Inschriftenkatalog: Ehemaliger Landkreis Querfurt

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 64: Querfurt (2006)

Nr. 80 Großosterhausen (Gem. Osterhausen), ev. Kirche (St. Wigbert) um 1525

Beschreibung

Altarretabel, Holz. Der spätgotische Wandelaltar im Chor besteht aus einem Schrein, vier Flügeln und einer Predella. 1965 wurden Teilübermalungen auf den Flügeln entfernt.1) Die im geschlossenen Zustand sichtbaren Seiten der Außenflügel, die von anderer Hand gemalt scheinen als die Innenflügel,2) zeigen den Abschied der Apostel. Den Hintergrund bildet die mehrtürmige Silhouette einer Stadt. Aufgeklappt ergeben die Innenseiten der äußeren und die Außenseiten der inneren Flügel zwei horizontale Folgen von jeweils 4 Bildern. Links oben ist die Verkündigungsszene dargestellt. Gabriel, in eine weiße Albe und eine Dalmatika gekleidet, weist mit seiner Rechten segnend auf Maria, die in kniender Haltung die Hände überkreuz an die Schultern gelegt hat. Zwischen beiden Figuren liegt auf einem Pult ein geöffnetes Buch, in dem Schriftzüge angedeutet sind. Aus der linken Hand des Engels entrollt sich ein Schriftband mit der Anrufung (A) in schwarzen Lettern auf weißem Grund. Dieser Szene schließen sich in der oberen Reihe folgende Darstellungen v. l. n. r. an: Die Anbetung Christi durch die Heiligen Drei Könige, die Gregorsmesse und die Deesis. Unten links ist eine Schar von Jungfrauen zu sehen, die sich um eine etwas größere Figur in der Mitte gruppieren und die allesamt einen Palmzweig in ihren Händen halten; vermutlich eine Darstellung der hl. Ursula mit den elftausend Jungfrauen.3) Die Mehrzahl von ihnen trägt schwarze Stirnbänder. Auf dem der zweiten Frauengestalt von links ist die kleine, goldfarbene Buchstabenfolge (B) zu erkennen, deren Lesbarkeit allerdings durch Beschädigungen der Malschicht beeinträchtigt ist. Die rechte Märtyrerin in der vorderen Reihe führt als zusätzliches Attribut ein Schwert mit sich und trägt als einzige einen geflochtenen Kranz. Im Anschluß folgen von links nach rechts die Dornenkrönung Christi, Anna selbdritt sowie die Vertreibung aus dem Paradies.

Der Schrein birgt unter Blendbögen aus verschlungenem Astwerk die Figur der von zwei Engeln gekrönten Gottesmutter, flankiert von der hl. Katharina (links) und der hl. Barbara (rechts). In den horizontal einfach geteilten Flügeln stehen die kleinen Figuren der übrigen zwölf Nothelfer. Hintergrund und Kleider sind reich vergoldet. Die etwa quadratische Nische der Predella zeigt im Halbrelief den Tod Mariens.4)

Auf der Rückwand des Retabels befindet sich etwa 6 cm über der Schreinunterkante neben einem Fleck aus Siegellack eine eingeritzte und mit Farbe nachgezogene Marke.5)

Maße: H.: 195 cm; B.: 162,5 cm; Bu: 3,5 cm (A), 0,7 cm (B).

Schriftart(en): Kapitalis.

DI 64, Nr. 80 - Großosterhausen, ev. Kirche St. Wigbert - um 1525

 SAW Leipzig, Inschriftenkommission (Ilas Bartusch) [1/6]

  1. A

    AVE · GR(ATIA)6)

  2. B

    [..] O S [.] M Ra)

Übersetzung:

Gegrüßt seist du, (voll der) Gnade (A).

Kommentar

Die Buchstabenbestandteile in Inschrift (A) sind gleichbleibend breit ausgeführt und haben deutliche Sporen. Die Schrägschäfte von A und V sind leicht nach innen eingebogen. Die gerade Cauda des G wurde bis knapp unter das obere Bogenende geführt. Das R ist offen; das E besitzt drei gleich lange Balken. Als Worttrenner dient ein Quadrangel in Zeilenmitte. In (B) sind die Lettern dünn aufgetragen, wobei die Stärke der Pinselstriche schwankt. Der Mittelteil des stark konischen M sowie die geradlinige Cauda des R enden oberhalb der Grundlinie.

Nach kunstgeschichtlichen Kriterien wird der Altar in die Jahre um 1525 datiert.7) Diese Zeitstellung läßt sich mit dem inschriftenpaläographischen Befund vereinbaren, wenngleich sich dadurch für die Verwendung der Kapitalis in der Malerei des mitteldeutschen Raumes ein recht früher Beleg ergibt.8) Da das Retabel für einen kleinen Ort wie Osterhausen auffallend reich ausgestattet ist, wurde von Andreas Hornemann die Vermutung geäußert, es stamme aus dem nahegelegenen Zisterzienserkloster Sittichenbach.9)

Textkritischer Apparat

  1. [..] O S [.] M R] Befund der verlorenen Buchstaben unsicher. Lies möglicherweise: [EG]O S[V]M R(– – –) oder O S(ANCTA) [V(RSVLA)] M(ARTY)R. Der mittlere Buchstabe ist durch eine grobe Beschädigung der Malschicht verloren. In der vor der Restaurierung aufgenommenen Ablichtung des LfD Halle, Fotoarchiv, Neg.-Nr. 19913 von 1965 meint man, nach dem M den Schatten eines kleinen, hochgesetzten Kreises zu erkennen. Gegen eine Deutung als Jahreszahl spricht aber das klar erkennbare R.

Anmerkungen

  1. Vgl. Denkmale Sachsen-Anhalt 1986, S. 506; zum älteren Zustand vgl. LfD Halle, Fotoarchiv, Aufnahme von 1965, Neg.-Nr. 19913.
  2. Vgl. zum Retabel allg. Hornemann 1998, S. 142–148, hier insbes. S. 144; Rüdiger 1940, S. 51–54; Gerstenberg 1932, S. 23f., 28f. (Abb. 21–23).
  3. Zur unsicheren Interpretation der Szene vgl. Hornemann 1998, S. 145: „Ein typisch zisterziensischer Zug könnte mit der Jungfrauengruppe vorhanden sein, sollte die Gruppe weitestgehend attributloser Heiliger nicht nur herausgehobene Persönlichkeiten wie Katharina am rechten Bildrand meinen, sondern auch auf die sogenannten 11. 000 Jungfrauen anspielen, die in Köln ermordeten Begleiterinnen der heiligen Ursula.“ Zur Ikonographie der hl. Ursula vgl. LCI 8, 1994, Sp. 521. Zur Ursulalegende selbst vgl. LA 2, 1998, S. 1073–1078.
  4. Zu weiteren Details bezüglich des Retabelaufbaus vgl. Kdm. (Querfurt) 1909, S. 185f.
  5. H.: 3,5 cm. Vgl. Fig./Stz./M. 19.
  6. Lc 1, 28.
  7. Vgl. Hornemann 1998, S. 142 mit Anm. 23 (Lit.); Gerstenberg 1932, S. 24; Dehio 1999, S. 644.
  8. Vgl. die jeweiligen Erstbelege in DI 6 (Naumb. Dom) 1959, Nr. 85 (nach 1564); DI 9 (Lkr. Naumburg) 1965, Nr. 437 (1573); DI 7 (Stadt Naumburg) 1960, Nr. 218 (1530); DI 11 (Merseburg) 1968, Nr. 71 (um 1530?); DI 39 (Lkr. Jena) 1995, Nr. 156 (nach 1554); DI 52 (Zeitz) 2001, Nr. 92 (nach 1542).
  9. Vgl. Hornemann 1998, S. 146.

Nachweise

  1. LfD Halle, Fotoarchiv, Aufnahme von 1937, Neg.-Nr. 2366 (A).
  2. LfD Halle, Fotoarchiv, Aufnahme von 1965, Neg.Nr. 19913 (B).

Zitierhinweis:
DI 64, Querfurt, Nr. 80 (Ilas Bartusch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di064l002k0008008.