in zwei Teile zerbrochene und wieder zusammengesetzte Platte wurde bereits 1885 bei Kanalarbeiten an der Ostseite des Münsters freigelegt.2) Sie ist am unteren Teil völlig zerstört und auch rechts oben beschädigt. Nach ihrer Wiederauffindung im Zuge der Bauuntersuchung ab 1951 wurde sie im Südflügel des Kreuzgangs aufgestellt. Die Platte war auf eine Steinsetzung aufgemörtelt, die ein Skelett enthielt.3)

Maße: H. 182 cm; B. 62 cm (oben), 54 cm (unten); Bu. 5,5–6 cm.

Schriftart(en): Kapitalis.

DI 81, Nr. 12 - Essen, Dom - 10.-M. 11. Jh.

 AWK NRW, Arbeitsstelle Inschriften [1/1]

  1. ·X · K(A)L(ENDAS) · NOV/EM//BR(IS) · BILO · OBIIT ·

Übersetzung:

Am 10. Tag vor den Kalenden des November starb Bilo.

Datum: 23. Oktober

Kommentar

Die waagerechte erste Zeile der mit fast gleichbleibend schmaler Kerbe eingehauenen Inschrift ist kleiner als die zweite, senkrechte Zeile und leicht ansteigend ausgeführt. Die Buchstaben sind schmal, O ist leicht oval. Dagegen sind die Buchstaben der zweiten Zeile breiter gestaltet; M, R, T und kreisrundes O orientieren sich an den breiten Proportionen der karolingisch-antikisierenden Kapitalis, wobei der Mittelteil des M nur bis zur Zeilenmitte reicht. Bei B ist der untere Bogen deutlich größer als der obere, die gerade Cauda des R setzt am Bogen an. Schäfte und Balken sind mit kleinen Sporen ausgestattet, als Worttrenner dienen halbkugelig vertiefte Punkte auf der Zeilenmitte.

Die Gestaltungselemente der Platte (Profilierung, Palmettenornamente und Stangenkreuz) entsprechen verbreiteten Merkmalen von Grab- und Memoriensteinen des 10. bis 12. Jahrhunderts,4) ebenso das Formular mit Sterbedatum in römischer Tagesdatierung, Name und Sterbevermerk5). Der Männername Bilo6) ist in Essener Urkunden und Nekrologien nicht belegt.

Das Formular mit der Wortfolge Subjekt – Prädikat, das auch für die nicht mehr vorhandene Platte für eine Alburg verwendet wurde,7) ist ungewöhnlich, die meisten vergleichbaren Sterbevermerke des 10. und 11. Jahrhunderts sind in der Reihenfolge Prädikat – Subjekt formuliert.8)

Die Grabsetzung wird von der für die Bestattung von Äbtissin Theophanu um 1058 gebauten Grabkammer im Osten der Krypta überdeckt.9) Damit grenzt die Fundsituation des Sarkophags die Entstehungszeit der Inschrift in die Zeit vor die Mitte des 11. Jahrhunderts ein. Aus dem Liber ordinarius der Essener Kanoniker vom Ende des 14. Jahrhunderts geht hervor, dass die Stiftsdamen einen eigenen Begräbnisplatz hatten, der sich an der Ostseite der Kirche befand.10) Das Grab des Bilo und drei Kinderbestattungen unter der Krypta belegen, dass diese Beschränkung im 10. und 11. Jahrhundert noch nicht bestanden hat.

Anmerkungen

  1. Die anderen Ecken sind beschädigt.
  2. Humann, Einzelheiten, S. 191.
  3. Zimmermann, Münster, S. 145.
  4. Nisters-Weisbecker, Grabsteine, S. 189–194, 220–223.
  5. Ebd., S. 204.
  6. Förstemann, Personennamen, Sp. 304.
  7. Vgl. Nr. 36.
  8. Vgl. den Katalog bei Nisters-Weisbecker, Grabsteine, S. 263–293; ein den Essener Beispielen vergleichbares Formular aber ebd., S. 283, Nr. 99.
  9. Zimmermann, Münster, S. 126.
  10. Arens, Liber ordinarius, S. 113f., 198; Zimmermann, Münster, Tf. XI.

Nachweise

  1. Humann, Einzelheiten, S. 191.
  2. KDM Essen, S. 34.
  3. Kraus, Inschriften 2, S. 292, Nr. 634.
  4. Effmann, Inschriftsteine, Sp. 331.
  5. Zimmermann, Münster, S. 129, 145, mit Abb. 108, S. 128.
  6. Nisters-Weisbecker, Grabsteine, S. 251, Nr. 25, mit Abb. 30,25, S. 245.
Addenda & Corrigenda (Stand 29. März 2017):

Zu Anm. 6: Heinrich Tiefenbach, Rez. DI 81, in: Beiträge zur Namenforschung 47 (2012), S. 474: "[…] nach Aussage der von dem Werdener Mönch Uffing verfassten Vita St. Idae [wirkte] ein presbiter Bilo in der seit der Zeit des Werdener Abtes Hoger (899-900) zu diesem Kloster gehörigen Herzfelder Kirche […]." Belege bei Wilhelm Schlaug, Die altsächsischen Personennamen vor dem Jahre 1000, Lund 1962, S. 62.

Zitierhinweis:
DI 81, Stadt Essen, Nr. 12 (Sonja Hermann), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di081d007k0001200.