Inschriftenkatalog: Ehemaliger Landkreis Querfurt

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 64: Querfurt (2006)

Nr. 63 Gatterstädt (Stadt Querfurt), ev. Friedhofskirche (St. Peter) 1506

Beschreibung

Glocke, Bronze. Unterhalb der fast waagerechten Haube befindet sich an der Schulter die sich aus Gußvermerk und mehreren Heiligenanrufungen zusammensetzende Inschrift, deren Beginn das Wilsnacker Wallfahrtszeichen1) markiert. Das untere der zwei begleitenden Schnurstegpaare verzieren elf Lilien. Mitten auf der Flanke sitzen in gegenüberliegender Position zwei weitere Pilgerzeichen: Auf der einen Seite erkennt man das monstranzförmige Wallfahrtszeichen von Sternberg2), auf der anderen das ca. 6 cm große Pilgerzeichen von Grimmenthal (Lkr. Meiningen).3) Um Wolm und Schärfe verlaufen je drei Stege von 1,3 cm bzw. 0,8 cm Dicke.

Maße: H.: 71 cm; Dm.: 98 cm; Bu.: 3,4 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versal.

DI 64, Nr. 63 - Gatterstädt, ev. Friedhofskirche St. Peter - 1506

 SAW Leipzig, Inschriftenkommission (Ilas Bartusch) [1/3]

  1. Annoa) · domini · m · cccccvib) · ior · hilf · got · maria · anna · salp · dritc) · s(anctvs)d) · petrvs · ete) · omigvmf) · santorvmg) ·

Übersetzung:

(...) Anna selbdritt, heiliger Petrus und aller Heiligen.

Kommentar

Die Schrift zeichnet sich durch wenige, für den Gießer Paul Mas typische Schmuckelemente aus. Dazu zählen neben dem pseudounzialen A die waagerecht umgebrochenen oberen Bogenabschnitte der c, während die unteren nur in kurzen Ansätzen ausgeführt sind. Die Fahne des r verfügt über einen unten angesetzten und nach außen gebogenen dünnen Zierstrich. Der Schaft des p ist unten gespalten. Der untere Bogen des g ist auf einen waagerechten Balken reduziert, der keinerlei Verbindung zu den übrigen Buchstabenbestandteilen hat. Als Worttrenner dienen teils Blüten, teils sechsstrahlige Sterne.4)

Für den genannten Gießer spricht auch das Inschriftenformular, das in ähnlicher Zusammensetzung auf vielen Mas-Glocken wiederkehrt.5) Während die Anrufung Anna selbdritts sicher mit der verstärkten Annenverehrung im ausgehenden 15. und im 16. Jahrhundert zusammenhängt,6) läßt sich die namentliche Nennung des hl. Petrus durch seine Funktion als Kirchenpatron erklären. Die Angabe et omigvm santorvm hingegen bleibt grammatikalisch rätselhaft: Dem Gedanken, sie solle den genauen Tag des Glockengusses bezeichnen (Omnium sanctorum = Allerheiligen, 1. November), widersprechen die Stellung am Ende der Inschrift sowie die Verbindung zu den übrigen Heiligen durch die Konjunktion et. Es scheint deshalb näherliegend, daß wohl ursprünglich eine Formulierung wie auf der anderen Gatterstädter Glocke vorgesehen war, das zum Verständnis notwendige merito hier jedoch keinen Platz mehr fand.7)

Textkritischer Apparat

  1. Anno] pan Anno Kdm. Vor dem Wort das Wilsnacker Pilgerzeichen, vgl. zur Identifizierung Anm. 1. Der Versal ein pseudounziales A mit zwei dünnen, rechtsschrägen Mittelbalken. Das linke, schräg abgeschnittene Ende des waagerechten Deckbalkens mit einer sich nach oben einrollenden Zierlinie besetzt.
  2. m ccccvi] 1504 EGB.
  3. drit] ora LfD Halle, Glockenbestandserfassung 1. Wk.
  4. s(anctvs)] 5. Kdm.; fehlt in LfD Halle, Glockenaktenslg.
  5. et] Lies oder ergänze möglicherweise nach Nr. 60: merito. Dadurch bekäme der folgende Genetiv einen Sinn.
  6. omigvm] Lies mit Kdm.: omnium.
  7. santorvm] So statt sanctorvm.

Anmerkungen

  1. Vgl. Köster 1985, S. 412f. (Lit.); Köster 1984, S. 218f.; Köster 1986, S. 67; Schilling 1988, S. 337 zu Abb. 400. Zu weiteren Glocken mit diesem Wallfahrtszeichen vgl. ebd.; Wolff 1920, S. 25, Taf. VI (Abb. 2).
  2. Vgl. Nr. 59 Anm. 1.
  3. Ich danke Herrn Jörg Poettgen, Overath, für die Identifizierung. Das Zeichen ist dokumentiert im Deutschen Glockenarchiv im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg, Pilgerzeichenkartei, Sig. DGA 6/9/10 c. Siehe hierzu W. Engel, Fränkische Pilgerzeichen des späten Mittelalters, in: Fränkischer Bilderkalender 53, 1954, o. S.
  4. Vgl. die teilweise identischen Worttrenner in Nr. 59.
  5. Vgl. Nr. 60 (hier auch zur Frage der Identität und Überlieferung der Glocke), 65, 67, 69. Auf Paul Mas als Gießer schließt ebenso Walter 1913, S. 816.
  6. Vgl. Nr. 59 mit Anm. 5.
  7. Vgl. Nr. 60.

Nachweise

  1. PfA Leimbach, Chronik 1714/17, S. 51 (nur Jz.).
  2. Kdm. (Querfurt) 1909, S. 111.
  3. EGB 1917, Nr. 7, o. S. (unvollst.).
  4. LfD Halle, Glockenbestandserfassung 1. Wk., Aufnahmebogen zu Gatterstädt vom 22. 3. 1917.
  5. LfD Halle, Glockenaktenslg. (ungeord.), Aktenheft zur Glockenerfassung [1917], o. S.
  6. BA Querfurt, Heinzel, Glockenabreibung Nr. 10 c C.

Zitierhinweis:
DI 64, Querfurt, Nr. 63 (Ilas Bartusch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di064l002k0006307.