Inschriftenkatalog: Ehemaliger Landkreis Querfurt

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 64: Querfurt (2006)

Nr. 35 Obereichstädt (Gem. Langeneichstädt), ev. Kirche (St. Nikolaus) 3. V. 15. Jh.

Beschreibung

Altarretabel, Holz. Der neuzeitliche Kanzelaltar setzt sich aus Teilen eines spätgotischen Flügelretabels zusammen und bildet einen dreigeschossigen Aufbau. Der ehemalige Schrein, dessen Mitte nun der polygonale Kanzelkorb und der von einem Kreuz überhöhte Schalldeckel einnehmen, erhebt sich über einer ebenso breiten Mensa. Der aus den ehemaligen Altarflügeln zusammengefügte Aufsatz gleicher Größe trägt als Bekrönung die dem ursprünglichen Schrein entnommene1) Figur der Muttergottes, die über einer Mondsichel auf einer mit dem Gesims verkröpften sowie von einer Säule gehaltenen Konsole steht. Beide Geschosse untergliedern sich nochmals in zwei horizontale Zonen, die mit den originalen Schnitzfiguren besetzt sind. Die zwölf Apostel im Aufsatz sowie die Heiligen Agnes, Dorothea, Barbara und Margaretha beiderseits des Kanzelkorbes befinden sich auf Podesten hinter vorgeblendeten Eselsrückenbögen aus unterschiedlichem Maßwerk. Der Rahmen ist an den Seiten mittels kleiner Säulen, Strebepfeiler, Baldachine und Fialen sowie am Gesims durch Zinnen verziert. Die Predella wird durch eine Kopie des „Abendmahls“ Leonardo da Vincis verdeckt.

Auf der Rückwand des Aufsatzes läßt sich noch die stark beschädigte Bemalung der ehemaligen Flügelaußenseiten erkennen. Rechts ist die Verkündigungsszene inmitten eines durch Rippengewölbe geprägten gotischen Raumes dargestellt. Maria ist in ein rosafarbenes Gewand und einen dunkelgrünen Umhang gehüllt, der Erzengel trägt auf einem grünen Gewand einen rotbraunen Mantel, der am Hals von einer vierpaßförmigen Schließe zusammengehalten wird. Er zeigt der Jungfrau ein breites, kurzes Schriftband, auf dem in schwarzen, wohl nachgezogenen Lettern das Bibelzitat (A) geschrieben steht. Maria hält ein Buch in den Händen, in dem vier farblich hervorgehobene Versalien innerhalb einer nur angedeuteten Schrift erkennbar sind (B). Auf dem anderen Flügel, der nun den linken Teil der Altarrückwand bildet, sind in einem ähnlich gestalteten Raum Maria und Josef vor dem Jesuskind wiedergegeben.

Maße: H.: ca. 400 cm2); B.: 220 cm; Bu.: ca. 2 cm (A, B).

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versalien.

DI 64, Nr. 35 - Obereichstädt, ev. Kirche St. Nikolaus - 3. V. 15. Jh.

 SAW Leipzig, Inschriftenkommission (Ilas Bartusch) [1/4]

  1. A

    Avea) · gr//aciab) / plenac) · d(omi)n(u)sd) / tecu(m)e) ·3)

  2. B

    Ef) / Og) / Mh) / Ai)

Übersetzung:

Sei gegrüßt, die du voll der Gnade bist, der Herr ist mit dir (A).

Kommentar

Das aus der Menge der übrigen Buchstaben hervorstechende pseudounziale A in Inschrift (A) wurde rot hervorgehoben und hat einen beiderseits überstehenden Deckbalken. Den Mittelbalken begleitet ein paralleler Zierstrich. Der linke, leicht gekrümmte Schaft ist mit einer tropfenförmigen Schwellung, der rechte mit einem Halbnodus versehen. Die rechtwinklig angesetzten Sporen vereinigen sich unten zum Abschlußstrich. Das s ist rechtsschräg durchstrichen, der sehr kurze Schaft des p unten gespalten. Am unteren Ende der r-Fahne setzt ein steil rechtsschräg verlaufender Zierstrich an. Als Worttrenner dienen Quadrangel mit eingerollten Zierhäkchen.

Anhand kunstgeschichtlicher Kriterien läßt sich die Entstehungszeit des ursprünglichen Altarretabels in die Mitte des 15. Jahrhunderts einordnen.1) Diese Datierung entspricht in etwa der Gründungszeit der eigenständigen Obereichstädter Pfarre um 14654) und läßt sich mit dem Schriftbefund gut vereinbaren.5)

Textkritischer Apparat

  1. Ave] Versal rot ausgezeichnet.
  2. gr//acia] Unterbrechung durch den Daumen des Erzengels. Das zweite a zur Hälfte zerstört.
  3. plena] Davor eine rote Zierschleife in der Form einer schlingenförmigen 4.
  4. d(omi)n(u)s] Nach dem Wort ein vegetabiles Rankenornament, den Rest der Zeile ausfüllend.
  5. tecu(m)] Der Kürzungsstrich über dem c. Das Wort inmitten der Zeile, die verbleibenden Spatien links und rechts durch vegetabile Rankenornamente gefüllt.
  6. E] Unziales E mit Abschlußstrich, rotbraun.
  7. O] Kreisrundes O, grün.
  8. M] Symmetrisches unziales M mit Abschlußstrich, grün.
  9. A] Geschlossenes pseudounziales A, rechter Schaft mit Halbnodus, grün.

Anmerkungen

  1. Vgl. Dehio 1990, S. 246. S. a. die Beschreibung des Altars in Kdm. (Querfurt) 1909, S. 57.
  2. Höhe des Retabels samt Aufsatz, ohne Predella und ohne Marienfigur.
  3. Lc 1, 28.
  4. Vgl. Roßberg 1935, 5, o. S.; Meckert 1862, S. 1f.; Keutel 1982, S. 70f.; Pb. Krysmanski, Beschreibung St.-NikolaiGemeinde, S. 1.
  5. Vgl. die Tropfenschwellung des A mit Nr. 38 Anm. a (1478); DI 39 (Lkr. Jena) 1995, Nr. 34 (1437); DI 7 (Stadt Naumburg) 1960, Nr. 188 (1482); DI 33 (Stadt Jena) 1992, Nr. 22 (1483); DI 36 (Hannover) 1993, Nr. 25 (1455).

Zitierhinweis:
DI 64, Querfurt, Nr. 35 (Ilas Bartusch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di064l002k0003503.