Inschriftenkatalog: Stadt Hildesheim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 58: Stadt Hildesheim (2003)

Nr. 37(†) Dom-Museum 1153–1161

Beschreibung

Fragmente des Fußbodens aus der Domapsis. Gips mit Inkrustierungen. Der Estrich wurde 18501) bei der Erneuerung des Fußbodens in der östlichen Apsis aufgedeckt und in der Folgezeit teilweise zerstört, die erhaltenen Teile befinden sich im Dom-Museum.2) Nach dem Fund im Jahr 1850 ließ Kratz eine Zeichnung des inkrustierten Estrichs anfertigen, die Aus’m Weerth 1873 veröffentlichte. Diese Zeichnung, die Bertram und Zeller wiederaufnehmen,3) und zwei Abbildungen der Fragmente bei Zeller4) sowie vor allem die von Weigel publizierte Federzeichnung Schwägermanns von 18505) liegen dem Folgenden zugrunde. Der Bestand der Darstellungen stimmt in sämtlichen Zeichnungen überein, während die Einordnung der gefundenen Stücke in die Gesamtanlage des Fußbodens gewisse Unterschiede aufweist.6) Der halbkreisförmige Apsisboden war von einem Ornamentstreifen gerahmt, in dessen gewölbten Teil sieben Medaillons eingefügt waren: von links ein Basilisk (1), ein Mann mit zurückgekämmtem Haar und herausgestreckter Zunge (2), ein junges Mädchen (3), ein in drei Richtungen blickendes Gesicht (4), ein hagerer Kopf mit Beischrift A (5), ein Mann mit einem breitkrempigen Hut (6), ein Menschenkörper mit Vogelkopf, in der Linken einen Dreizack, in der Rechten einen Fisch haltend (7). Die Darstellungen werden gedeutet7) als Feuer (1), Luft (2), Leben (3), Zeit (4), Tod (5), Erde – Bauer mit breitkrempigem Hut – (6) und Wasser (7). Das von dem Ornamentstreifen gerahmte Innenfeld enthielt einen großen Kreis und rechts und links zum westlichen geraden Abschluß hin zwei kleinere Kreise. Der große Kreis war in radialer Anordnung mit figürlichen Darstellungen ausgefüllt, die vermutlich um einen Mittelkreis angeordnet waren.

Die in den Zeichnungen festgehaltenen Reste deuten an, daß in weiblichen Figuren die Lebensalter, die Kardinaltugenden, die christlichen Tugenden und eine weitere nicht näher zu klassifizierende Gruppe (vgl. Inschrift B GAVDIVM), jeweils identifiziert durch Beischriften B, dargestellt waren. Der linke, von einem gezackten Strahlenkranz und einem Schriftband (C) umgebene kleine Kreis zeigte die Opferung Isaaks, erkennbar eine erhobene Hand mit einem Schwert, darüber ein Engel, der auf einen in Ranken verfangenen Widder weist. Der Inhalt des rechten kleinen Kreises ist nicht mehr zu rekonstruieren, vermutlich zeigte er das Opfer Melchisedechs.8) Von der umlaufenden Inschrift, die sich außerhalb des rahmenden Ornamentbandes befand, überliefert die Kratzsche Zeichnung nur noch Reste (D). Die Darstellungen und Inschriften sind in die ca. 2,5 cm dicke, auf groben Steinschlag gegossene weißgraue, leicht rötlich getönte Gipsschicht eingehauen und mit schwarzem und rotem Gips ausgefüllt.

Inschrift A nach Autopsie; B nach Autopsie, ergänzt nach Zeichnung Schwägermann; C und D nach Zeichnung Schwägermann.

Maße: Bu.: 1,9–2,2 cm (A), 5 cm (B).

Schriftart(en): Romanische Majuskel.9)

DI 58, Nr. 37- Dom-Museum - 1153–1161

 Ulrich Knapp [1/2]

  1. A

    · MORS ·

  2. B

    · IVVEN[T(VS)] · FORTI[TVDO] [ - - -R- - - ]a) SAPIENTIA IVSTI[TIA]b) SPES GAV[DIVM]c)

  3. C †

    + FILI(VS) HI[C - - - ] [ - - - ] PEREVNTE · DOMO

  4. D †

    [ - - - ]NIATVR [ - - - ]

Übersetzung:

Tod. (A)

Jugend. Stärke. [...] Weisheit. Gerechtigkeit. Hoffnung. Freude. (B)

Der Sohn hier [...]. (C)

Versmaß: Vermutlich Reste eines elegischen Distichons (C).

Kommentar

Kapitale Grundformen mit einzelnen unzialen E und einem unzialen A (erstes A in SAPIENTIA).

Die Domapsis wurde von Bischof Berthold (1119–1130) vollendet.10) Folglich kann der Fußboden frühestens etwa um 1120 gegossen und inkrustiert worden sein. Chronikalische Nachrichten machen wahrscheinlich, daß der Schmuckestrich erst im Rahmen der Baumaßnahme Bischof Brunos (1153–1161) ausgeführt wurde.11) Im Chronicon Hildesheimense heißt es: Tectum et pavimentum principalis aecclesiae erogatis fere 50 marcis meliorari fecit.12) Der Buchstabenbefund spricht nicht gegen diese Entstehungszeit, doch lassen sich aufgrund des geringen überlieferten Bestands keine ausreichend fundierten Anhaltspunkte für eine epigraphische Datierung gewinnen.

Textkritischer Apparat

  1. Vielleicht [TEMPE]R[ANTIA]] Fehlt Zeichnung Roemer.
  2. IVSTI[TIA]] Fehlt Zeichnung Roemer.
  3. GAV[DIVM]] Fehlt Zeichnung Roemer.

Anmerkungen

  1. Vgl. Thomas Weigel: Der ehemalige Schmuckfußboden der Chorapsis des Hildesheimer Domes. In: Kat. Ego sum, S. 123–162, hier S. 123.
  2. Inv. Nr.: D 1978-81.
  3. Vgl. Ernst Aus’m Weerth: Der Mosaikboden in St. Gereon zu Cöln (...) nebst den damit verwandten Mosaikböden Italiens. Bonn 1873, S. 11; Bertram, Bistum 1, S. 172; Zeller in Kd. Hildesheim, Kirchen, S. 13; Zeller, Romanische Baudenkmäler, S. 80, Abb. 71. Die Zeichnung Roemers, die ebenfalls nach Kratz angefertigt worden ist, modifiziert einige Details und überliefert die Inschriften nicht vollständig (Ph. Hermann Roemer: Der Gypsfussboden im Dome zu Hildesheim. Ein nielloartiges Bildwerk aus dem XI. Jahrhundert. Hildesheim 1886, Tafel If.; wiederabgebildet bei Weigel [wie Anm. 1], S. 128f.).
  4. Zeller, Romanische Baudenkmäler, Tafel 49, Abb. 6 u. 7.
  5. Weigel (wie Anm. 1), S. 124.
  6. Ebd., S. 126.
  7. Kier, Schmuckfußboden, S. 101; Bertram, Bistum 1, S. 172. Beide Deutungen weichen nur im Fall des in drei Richtungen blickenden Gesichts (4) voneinander ab. Während Kier darin eine Darstellung der Winde sieht, deutet Bertram das aus drei Köpfen gebildete Gesicht wohl zutreffend als Symbol für die Zeit, die aus Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft besteht; s. a. Weigel (wie Anm. 1), S. 131.
  8. Weigel (wie Anm. 1), S. 136.
  9. Bestimmung des Schrifttyps nach der Zeichnung von Kratz, veröffentlicht bei Aus’m Weerth (wie Anm. 3).
  10. Chronicon Hildesheimense, S. 855: In capite etiam sanctuarii principalis aecclesiae opus elegantis structurae aedificavit; vgl. Goetting, Bistum Hildesheim, S. 338.
  11. In Kd. Hildesheim, Kirchen, S. 13, wird der Fußboden in diese Zeit gesetzt, ebenso datieren Berges in Slg. Rieckenberg, S. 196 sowie Kier, Schmuckfußboden, S. 102 und Weigel (wie Anm. 1), S. 129.
  12. Chronicon Hildesheimense, S. 856. – Zu Bischof Bruno und seinen umfangreichen Schenkungen an die Domkirche vgl. Goetting, Bistum Hildesheim, S. 383–400, bes. S. 397f.

Nachweise

  1. Zeichnung Schwägermann publiziert von Thomas Weigel: Der ehemalige Schmuckfußboden der Chorapsis des Hildesheimer Domes. In: Kat. Ego sum, S. 124.
  2. Zeichnung von Kratz publiziert bei Ernst Aus’m Weerth: Der Mosaikboden in St. Gereon zu Cöln (...) nebst den damit verwandten Mosaikböden Italiens. Bonn 1873, S. 11.
  3. Ph. Hermann Roemer: Der Gypsfussboden im Dome zu Hildesheim. Ein nielloartiges Bildwerk aus dem XI. Jahrhundert. Hildesheim 1886, Tafel If.
  4. Bertram, Bistum 1, S. 172.
  5. Zeller, Romanische Baudenkmäler, Tafel 49, Abb. 6 u. 7, S. 80, Abb. 71.
  6. Kd. Hildesheim, Kirchen, S. 13.
  7. Kier, Schmuckfußboden, S. 101f. (ohne D), Abb. 147 u. 148.
  8. Kat. Stadt im Wandel 1, Nr. 37, S. 83 (B) mit Abb.
  9. Thomas Weigel: Der ehemalige Schmuckfußboden der Chorapsis des Hildesheimer Domes. In: Kat. Ego sum, S. 134f. (B), Anm. 133 (C), Anm. 131 (D) mit Abb.
  10. Slg. Rieckenberg, S. 195 (Berges).

Zitierhinweis:
DI 58, Stadt Hildesheim, Nr. 37(†) (Christine Wulf), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di058g010k0003704.