Inschriftenkatalog: Stadt Hildesheim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 58: Stadt Hildesheim (2003)

Nr. 47 Dom-Museum 1195 o. früher, E. 14.–15. Jh.

Beschreibung

Kopfreliquiar des heiligen Oswald.1) Holzkern, Silberblech, vergoldet. Das Reliquiar hat die Form eines oktogonalen Zentralbaus mit Sockel und Kuppel.2) Auf die Kuppel ist ein Kopf mit Krone aufgesetzt, der auf den Inhalt des Reliquiars verweist. Am Gesims der Kuppel befindet sich zwischen zwei Doppellinien die in Niellotechnik ausgeführte Inschrift A. Sie beginnt über der Darstellung des Königs Oswald. Oberhalb der Inschrift in acht Bogenfeldern die Symbole der Evangelisten mit leeren Schriftbändern sowie personifizierte Darstellungen der vier Paradiesflüsse.

Die Oktogonwände zeigen in hochrechteckigen Feldern acht Darstellungen von thronenden gekrönten Herrschern, die mit einer Ausnahme (Ethelwold) Reichsapfel und Zepter halten: Oswald, Edward, Elfred, Ethelwold, Knut, Edelbert, Edmund und Sigmund.3) Sie sind abwechselnd in vergoldeter Gravierung vor nielliertem Silbergrund und in Niello vor Goldgrund ausgeführt. Nur Oswald und Edelbert tragen Nimben. Über den Dargestellten sind auf querrechteckigen Metallstreifen in Niellotechnik ihre Namen (B) angebracht.

Auf den Schrägflächen des achteckigen Sockels ist im späten Mittelalter die Inschrift C in Konturschrift glatt vor schraffiertem Hintergrund eingraviert worden. Die Ober- und Unterlängen der Buchstaben ragen in den glatten Rand hinein.

Maße: H.: 47 cm; Bu.: 0,6 cm (A), 0,3 cm (B), 1,4 cm (C).

Schriftart(en): Romanische Majuskel (A, B), gotische Minuskel (C).

DI 58, Nr. 47 - Dom-Museum - 1195 o. früher, E. 14.–15. Jh.

 Lutz Engelhardt [1/1]

  1. A

    +a) REX · PIVS · OSWALDVS · SE · SE · DEDIT · ET · SVA · CHR(IST)Ob) · LICTORI·Q(VE) · CAPVDc)4) · QVOD · I(N) · AVRO · CONDITVR · ISTO

  2. B

    .S(ANCTVS). OSWALD(VS) // S(AN)C(TV)S AEDWARD(VS)d) // S(AN)C(TV)S. ELFRED(VS) // AEDELWOLD(VS)d) // S(ANCTVS) CANVT(VS) // S(ANCTVS) AEDELBERT(VS)d) // S(ANCTVS) EDMVNDVS // SIGEMVNDVS5)

  3. C

    posuisti // domine // svper ca//pvt evse) // coronam // de lapide:f) // presiosog) // mag(n)a (est)h) g(loria) e(ivs)6)

Übersetzung:

Der fromme König Oswald gab sich und das Seine Christus und dem Henker das Haupt, das in diesem Gold[gefäß] eingeschlossen ist. (A)

Du hast, Herr, auf sein Haupt die Krone aus kostbaren Edelsteinen gesetzt. Groß ist sein Ruhm. (C)

Versmaß: Zwei Hexameter mit zweisilbigem Endreim (A).

Kommentar

Die Inschriften A und B sind in starkem Maße von der Kapitalis geprägt, an runden Formen kommen lediglich das durchgängig verwendete unziale E und das eingerollte G vor. In dieser konservativen Gestaltung ist die hier vorliegende Schriftform den Inschriften auf der aus St. Michaelis in Hildesheim stammenden Braunschweiger Bernwardpatene aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts7) vergleichbar, die außer unzialen E und einem einzelnen unzialen H ebenfalls ausschließlich Kapitalisformen aufweisen. Hinsichtlich der Variation der Strichstärke lassen sich auch gewisse Übereinstimmungen beobachten, wie z. B. die Verstärkung der Linksschrägen bei N, V und im Mittelteil des M. Auch wenn das in den Namenbeischriften des Oswaldreliquiars verwendete proklitische A in der AE-Ligatur auf der Bernward-Patene keine Entsprechung hat, läßt sich aufgrund der ähnlich gestalteten Kapitalis ein zeitlicher8) und räumlicher Entstehungszusammenhang beider Stücke in einer niedersächsischen Werkstatt9) annehmen. Die in Inschrift C verwendeten gotischen Minuskeln haben in ihren Grundformen und in ihrer Ausführung vor schraffiertem Hintergrund zwar durchaus gewisse Ähnlichkeiten mit Inschriften auf Hildesheimer Goldschmiedearbeiten aus dem Ende des 14. Jahrhunderts,10) doch erweist der genaue Vergleich mit der Stiftungsinschrift auf dem Turmreliquiar (Nr. 131) oder den Inschriften des Großen Goldkelchs (Nr. 110) die Minuskeln des Oswaldreliquiars als deutlich schlichter gestaltet. Es fehlen beispielsweise die charakteristischen durchgezogenen Querbalken des t, der Sporn am Schaft-s und der durch die Haste gezogene Bogen des p.

Das Reliquiar birgt eine Schädelreliquie des heiligen Königs Oswald von Northumbria († 642),11) dessen Reliquien in Hildesheim bereits in der 1061 (vgl. Nr. 24) angebrachten Weiheinschrift für den Hochaltar des Doms erwähnt werden. Ob sich diese Nennung allerdings auf den Schädel des Heiligen bezieht, ist fraglich. Erst in einem Bericht über einen Einbruch in den Dom zu Beginn des 13. Jahrhunderts wird ausdrücklich das capud sancti oswaldi genannt.12)

Als Auftraggeber für dieses Reliquiar werden in der kunsthistorischen Forschung – auch wenn keine schriftlichen Quellen diese Annahme stützen – übereinstimmend Heinrich der Löwe und seine Gemahlin Mathilde, Tochter Heinrichs II. von England, angesehen.13) Darauf weist die am Oktogon dargestellte Reihe heiliger englischer Könige, eines burgundischen (Sigmund) und eines dänischen heiligen Herrschers (Knut)14) hin, die zu den blutsverwandten oder angesippten Ahnen des sächsischen und englischen Herrscherhauses gehören. Der zentrale Heilige, Oswald, galt als Ahnherr beider Dynastien.15) Ob das Reliquiar allerdings mit einem der beiden Schreine (scrinia) identifiziert werden kann, die im Rahmen einer größeren Schenkung des Herzogspaares an den Hildesheimer Dom im Gedenkbuch des Domkapitels genannt sind,16) bedarf weiterer Überlegungen, da scrinia als Bezeichnung für ein figürlich gestaltetes Kopfreliquiar nicht naheliegt. Als Terminus ante quem für die Entstehung der Inschriften A und B sind die Todesjahre Mathildes († 1189) bzw. Heinrichs des Löwen († 1195) anzusetzen.

Inschrift C ist in einer relativ unspezifischen gotischen Minuskel ausgeführt, die keine nähere Eingrenzung der Entstehungszeit als auf die Zeit vom Ende des 14. Jahrhunderts bis zum 15. Jahrhundert erlaubt.

Textkritischer Apparat

  1. + durch das überlappende Ende des Schriftbandes verdeckt.
  2. XPO, die Haste des P unten durchstrichen.
  3. CAPVD] Statt CAPVT.
  4. Proklitisches A.
  5. evs] Statt eius.
  6. de lapide] Ohne Worttrennung.
  7. presioso] Statt precioso.
  8. (est)] Drei übereinandergesetzte Quadrangeln. Vielleicht stehen die drei Quadrangeln auch für ein abgewandeltes tironisches et.

Anmerkungen

  1. Inv. Nr.: DS 23.
  2. Ausführliche Beschreibung s. Carla Margarete Fandrey: Das Oswald-Reliquiar im Hildesheimer Domschatz. Göppingen 1987 (Göppinger Akademische Beiträge 125), S. 24–27.
  3. Zur Identifizierung der Königsreihe und zur kultischen Verehrung der einzelnen Könige vgl. Fandrey (wie Anm. 2), S. 46–85.
  4. Oswald wurde in der Schlacht von Maserfelth durch Penda von Mercien getötet, der dem Leichnam Kopf und Arme abtrennen ließ, vgl. LexMa 6, Sp. 1549f.
  5. Sigmund auch hier weder durch Nimbus noch durch die Bezeichnung Sanctus als Heiliger ausgewiesen, vgl. Nr. 53.
  6. Ps. (G) 20,4 u. 6.
  7. Zur Bernward-Patene vgl. DI 35 (Stadt Braunschweig I), Nr. 20; die Schrift beschreibt Berges in B/R, S. 77.
  8. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, daß die wohl schon im Jahr 1188 entstandene Inschrift auf dem Reliquiengefäß des Marienaltars aus Braunschweig – DI 35 (Stadt Braunschweig I), Nr. 19 – bereits in gotischer Majuskel ausgeführt ist.
  9. Eine mögliche Entstehung des Reliquiars in England untersucht Nilgen mit negativem Ergebnis in Kat. Heinrich der Löwe 2, S. 331–340.
  10. Kat. Kirchenkunst des Mittelalters, S. 140 mit Anm. 17.
  11. Eine Schädelreliquie des heiligen Oswald wird auch in der Kathedrale von Durham verehrt, vgl. Kat. Heinrich der Löwe 2, S. 330.
  12. Wolfenbüttel, HAB, Cod. Guelf. 83.30. Aug. fol., fol. 91v.
  13. Fandrey (wie Anm. 2), S. 154–166; Kat. Heinrich der Löwe 1, S. 62; Kat. Heinrich der Löwe 2, S. 331.
  14. Kat. Heinrich der Löwe 2, S. 331 gegen Fandrey (wie Anm. 2, S. 77–79), die CANVT(VS) mit dem englischen Herrscher Knut dem Großen gleichgesetzt hatte.
  15. Vgl. dazu ausführlich Fandrey (wie Anm. 2), S. 86–90; Kat. Heinrich der Löwe 2, S. 331; s. a. Ursula Nilgen: Amtsgenealogie und Amtsheiligkeit. Königs- und Bischofsreihen in der Kunstpropaganda des Hochmittelalters. In: Studien zur mittelalterlichen Kunst. FS Florentine Mütherich zum 70. Geburtstag, hg. von Katharina Bierbrauer, Peter K. Klein und Willibald Sauerländer. München 1985, S. 217–234, hier S. 226. – Es ist mehrfach darauf hingewiesen worden, daß Heinrich der Löwe in Texten und Darstellungen häufig mit seinen Vorfahren abgebildet oder genannt wird, wie z. B. in der Weiheinschrift auf der Reliquienkapsel des Marienaltars DI 35 (Stadt Braunschweig I), Nr. 19: [...] DEDICATVM EST HOC ALTARE [...] FVNDANTE AC PROMOVENTE ILLVSTRI DVCE HENRICO + FILIO FILIE LOTHARII INPERATORIS ET RELIGIOSISSIMA EIVS CONSORTE MATHILDI + FILIA HENRICI SECVNDI REGIS ANGLORVM FILII MATHILDIS IMPERATRICIS ROMANORVM; weitere Belege bei Brandt in Kat. Heinrich der Löwe 1, S. 62.
  16. Vgl. Leibniz, Scriptores 1, S. 770.

Nachweise

  1. Conrad Zacharias von Uffenbach: Merkwürdige Reisen durch Niedersachsen, Holland und Engelland. 1. Theil. Ulm und Memmingen 1753, S. 405.
  2. Kratz, Dom 2, S. 146f.
  3. Mithoff, Kunstdenkmale, S. 110.
  4. Kd. Hildesheim, Kirchen, S. 102.
  5. Carla Margarete Fandrey: Das Oswald-Reliquiar im Hildesheimer Domschatz. Göppingen 1987 (Göppinger Akademische Beiträge 125), S. 26 (A), S. 46 (B), S. 25 (C), Abb. nach S. 329.
  6. Kat. Kirchenkunst des Mittelalters, S. 135 (A), S. 140 (B), Abb. S. 136 u. S. 142.
  7. Kat. Heinrich der Löwe 1, S. 62 (A), Abb. S. 30.
  8. Kat. Heinrich der Löwe 2, S. 331 (B), Abb. S. 332f.
  9. Kat. Abglanz des Himmels, S. 190, Abb. S. 168f.
  10. Slg. Rieckenberg, S. 168–192 (teils Berges).

Zitierhinweis:
DI 58, Stadt Hildesheim, Nr. 47 (Christine Wulf), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di058g010k0004700.