Inschriftenkatalog: Stadt Einbeck

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 42: Einbeck (1996)

Nr. 31 Kapelle St. Bartholomäi 15. Jh.

Beschreibung

Wandmalerei. Secco auf Kalkschlämmschicht.1) Inschriften auf vier Spruchbändern einer Darstellung an der Nordwand im Chorraum. Die Wandmalereien wurden 1939 beim Durchbruch der Wand für einen Zugang zur Sertürner-Kapelle entdeckt.2) Im Rahmen der in den Jahren 1991–1993 durch Mitarbeiter der Fachhochschule Hildesheim vorgenommenen Restaurierung der Wandmalereien wurden glättende Ergänzungen der Restaurierung von 1939 beseitigt. Es handelt sich bei der Wandmalerei um eine Darstellung von Christus am Kreuz zwischen einem guten und einem schlechten Beter.3) Über dem dreiarmigen Kreuz auf einem gewundenen Schriftband der Titulus A; links unter dem Kreuz der gute Beter, dem ein Spruchband mit der weitgehend verlorenen Inschrift B zugeordnet ist. Der gute Beter hält in den Händen einen Rosenkranz und trägt Pilgerhut und -tasche. Von seinem Mund gehen Linien aus zu den Wundmalen Christi. Hinter ihm ein incensierender Engel. Rechts der schlechte Beter, ebenfalls mit einem Spruchband (C). Er hält einen geflochtenen Strick in der Hand. Hinter ihm sind die Anliegen seines Gebets dargestellt: zwei Frauen, die eine mit Kind, eine Geldtruhe und ein Pferd, zu seinen Füßen vier Schweine. Darüber ein Teufel mit einem weiteren Schriftband (D). Vom Kopf des schlechten Beters führen Linien zu den hinter ihm dargestellten weltlichen Gütern. Als Worttrenner in Inschrift A fünf kreisförmig um einen zentralen Punkt angeordnete Punkte, ein Kreuz und ein einfacher Punkt auf der Zeilenmitte. Die übrigen Inschriften lassen kaum noch Worttrenner erkennen, in einem Fall wohl ein hochgestellter Punkt.

Maße: Bu.: 7–8 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versalien in gotischer Majuskel.

DI 42, Nr. 31 - Einbeck, Kapelle St. Bartholomäi - 15. Jh.

 Bildarchiv ADW Göttingen, Inschriftenkommission [1/2]

  1. A

    · · i · n · r · i ·

  2. B

    [ . . . ] filiia) [ . . . ]

  3. C

    D(omi)ne Jh(es)u da mychi · bonab) t(em)p(or)alia

  4. D

    Ubi thesaurus tuu(s)c) ibi cor tuum4)

Übersetzung:

Herr Jesus, gib mir irdische Güter! (C)

Wo dein Schatz [ist], dort [ist] dein Herz. (D)

Kommentar

Wildhaber vermutet als Maler dieses Bildes ohne nähere Begründung Hans Raphon,5) dessen ältestes gesichertes Werk von 1499 stammt.6) Für eine frühere Entstehung um 1430–1440 sprechen nach Korn zum einen Charakteristika der Kleidung, zum anderen stilistische Übereinstimmungen mit der Darstellung des Gekreuzigten auf dem Mittelbild des spätgotischen Altars aus St. Spiritus, der seiner Meinung nach ebenfalls um 1430–1440 entstanden ist.7) Die Darstellung der Einbecker Wandmalerei weist ikonographisch enge Parallelen zu einem um 1430 datierten Holzschnitt auf.8) Obwohl auch Karin Hahn die enge Verwandtschaft zu dem genannten Holzschnitt betont, sieht sie das Entstehungsdatum wie Korn eher in der Nähe des spätgotischen Altars aus St. Spiritus, den sie aber im Unterschied zu Korn mit Gmelin in die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts, auf die Zeit um 1480 (Gmelin: vor 1480) datiert.9) Eine Zuschreibung an Hans Raphon scheidet für sie folglich schon aus chronologischen Gründen aus. Anhand der Schriftformen läßt sich keine Entscheidung zwischen den von der kunstgeschichtlichen Forschung vorgeschlagenen Datierungen treffen.

Textkritischer Apparat

  1. Feise ergänzt die Inschrift: domine Jesu, fili(i). Das komplette Gebetsformular lautet: Jesu, fili dei miserere mei. Feises Ergänzung ist zumindest aufgrund des heute sichtbaren Befunds zweifelhaft. Vor filii stand wahrscheinlich eher Christe. Der Befund ist aber durch Restaurierungen so entstellt, daß eine sichere Lesung nicht mehr möglich ist. Als korrekter Vokativ ist hier fili anzusetzen.
  2. bona] donat Feise, dona Wildhaber.
  3. tuu(s)] s in Form eines kleinen hochgestellten us-Hakens; fehlt Feise, Wildhaber, Hahn.

Anmerkungen

  1. Technische Angaben nach den bei Hahn referierten, im Rahmen der Restaurierungsmaßnahmen von 1991–1993 vorgenommenen Untersuchungen, vgl. Hahn, Kunstwerke, S. 270–272.
  2. NLVwA-IfD, Schriftarchiv, Einbeck, Bartholomäuskapelle.
  3. Zum Bildtyp vgl. Robert Wildhaber, Das gute und das schlechte Gebet. Ein Beitrag zum Thema der Mahnbilder. In: Europäische Kulturverflechtungen im Bereich der volkstümlichen Überlieferung. FS Bruno Schier, hg. v. Gerhard Heilfurt u. Ingeborg Weber-Kellermann. Göttingen 1967. Veröffentlichungen des Instituts für mitteleuropäische Volksforschung an der Philipps-Universität Marburg-Lahn 5, S. 63–72; LCI 2, Sp. 82–84.
  4. Mt. 6,21.
  5. Wildhaber (wie Anm. 3), S. 69.
  6. DI 19 (Göttingen), Nr. 56.
  7. Kunst und Kultur im Weserraum 2, Nr. 560, S. 720f.
  8. Feise, Ortschaften, S. 18–20. Der Holzschnitt ist abgebildet bei Ph. M. Halm, Ikonographische Studien zum Armenseelenkultus. München 1922. Münchner Jahrbuch der bildenden Kunst 12, S. 18, und in Geschichte Stadt Einbeck 2, S. 269.
  9. Hahn, Kunstwerke, S. 268–270; Gmelin, Tafelmalerei, S. 64.

Nachweise

  1. Feise, Ortschaften, S. 25 (Abb.).
  2. Robert Wildhaber, Das gute und das schlechte Gebet. Ein Beitrag zum Thema der Mahnbilder. In: Europäische Kulturverflechtungen im Bereich der volkstümlichen Überlieferung. FS Bruno Schier, hg. v. Gerhard Heilfurt u. Ingeborg Weber-Kellermann. Göttingen 1967. Veröffentlichungen des Instituts für mitteleuropäische Volksforschung an der Philipps-Universität Marburg-Lahn 5, S. 69 (nur C und D).
  3. Hahn, Kunstwerke, S. 266, Abb. S. 180.

Zitierhinweis:
DI 42, Einbeck, Nr. 31 (Horst Hülse), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di042g007k0003109.