Inschriftenkatalog: Ehemaliger Landkreis Querfurt

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 64: Querfurt (2006)

Nr. 43 Spielberg (Gem. Grockstädt), ev. Kirche 1486

Beschreibung

Glocke, Bronze. Die schräge, schwach gewölbte Haube ist in der Mitte mit zwei Stegen besetzt. Zwischen zwei weiteren an der Schulter liest man das Gußjahr mit dem anschließenden Gebet (A). Die bis zur Hälfte fast zylindrisch abfallende Flanke ist unverziert und wird am Wolm von einem Doppelsteg begrenzt. Auf einem Teil des sehr porös ausgeflossenen Schlages erkennt man die Konturen einer zweiten Inschrift (B), die sich jedoch größtenteils nicht entziffern läßt. Das Wachs der Buchstabenmodelle war während des Gußvorgangs nur teilweise geschmolzen, so daß die Lettern nur unvollständig hervortreten. Knapp oberhalb der Schärfe läuft ein Bündel aus drei Stegen um.

Maße: H.: 85 cm; Dm.: 105 cm; Bu.: 5,5 cm (A), 3 cm (B).

Schriftart(en): Gotische Minuskel.

DI 64, Nr. 43 - Spielberg, ev. Kirche - 1486

 SAW Leipzig, Inschriftenkommission (Ilas Bartusch) [1/2]

  1. A

    anno · domi(ni) · moa) · cccc · l · x · x · x · viob) · hilfc) · gotd) · maria · berate) ·

  2. B

    [...............]p[.]selm[.....]f)

Kommentar

Die rechtwinklig umgebrochenen c verfügen über einen nur ansatzweise ausgeführten unteren Bogenabschnitt. Der obere berührt stets den Schaft des folgenden Buchstaben. Der obere Schaftteil des d knickt stark nach links ab, das x besitzt einen Mittelbalken. Die Ablativendungen nach den Zahlzeichen wurden als einfache Punkte ausgeführt. Als Worttrenner fungieren Brakteatenabdrücke.

Die Schriftgestaltung in Verbindung mit dem Anrufungsformular und den Brakteatenabdrücken läßt zunächst an den Gießer Paul Mas denken.1) Jedoch ist der überwiegende Teil seiner Werke erst zu Beginn des 16. Jahrhunderts entstanden.2) Die Spielberger Glocke müßte somit als seine früheste Arbeit gelten, nach der dann eine 12jährige Überlieferungslücke klaffte.3) Die Datierung beginnt zudem auf Mas-Glocken im Wort Anno stets mit dem typischen pseudounzialen A, das sich durch zwei rechtsschräge Querbalken auszeichnet.4) Überdies findet sich bei ihm nirgends eine Spiegelung oder Drehung der Buchstaben, die hier gleich dreimal begegnet.5) Letztere Besonderheit gilt indes geradezu als ein Charakteristikum des Naumburger Gießers Claus Riman.6) Seine Schaffensperiode läßt sich in etwa auf die Zeit zwischen 1463 und 1491 eingrenzen.7) Da Rimans Gestaltung der c-Lettern denen Paul Mas’ auffallend ähnelt8) und auch das Anrufungsformular von ihm verwendet wurde,9) kommt er als Gießer der Spielberger Glocke vorrangig in Betracht, auch wenn seine Gießermarke oder das sonst häufig abgebildete Wappen des Hochstifts Naumburg hier fehlen.

Textkritischer Apparat

  1. mo] ni Plath.
  2. vio] Das v auf dem Kopf stehend. al Plath.
  3. hilf] Das h auf dem Kopf stehend und spiegelverkehrt. pitt Plath.
  4. got] Das g ohne unteren Bogen.
  5. berat] berot EGB, LfD Halle, Glockenaktenslg.
  6. Befund sehr unsicher. chibev········lmiamur Plath.

Anmerkungen

  1. Vgl. zu Paul Mas Nr. 63 u. 69. Hinsichtlich der typischen c-Formen siehe Kdm. (Mans. Seekr.) 1895, S. 130, bezüglich der Worttrenner Nr. 65 u. 69; zum Formular vgl. Nr. 59, 63, 65, 69.
  2. Vgl. LfD Dresden, Jungwirth 1941, S. 32; Kdm. (Mansf. Seekr.) 1895, S. 130.
  3. Als früheste Arbeit des Gießers Paul Mas nennt Jungwirth eine Glocke aus Wernrode (Lkr. Nordhausen) von 1498, vgl. LfD Dresden, Jungwirth 1941, S. 32.
  4. Vgl. Nr. 59, 63, 65, 67, 69.
  5. Vgl. dieselbe Eigenart auf der kleinen Glocke zu Markröhlitz (Gem. Goseck, Lkr. Weißenfels) in Kdm. (Querfurt) 1909, S. 155. Allg. zum Phänomen der Buchstabenspiegelung bzw. -drehung vgl. Köster 1979, S. 376f.; Friedensburg 1913, 93.
  6. Vgl. LfD Dresden, Jungwirth 1941, S. 55; s. a. DI 9 (Lkr. Naumburg) 1965, Nr. 374 (hier speziell das spiegelverkehrte s). Zum Gießer vgl. Nr. 38; Liebeskind 1905, S. 57–59; Eichler 2003, S. 224.
  7. Vgl. Walter 1913, S. 848. Das letzte Werk dürfte die Glocke zu Großleinungen (Lkr. Sangerhausen) von 1491 sein, die seine Gießermarke trägt, vgl. Kdm. (Mansf. Gebirgskr.) 1893, S. 100 (Abb. 59); LfD Dresden, Jungwirth 1941, S. 56. Zur Gießermarke vgl. Nr. 38 mit Anm. e; Fig./Stz./M. 12.
  8. Vgl. die Abreibungen der Inschriften auf den Glocken in Ober-Crumpa (Lkr. Merseburg-Querfurt) oder Gatterstädt (Stadt Querfurt) in Kdm. (Querfurt) 1909, S. 51, 109.
  9. Vgl. die Inschrift der Glocke zu St. Micheln (Stadt Mücheln, Lkr. Merseburg-Querfurt) in Liebeskind 1905, S. 59.

Nachweise

  1. Plath 1898, S. 307.
  2. Kdm. (Querfurt) 1909, S. 275.
  3. LfD Halle, Glockenbestandserfasssung 1. Wk., Aufnahmebogen zu Spielberg vom 19. 3. 1917 (mit Teilabreibung).
  4. EGB 1917, Nr. 7.
  5. LfD Halle, Glockenaktenslg. (ungeord.), Erfassungsheft zum Lkr. Querfurt o. J., o. S.

Zitierhinweis:
DI 64, Querfurt, Nr. 43 (Ilas Bartusch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di064l002k0004305.