Inschriftenkatalog: Stadt Hildesheim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 58: Stadt Hildesheim (2003)

Nr. 371 St. Michaelis, Bernwardkrypta 1551

Beschreibung

Grabplatte für den Abt Hermann Dieck. Sandstein. Die hochrechteckige Platte befindet sich heute in der Sakristei der Bernwardkrypta, ursprünglich war sie in der Krypta vor dem Bernward-Altar aufgestellt. Im Innenfeld ist der Verstorbene in Lebensgröße im Flachrelief unter einer Bogenarchitektur dargestellt. Er trägt auf dem Kopf die Mitra, in der linken Hand hält er den Abtsstab, in der Rechten ein aufgeschlagenes Buch. In den Zwickeln der Bogenarchitektur Blattornamente. Die Inschrift läuft an vier Seiten um und ist erhaben vor vertieftem Hintergrund ausgeführt, die Unterlängen ragen über die Zeile hinaus. Über einzelnen u und v kleine übergeschriebene v.

Maße: H.: 207 cm; B.: 119,5 cm; Bu.: 10–11 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Kapitalis-Versalien.

DI 58, Nr. 371 - St. Michaelis, Bernwardkrypta - 1551

 Christine Wulf [1/1]

  1. Anno · d(omi)ni · 1 · 5 · 5 · 1 · quintodeci/mo · calen(das) · iulij1) · obijt · venerabilis · pater · et domin(us) / Herma(n)nus hui(us) · mona/sterij · abbas · qui(n)t(us) in · reformatione2) · req(ui)es(cat) · in · paa)

Übersetzung:

Im Jahr des Herrn 1551 am 15. Tag vor den Kalenden des Juli starb der ehrwürdige Vater und Herr Hermann, Abt dieses Klosters, der fünfte seit der Reform. Er ruhe in Frieden.

Kommentar

Die hier verwendete gotische Minuskel ist durch ausgeprägte Quadrangeln charakterisiert. r ist sowohl als Schaft-r wie auch als Bogen-r ausgeführt, wobei das Bogen-r die Form eines Kurzschafts mit senkrecht darübergesetztem Quadrangel und einem nach oben verlängerten Zierstrich hat. Die oberen Ecken der Quadrangeln bei i und j sind nach oben verlängert, so daß der Eindruck von i-Punkten entsteht, a ist kastenförmig ausgeführt, die unteren Quadrangeln der Schäfte berühren sich.

Während der Amtszeit des Abts Hermann Dieck (1521–1551) wurde im Jahr 1542 die lutherische Lehre in der Stadt Hildesheim eingeführt. 1543 wurde die Klosterkirche St. Michaelis zur evangelischen Pfarrkirche erklärt; man setzte zwei Prediger ein, die der Konvent bezahlen mußte.3) Abt und Konvent hielten am alten Glauben und an ihrer monastischen Profeß fest.4) Der Todestag Hermann Diecks ist in der Inschrift wahrscheinlich falsch angegeben. Statt iulij muß es wohl iunij heißen (18. Mai). Das Diarium des Joachim Brandis nennt den 17. Mai als seinen Todestag, das Nekrologium von St. Michaelis den 19. Mai.5)

Textkritischer Apparat

  1. pa] Lies pace. Die beiden letzten Buchstaben fehlen aus Platzgründen.

Anmerkungen

  1. 17. Juni.
  2. Der in der Inschrift verwendete Begriff reformatio meint hier die unter dem aus Bursfelde kommenden Abt Johann Eylke (1451–1464) durchgeführte Klosterreform des Jahres 1453.
  3. Bertram, Bistum 2, S. 41, S. 131.
  4. Germania Benedictina VI, S. 228f.
  5. Joachim Brandis’ Diarium, S. 76; Nekrologium von St. Michaelis, hg. Mooyer, S. 450.

Nachweise

  1. Slg. Rieckenberg S. 798f., ein Photo.

Zitierhinweis:
DI 58, Stadt Hildesheim, Nr. 371 (Christine Wulf), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di058g010k0037101.