Inschriftenkatalog: Ehemaliger Landkreis Querfurt

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 64: Querfurt (2006)

Nr. 53 Albersroda, ev. Kirche (St. Magnus) A. 16. Jh.

Beschreibung

Altarretabel, Holz. Das dreigeschossige Retabel setzt sich aus der Predella, dem mit vier Flügeln versehenen Schrein und einem Aufsatz zusammen.1) Im geschlossenen Zustand zeigen die Innenseiten der arretierten Außenflügel die Bildnisse der Märtyrerinnen Dorothea und Katharina (links) sowie Barbara und Margareta (rechts). Auf den Außenseiten des inneren Flügelpaares ist der Abschied der Apostel wiedergegeben. Der Schrein gliedert sich in drei vertikale Nischen, in denen je eine geschnitzte Heiligenfigur hinter vorgeblendetem Rankenwerk steht. In der Mitte wird die auf einer Mondsichel stehende Muttergottes von zwei schwebenden Engeln gekrönt. Links und rechts flankieren sie Katharina und Barbara. In die zweigeschossigen Flügel sind die zwölf kleiner ausgeführten Apostelfiguren eingestellt, die allesamt vergoldete Umhänge tragen und neben einer Bibel ihr jeweiliges Attribut in den Händen halten. Der ursprünglich als unabhängiger Wandelaltar genutzte Aufsatz birgt eine hl. Anna selbdritt zwischen der hl. Magdalena und der hl. Katharina. Die Außenseiten seiner Flügel zeigen die Heiligen Stephanus und Laurentius. Die Predella ist mit einer nahezu quadratischen Nische versehen, in der im Dreiviertelrelief die Verkündigungsszene dargestellt ist. Gabriel tritt von links auf die halb abgewendete Jungfrau zu. In seiner Linken, die ehemals vermutlich einen Botenstab hielt, steckt heute irrtümlich das ehemals vor Maria angebrachte Lesepult, auf dem ein aufgeschlagenes Buch liegt. Darin liest man auf der rechten Seite zwischen fünf Zeilen- und zwei Rahmenlinien das in Schwarz aufgemalte Gebet.

Maße: H.: 6,0 cm2); B.: 9,3 cm2); T.: 1,5 cm2); Bu.: 0,6 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel.

DI 64, Nr. 53 - Albersroda, ev. Kirche St. Magnus - A. 16. Jh.

 SAW Leipzig, Inschriftenkommission (Ilas Bartusch) [1/3]

  1. matera) / dei mi=/sereb) m=/eic)

Übersetzung:

Mutter Gottes, erbarme dich meiner.

Versmaß: Reimprosa.

Kommentar

Die Buchstaben sind in breiten, unbeholfenen Pinselstrichen auf das Holz gebracht worden, wobei ihre Neigung mitunter variiert. Der schmale Balken des t setzt rechts am Schaft an.

In der Regel findet sich der Wortlaut dieses Gebetes in Verbindung mit einer Stifterdarstellung.3) So ist wohl auch der Albersrodaer Altaraufsatz von einem einzelnen Spender in Auftrag gegeben und nicht aus dem Kirchenfonds bezahlt worden. Es bleibt jedoch ungewöhnlich, daß der Stifter nirgends im Bildprogramm erscheint.

Die kunstgeschichtliche Forschung weist die Gemälde einem selbständigen Schüler Lucas Cranachs d. Ä. zu und setzt die Entstehungszeit zu Beginn des 16. Jahrhunderts an.4) Das Retabel dürfte im Zuge der damals vorgenommenen Kircheninstandsetzung angefertigt worden sein, die in einer Memorienstiftung von 1521 angedeutet wird.5) Diese Zeitstellung ist mit der Schriftform gut zu vereinbaren.6)

Textkritischer Apparat

  1. mater] Vor dem Wort links der Rahmenlinie ein rubriziertes altes Paragraphenzeichen.
  2. mi=/ sere] Lies: mi=/ serere.
  3. m=/ ei] Nach dem Wort ein Zeilenfüller in Form einer waagerechten Fadenranke zwischen zwei Punkten.

Anmerkungen

  1. Vgl. zur näheren Beschreibung Kdm. (Querfurt) 1909, S. 33f. (Abb.); Naumann 1881, S. 40f.; LfD Halle, Fotoarchiv Neg.-Nr. 2902, 2973 (1938). Inschriftlich ist auf der Rückseite des Altares eine 1779 vorgenommene Restaurierung bezeugt, vgl. Naumann 1881, S. 41.
  2. Größe des Buches.
  3. Vgl. DI 35 (Braunschweig) 1993, Nr. 327 (1506); DI 42 (Einbeck) 1996, Nr. 35 (1503); DI 48 (Wiener Neustadt) 1998, Nr. 24 (1434), 121 (8. Jahrzehnt 15. Jh.); DI 51 (Mergentheim) 2002, Nr. 93 (E. 15./A. 16. Jh.).
  4. Vgl. Dehio 1999, S. 8; Kdm. (Querfurt) 1909, S. 34. Zu den selbständigen Cranach-Schülern vgl. Emmendörffer 1998, S. 203–228. Eine auffällige Ähnlichkeit hinsichtlich der Retabelrahmung besteht zu dem Annen-Altar der Eislebener Peter- und Paulskirche, vgl. die Abb. in Hornemann 2000, S. 306.
  5. Vgl. Naumann 1881, S. 38 mit Anm.*: „weil jetzt bemelte unser Gotteshaus Standhaftig befunden“. Im Zusammenhang mit der Kircheninstandsetzung könnte auch der Glockenguß von 1502 stehen, vgl. ebd. und Nr. 56.
  6. Vgl. zum frühesten Aufkommen der Gotischen Minuskel im Querfurter Raum Nr. 30 (1435) und die letzten Belege in Nr. 110 (1571), 213 (1630).

Zitierhinweis:
DI 64, Querfurt, Nr. 53 (Ilas Bartusch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di064l002k0005301.