Inschriftenkatalog: Stadt Hildesheim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 58: Stadt Hildesheim (2003)

Nr. 10† St. Michaelis, Bernwardkrypta 1015?

Beschreibung

Inschrift im Apsisumgang in zwei Feldern links und rechts gegenüber der Westtür neben dem Durchlaß in den eigentlichen Innenraum der Krypta.1) Die Reste der Inschrift und eines darüber befindlichen Ornamentfrieses wurden 1939 bei Renovierungsarbeiten entdeckt. Im Zuge der Wiederherstellung der Bernwardkrypta nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Teile des Ornamentfrieses abgenommen; über den Verbleib der durch Kriegseinwirkungen teilweise zerstörten Inschriften ist nichts bekannt. Die im Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege, Hannover, aufbewahrten Photographien und Pausen aus der Zeit um 1940 lassen erkennen, daß der polychrome Ornamentfries aus fünf übereinanderliegenden Reihen von Quadraten bestanden hat. In die Quadrate waren zwei gegeneinander gewölbte Halbkreise eingestellt („Sanduhr“-Motiv). Die Inschriften waren unterhalb des Frieses in drei, möglicherweise auch in vier Zeilen zwischen Linien ohne Worttrennung in den Putz eingeritzt und mit rotbrauner Farbe ausgemalt. Zur Erleichterung der Übersicht wird die Inschrift zeilenweise wiedergegeben.

Inschriften nach einer Pause und Photos des NLD.

Maße: Bu.: 5,4–5,6 cm.2)

Schriftart(en): Romanische Majuskel.

DI 58, Nr. 10 - St. Michaelis, Bernwardkrypta - 1015?

 Copyright Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege, Hannover [1/1]

  1. [ - - - ]IS Ma) X [.] //[ - - - ]RNVVARDI VENE / [ - - - ]III INDIC XIII // [ - - - ]TRICIS ET ARCb) / [.......]ELE[.] // [ - - - ]

Aufgrund der Photographien und eines Berichts von Beseler aus der Zeit vor der Zerstörung der Inschrift hat Berges unter Berücksichtigung der seinerzeit erhaltenen Reste die Fehlstellen folgen­dermaßen ergänzt:

  1. [ANNO INCARNAT]IONIS MX[V] // [BE]RNVVARDI VENE[RABILIS] /III INDIC XIII // [GENI]TRICIS ET [ARC] /[M]ILITIE [C]ELE[STIS] // [ - - - ]

Aus dieser Fassung konnte Berges schließen, daß die Inschrift die Weihe der Bernwardkrypta im Jahr 1015 zum Gegenstand hatte. In einem zweiten Schritt hat er die historischen Quellen zur Dedikation der Krypta ausgewertet und mit Hilfe der Hildesheimer Annalen und der Vita Bernwardi eine „approximative Rekonstruktion“ der Inschrift vorgenommen (B/R, S. 58). Er legitimiert dieses Verfahren mit dem Hinweis auf deutliche textliche Übereinstimmungen zwischen der Nachricht über die Weihe in der Vita Bernwardi, den Annales Hildesheimenses3) und den Fragmenten der Inschrift. Seine Rekonstruktion ergibt folgenden Text, der hier im Unterschied zu B/R, S. 59 mit aufgelösten Abkürzungen wiedergegeben wird, in eckigen Klammern die rekonstruierten Stellen.

  1. [+ ANNO DOMINICE INCARNATION]IS MXV // [ORDINATIONIS BE]RNVVARDI VENE[RABILIS / PRESVLIS HILD(ESHEMENSIS) ANNO XX]III INDIC(TIONE) XIII [III K(ALENDAS) // OCT(OBRIS)4) IN HONORE D(OMI)NI BEATE GENIT]RICIS ET ARC[HANGELI / MICHAELIS5) ET TOTIVS MILITIE C]ELE[STIS // HEC CRIPTA A BERNVVARDO EP(ISCOP)O DEDICATA EST] / [ - - - ]c)

Übersetzung:

Im Jahr der Menschwerdung des Herrn 1015, im 23. Jahr nach der Ordination des ehrwürdigen Bernward, Bischofs von Hildesheim, in der 13. Indiktion, am dritten Tag vor den Kalenden des Oktober wurde zu Ehren des Herrn, der heiligen Gottesgebärerin und des Erzengels Michael und der ganzen himmlischen Heerschar diese Krypta von Bischof Bernward geweiht ...

Kapitalis mit einem symmetrischen unzialen M.

Der Text der „approximativen Rekonstruktion“ der Weiheinschrift bereitet lediglich von IN HONORE bis BEATE Probleme. Schon Berges selbst hatte dazu Vorbehalte formuliert. Zum einen ist der Wortlaut der Annalen in honore salvatoris Domini nostri Ihesu Christi auf die ganz unübliche Kurzform IN HONORE DOMINI (B/R, S. 58) reduziert worden, zum anderen erscheint die asyndetische Beiordnung DOMINI und BEATE GENITRICIS als störend.

Die erhaltenen Teile der Inschrift datieren die Weihe der Krypta mit einiger Wahrscheinlichkeit in die Zeit Bernwards. Ihr Text paßt damit zu den baugeschichtlichen Untersuchungen Beselers, der „die gesamte Anlage (sc. der Krypta) als bernwardinisch erkannt“ hat.6) Bei diesem zeitlichen Ansatz ist das symmetrische unziale M des Datums auffällig.7) Berges hat mit Verweis auf das Vorkommen solcher M in den zeitgenössischen Handschriften8) auf die besondere Herstellungstechnik der Weiheinschrift hingewiesen, die darin der Buchschrift relativ nahe stehe (B/R, S. 56). Vereinzelte Beispiele für symmetrische unziale M lassen sich allerdings auch in der Monumentalschrift des frühen 11. Jahrhunderts finden,9) z. B. in der Inschrift des Ruothildis-Steins aus Trier (Anfang 11. Jh.).10) Symmetrisches unziales M findet sich noch in einer weiteren auf Bernward Bezug nehmenden Inschrift, im Wort MEMENTOTE auf dem nicht datierten Gedenkstein VENITE CONCIVES ... (Nr. 16). Der Buchstabe ist dort allerdings im unteren Bereich zerstört, so daß nicht entscheidbar ist, ob dieses M unten offen oder geschlossen war. Der Buchstabenbefund spricht also nicht gegen eine Entstehung der Inschrift in bernwardinischer Zeit.

Werner Ueffing hat die Inschrift mit einer im 12. Jahrhundert vorgenommenen Umgestaltung des Apsisrunds der Krypta in Verbindung gebracht und sie als Gedenkinschrift zu erweisen versucht, die nach 1150 angebracht worden sei, als in der Krypta ein Altar zu Ehren Bernwards errichtet worden war. Erst die im Hinblick auf die zu erwartenden Pilgerprozessionen erfolgte Umgestaltung der Krypta habe überhaupt den Platz für die Inschrift geschaffen.11) Die bauhistorischen Beobachtungen Ueffings können hier nicht diskutiert werden. Seine Äußerungen zu der Inschrift und die daraus abgeleiteten Erkenntnisse für die Datierung sind nicht in allen Einzelheiten zutreffend.12) Es ist aber festzuhalten, daß, selbst wenn die wenigen überlieferten Buchstabenformen – mit der obengenannten Unsicherheit für den unteren Teil des M – sämtlich in bernwardinischen Inschriften nachzuweisen sind, eine Entstehung der Inschrift in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts nicht absolut ausgeschlossen werden kann.13) Auch der überlieferte sehr fragmentarische Text bietet trotz der weitgehend überzeugenden „approximativen Rekonstruktion“ keine für die Baugeschichte der Krypta aussagekräftige Quellengrundlage.

Textkritischer Apparat

  1. M] mit übergeschriebenem Querstrich zur Kennzeichnung der Ordinalzahl.
  2. ARC] Lesung nur auf der Pause möglich.
  3. Für die vierte Zeile erwägt Berges, daß dort die Namen der Weiheassistenten Dietrich von Münster und Ekkehard von Schleswig gestanden haben (B/R, S. 59).

Anmerkungen

  1. Zur Lokalisierung vgl. die Zeichnung B/R, Tafel 8. Detaillierte Angaben zum Ort und zur Ausführung der Inschrift bei Berges in B/R, S. 55f.
  2. Buchstabenhöhe gemessen an der Pause Hannover, NLD, Planarchiv: Hildesheim, Michaeliskirche Schlüssel Nr. 0254.21.10. Alte Archivsignatur 6601 (Kirchenmaler Wildt).
  3. Die einschlägigen Stellen aus beiden Quellen bei Berges in B/R, S. 58.
  4. 29. September 1015 (Tag des heiligen Michael).
  5. Vgl. die Reihenfolge im Confiteor: Confiteor Deo omnipotenti, beatae Mariae semper Virgini, beato Michaeli Archangelo [...] .
  6. Beseler in Beseler/Roggenkamp, Michaeliskirche, S. 35; s. a. K. Mohrmann: Der Herstellungsbau (1907–1910) und die Wiedereröffnung (19. Juni 1910) der St. Michaeliskirche zu Hildesheim. Hildesheim [1910], S. 9.
  7. Berges geht von einem völlig geschlossenen M aus, vgl. B/R, Tafel 9. Die Photos und Pausen hingegen lassen eindeutig erkennen, daß die gerundeten Außenhasten des M sich der in einem deutlichen Sporn endenden Mittelhaste nähern, diese aber nicht erreichen.
  8. Berges (B/R, S. 56) verweist auf die Auszeichnungsschriften im Bernward-Sakramentar (DS 19). Dort findet sich fol. 85r in der letzten Zeile ein symmetrisches unziales M (Abb. in: Handschriften im Domschatz, S. 66). Weit häufiger als in der Handschrift DS 19 sind symmetrische unziale M in den Auszeichnungsschriften des Guntbald-Evangeliars von 1011 (DS 33) anzutreffen, z. B. am Beginn des Matthäusevangeliums fol. 23r, am Beginn des Johannesevangeliums fol. 206r und in den Kanontafeln fol. 8v, 11r, 12v (Abb. in: Handschriften im Domschatz, S. 78f., S. 85, S. 97).
  9. Paul Deschamps (Étude sur la paléographie des Inscriptions Lapidaires de la fin de l’époque mérovingienne aux dernières années du XIIe siècle. In: Bulletin monumental 88 [1929], S. 5–86 [+ 35 Tafeln]) führt (S. 25 und 28) u. a. aus dem 11. Jahrhundert folgendes Beispiel für rundes M an: Vienne, Saint-André-le-Bas, Epitaph des Abts Hugo (1032) mit einem unzialen M als Zahlzeichen, vgl. CIFM 15, Nr. 56, Abb. 37. Das M ist in diesem Beispiel nach Art einer Initiale verziert.
  10. Zum Ruothildis-Stein: Franz Xaver Kraus: Die christlichen Inschriften der Rheinlande. Bd. 2, Freiburg i. Br. u. Leipzig 1894, Nr. 428, Abb. VII, 10. Die Inschrift des Ruothildis-Steins wird demnächst im Inschriftenband Trier, bearbeitet von Rüdiger Fuchs, ediert. Dort wird die Grabplatte auf den Anfang des 11. Jahrhunderts datiert. Die von Kloos (Einführung, S. 124) erwogene spätere Überarbeitung der Schrift ist angesichts der fehlenden äußeren Indizien schwer vorstellbar. Ich danke Herrn Dr. Rüdiger Fuchs (Inschriftenkommission Mainz) dafür, daß er mir seine Ausführungen schon vor der Publikation zugänglich gemacht hat.
  11. Werner Ueffing: Eine verlorengegangene Wandmalerei im Kryptenumgang von St. Michael in Hildesheim. In: Das Münster. Zeitschrift für christliche Kunst und Kunstwissenschaft 1996, Heft 1, S. 58–61, hier S. 61.
  12. Ueffing (ebd., S. 60) geht aufgrund der fehlerhaften Zeichnung in B/R, Tafel 9 davon aus, daß das M unten geschlossen ist. Die Schwellung an der Cauda des R ist tatsächlich (gegen Berges) vorhanden, sie ist aber auch in anderen bernwardinischen Inschriften, wie z. B. bei den Reliquienbezeichnungen auf den Kapitellen (Nr. 13) zu beobachten. Ueffing hält es weiterhin für nicht vorstellbar, daß Bernward „zu seinen Lebzeiten [...] eine für alle Gläubigen sichtbare Inschrift anbringen ließ und sich dabei des schmückenden Beiworts ‚venerabilis‘ bediente“. Das Epitheton venerabilis deutet nicht zwingend auf eine retrospektive Benennung, es findet sich auch in der Weiheinschrift Bischof Hezilos von 1061 (Nr. 24), in einer Weiheinschrift aus Gingen an der Fils von 984 (vgl. DI 41 Göppingen, Nr. 2 [Kommentar und Anm. 13] mit weiterführender Literatur) sowie in zwei Mainzer Weiheinschriften: DI 2 (Mainz), Nr. 23 von 1279 und Nr. 660 von 1118. Im übrigen hat Bernward auf vielen seiner Stiftungen Inschriften anbringen lassen, die seine Memoria sichern sollten. Bei Berücksichtigung seiner Selbstzeugnisse ist es nicht gerechtfertigt, auf Bernward die populäre Vorstellung eines asketischen, die Welt und sich selbst verneinenden Heiligen zu applizieren, vgl. dazu den Kommentar zu seiner Grabschrift Nr. 12.
  13. Die aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts stammenden Inschriften des Hildesheimer Bestands sind überwiegend in einer aus kapitalen und runden Buchstaben gemischten romanischen Majuskel ausgeführt. Von der Kapitalis dominierte, mit einzelnen runden Buchstaben durchsetzte Inschriften finden sich nur noch vereinzelt (vgl. Einleitung, S. 61).

Nachweise

  1. NLD, Photoarchiv ISDN 5203, weitere Photographien ohne Signatur.
  2. NLD, Planarchiv: Hildesheim, Michaeliskirche, Schlüssel Nr. 0254.21.10. Alte Archivsignatur 6601: zeichnerische Reproduktion des Kirchenmalers Wildt.
  3. Berges in B/R, S. 57, 59, Abb. Tafel 8; Nr. 2 u. 4; Zeichnung: Tafel 9.
  4. Kat. Bernward 2, S. 534f. mit Abb. der zeichnerischen Reproduktion des Kirchenmalers Wildt.
  5. Werner Ueffing: Eine verlorengegangene Wandmalerei im Kryptenumgang von St. Michael in Hildesheim. In: Das Münster. Zeitschrift für christliche Kunst und Kunstwissenschaft. Jg. 1996, Heft 1, S. 58–61, hier S. 58, Abb. S. 60.

Zitierhinweis:
DI 58, Stadt Hildesheim, Nr. 10† (Christine Wulf), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di058g010k0001003.