Inschriftenkatalog: Stadt Einbeck

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

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DI 42: Einbeck (1996)

Nr. 1 St. Alexandri (1153) / 14. Jh.

Beschreibung

Manschette. Blei. Die Manschette stammt aus dem Grab des Erzbischofs Heinrich I. von Mainz.1) Sie wurde neben dem stark zerfallenen Skelett, einer Krümme und golddurchwirkten Stoffresten im Jahr 1976 in St. Alexandri bei Schachtarbeiten westlich des nördlichen Vierungspfeilers gefunden.2) Zum Zeitpunkt der Bearbeitung (22. November 1994) befand sich die Bleimanschette bei der Klosterkammer Hannover. Am 21. Dezember 1994 wurde sie aus konservatorischen Gründen in St. Alexandri in der Nähe ihres Fundortes wieder versenkt. Die Bleimanschette, ursprünglich wohl rund3) und zudem gebogen, war vermutlich am Unterarm des Verstorbenen angebracht. Sie ist heute nach einer Restaurierung dauerhaft und plan auf einer Glasplatte befestigt. Im oberen Teil der Manschette ist zwischen acht vorgezogenen Linien in fünf Zeilen Inschrift A eingraviert, senkrecht zur Schreibrichtung von A ist Inschrift B am rechten unteren Rand eingeritzt. Die Manschette ist an den Rändern und vor allem in der Mitte an mehreren Stellen großflächig ausgebrochen, wodurch die Inschrift in der Mitte und am Ende der Zeilen von A und am Ende von B beeinträchtigt ist. Der Vergleich älterer Abbildungen mit einem zum Zeitpunkt der Bearbeitung angefertigten Photo läßt einen geringen Substanzschwund und damit verbunden einen Buchstabenverlust an den Bruchstellen erkennen. Außerdem überliefert eine Zeichnung von Hoffmann, die den Befund unmittelbar nach dem Auffinden der Platte festhält, an drei Stellen Buchstaben, die heute nicht mehr zu erkennen sind (vgl. Anmerkungen a, c, d, e).

Maße: H.: 19 cm; B.: 22,5 cm; Bu.: 0,9–1,1 cm (A), 0,85 cm (B).

Schriftart(en): Kapitalis mit unzialen A und E (A), Majuskel mit einem Minuskel-e (B).

DI 42, Nr. 1 - Einbeck, St. Alexandri - (1153)/14.Jh.

 Klosterkammer Hannover [1/3]

  1. A

    ANNO [DOMINICE] / INCARN(ATIONIS) [....]a) INDICT[IONE] / ·I· III NONA[S] [...]T(...)b)4) O(BIIT) HEIN/RICVS MAG[VNTIN]ENSISc) / ARCHI[EP(ISCOPV)S]d)

  2. B

    + ANNO D(OMI)NICe [ . . . ]e)

Übersetzung:

Im Jahr der Menschwerdung des Herrn [1153], im ersten Jahr der Indiktion, starb am dritten Tag vor den Nonen [des September] Heinrich, Erzbischof von Mainz. (A)

Im Jahr [der Menschwerdung] des Herrn [...]. (B)

Kommentar

Die Inschrift A ist in Kapitalis ausgeführt; nur der Buchstabe E ist durchgängig – selbst in der Ligatur mit H – in der unzialen Form verwendet worden, A in einem Fall.5) In Inschrift B findet sich neben zwei unzialen N in ANNO ein kapitales N mit fast waagerechtem Schrägbalken in D(OMI)NICe. Der Vergleich der Buchstabenformen beider Inschriften legt nahe, daß Inschrift B in jüngerer Zeit, eventuell bei einer Öffnung des Grabes im späten Mittelalter, auf der Manschette eingeritzt worden ist.6)

Neben dieser Bleitafel sind aus dem sächsischen Raum bisher nur zwei weitere bekannt: die Grabtafel der Gräfin Gerdrud aus dem Braunschweiger Dom († 1077) und die Tafel Kaiser Lothars III. († 1137) aus der Stiftskirche in Königslutter.7) Aus dem Rheinland und Nordfrankreich sind diese Grabschriften in größerer Zahl überliefert.8) Ihre Funktion bestand darin, im Falle der Graböffnung den Toten zu identifizieren und das Gedächtnis sicherzustellen, besonders dann, wenn außerhalb des Grabes keine den Verstorbenen bezeichnende Inschrift angebracht war.

Heinrich I. bekleidete von 1142 bis 1153 das Amt des Erzbischofs von Mainz.9) Auf Veranlassung König Friedrich Barbarossas wurde er von zwei durch Papst Eugen III. autorisierten Kardinallegaten auf dem Wormser Hoftag am 7. Juli 1153 seines Amtes enthoben. Die Gründe für seine Absetzung waren zum einen die territorialpolitischen Entscheidungen Bischof Heinrichs im Norden seines Bistums. Er hatte nach dem Aussterben der Grafen von Winzenburg deren Lehen im Jahr 1152 an den Welfenherzog Heinrich den Löwen gegeben. Zum anderen hatte er bei der Königswahl Friedrichs I. offenbar zunächst gegen den Staufer Stellung bezogen. Auseinandersetzungen Heinrichs mit Bischof Eberhard von Bamberg, einem engen Vertrauten Friedrichs I., mögen seinen Sturz endgültig gefördert haben.

Nach seiner Absetzung im Juni 1153 zog sich Heinrich nach Einbeck in den Herrschaftsbereich Heinrichs des Löwen zurück. Der Inschrift zufolge starb er dort am 3. September desselben Jahres und wurde in St. Alexandri begraben. Die Angabe des Todestages in der Inschrift differiert von den verschiedenen Nachrichten in den übrigen Quellen. Während die Annalen des Klosters Disibodenberg und der Nekrolog des Hildesheimer Domstifts für die Memorie Heinrichs einheitlich den 1. September überliefern, nennen andere Quellen jeweils verschiedene Todesdaten.10) Auch wenn die Inschrift als Todestag eindeutig den 3. September nennt, ist nicht ausgeschlossen, daß Heinrich am 1. September gestorben und am 3. September bestattet worden ist.

Textkritischer Apparat

  1. Zu ergänzen ist: M C L III; M C L III] Hoffmann, M C L IIIo] Arens, Petke. – Die Zeichnung Hoffmanns überliefert von der Jahreszahl noch das M, ausgeführt in der vorne geschlossenen Form. Bei Autopsie im November 1994 war der Buchstabe nicht mehr zu sehen (vgl. auch Anm. c, d, e).
  2. Zu ergänzen ist [SEP]T(EMBRIS), der Monatsname ist auch in der Grabschrift Heinrichs (Nr. 2) so überliefert.
  3. MAG[VNTIN]ENSIS] MAGV[NTIN]IENSIS Hoffmann, Arens, Petke. Die von Hoffmann gezeichnete Haste kann ursprünglich zum N gehört haben.
  4. ARCHI[EP(ISCOPV)S]] ARCHIAE(PISCOPV)S Hoffmann, Arens, Petke nach Hoffmann.
  5. Hoffmann überliefert noch Reste von drei weiteren Buchstaben. Bei dem letzten könnte es sich um ein unziales A handeln.

Anmerkungen

  1. Seine Grabschrift s. Nr. 2.
  2. Hoffmann, Heinrich I., S. 44.
  3. Zur Rundform der Platte vgl. Petke, Erzbischof Heinrich I., S. 47. Petke schätzt den Durchmesser unter Zuhilfenahme von vergleichbaren Stücken auf 25 cm (S. 48).
  4. 3. September.
  5. Das A in MAG[VNTIN]ENSIS läßt sich aufgrund des schlechten Erhaltungszustands nicht mehr eindeutig der kapitalen oder unzialen Form zuweisen. Hoffmann hat noch ein vorne geschlossenes M in seiner Zeichnung wiedergegeben (vgl. Fußnote a).
  6. Vgl. Hoffmann, Grabungsfunde, S. 48; Petke, Erzbischof Heinrich I, S. 46.
  7. Vgl. Petke, Erzbischof Heinrich I., S. 47; zur Inschrift auf der Bleitafel der Gräfin Gerdrud s. DI 35 (Braunschweig), Nr. 4.
  8. Vgl. Hartmut Ehrentraut, Bleierne Inschrifttafeln aus mittelalterlichen Gräbern in den Rheinlanden. In: Bonner Jahrbücher 152 (1952), S. 190–225.
  9. Zur Biographie vgl. NDB 8, S. 369f.; LMA 4, Sp. 2083f.; Heinrich Büttner, Erzbischof Heinrich von Mainz und die Staufer (1142–1153). In: Zs. für Kirchengeschichte 69, 1958, S. 247–267; Petke, Erzbischof Heinrich I., pass., mit Verzeichnung der älteren Literatur. Die detaillierten, auf einer großen Zahl von Quellenbelegen beruhenden Darlegungen Petkes (hier besonders S. 42–45) liegen dem Folgenden zugrunde.
  10. Die verschiedenen Angaben des Todestages zitiert in: Regesten zur Geschichte der Mainzer Erzbischöfe, Bd. 1, S. 352f.

Nachweise

  1. Hoffmann, Grabungsfunde, S. 44 (Zeichnung, Text, Abb.).
  2. Arens, Grab, S. 58f.
  3. Petke, Erzbischof Heinrich I., S. 46.

Zitierhinweis:
DI 42, Einbeck, Nr. 1 (Horst Hülse), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di042g007k0000101.