Die Inschriften der Stadt Essen

5. Die Schriftformen

5. 1. Kapitalis

Die ältere Kapitalis steht in der Nachfolge der klassischen Kapitalis der Antike, die in der Karolingerzeit neue Belebung erfuhr.115) Im Zuge der karolingischen Reformen, die auf die Verbesserung und Vereinheitlichung u. a. auch der Schrift zielten, galt die antike Monumentalkapitalis als vorbildhaft. Die wichtigsten Merkmale der antiken Kapitalis wie Linksschrägen- und Bogenverstärkungen, Schaftverjüngungen, die Unterscheidung von Haar- und Schattenstrichen sowie annähernd quadratische Proportionen zeichnen auch die karolingische Kapitalis aus. Dieser sehr qualitätvolle Schriftstil wurde im Frankenreich vom Ende des 8. bis Ende des 9. Jahrhunderts gepflegt. Ältere und jüngere Kapitalisinschriften bedienen sich zwar desselben Formenrepertoires, setzen es aber häufig stilistisch anders und meist weniger anspruchsvoll um. Inschriften in karolingischer Kapitalis sind in Essen nicht überliefert.

Auf dreizehn Inschriftenträgern hat sich in Essen ein vergleichsweise großer Bestand an Inschriften in einer älteren Kapitalis erhalten. Die Inschriften sind in Bein (Nr. 1) und Metall (Nr. 7, 10) graviert oder aus Metall getrieben (Nr. 20), auf Putz gemalt (Nr. 3), emailliert (Nr. 6), in Stein gehauen (Nr. 12, 21), in Blei geritzt (Nr. 17, 29, 34, 35) und auf Stoff gestickt (Nr. 39). Mit Ausnahme der frühesten dieser Inschriften, der wohl Ende des 8. Jahrhunderts gravierten Bildbeischrift auf einem Beinkasten (Nr. 1), und der spätesten, einer gestickten Inschrift auf einem Pontifikalhandschuh aus dem 12. Jahrhundert (Nr. 39), stammen die Inschriften aus dem 10. und 11. Jahrhundert.116)

Bei den Mitte des 10. Jahrhunderts ausgeführten Bildbeischriften einer Wandmalerei in der ehemaligen Abteikirche St. Ludgerus in Werden (Nr. 3) ist zwar noch das Vorbild der römischen bzw. karolingischen Kapitalis an einigen breiten, mit Serifen und mit deutlicher Linksschrägenverstärkung ausgestatteten Buchstaben präsent, daneben sind die meisten Buchstaben allerdings in einheitlicher Strichstärke und schmal ausgeführt. M, dessen Mittelteil bis zur Grundlinie reicht, erinnert an die klassische Kapitalis, während das leicht trapezförmige A und R mit gerader Cauda unklassische Formen zeigen.

Die beiden gravierten Inschriften auf dem sog. Kelch des heiligen Liudger (Nr. 7, Ende 9. bis 10. Jahrhundert) sind in einheitlicher Strichstärke und mit auffälligen dreieckigen Sporen gestaltet. Die ebenfalls gravierten Inschriften am siebenarmigen Leuchter aus dem Dom (Nr. 10, um 973–1011) zeigen klassische Buchstabenformen wie R mit Stachelcauda und kreisrundes O, daneben aber auch A mit links überstehendem Mittelbalken und M mit nicht bis zur Grundlinie reichendem Mittelteil. [Druckseite XXXI] Die Inschriften sind nur teilweise mit Linksschrägen- und Bogenverstärkungen ausgestattet, die Sporen wurden als dünne Striche oder sehr flächig bei den S ausgeführt. Die getriebenen Inschriften auf dem Prachteinband des Theophanu-Evangeliars (Nr. 20) sind gleichmäßig in einheitlicher Strichstärke ausgeführt, R ist mit einer geraden, spitz ausgezogenen Cauda ausgestattet. Bei den in Email eingelegten, sehr qualitätvollen Inschriften des Otto-Mathilden-Kreuzes (Nr. 6) sind die Sporen, wie bei den Inschriften am Leuchter, als rechtwinklig angesetzte Striche gestaltet. Die Proportionen der Buchstaben sind uneinheitlich, breit (A, H, N, Z) oder auffallend schmal. Besonders gelungen ist die stachelförmige Cauda des R in NAZARENVS, während sie beim R in REX ganz gerade ist.

Im Gegensatz zu den gemalten und in Techniken der Goldschmiedekunst gearbeiteten Inschriften sind die beiden in Stein gehauenen Kapitalisinschriften aus Essen von nur mittlerer Qualität. Die Kalksteintafel aus dem Grab der Äbtissin Theophanu (gest. 1058, Nr. 21) ist unregelmäßig proportioniert, die Buchstaben haben nur teilweise leichte Schaft- und Bogenverstärkungen. Ähnliches gilt für die Inschrift auf der Sarkophagplatte für Bilo (Nr. 12), hier sind die Buchstaben der waagerechten ersten Zeile schmal gestaltet im Gegensatz zur zweiten, senkrechten Zeile, deren Buchstaben, besonders das kreisrunde O, breit und nahe an klassischen Proportionen ausgeführt sind.

Wenige Anhaltspunkte für eine paläographische Einordnung bieten die eingeritzten Kapitalisinschriften auf vier Altarsepulchren aus dem 11. Jahrhundert bzw. von 1054 (Nr. 17, 29, 34, 35). Die Inschriften sind in einheitlicher Strichstärke und ohne besondere Gestaltungsmerkmale wie z. B. Sporen ausgeführt, zudem sind besonders die Kapitalisinschriften in Nr. 34 und 35 sehr flüchtig eingeritzt.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Essener Kapitalisinschriften zwar einzelne Merkmale der klassisch-karolingischen Kapitalis zeigen, allerdings immer in Verbindung mit ganz unklassischen Formen und Proportionen. Die unterschiedliche Ausführung charakteristischer Buchstaben wie A, M und R zeigt deutlich den verschieden starken Einfluss von Vorbildern aus der klassischen bzw. karolingischen Kapitalis.

5. 2. Romanische Majuskel

Als romanische Majuskel wird eine Mischmajuskel bezeichnet, die sich zwischen den linearen Formen der Kapitalis und der flächigen, durch Schwellungen und Buchstabenabschließungen spannungsreich erscheinenden gotischen Majuskel mit ihren zahlreichen runden Buchstaben bewegt.117) Die Schriftentwicklung vom ausschließlich kapital bestimmten Alphabet der älteren Kapitalis zur romanischen Majuskel zeichnet sich aus durch vermehrte Verwendung von runden Formen,118) Buchstabenkombinationen wie Verschränkungen,119) Enklaven,120) über- und untergestellten Buchstaben121) und Nexus litterarum122) sowie veränderten Proportionen, die sich von dem quadratischen Ideal hin zu schlankeren Formen bewegen.123) Das Essener Material zeigt, dass der Übergang von der Kapitalis zur romanischen Majuskel fließend ist.

Inschriften in romanischer Majuskel sind in Essen auf zehn Inschriftenträgern aus dem 10. bis 12. Jahrhundert erhalten. Es handelt sich dabei um Objekte der Schatzkunst mit getriebenen, gravierten oder in Email eingelegten Inschriften (Nr. 5, 6, 18, 26, 27, 38) und um vier in Stein gehauene Inschriften aus der Ostkrypta des Essener Doms (Nr. 13, 14, 15, 16).

Die älteste Essener Inschrift in romanischer Majuskel ist der aus einer Kupferplatte getriebene Stiftervermerk, der die Essener Äbtissin Ida (gest. 971?) als Stifterin des hinter dem Kreuzaltar aufgestellten Kreuzes bezeichnet (Nr. 5). In den breiten Proportionen zeigt sich noch die Nähe zur Kapitalis, die Cauda des R ist dagegen bereits deutlich verstärkt. Als einzige runde Form wurde unziales E verwendet. Auch die in Email eingelegten Inschriften des Mathilden-Kreuzes (Nr. 8, um [Druckseite XXXII] 1000–1011) sind mit Ausnahme der drei unzialen E kapital bestimmt. Im Vergleich zu den vorbildhaften, deutlich am karolingischen Ideal orientierten Inschriften am Otto-Mathilden-Kreuz (Nr. 6) wirken die Buchstaben durch den Abstand der doppelt gelegten Golddrähte hier aber teilweise deutlich flächiger, was allerdings auch mit der technisch schlechteren Ausführung der Inschriften zusammenhängen wird. Zwei runde Buchstabenformen (unziales H und eingerolltes G) und ein Nexus litterarum sind bei der nur fragmentarisch erhaltenen Inschrift des Theophanu-Kreuzes (Nr. 18, 1039–1058) zu sehen. Die ansonsten kapital bestimmte Inschrift zeigt besonders durch die Gestaltung der Sporen und die teilweise eingeschnürten Schäfte die Entfernung von der linearen Kapitalis. Linksschrägenverstärkungen sind an wenigen Buchstaben (an einem A, am N) zu sehen, dieses Stilelement wurde allerdings nicht konsequent verwendet. Linearer erscheinen die beiden Inschriften am Basilius-Armreliquiar (Nr. 27), auch wenn die Schäfte teilweise leicht eingeschnürt sind. Wieder wurden außer unzialem E nur kapitale Buchstabenformen verwendet. Besonders Inschrift A ist schlank proportioniert und zeigt „zeichnerische Elemente“124) wie Serifen und spornartige Ansätze an Schäften, Balken und Bögen. Breiter proportioniert, aber genauso linear wirken die Inschriften auf den von dem Werdener Abt Adalwig (um 1065–um 1080) gestifteten Säulen (Nr. 26). An runden Formen wurde unziales D und eingerolltes G verwendet, die Sporen bestehen aus Strichen oder sind als Serifen gestaltet. Die Inschrift hat einen Nexus litterarum. Auch die jüngsten der Essener Inschriften in romanischer Majuskel auf einem Prachteinband aus dem Kloster Werden (Nr. 38, 12. Jahrhundert) sind ganz überwiegend kapital gestaltet und haben mit unzialem E und unzialem H nur zwei runde Formen. Die Inschriften zeigen eine Flächigkeit, die bei den Essener Inschriften des 10. und 11. Jahrhunderts nicht begegnet. Dabei ist allerdings zu beachten, dass die Buchstabengröße (hier 0,5 cm), die Herstellungstechnik und das Material des Inschriftenträgers Einfluss auf die Schriftgestaltung haben. Kleine Buchstaben, besonders in Metall tief eingravierte, wirken meist flächiger als große.

Wie auch die Inschriften aus dem Bereich der Goldschmiedekunst sind die vier in Stein gehauenen Inschriften (Nr. 13, 14, 15, 16) in romanischer Majuskel durchgehend konservativ gestaltet. Zwar zeigt die Inschriftentafel mit der Weiheinschrift von 1051 mehrere Nexus litterarum und untergestellte Buchstaben, als einzige runde Form wurde allerdings wieder unziales E verwendet. Auch die teilweise schlecht erhaltenen Tafeln Nr. 14, 15 und 16 zeigen nur wenige runde Formen, außer unzialem E in Nr. 16 ist nur in Nr. 14 mit E ligiertes unziales A zu sehen. Die Inschriften sind linear und in einheitlicher Strichstärke ausgeführt, Sporen sind nur vereinzelt zu erkennen. Diese Inschriften, die in der Amtszeit der Äbtissin Theophanu (1039–1058) gefertigt wurden, unterscheiden sich im Duktus kaum von der Kapitalisinschrift auf der Grabtafel dieser Äbtissin (Nr. 21).

Abschließend ist festzustellen, dass in Essen über einen langen Zeitraum hinweg Inschriften in ganz überwiegend kapital gestalteter romanischer Majuskel ausgeführt wurden, runde Formen und Buchstabenverbindungen kamen nur sparsam zum Einsatz. Die Essener Inschriften des 11. und 12. Jahrhunderts wirken überwiegend eher konservativ, Neuerungen, wie sie in anderen Beständen in diesem Zeitraum vereinzelt schon Verwendung fanden, wurden kaum übernommen.125) Auch die einzige längere Inschrift (Nr. 38) aus dem 12. Jahrhundert, deren Datierung allerdings auf kunsthistorischen Einschätzungen und historischen Indizien beruht, ist in diesem Sinne als konservativ zu bezeichnen, da sie aus dem gleichen Formenrepertoire schöpft wie die im 10. und 11. Jahrhundert hergestellten Inschriften.

5. 3. Gotische Majuskel

Wie die romanische Majuskel ist auch die gotische Majuskel eine Mischschrift aus kapitalen und runden Buchstabenformen, wobei auch hier mit der Bezeichnung „rund“ sowohl Buchstaben des unzialen Alphabets, rund ausgeführte kapitale Buchstaben wie z. B. rundes F, N und rundes T sowie runde Sonderformen wie z. B. eingerolltes G gemeint sind. Die für die gotische Majuskel charakteristische ausgeprägte Flächigkeit zeigt sich in keilförmig verbreiterten Schaft- und Bogenenden, Bogenschwellungen und der Vergrößerung von Sporen, die bis zum Abschluss der Buchstaben führen kann.126)

[Druckseite XXXIII]

Im Essener Bestand haben sich nur vier Inschriften in gotischer Majuskel erhalten, die genug Buchstaben für eine paläographische Einschätzung bieten. Sie stammen aus dem Zeitraum zwischen der zweiten Hälfte des 13. und der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts und wurden in verschiedenen Techniken ausgeführt. Die in Kontur gravierte Inschrift auf dem sog. Nap des heiligen Liudger (Nr. 49) wird aufgrund der bereits konsequent abgeschlossenen Buchstaben, der vereinzelt schon spitz ausgezogenen Schwellungen und der noch sparsam eingesetzten runden Buchstaben in die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts datiert. Mehr runde und variantenreicher gestaltete Buchstaben zeigt die in Wachsfadentechnik hergestellte Inschrift einer Glocke aus dem Dom (Nr. 47), die anhand epigraphischer und campanologischer Merkmale an das Ende des 13. Jahrhunderts eingeordnet wird. Es wurden für gleiche Buchstaben kapitale und runde Buchstabentypen verwendet, bedingt durch die Technik sind die Oberflächen aller Buchstaben rund und spannungsreich ausgeführt. Buchstabenabschließungen finden noch nicht statt. Das Armreliquiar für Reliquien des heiligen Cosmas (Nr. 46) ist mit einer Nielloplatte ausgestattet, auf der die Essener Äbtissin Beatrix von Holte (gest. 1327), eingerahmt von einer Stifterinschrift, dargestellt ist. Die Buchstaben sind durch den Wechsel von Flächigkeit und schmalen, teilweise nur strichartigen Elementen spannungsreich gestaltet, die unzialen E sind durch feine Linien oder breite Abschlussstriche geschlossen. Das Armreliquiar wird von kunsthistorischer Seite in die Zeit um 1300 eingeordnet, die Gestaltung der Inschrift passt zu dieser Einschätzung. Die in Email eingelegte Inschrift auf einer an der goldenen Madonna angebrachten Agraffe (Nr. 54) zeichnet sich durch besonders flächige Buchstaben in Verbindung mit kleinteilig und exakt gearbeiteten Details wie dreieckigen Sporen, Abschlussstriche bei C und E, der sehr spitzen Ausführung des gebrochenen Balkens beim A, feine Bogenenden des eingerollten und ansonsten sehr flächig gestalteten G und vereinzelte Zierhäkchen aus. Nach dem Gesamteindruck der Schrift wird die Inschrift in die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts datiert.

5. 4. Mischschrift der Übergangszeit, frühhumanistische Kapitalis

In der Zeit des Übergangs zwischen dem Verschwinden der gotischen Majuskel als Schriftart ganzer Texte Anfang des 15. Jahrhunderts und dem im 16. Jahrhundert beginnenden Rückgriff auf die klassische Kapitalis entwickelten sich im Umfeld des Humanismus neue Formen von Auszeichnungsschriften.127) Sie entstanden aus dem Wunsch nach Alternativen zu der schwer lesbaren gotischen Minuskel und waren wie die gotische Majuskel in ein Zweilinienschema eingeschrieben. Als Überbegriff für eine Schrift, die durch bestimmte Merkmale wie gestreckte Proportionen und die Kombination von Kapitalisbuchstaben mit vorromanischen und griechisch-byzantinischen Elementen gekennzeichnet ist und eine große Varianz im Formenreservoir und in der Ausführung zeigt, wurde die Bezeichnung „frühhumanistische Kapitalis“ gewählt.128)

Im Essener Domschatz hat sich ein Kelch erhalten, an dessen ungewöhnlicher Inschrift sich die Suche nach neuen Formen für eine leichter lesbare Schrift im Zweilinienschema, aber auch die noch vorhandene Dominanz der gitterartigen und deshalb schwer lesbaren gotischen Minuskel zeigt (Nr. 88). Die Inschrift vereint Buchstabenformen, die gemeinhin die frühhumanistische Kapitalis kennzeichnen, wie A mit breitem Deckbalken und gebrochenem Schaft, offenes D, retrogrades N, spitzovales O, mit Buchstaben der gotischen Minuskel. Diese sind in starrer Gitterform mit dornartigen Spitzen an den Brechungen, die sich zu waagerechten Linien verbinden, gestaltet, und in das Zweilinienschema der Kapitalisbuchstaben integriert. Die Wörter sind aus Buchstaben beider Schriften zusammengesetzt, A und L sind jeweils mit Formen aus beiden Schriften vertreten. Da diese Schrift sowohl Elemente der gotischen Minuskel als auch der humanistischen Kapitalis vereint, wird sie hier als Mischschrift bezeichnet. Ein entferntes Vergleichsbeispiel bietet die Grabtafel des Nikolaus von Diesbach von 1475 im Berner Münster, wo ebenfalls Majuskel- und Minuskelformen zusammen in ein Zweilinienschema gestellt wurden.129) Der Kelch wird kunsthistorisch in die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts datiert, die Schriftmerkmale in Zusammenschau mit dem System der Inschrift auf der besagten Grabtafel führen ebenfalls zu dieser Einordnung.

Die beiden Essener Inschriften in frühhumanistischer Kapitalis sind kapital bestimmt und zeigen wenige Sonderformen. In der vor 1499 entstandenen Kelchinschrift (Nr. 82) sind die gleichmäßig gravierten Buchstaben schmal proportioniert, A ist mit langem Deckstrich, D offen und N retrograd [Druckseite XXXIV] ausgeführt, der Kürzungsstrich ist nach oben ausgebuchtet. Die ebenfalls schmal proportionierte Inschrift auf dem zwischen 1512 und 1515 von Bartholomäus Bruyn geschaffenen Altarflügel (Nr. 96), der heute in St. Gertrud steht, zeigt trapezförmige A mit Deckstrich und gebrochenem Balken, der an beiden Seiten über die Schrägschäfte hinausragt, offenes D und oben ausgebuchtete Kürzungsstriche.

5. 5. Kapitalis

Die Rückbesinnung auf die antike Kapitalis als Monumentalschrift geht ab der Mitte des 15. Jahrhunderts von Italien aus, die ältesten bekannten Beispiele aus Deutschland stammen aus dem vierten Viertel des 15. Jahrhunderts.130) In der Gestaltung der Kapitalisinschriften sind dabei Unterschiede festzustellen. Besonders ab dem 16. Jahrhundert wurden vermehrt Inschriften in Kapitalis ausgeführt. Dabei wurden Gestaltungsmerkmale wie breite Proportionen, unterschiedliche Strichstärken und geometrisch konstruierte Serifen aber nur teilweise oder gar nicht beachtet, teils wurden noch Elemente der frühhumanistischen Kapitalis integriert. Dem gegenüber haben sich wenige Inschriften erhalten, die alle klassisch-antiken Gestaltungs- und Konstruktionsprinzipien umsetzen.131)

In den Essener Kapitalisinschriften des 16. Jahrhunderts sind überwiegend auch Elemente der frühhumanistischen Kapitalis vorhanden. Bei den 1501 und 1569 gravierten Inschriften auf einem in der Essener Domschatzkammer aufbewahrten Kelch (Nr. 92) handelt es sich bei diesen Elementen um A mit Deckbalken, H mit ausgebuchtetem Balken, geschwungenen Schaft bei N und vereinzelt spitzovalem O. Retrogrades N wurde auch in den Inschriften der 1546 gegossenen Glocke im Dom (Nr. 108) und in Inschriften auf dem Epitaph der Essener Äbtissin Elisabeth von Manderscheid-Blankenheim (gest. 1598) (Nr. 135) in Borbeck verwendet. Daneben finden sich in diesen Inschriften aber auch Merkmale der klassischen Kapitalis: in der Glockeninschrift Linksschrägenverstärkungen und konische M, deren Mittelteil bis auf die Grundlinie reicht, in den Inschriften auf dem Epitaph sehr breite Proportionen und kreisrunde O.

Bei der gemalten Inschrift auf einem Tafelgemälde von 1565 aus dem Refektorium des Klosters Werden (Nr. 122) überwiegt die Orientierung an der klassischen Kapitalis. Die Schrift ist breit proportioniert, der Wechsel der Strichstärken zeigt sich in der Ausführung von Haar- und Schattenstrichen, Linksschrägenverstärkungen und Schattenachsen bei O, die Serifen sind klar konstruiert. Im Gegensatz dazu stehen die Bögen von B und R, die nicht immer an den Schaft anschließen, sondern eingerollt enden.

Auch bei den im 17. Jahrhundert hergestellten Essener Inschriften in Kapitalis ist vereinzelt noch der schwache Einfluss der frühhumanistischen Kapitalis spürbar (Nr. 142, 147, 173, 175). Dies ist beispielsweise an gebrochenen Balken bei A und H, Nodi am I und konischem M mit geschwungenem, stark eingezogenem Mittelteil zu sehen. Daneben haben sich einige routiniert ausgeführte, vor allem in Stein gehauene Inschriften erhalten, die außer sorgfältiger Gestaltung keine besonderen Merkmale aufweisen (z. B. Nr. 145, 149, 165, 180).

Für die Zeit bis 1650 sind in Essen keine Werkstätten bekannt, denen erhaltene Steinmetzarbeiten zugeschrieben werden können. Durch den Vergleich der gehauenen Kapitalisinschriften ist es aber gelungen, in Kettwig und Werden zwei bzw. drei Inschriftenträger je einer Werkstatt zuzuordnen. Die Inschriften auf den Grabsteinen Nr. 145 und 183 weisen einige Übereinstimmungen wie vergleichbare Proportionen und gleiche Gestaltung der Serifen, kleine obere Bögen bei B und R, keilförmig verbreiterter unterer Balken am E, Nodi an den I und leicht spitzovale O auf, die auf einen Werkstattzusammenhang schließen lassen.

In Werden weisen die Inschriften auf einer Grabplatte von 1630 (Nr. 167) in St. Ludgerus, die Inschrift auf einem Wappenstein (Nr. 170) von St. Lucius von 1640 und die Inschrift auf einem Türsturz der ersten evangelischen Kirche von 1650 (Nr. 179) Übereinstimmungen auf, die einen Werkstattzusammenhang mindestens möglich erscheinen lassen. Die Inschriften sind schlank proportioniert und mit Nexus litterarum ausgestattet. Übereinstimmende Details sind bei C (das obere Bogenende schließt mit einem Sporn ab, das untere ist auslaufend), G mit sehr kurzer Cauda, I (durchgehende runde i-Punkte), M (der Mittelteil des schmal ausgeführten Buchstabens reicht nicht bis zu Mittellinie) und in der Verwendung der leicht spitzovalen O festzustellen. Der zeitliche Abstand und unterschiedliche Details wie die nur in Nr. 179 ausgeführte Schrägschaftverstärkung stellen aber die Herstellung durch die gleiche Hand infrage.

[Druckseite XXXV]

5. 6. Karolingische Minuskel

Die ältesten Inschriften im Essener Bestand in Kleinbuchstabenschrift befinden sich in den Deckeln von acht Altarsepulchren aus Blei, die vermutlich im 18. und 19. Jahrhundert beim Abriss einiger Altäre der Essener Münsterkirche entnommen wurden und in den 1980er Jahren wieder zum Vorschein kamen (Nr. 11, 17, 29, 30, 31, 32, 33, 34).132) Sie sind nicht in einer epigraphischen Schrift ausgeführt, sondern in karolingischer Minuskel. Die Buch- und Urkundenschrift entstand im Zusammenhang mit der karolingischen Erneuerung am Ende des 8. bis zum Beginn des 9. Jahrhunderts, zu der auch die Vereinheitlichung und Vereinfachung der Schrift gehörte.133) Sie zeichnet sich durch die Verwendung eines Vierlinienschemas, unverbundene Einzelbuchstaben sowie die sparsame Verwendung von Kürzungen aus.134) Als Versalien wurden Buchstaben aus den römischen Majuskelalphabeten (Kapitalis und Unziale) eingesetzt, wie dies auch in den acht Essener Inschriften der Fall ist. Die Verwendung einer Buchschrift für die Kennzeichnung der Sepulchrumreliquiare lässt sich vielleicht mit dem nicht-repräsentativen Charakter der Inschriften auf den Bleibehältnissen erklären, die für die Aufbewahrung in den Altären bestimmt waren.

Die Inschriften können ins 11. Jahrhundert datiert werden.135) Beim Vergleich mit Handschriften dieser Zeit ist allerdings die Unterschiedlichkeit der Beschreibstoffe (glattes Pergament und Blei), des Schreibgeräts (Feder und Gravurstichel) und der Technik (gemalt und geritzt) zu beachten. Die ausschließliche Verwendung von Schaft-s am Wortende weist an sich auf einen frühen Entwicklungsstand der Schrift hin, in Essener Handschriften aus der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts kommt rundes s am Wortende bereits vor.136) Die auf der Zeile stehenden r weisen ins 11. Jahrhundert, davor wird r häufig unter die Grundlinie gezogen.137)

Die längste Inschrift in karolingischer Minuskel befindet sich auf dem Deckel des größten Bleibehältnisses und umfasst 14 Zeilen (Nr. 17). Eine Kapitalisinschrift auf der anderen Seite des Deckels mit dem Datum 1054 liefert einen Datierungshinweis, der wohl auch auf die Inschrift in karolingischer Minuskel zu beziehen ist.

5. 7. Gotische Minuskel

Die gotische Minuskel als epigraphische Schrift hat ihren Ursprung in der gotischen Textura.138) Diese Buchschrift entwickelte sich im 11. Jahrhundert in Nordfrankreich und Belgien und fand von dort aus Verbreitung in ganz Europa. Ihre hervorragenden Stilmerkmale sind die gerade aufgerichteten Schäfte, die Brechung von Schäften und Bögen und die vertikale Streckung der Buchstaben. Die Minuskelbuchstaben stehen auf der Grundlinie, unter die die Unterlängen vom Bogen des h, von g, j, p, q und y reichen können, während f und Schaft-s im Allgemeinen auf der Zeile stehen.

Im Essener Bestand haben sich auf vier Trägern Inschriften erhalten, deren Gestaltung auch aufgrund des Beschreibstoffs der Textura der Buchschrift näher steht als der epigraphischen gotischen Minuskel.139) Es handelt sich um zwei mit Wachs bestrichene Schreibtafeln (Nr. 55), zwei Altarsepulchren aus Blei (Nr. 51, 52) und einen Buchkasten (Nr. 58), der innen mit Stoff beklebt und dort mit Tinte beschriftet wurde.

Die Wachsschicht der Schrifttafeln wurde in flüssig ausgeführter frühgotischer Minuskel beschriftet. Die Schrift zeigt nur eine leichte Tendenz zur Brechung und Ansätze von Kursivschreibung. a ist schon durchgehend doppelstöckig, während das teilweise am Wortende verwendete Schaft-s eher antiquiert wirkt. Die Inschriften der Altarsepulchren sind eingeritzt, weshalb eine gewisse Eckigkeit der Schrift auch im Zusammenhang mit dem Material und der Technik zu sehen ist. Die Bögen sind [Druckseite XXXVI] fast durchweg gebrochen oder zeigen ansonsten mindestens Ansätze zur Brechung, die Schäfte weisen Anstriche auf. b, f, h, l und Schaft-s sind mit deutlichen Oberlängen ausgestattet, die bei h nach rechts weisen, während die Unterlänge dieses Buchstabens nach links gebogen ist. Der linke Schaft des v ist verlängert und t kommt sowohl mit als auch ohne Oberlänge vor. Schaft-s und f sind mit Unterlängen ausgestattet, was die Inschriften bereits in Richtung der gotischen Bastarda rückt.140) Die Schriftgestaltung spricht für die zeitliche Einordnung ans Ende des 13. oder den Anfang des 14. Jahrhunderts, die durch ein in Nr. 51 aufgefundenes Siegel bestätigt wird.

Die mit Tinte auf den aufgeklebten Stoff im Buchkasten geschriebenen Inschriften (Nr. 58) sind mit römischen Zahlzeichen auf das Jahr 1378 datiert. Die Bögen und Schäfte der Minuskelbuchstaben sind prinzipiell gebrochen ausgeführt, bei einigen Buchstaben wirken diese Brechungen aber schon ausgerundet, besonders bei den runden d und den unteren Bögen der g. Die Ausrundung kann allerdings auch mit dem leicht verblassten Zustand der Inschrift zusammenhängen.

In Essen sind auch in Metall geritzte Inschriften in nicht-epigraphischen Schriften überliefert. Sie sind in gotischer Bastarda unter dem Fuß einer Hostienmonstranz (Nr. 79) und in gotischer Buchschrift unter zwei Kelchfüßen (Nr. 71, 72) eingeritzt.

Das früheste bekannte Beispiel für den Einsatz der gotischen Minuskel als Monumentalschrift, d. h. mit einer Weiterentwicklung in die räumliche Dimension, findet sich auf einer nordfranzösischen Grabplatte von 1261 aus dem ehemaligen Kloster Ourscamp (Chiry-Ourscamp, Département Oise, Frankreich).141) In Deutschland hielt die gotische Minuskel einige Jahrzehnte später Einzug, sicher datierte, in Stein ausgeführte frühe Inschriften in gotischer Minuskel sind auf den Grabdenkmälern für die Mainzer Erzbischöfe Peter von Aspelt (gest. 1320) und Matthias von Bucheck (gest. 1328) ausgeführt.142)

Im Essener Bestand haben sich auf 28 Trägern Inschriften in gotischer Minuskel erhalten. Dreizehn Träger sind Objekte der Goldschmiedekunst, die Inschriften wurden meist graviert, nur bei drei Agraffen aus der Domschatzkammer (Nr. 61) handelt es sich um in Email eingelegte Inschriften. Die Inschriften in gotischer Minuskel auf Goldschmiedearbeiten sind zwischen der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts und dem Ende des 15. Jahrhunderts, mit Schwerpunkt im 15. Jahrhundert, hergestellt worden. Deutlich schlechter ist die Überlieferungssituation für in Stein gehauene Inschriften in gotischer Minuskel, es haben sich nur drei Inschriftenträger (Nr. 99, 115, 141) aus dem 16. Jahrhundert erhalten. Weitere Inschriften in gotischer Minuskel sind auf zwei Kaseln (Nr. 77, 87) aus dem 15. Jahrhundert und auf zwei Tafelgemälden (Nr. 123, 124) aus dem 16. Jahrhundert ausgeführt worden. Eine wichtige Gruppe von Inschriftenträgern stellen auch die Glocken dar, aus Essen sind neun Glocken mit Inschriften in gotischer Minuskel bekannt. Davon stammen drei aus dem 15. Jahrhundert (Nr. 70, 75, 76) und die übrigen aus dem 16. Jahrhundert (Nr. 83, 101, 106, 119, 128, 130).

Die ältesten sicher datierten Inschriften in gotischer Minuskel finden sich auf einem Reliquienostensorium von 1385 (Nr. 59). Die in Konturschrift vor kreuzschraffiertem Hintergrund ausgeführten Buchstaben wirken in der Raumaufteilung noch eher gedrungen als vertikal gestreckt, sie sind mit deutlichem Abstand nebeneinandergesetzt. Die Ober- und Unterlängen reichen nicht oder höchstens minimal aus dem Mittelband heraus, durch die Begrenzung der Inschrift durch Linien wird der Eindruck eines Zweilinienschemas noch verstärkt. Die Buchstaben sind teilweise sparsam mit kleinen Zierelementen ausgestattet, Versalien wurden noch nicht eingesetzt.

Im Vergleich zu diesen Inschriften wirkt der Stiftervermerk (Nr. 62) auf einem zum Stephansaltar gehörigen Kelch bereits etwas kunstvoller. Als Versalien wurden erhöhte Buchstaben der gotischen Minuskel verwendet, die Buchstabenabstände sind gleichmäßiger und eine Unterlänge durchschneidet die Grundlinie. Der Altar des heiligen Stephanus wurde 1336 gestiftet. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass der Kelch bereits aus Anlass der Altarstiftung angefertigt wurde, wahrscheinlicher ist aber im Hinblick auf die beschriebene Gestaltung der Inschrift eine etwas spätere Herstellung in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Das Beispiel einer frühen gotischen Minuskel ist auf einer Glocke (Nr. 70) aus der ehemaligen Stiftskirche in Stoppenberg zu sehen. Sie wurde vermutlich Ende des 14. Jahrhunderts oder in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts hergestellt, darauf weisen jedenfalls die gedrungene Ausführung und die wenig ausgeprägten Ober- und Unterlängen hin.

[Druckseite XXXVII]

Die erste sicher datierte Inschrift in gitterartig gestalteter gotischer Minuskel stammt aus dem Jahr 1458 und ist unter dem Fuß eines Reliquienostensoriums (Nr. 74) eingraviert. Bei dieser ohne Versalien ausgeführten Inschrift verbinden sich beim Datum an(n)o m cccc lviii die teilweise waagerecht gebrochenen unteren Schaftenden, die zudem „dornspitzig“ gestaltet sind, zu horizontalen Linien. Auffallend ist das Schaft-s mit gespaltener Unterlänge.

Die Bildbeischrift (Nr. 69) zu einer Statuette des heiligen Antonius auf einem kleinen Sockel, der sich ursprünglich auf einem Ostensorium befand, zeigt noch deutlicher die gitterartigen Strukturen: Hier bilden die waagerecht gebrochenen unteren Schaftenden tatsächlich eine durchgehende Linie. Die Datierung der kurzen Inschrift in die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts folgt der kunsthistorischen Einschätzung, eine etwas spätere Entstehung kann nicht ausgeschlossen werden. Auch die drei Inschriften auf einer Schwertscheide des Zeremonialschwerts (Nr. 90) aus der Domschatzkammer zeigen gitterartige Gestaltung. Die Gestaltung der Versalien (s. u.) weist auf eine Entstehung in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts hin. Die besondere Gestaltung einer Inschrift auf der Unterseite eines Kelchfußes (Nr. 88), in der sehr gitterartig gestaltete Buchstaben der gotischen Minuskel mit Buchstaben aus dem Alphabet der frühhumanistischen Kapitalis kombiniert wurden, wurde bereits bei der Behandlung der Großbuchstabenschriften besprochen.143)

Auf einer spätestens 1484 hergestellten Kasel (Nr. 77) sind besonders gleichmäßige gestickte gotische Minuskeln zu sehen.144) Die Schäfte stehen durchgehend im gleichen Abstand zueinander und berühren sich an den Brechungen. Die Oberlängen ragen deutlich über das Mittelband hinaus.

Mit zwei kurzen, in der Mitte des 15. Jahrhunderts entstandenen Inschriften, bei denen die Einzelbuchstaben auf den Rotuli des Kelchnodus verteilt wurden, begegnen im Essener Bestand erstmals Bandminuskeln. So werden Buchstaben in gotischer Minuskel bezeichnet, die in Form von „umgeschlagenen, geknickten und gefalteten Bändern“ gestaltet werden.145) Bei Nr. 72 wird das Band durch tiefe, die Knicke andeutende, gravierte Linien markiert. Die Gestaltung der Buchstaben von Nr. 71 ist qualitätvoller, die Knicklinien sind feiner und mit Schattenschraffur betont. Noch gravierendere Qualitätsunterschiede sind bei den Inschriften zweier Armreliquiare aus dem Domschatz festzustellen, für die ebenfalls Bandminuskeln zum Einsatz kamen (Nr. 81, 89). Während die Inschriftenträger in ihrer Gestaltung offensichtlich voneinander abhängig sind, haben die Inschriften nur die Schriftart gemeinsam. Für die Reliquienbezeichnung auf dem Armreliquiar des heiligen Basilius wurden die vergoldeten Buchstaben sorgfältig mit Schattenschraffur, gewellter Kontur des Abschlusses der Oberlängen und ansonsten konkav abgeschnittenen Schaftenden gestaltet. Vollkommen anders präsentiert sich die Stifterinschrift auf dem Armreliquiar des heiligen Quintinus. Hier sind die nicht gebrochenen Enden der Oberlängen der ebenfalls vergoldeten Buchstaben nicht durch Konturlinien geschlossen worden. Die gebrochenen unteren Schaftenden wurden teilweise so unsauber ausgeführt, dass die Linien nicht die Kontur eines Buchstabens verbinden, sondern die äußeren Konturlinien zweier nebeneinander stehender Buchstaben. Dass es sich um eine qualitätvolle Vorlage gehandelt hat, die schlecht ausgeführt wurde, zeigt sich an der großen Varianz der verwendeten Buchstabenformen.

Die Verwendung der gotischen Minuskel für Inschriften in Stein ist zwar bereits für eine verlorene Grabplatte (Nr. 60) vom Ende des 14. Jahrhunderts bezeugt, die vier erhaltenen Inschriftenträger stammen aber allesamt erst aus dem 16. Jahrhundert. Das Epitaph aus Sandstein für den 1517 verstorbenen Werdener Abt Anton Grimmolt (Nr. 99) zeigt eine sehr gleichmäßige, in tiefer rechtwinkliger Kerbe eingehauene Inschrift in gotischer Minuskel. f und Schaft-s stehen auf der Zeile, während die anderen Ober- und Unterlängen das Vierlinienschema vollkommen ausfüllen. Dieser Befund zeigt sich auch bei einer Bauinschrift aus dem Dom von 1554 (Nr. 115).

Bei einigen der Essener Inschriften in gotischer Minuskel deutet sich die Entwicklung zur Fraktur an. Dies ist der Fall bei dem Sterbevermerk auf dem Epitaph für die Essener Äbtissin Elisabeth von Manderscheid-Blankenheim (1588–1598) (Nr. 135) in der Borbecker Kirche St. Dionysius. Zu sehen ist ein sehr spätes Beispiel für die Verwendung der gotischen Minuskel, der Gesamteindruck der Inschrift wird allerdings von Frakturelementen bestimmt. Es sind dies die immer runden unteren Bögen der g und die mit Unterlängen ausgestatteten f und langen s, die vereinzelt verwendet wurden, und die unterschiedlich aufwendig gestalteten Frakturversalien. Die Entwicklung zur Fraktur zeigt sich auch in der Buchstabengestaltung eines Grabplattenfragments (Nr. 141, 16. Jahrhundert) aus dem Magazin der Domschatzkammer. Die Schaft-s reichen unter die Grundlinie und sind unten nicht gebrochen, sondern leicht nach links geneigt. Ausrundungen sind am oberen Bogenabschnitt der e [Druckseite XXXVIII] zu sehen. Gotische Minuskeln mit Details aus der Fraktur (geschwungene Ober- und Unterlängen von d, p und q) sind auch auf zwei Tafelgemälden aus dem Kloster Werden verwendet worden (Nr. 123, 124). Beide Bilder werden dem Maler Bartholomäus Bruyn dem Jüngeren zugeschrieben.146) Die Inschriften weisen übereinstimmende Stilmerkmale auf, die die Zuschreibung an denselben Maler zusätzlich stützen. So sind die Ecken der gebrochenen Schäfte besonders spitz gestaltet und die Oberlängen bei b, l und t gespalten, genau wie die Unterlänge eines der p. Die i-Punkte wurden teilweise erneuert.

Die früheste Glockeninschrift (Nr. 70) in gotischer Minuskel vom Ende des 14. bis Anfang des 15. Jahrhunderts wirkt noch sehr gedrungen und stark in ein Zweilinienschema gepresst, die Buchstabenabstände sind besonders groß, wohl um die Inschrift um die gesamte Glocke zu führen. Der Eindruck von Gedrungenheit und einem die Inschrift dominierenden Zweilinienschema ergibt sich auch bei einer zwischen 1475 und etwa 1484 von Herman van Alfter gegossenen Glocke (Nr. 76). Um einiges schlanker ausgeführt ist die Inschrift der Essener Ratsglocke von 1483 (Nr. 75), deren Oberlängen deutlich über das Mittelband hinausragen. Die Glockeninschriften aus dem 16. Jahrhundert, darunter die Inschriften auf drei Glocken von Wilhelm Hachman (Nr. 119, 128, 130), weisen durchgehend eine hohe Qualität und Kunstfertigkeit auf. Dies zeigt sich beispielsweise bei den Ober- und Unterlängen, die über die das Mittelband begrenzenden Linien gelegt wurden, an den feinen Details der gespaltenen Oberlängen und der angesetzten Zierstriche sowie an der leicht gekehlt gestalteten Oberfläche der Buchstaben auf der Glocke von 1577 (Nr. 130) aus dem Kloster Werden.

Über die Entwicklung der Versalien in Inschriften in gotischer Minuskel sind für den Essener Bestand kaum allgemeine Aussagen zu treffen. Auf dem zum Stephanusaltar gehörigen Kelch (Nr. 62) wurden erhöhte Minuskelbuchstaben verwendet, die Inschrift ist wohl in die zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts zu datieren. Die Ausführung der drei Versalien auf der Schwertscheide (Nr. 90), die in ihrer Grundform aus Majuskelbuchstaben mit runden und gebrochenen Bögen gebildet und mit Doppellinien verziert sind, legt die Datierung der Inschriften in die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts nahe. In der Inschrift des nach 1491 hergestellten Armreliquiars für Reliquien des heiligen Quintinus (Nr. 81) wurden nur zwei Versalien verwendet, ein erhöhtes Minuskel- und ein rundes Majuskel-S. Versalien aus der gotischen Majuskel (und ein S in Form einer Schlange) begegnen auf zwei Glocken (Nr. 83, 101), die beide dem Umfeld einer Nachfolgewerkstatt des Dortmunder Gießers Johannes Wynenbrock zugeschrieben werden, sowie auf einer Glocke (Nr. 106) aus dem Kloster Werden von 1537, deren Inschrift aber wegen der schlechten Zugänglichkeit nur eingeschränkt beurteilt werden kann. Erst ab dem 16. Jahrhundert sind die Inschriften in gotischer Minuskel überwiegend mit Versalien ausgestattet, die fast immer der Kapitalis entstammen, z. B. bei Nr. 99, 115, 141.

5. 8. Mischminuskel aus humanistischer Minuskel und Fraktur

Ende des 14. Jahrhunderts entdeckten italienische Humanisten auf der Suche nach klaren, einfachen Buchstabenformen als Ersatz für die gotischen gebrochenen Alphabete die karolingische Minuskel wieder.147) Die in italienischen Bibliotheken aufbewahrten klassischen Texte waren vornehmlich in dieser Schrift abgeschrieben worden, die nun als Vorbild für die neue humanistische Schrift, genannt „littera antiqua“, diente. Durch Schreibschulen und Handschriftensammler fand die humanistische Minuskel oder Antiqua ab Anfang des 15. Jahrhunderts erst als Buchschrift, ab den 1460er Jahren auch als Druckschrift Verbreitung. Trotz ihrer leichteren Lesbarkeit, u. a. durch die wieder runde Ausführung der Bögen bedingt, erfolgte die Übernahme als epigraphische Schrift nur langsam, von Einzelbeispielen abgesehen sind erst ab der Mitte des 16. Jahrhunderts eine größere Anzahl von Inschriften in humanistischer Minuskel überliefert. Merkmale der humanistischen Minuskel sind die runden Bögen und die nicht mehr gebrochenen Schäfte, charakteristische Einzelbuchstaben sind gerades d, rundes g, auf der Zeile stehende f und Schaft-s, bei h endet der Bogen normalerweise auf der Grundlinie.148) a ist häufig einstöckig.

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Im Essener Bestand hat sich keine ausschließlich in humanistischer Minuskel ausgeführte Inschrift erhalten, die Schrift kommt nur in Verbindung mit Frakturbuchstaben vor. Die beiden gemalten Inschriften auf dem Porträt der Brigitta Schreven von 1569 (Nr. 126) zeigen mit den runden Bögen und den ungebrochenen Schäften bei den meisten Buchstaben überwiegend Merkmale der humanistischen Minuskel. Daneben wurden allerdings gerade die charakteristischen Buchstaben der Fraktur (einstöckiges a, rundes d, keine Verwendung von rundem g, h mit unter die Grundlinie reichendem Bogen) eingesetzt.

Ein bemerkenswertes Beispiel für die Mischung von Fraktur und humanistischer Minuskel bietet die eingehauene Inschrift auf der Randleiste der Tumbenplatte der Essener Äbtissin Elisabeth von Bergh (s’Heerenbergh) (gest. 1614) im Dom (Nr. 149). Hier werden ohne erkennbares Muster einzelne Wörter in der einen oder der anderen Schrift ausgeführt oder beide Schriften in einem Wort verwendet. Dabei kommen für die jeweilige Schrift charakteristische Buchstaben, wie z. B. rundes d und d mit geradem Schaft, g und rundes g, u mit gebrochenem Bogen und Verlängerung des linken Schaftes und rundes u sowie Details der Schriftausführung, wie z. B. stumpf endende im Gegensatz zu ausgezogenen Oberlängen, zur Anwendung.

Die Ergänzung von grundsätzlich in humanistischen Minuskeln gestalteten Inschriften mit Frakturelementen findet sich auch auf drei Essener Inschriftenträgern (Nr. 104, 142, 160) aus dem ersten Viertel des 17. Jahrhunderts. Die Gestaltung dieser Inschriften ist allerdings aus verschiedenen Gründen wenig aussagekräftig,149) weshalb letztendlich nur festgestellt werden kann, dass in Essen mehrere Beispiele einer Mischminuskel aus Bestandteilen der beiden genannten Schriften überliefert sind.

5. 9. Fraktur

Anfang des 16. Jahrhunderts entwickelte sich im Süden des Reiches in der Nachfolge der gotischen Bastarda die Fraktur als Buch- und Druckschrift. Verbreitung fand diese Schrift durch das 1512 gedruckte Gebetbuch Kaiser Maximilians I. und seinen 1517 gedruckten „Theuerdank“, Mitte des 16. Jahrhunderts wurde sie in Bibeldrucken verwendet. Ab dieser Zeit wurde die Fraktur auch zunehmend als epigraphische Schrift eingesetzt. Sie zeichnet sich durch die Verwendung von Schwellschäften und -zügen, die spitzovale Grundform der geschlossenen Bögen, ungebrochene Unterlängen bei f und langem s und nicht mehr stumpf endenden Oberlängen, die nun v. a. gespalten, ausgezogen, abgeschrägt oder mit Zierformen versehen wurden, aus.150)

Neben den Essener Inschriften in gotischer und humanistischer Minuskel, die Elemente der Fraktur aufweisen (Nr. 104, 126, 135, 141, 149) sind aus dem Bearbeitungszeitraum vier Inschriftenträger erhalten, auf denen in Stein gehauene Frakturinschriften zu sehen sind (Nr. 140, 178, 182, 185). Sie wurden in der zweiten Hälfte des 16. und im 17. Jahrhundert hergestellt und stammen mit Ausnahme des Grabkreuzes aus der Umgebung des Doms vom evangelischen Friedhof in Kettwig. Das Grabkreuz (Nr. 140) und einer der Kettwiger Grabsteine (Nr. 182) zeigen relativ eckige, breite Frakturbuchstaben, besonders die Schrift auf Nr. 140 steht der gotischen Minuskel noch sehr nahe. Eine ausgebildete Fraktur mit spitzovaler Grundform der geschlossenen Bögen, allerdings ohne ausgeprägte Schwellschäfte und –bögen, ist in Nr. 181 zu sehen. Schwellschäfte und -bögen sind etwas deutlicher auf den Kettwiger Frakturinschriften aus dem 18. Jahrhundert zu erkennen (Nr. 181, 183), die wegen der Zweitverwendung des Inschriftenträgers im Katalog aufgenommen wurden.

  1. Zur karolingischen Kapitalis Scholz, Buchstaben, passim; DI 38 (Landkreis Bergstraße), S. XXXIXff.; Koch, Inschriftenpaläographie, S. 101–118. »
  2. Die aus drei Buchstaben bestehende Inschrift von Nr. 1 und die Inschrift von Nr. 39 sind nur 0,5 cm hoch und deshalb paläographisch nur eingeschränkt auswertbar. »
  3. Koch, Inschriftenpaläographie, S. 148f. »
  4. Terminologie, S. 28. »
  5. Verschränkung: Zwei Buchstaben werden so ineinandergeschoben, dass sie sich teilweise überlagern. Sie behalten ihre jeweilige Form bei und es kommt nicht zu Verschmelzungen. Vgl. Terminologie, S. 12. »
  6. Enklave: Ein Buchstabe wird verkleinert in einen anderen Buchstaben eingestellt. Vgl. Terminologie, S. 12. »
  7. Über-/untergestellter Buchstabe: Ein Buchstabe wird verkleinert über oder unter einen Buchstabenbestandteil eines anderen gestellt, z. B. ein verkleinertes A über den Balken eines L. Vgl. Terminologie, S. 12. »
  8. Nexus litterarum: Zwei oder mehr Buchstaben verschmelzen so miteinander, dass sie einen konstituierenden Bestandteil gemeinsam haben. Vgl. Terminologie, S. 13. »
  9. Kloos, Einführung, S. 125–132; Koch, Weg, S. 26f., 30f.; ders., Inschriftenpaläographie, S. 148–163. Zum Problem einer „Schriftentwicklung“, hier von der romanischen zur gotischen Majuskel bei Goldschmiedearbeiten, vgl. Bayer, Versuch, S. 104–107. »
  10. Koch, Inschriftenpaläographie, S. 154f. »
  11. Vgl. die Bleiplatte in Kreuzform aus dem Grab des Maastrichter Propstes Humbert (gest. 1086), für dessen Inschrift vergleichsweise viele runde Formen verwendet wurden: Kat. Speyer 1992, S. 339–342, Nr. 4 ([T.] P[anhuysen]). Dies gilt auch für die Grabplatte der Äbtissin Ruothildis von der Pfalzel, vgl. DI 70 (Trier 1), Nr. 71 (A. 11. Jh.–vor 1016?). »
  12. Terminologie, S. 28. »
  13. Fuchs, Übergangsschriften, S. 331f.; Koch, Kapitalis, S. 343; Neumüllers-Klauser, Schriften, S. 316ff. »
  14. Neumüllers-Klauser, Schriften, S. 316; DI 48 (Stadt Wiener Neustadt), S. XLVIff.; Terminologie, S. 30. »
  15. Koch, Kapitalis, S. 338, Anm. 9, Abb. 1. »
  16. Kloos, Einführung, S. 159; Bornschlegel, Renaissance-Kapitalis, S. 221. »
  17. Vgl. z. B. Terminologie, S. 28, Abb. 3. »
  18. Pothmann, Heiligen- und Reliquienverehrung, S. 23f. »
  19. Bischoff, Paläographie, S. 151–160. »
  20. Beck/Beck, Schrift, S. 33. »
  21. Bodarwé, Martyrs, S. 352f., datiert sie Ende 10.–A. 11. Jh.; H. Röckelein hat sechs der neun Altarsepulchren im Kat. Paderborn 2009, S. 451ff., Nr. 175–179, behandelt und alle ins 11. Jahrhundert datiert, Nr. 17 zu 1054 und Nr. 29 wegen historischer Indizien nach 1049. »
  22. Bodarwé, Sanctimoniales, S. 126. »
  23. Vgl. z. B. ebd., S. 127, Abb. 14. »
  24. Zu Entstehung und Merkmalen der Textura Bischoff, Paläographie, S. 171–183; Beck/Beck, Schrift, S. 38f., bezeichnen erst die spätere Ausprägung des 15. bis Anfang 16. Jh. dieser Schrift als Textura und die älteren Formen als „gotische Minuskel“. Zur Entwicklung der gotischen Minuskel als epigraphischer Schrift Neumüllers-Klauser, Schrift, passim. »
  25. Zur hochgotischen Buchminuskel Beck/Beck, Schrift, S. 37f. »
  26. Ebd., S. 51f. »
  27. Neumüllers-Klauser, Schrift, S. 64. »
  28. DI 2 (Stadt Mainz). Nr. 37, 33. Aus der ersten Hälfte des 14. Jh. sind auch gemalte Inschriften auf Tafeln oder Glasfenstern überliefert, vgl. DI 76 (Lüneburg: Klöster Ebstorf, Isenhagen, Lüne, Medingen, Walsrode, Wienhausen), Nr. 81, 8. Wegen der technischen Nähe der Ausführung zur geschriebenen Schrift stellen erst die Inschriften in Stein oder Metall einen wirklichen Beleg für die Übernahme der Buchschrift in die Monumentalschrift dar, vgl. Neumüllers-Klauser, Schrift, S. 64. »
  29. Vgl. Einleitung 5. 4. »
  30. Zu gestickten Inschriften zuletzt Kohwagner-Nikolai, Inschriften, passim. »
  31. Vgl. Terminologie, S. 73. »
  32. Die sicher in gotischer Minuskel ausgeführten Inschriften der Wandmalereien auf den Vierungspfeilern im Dom sind nur in stark übermaltem Zustand auf unscharfen Fotografien sowie als Zeichnungen überliefert, weshalb eine paläographische Auswertung nicht möglich ist. »
  33. Vgl. Beck/Beck, Schrift, S. 94ff. »
  34. Terminologie, S. 48. »
  35. Die gestickte Inschrift auf Nr. 104 war bereits 1904 schlecht erhalten, heute ist sie gänzlich vergangen; die in den Putz geritzten Inschriften in Nr. 160 sind nur als Nachzeichnung zugänglich; die gemalte Inschrift in Nr. 142 ist mehr Illustration als Inschrift, die letzten Zeilen sind nur noch als Quasi-Inschrift ausgeführt worden. »
  36. Vgl. Kloos, Einführung, S. 138–143; Zahn, Beiträge, S. 5–16; Terminologie, S. 48. »