Die Inschriften des ehemaligen Landkreises Querfurt

5. Schriftformen und Werkstattzusammenhänge

Wenn die inhaltliche Auswertung der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Inschriften des Querfurter Raumes zahlreiche Vorarbeiten einbeziehen konnte, so ist in Bezug auf die epigraphischen Schriftformen ein ungleich geringeres Spektrum an vorangegangener wissenschaftlicher Forschung zu konstatieren. Diesbezügliche Untersuchungen beschränkten sich in der Regel auf das älteste vorhandene Material, vor allem auf die frühen Glocken. So sind von Bergner und Grössler, später auch von Richard Heinzel und der Glockengießerei Schilling zahlreiche Glockenabreibungen vorgenommen worden, die schon seit geraumer Zeit schriftvergleichende Analysen ermöglichen.200) Was jedoch die jüngeren und nicht auf Glocken befindlichen Inschriften angeht, so erkundet die vorliegende Arbeit für den Kreis Querfurt ein völlig unerforschtes Gebiet. Auf dem Wege schriftkundlicher Untersuchungen konnten einige neue Werkstattzusammenhänge bzw. „Meisterhände“ identifiziert und das Werkverzeichnis bekannter Künstler erweitert werden. Die beschreibende Aufarbeitung der verwendeten Buchstaben- und Zierformen soll außerdem einen Beitrag zu einer künftigen, größere Regionen umfassenden Inschriftenpaläographie leisten.

Die Ergebnisse der Untersuchung sollen nun im Zusammenhang dargelegt werden. Zunächst erfahren die einzelnen epigraphischen Schriftarten in chronologischer Reihenfolge eine allgemeine Charakterisierung. Jeweils im Anschluß wird dann auf die entsprechenden Inschriften des Bearbeitungsgebietes Bezug genommen, um Abweichungen oder Übereinstimmungen zu beleuchten. Methodisch ist dabei anzumerken, daß die Schriftgestalt nicht nur dem Formengeschmack der jeweiligen Zeit und ihrer Meister unterliegt, sondern in ganz entscheidendem Maße auch auf den Fertigungstechniken beruht. Deshalb differenziert die folgende Auswertung zusätzlich nach Trägermaterial bzw. Herstellungsverfahren. Stilistische Vergleiche sind somit nur zwischen Inschriften vorgenommen worden, die mit denselben Werkzeugen und Methoden bzw. auf ähnlichem Material erstellt wurden.

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5. 1. Die Romanische und Gotische Majuskel

Die Romanische und die Gotische Majuskel sind Mischschriften, die Elemente aus der Kapitalis und der Unzialen miteinander vereinigen.201) Die Romanische Majuskel setzt sich vor allem in ihrer Frühphase aus überwiegend kapitalen sowie eckigen Buchstaben, wie beispielsweise dem eckigen O, G oder S, zusammen, integriert aber auch runde bzw. unziale Formen. Die Zeichen stehen meist enggedrängt beieinander und sind häufig durch Nexus litterarum, Enklaven oder Verschränkungen miteinander verbunden. Ihre Höhe übertrifft deutlich die Breite. Von der Karolingischen Kapitalis unterscheidet sich die Romanische Majuskel vor allem dadurch, daß der Wechsel von Haar- und Schattenstrichen oder Bogenverstärkungen entfallen. Schäfte, Balken und Bögen sind in der Regel gleichbleibend dünnstrichig ausgeführt, und die Sporen bleiben, soweit sie überhaupt verwendet werden, unscheinbar. Zum Teil bestehen sie in kurzen, rechtwinklig angesetzten Linien.

Die Gotische Majuskel betont hingegen die schon in der Endphase der Romanischen Majuskel wieder wahrnehmbare Tendenz zur Flächigkeit. Die Buchstaben sind häufiger der Unzialen entnommen und tendieren zu quadratischen Proportionen. Die Schäfte zeigen an ihren Enden häufig keilförmige Verdickungen, und auch die Bögen weisen starke Schwellungen auf, die teilweise spitz ausgezogen sind. Die Schriftkerben sind deshalb meist nicht mehr symmetrisch in den Stein eingemeißelt, sondern ihre Scheitellinie ist nach links oder rechts verschoben.202) Schließlich neigen die Buchstaben zur Geschlossenheit. Neben dem unzialen E erhält nun auch das C an der Seite einen Abschlußstrich, das M ist entweder einseitig oder beidseitig geschlossen. Die Sporen werden meist deutlich wahrnehmbar ausgeführt und ersetzen am L und T bisweilen den gesamten Balken. Zusätzlich finden sich angefügte oder begleitende Zierlinien, die sich einrollen oder Schleifen bilden können. Am Ende des 14. Jahrhunderts nimmt die Größe der Sporen und die Tendenz zur Flächigkeit so stark zu, daß sich das Bild des Buchstabens maßgeblich verändert und eine völlig neue Kontur entsteht (z. B. Nr. 25, 26).

Innerhalb des Querfurter Inschriftenbestandes ist die Romanische Majuskel auf fünf erhaltenen Glocken (Nr. 3, 4, 6, 14, 15), in einer Glockenabschrift (Nr. 11) sowie dreimal in Stein gehauen (Nr. 1, 2, 5) nachweisbar. Die Gotische Majuskel erscheint auf vier erhaltenen Glocken (Nr. 9, 10, 20, 23) und zwei Kelchen (Nr. 25, 26). Sie liegt außerdem mit hoher Wahrscheinlichkeit in vier Glockenabschriften (Nr. 7, 16, 21, 22) vor. Anhand dieser wenigen Zeugnisse läßt sich die Schriftentwicklung freilich nur sehr lückenhaft und punktuell nachvollziehen. Der Buchstabenbefund kann lediglich nach den bisherigen Forschungsergebnissen der Epigraphik analysiert und mit den bekannten Verlaufslinien der Inschriftenpaläographie verglichen werden. Grundsätzlich sei an dieser Stelle festgehalten, daß für sämtliche frühen und undatierten Inschriften eine genauere Entstehungszeit kaum zu ermitteln ist. Um die Fehlerspanne möglichst gering zu halten, wurden rein stilistische Argumente – wo immer dies möglich war – durch datierte Vergleichsstücke gestützt. Allerdings sind davon nur wenige erhalten, die sich in unmittelbarer Umgebung befinden.

5. 1. 1. Gegossene Inschriften auf Glocken

Die frühesten mittelalterlichen Glockeninschriften des Kreises Querfurt finden sich auf den Glocken zu Nemsdorf (Nr. 3) und Alberstedt (Nr. 4). Dabei werden bewußt die Glocken zu Liederstädt (Nr. 14) und Lodersleben (Nr. 15) übergangen. Jene sind zwar erst zu Beginn des 14. Jahrhunderts gegossen worden, ihre beschrifteten Medaillons zeigen jedoch ältere Buchstabenformen, wie sie bereits im 12. Jahrhundert üblich waren. Da die zugehörigen Matrizen aber in verschiedenen Regionen und über lange Zeit in Gebrauch blieben,203) lassen sich aus ihnen keine konkreten Rückschlüsse auf die Entwicklung der epigraphischen Schrift im Landkreis Querfurt ziehen.

Die kleinere Alberstedter Glocke (Nr. 4) trägt eine vierfach wiedergegebene Folge von vier Buchstaben, die in ihrer Gestaltung nur wenig variieren. Sie wurden mit einem Stichel dünnstrichig in den Formmantel der Glocke geritzt, so daß sie auf der Glockenschulter gratig hervortreten. Die Buchstabenbestandteile [Druckseite XLVIII] tragen rechtwinklig angesetzte Sporen. Das trapezförmige A hat einen beiderseits überstehenden Deck- sowie einen gebrochenen Mittelbalken. Die Bögen des B sind nahezu gleich groß und setzen unabhängig voneinander am Schaft an. Die Eigenschaften der Dünnstrichigkeit und Gratigkeit lassen sich ebenso auf einer Nemsdorfer Zuckerhutglocke beobachten. Das A kehrt hier in identischer Form wieder, erscheint jedoch zusätzlich in der spitzen, runden und unzialen Gestaltungsvariante, wobei die Schrägschäfte unten bisweilen weit umgebogen sind. Das G ist stets rund, seine Cauda zweimal eingerollt. Die Verbindung zu einer schon etwas späteren Glocke stellt das L her, dessen stark gebogener Balken bis unter die Grundlinie geführt ist. In dieser Ausprägung findet man es auch auf der größeren Alberstedter Glocke innerhalb der Gottesbezeichnung ELOY (Nr. 9). Hier treten allerdings sämtliche Buchstaben schon sehr viel plastischer aus der Schulter hervor und deuten den allmählichen Übergang zur Gotischen Majuskel an. Es herrscht eine ausgewogene Mischung zwischen kapitalen und unzialen bzw. runden Formen. Auch bemerkt man an einzelnen Elementen bereits leichte Bogenschwellungen, so an der Cauda des R oder am Bogen des G. Schaft- bzw. Balkenenden weisen keilförmige Verbreiterungen auf, und das unziale E ist vollkommen geschlossen. Zeitlich nicht weit entfernt dürfte die Liederstädter Glocke einzuordnen sein (Nr. 6). Ihre Buchstaben hat man allerdings noch äußerst flach ausgeführt. Die einzelnen Zeichen wurden zunächst mit dem Stichel in Kontur umrandet, danach überwiegend ausgeschabt und schließlich mit linearen Verzierungen umgeben. Die keilförmigen Verstärkungen der Schäfte, die häufig durch eine rechtwinklig angesetzte und beiderseits eingerollte Zierlinie begrenzt werden, fallen hier sehr viel deutlicher aus. Die zahlreichen buchstabenbegleitenden Kreise und Wellenlinien erinnern auf den ersten Blick an die Schriftschöpfungen eines zu Anfang des 14. Jahrhunderts wirkenden Meisters,204) jedoch liegen bis auf das beiderseits geschlossene M und das G noch keine weiteren Unzialbuchstaben vor. Überdies erscheint das E regelmäßig in Kapitalisform, und das C hat noch keinen Abschlußstrich.

Eine Glocke mit einem äußerst ungewöhnlichen Schriftcharakter existiert in Barnstädt (Nr. 10). Ihre Buchstabenkonturen wurden in den Formmantel geritzt, jedoch nicht ausgeschabt. Besonders auffällig sind die „flatternden“ Sporen an den Schaftenden, die das Schriftbild mehr verzerren als verzieren. Daneben zieht vor allem das rechteckige A die Aufmerksamkeit auf sich, das zwei Schrägbalken diagonal durchkreuzen. An unzialen Buchstaben wurden das einseitig geschlossene M und das vollständig geschlossene E verwendet. Diese Indizien – gestützt durch das auf einen Werkstattzusammenhang weisende Brakteatenkreuz – deuten auf eine Entstehungszeit in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Während in Barnstädt die Lettern vollständig in Kontur wiedergegeben wurden, erscheint die Schrift auf den Glocken zu Asendorf (Nr. 20) und Schraplau (Nr. 23) nur in Halbkontur, die geritzt, aber nicht ausgeschabt wurde. Beide verbindet die Verwendung einer Zickzacklinie, die von der Ober- zur Grundlinie verläuft. Da dieses Zierelement auf Glocken bisher nur im mitteldeutschen Raum nachweisbar ist und zumindest auf zwei datierten Glocken von 1330 bzw. 1331 erscheint, 205) könnte ein Werkstattzusammenhang vorliegen, in den außerdem die kopial überlieferte Obhausener Glocke (Nr. 22) einzubeziehen wäre. Die entsprechende Abzeichnung zeigt deren Buchstaben ebenfalls in Halbkontur. Die zeitliche Einordnung in das 1. Viertel des 14. Jahrhunderts stützen daneben schriftgestalterische Aspekte, vor allem der senkrecht eingestellte Zierstrich im O der Asendorfer Glocke, der auch auf einer Balgstädter Glocke206) von 1311 zu beobachten ist. Außerdem sei auf die Verwendung eines waagerecht bzw. schräg eingestellten Zierstriches im unzialen M und U sowie im runden N verwiesen. Diese Besonderheit ist in einem unzialen H auf einer verlorenen Gatterstädter Glocke (Nr. 21) nachweisbar, die aufgrund anderer Schriftmerkmale offenbar im 14. Jahrhundert entstanden ist. Dabei verdient vor allem die Ausstattung der Buchstaben mit begleitenden vegetabilen Zierlinien Beachtung. Diese Besonderheit ist im mitteldeutschen Raum auf mehreren Glocken anzutreffen und verweist anscheinend auf einen bestimmten Meister oder eine Werkstatttradition. 207) Im Querfurter Raum kommen indes lediglich die Worttrenner nochmals vor, die in Form kleiner, von Punkten umgebener Kreise für eine verlorene Göhrendorfer Glocke bezeugt sind (Nr. 7). Hier erkennt man schon deutlich die Bogenschwellungen der Gotischen Majuskel, jedoch fehlen noch die Abschlußstriche, und die vegetabilen Zierelemente lassen sich seltener beobachten.

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Daß dennoch dieselbe Gießerei angenommen werden darf, ergibt sich unabhängig von den Worttrennern aus der nahezu identischen Form einzelner Buchstaben. Dazu zählt vor allem das flachgedeckte A, das einen dünnen, beiderseits überstehenden und nach oben umgebogenen Deckbalken besitzt. Der linke geschwungene Schrägschaft weist eine starke Bogenschwellung auf, bevor er sich unten zu einer Haarlinie verjüngt und hakenförmig umgebogen ist. Hinzu kommen dieselben Halbnodi an C und E.

Zusammenfassend läßt sich festhalten, daß sich die Zeugnisse der Romanischen und Gotischen Majuskel auf Glocken im Kreis Querfurt – bezogen auf den gesamtdeutschen Raum – in vergleichsweise hoher Anzahl erhalten haben. Mehrere Indizien legen nahe, daß sich einige der Glocken aus der Wende vom 13. zum 14. Jahrhundert zwei schon anderweitig ermittelten Werkstätten zuweisen lassen.208) Der endgültige Nachweis wird weitgehend davon abhängen, ob die betreffenden Zierelemente (Zickzacklinie/vegetabile Umrandung) tatsächlich als spezifische Werkstattcharakteristika interpretiert werden können oder lediglich dem Geschmack der Zeit entsprachen.

5. 1. 2. In Stein gemeißelte Inschriften

In Stein haben sich lediglich drei Inschriften in Romanischer Majuskel erhalten (Nr. 1, 2, 5), die aus der zweiten Hälfte des 12. bzw. der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts stammen. Texte in Gotischer Majuskel sind hingegen vollständig verloren. Wie auf den Glocken setzen sich die Buchstaben aus schmalen und unverzierten Elementen zusammen, die entweder keine oder rechtwinklig angesetzte Sporen tragen. Das A ist spitz und besitzt einen beiderseits überstehenden Deckbalken. Die Bögen von P und R setzen unterhalb des oberen Schaftendes an. Die geschwungene Cauda des R trifft unabhängig vom Bogen auf den Schaft. An unzialen Lettern erscheinen lediglich E und H, wobei letzteres innerhalb der jüngsten Inschrift konturiert und mit deutlicher Bogenschwellung wiedergegeben wurde, so daß hier bereits der Ansatz zur Gotischen Majuskel spürbar ist (Nr. 5). Auch sind die Sporen hier teilweise dreieckig ausgebildet. Im Ganzen reiht sich der Buchstabenbefund ohne Besonderheiten in das bekannte Formeninventar der Romanischen Majuskel ein.

5. 1. 3. Gravierte Inschriften auf Goldschmiedearbeiten

Goldschmiedearbeiten mit Beschriftungen in Romanischer Majuskel sind nicht erhalten geblieben, aber es existieren zwei Kelche, die eine späte Gotische Majuskel tragen (Nr. 25, 26). Beide zeichnen sich durch starke Bogenschwellungen aus, die am Döcklitzer Meßkelch (Nr. 25) zusätzlich spitz ausgezogen sind. Daneben finden sich dreieckige, meist etwas gekrümmte Sporen, die selbst wiederum geschwungene Zierstriche oder Häkchen tragen. Besonders deutlich wurden sie an T, L und G ausgeführt. Die Binnenflächen der Buchstaben sind durch zusätzliche Bogeninnenschwellungen auf ein Mindestmaß reduziert und in der Regel abgeschlossen. Ein ähnliches Formeninventar ist auf zahlreichen Kelchen nicht nur des mitteldeutschen Raumes nachweisbar.209) Für die Ermittlung einer Werkstattzugehörigkeit fehlen somit spezifische Merkmale, aber auch Vergleichsstücke aus der näheren Umgebung. Grundsätzlich läßt sich lediglich sagen, daß die Schriftformen beider Kelche etwa der gleichen Zeit, dem dritten Viertel des 14. Jahrhunderts, angehören.

5. 2. Die Gotische Minuskel

Die Gotische Minuskel ist im Unterschied zur Romanischen und Gotischen Majuskel als fertige Schrift aus der Buchschrift übernommen worden und entspricht in ihrer Reinform der Textura.210) Prägendes Merkmal dieser Schriftart sind die Brechungen der Schäfte und Bögen, so daß im Normalfall keine Rundungen auftreten. Die Schäfte im Mittellängenbereich werden knapp unterhalb der Oberlinie bzw. oberhalb der Grundlinie umgebrochen. Hingegen schließen die Ober- und Unterlängen in der Regel ohne Richtungsänderung ab. Häufig sind sie schräg abgeschnitten oder gespalten. [Druckseite L] Da die Buchstaben zudem recht nah aneinandergestellt sind, ergibt sich die typische Gitterstruktur des Schriftbildes, die die Lesbarkeit mitunter beeinträchtigt. Aus der Beschränkung auf die Gerade als Grundelement folgt, daß die Buchstaben kaum variieren. Epigraphische Untersuchungen müssen sich deshalb mehr auf die Gestalt verwendeter Versalien oder auf den Gebrauch von Zierelementen konzentrieren. Ohne solche Anhaltspunkte lassen sich Werkstattzusammenhänge anhand der Schriftformen kaum ermitteln. Zur groben Orientierung können dann lediglich die Brechungswinkel, die Länge und Gestalt der Zierlinien und der Hastenenden dienen.

Obwohl die Gotische Minuskel bereits in Handschriften des 11. Jahrhunderts nachweisbar ist,211) setzt sie sich als Monumentalschrift erst im letzten Drittel des 14. Jahrhunderts durch.212) Mit dem 15. Jahrhundert entwickelt sie sich dann zur bevorzugten Schriftart des Handwerks und verdrängt die Gotische Majuskel nahezu gänzlich. Ab der Mitte des 16. Jahrhunderts wird sie schließlich von der Fraktur abgelöst und durch die Kapitalis weitgehend ersetzt.

Im Kreis Querfurt erscheint die Gotische Minuskel erstmals auf den Spruchbändern der Credoapostel des Niedereichstädter Altars (Nr. 30, um 1435) und auf den Wappensteinen Brunos VI. von Querfurt (Nr. 32, 1461; Nr. 33, 1469). Die spätesten Belege finden sich auf einer Glocke des Gießers Hans Möring (Nr. 110, 1571) und in den Ziffern einer Sittichenbacher Sonnenuhr (Nr. 213, 1630).

5. 2. 1. Gegossene Inschriften auf Glocken

Fast alle der nachweislich mit einer Gotischen Minuskel beschrifteten zwölf Glocken (Nr. 38, 43, 56, 59, 60, 62, 63, 65, 67, 69, 75, 110) lassen sich durch die inschriftliche Signatur, ein Meisterzeichen oder anhand typischer Buchstabenformen einem Gießer zuordnen. Die älteste von ihnen hing in der Gatterstädter St.-Petri-Kirche und stammte der darauf verzeichneten Marke nach aus der Gießhütte Claus Rimans (Nr. 38). Die überlieferte Abreibung der Inschrift läßt deutlich erkennen, daß die Buchstaben mit Hilfe von Modeln erstellt worden waren, denn obwohl die Abstände und die Neigung der Lettern ein wenig variieren, sind ihre Formen zu einheitlich, als daß ein Zuschnitt per Hand anzunehmen wäre. Dies gilt im übrigen auch für sämtliche späteren Glocken im Landkreis Querfurt. Die Versalien und Gemeinen auf der Gatterstädter Glocke sind gleich groß, und Ober- und Unterlängen ragen aus dem Mittelband nur geringfügig hervor. Das trapezförmige A und das unziale U gehören der Gotischen Majuskel an. Sie sind mit markanten, teilweise tropfenförmigen Bogenschwellungen versehen. Der untere Bogen des g holt nach rechts aus und besteht lediglich aus einem geraden Balken, der Bogen des h mündet in ein knapp unter die Grundlinie gezogenes Zierhäkchen. Manche dieser Merkmale finden sich auch auf einer Spielberger Glocke (Nr. 43). Obgleich hier breitere Lettern und keine Versalien verwendet wurden, ist dennoch ein Werkstattzusammenhang denkbar, da Buchstabendrehungen, wie in Spielberg beispielsweise bei h, für Riman charakteristisch sind.213) In Frage käme daneben auch der Gießer Paul Mas aus Eisleben. Seine typische c-Form, deren oberer Bogenabschnitt rechtwinklig gebrochen und deren unterer Bogenabschnitt auf ein Mindestmaß reduziert ist bzw. weggelassen wurde, haben eine auffällige Ähnlichkeit mit den hier erkennbaren Ausführungen. Hinzu kommt die Verwendung der runden Brakteatenabdrücke als Worttrenner (vgl. Nr. 65). Allerdings fehlt der für Paul Mas charakteristische A-Versal, der auf seinen Glocken stets pseudounzial gestaltet ist und zwei dünne, rechtsschräg gestellte Balken besitzt. Der nach rechts überstehende und linksschräg geschnittene Deckbalken kann dabei eine nach oben eingerollte Zierlinie tragen. Außerdem besteht auf Mas-Glocken zwischen dem geradlinigen unteren Bogen und dem Schaft des g keine Verbindung. Der Bogen des h und der Schaft des p durchschneiden die Grundlinie und sind an ihren unteren Enden gespalten. Diese Schriftmerkmale lassen sich auf sechs Glocken des frühen 16. Jahrhunderts in Gatterstädt, Barnstädt und Schraplau beobachten, die dem Eislebener Gießer deshalb eindeutig zuzuordnen sind (Nr. 59, 60, 63, 65, 67, 69).

Ebenfalls zu Beginn des 16. Jahrhunderts arbeitete der Naumburger Meister Matis Sommer. Von ihm stammte eine Glocke in Albersroda, deren Inschrift durch eine Abreibung überliefert ist (Nr. 56). Die Buchstaben variieren stark in Neigung und Größe, zugleich schwanken die Abstände untereinander sowie zur Grundlinie. Bemerkenswert ist vor allem die Form des g, dessen unterer Bogen in [Druckseite LI] das Mittelband gezogen und dessen oberer Teil des oberen Bogens als Deckbalken gestaltet ist, der den Schaft durchkreuzt. Als Worttrenner dienen Kreuze und waagerecht liegende Lilien.

Aus etwa derselben Zeit stammen zwei Glocken des sog. Halleschen Gießers, dessen Urheberschaft an den typischen Weinblättern und am Wappen der Stadt Halle (Saale) zu erkennen ist (Nr. 62, 75). Seine Buchstaben treten nur schwach hervor, ihre Bestandteile sind aber deutlich breiter als bei den oben vorgestellten Alphabeten. Auf der älteren Dornstedter Glocke benutzte der Gießer in Anno noch einen Versal, der auf der jüngeren nicht mehr erscheint. Dieses A ist in Form des Minuskelbuchstaben ausgeführt, wobei der untere Abschnitt des gebrochenen unteren Bogens fehlt und der obere Bogen als linksschräg gestellte Gerade erscheint. Das x besitzt stets einen Balken und einen senkrecht gestellten, unten gespaltenen Linksschrägschaft.

Der letzte Glockengießer, der im Bearbeitungsgebiet noch die Gotische Minuskel verwendete, war Hans Möring in Erfurt. Seine Schrift ist auf einer Loderslebener Glocke (Nr. 110) durch enge Spatien zwischen den Buchstaben trotz weiter Wortabstände geprägt. Versalien wurden nicht verwendet. Die Ober- und Unterlängen sind nur geringfügig ausgebildet. Der Schaft des h ist etwas verkürzt, so daß der Bogen länger erscheint, obwohl er noch innerhalb des Mittelbandes endet. Der obere Teil des gebrochenen oberen Bogens des g ist als rechts über den Schaft hinausragender Deckbalken gestaltet. An die Fahne des r und den Balken des t sind gekrümmte Zierlinien angehängt.

5. 2. 2. In Stein gemeißelte Inschriften

Die frühesten Belege der Gotischen Minuskel in Stein bieten zwei repräsentative Wappensteine, die von den durch Bruno VI. von Querfurt veranlaßten Befestigungsarbeiten auf der Burg Querfurt um die Mitte des 15. Jahrhunderts Nachricht geben (Nr. 32, 33). Beide Inschriften sind erhaben und sehr sorgfältig geschlagen. Die Buchstaben der älteren Inschrift heben sich nur flach von der Oberfläche ab, die acht Jahre jüngeren setzen sich hingegen aus kräftigen und wulstartig hervortretenden Bestandteilen zusammen. Während die Ober- und Unterlängen in der 1461 erstellten Inschrift deutlich aus dem Mittelband hervorragen, sind diese 1469 stark verkürzt worden. Auch wurde kein Versal mehr verwendet. Der zunächst fast rechtwinklig gebrochene Schaft des d liegt innerhalb der jüngeren Inschrift in einem Winkel von ca. 45°. Nahezu unverändert blieben indes die Formen des unten offenen q, des f mit dem nur rechts ansetzenden Mittelbalken und des zweistöckigen z. Als bemerkenswertes Detail sei der geschwungene und als Haarlinie ausgeführte linke Teil des gebrochenen oberen a-Bogens erwähnt, der in den späteren Steininschriften gänzlich fehlt.

Für die Zeit bis 1506 haben sich nur noch eingemeißelte Inschriften erhalten. Eine dünn geschlagene Jahresangabe von 1472 integriert als Versal ein unziales, links geschlossenes M (Nr. 34). Die Grabplatte der Anna von Gleichen zeigt Buchstaben ohne jegliche Haar- oder Zierlinien, die durch weite Spatien voneinander abgesetzt sind (Nr. 41). Beachtenswert ist dabei das kapitale Z, das auch innerhalb eines Wortes verwendet und deutlich flacher geschlagen wurde. Als Versal erscheint ein leicht eingerolltes G, dessen oberer Bogenabschnitt als waagerechter Balken verläuft. Der untere Bogen des unten offenen g holt nach rechts aus und ist auf einen einfachen, leicht rechtsschräg gestellten Balken reduziert. Qualitativ etwas höherwertig ist der Sterbevermerk für Elisabeth von Mansfeld ausgeführt (Nr. 42). Die Buchstaben sind hier dünnstrichiger, besitzen aber ebenfalls keinerlei Zierlinien.

Die Gatterstädter Tympanoninschrift (1500) zeigt hingegen wieder eine deutlich breitere, hier rechtwinklig ausgehobene Kerbe (Nr. 51). Ober- und Unterlängen wurden bis auf manche deutlich überhöhte h-Schäfte, die zusätzlich als Kreuz gestaltet sind, in das Mittelband gezwängt. An Versalien erscheint ein G, dessen Außenkontur rhombenförmig und dessen Innenkontur rund ist, sowie ein unziales M, dessen geschlossener linker Bogen sechs Brechungen aufweist. Bemerkenswert ist außerdem der unvermittelte Wechsel zu kapitalen Buchstaben innerhalb eines Satzes.

Aus dem Anfang des 16. Jahrhunderts ist in Barnstädt ein Fragment einer Bauinschrift erhalten geblieben, deren Buchstabenkonturen umrissen wurden (Nr. 54). Der Versal A hat nahezu dieselbe Größe wie die Gemeinen und ist mit einem Schrägrechtsbalken versehen. Die Oberlängen ragen auch hier nur geringfügig aus dem Mittelband heraus.

Ein etwas längerer Text in Gotischer Minuskel vom Jahre 1506 über dem Eingang zur Schnellrodaer Kirche (Nr. 64) weist zwei Versalien auf, ein A und ein symmetrisches unziales M. Der Bogen des h endet unterhalb der Grundlinie. Der untere Bogen des g ist ein einfacher Balken, der keine Verbindung zum Oberteil des Buchstaben hat.

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Des Versals wegen ist eine knappe Baudatierung am Chor der Alberstädter Kirche erwähnenswert (Nr. 61). Das A in Anno ist pseudounzial gestaltet, wobei der geschwungene linke Schaft mit dem Deckbalken verschmilzt. Die beiden linksschrägen Balken füllen fast den gesamten Binnenraum aus. Da innerhalb der Jahreszahl das Meisterzeichen des Hans Bainer angebracht ist, dürfte diese erhaben gemeißelte Inschrift von ihm selbst erstellt worden sein.

Der inschriftlich ausgeführte Hausname des Querfurter Gasthofes „Zur Goldenen Krone“ von 1534 (Nr. 89) zeigt wiederum flach und eckig hervortretende Buchstaben. Hervorgehoben seien hier der fast rechtwinklig umgebrochene obere Schaftteil des d und der äußerst kurze obere Schrägbalken am k. Kann man bereits hier eine Lockerung der Brechungen und eine einsetzende Rundung beobachten, so kommt diese Tendenz auf dem Schnellrodaer Grabdenkmal für Hans von Kannewurf (gest. 1540) noch deutlicher zur Geltung (Nr. 92). Die Cauda des G geht fließend in den Bogen über, der schließlich in einer Zierschleife endet. Das Schaft-s und das f sind geschwungen, und auch die beiden rechten Schrägschäfte am w sowie der Bogen des h sind mitunter deutlich ausgerundet. Eine in Stein gehauene Gotische Minuskel erscheint im ehemaligen Landkreis Querfurt letztmalig in den Ziffern einer Sonnenuhr zu Sittichenbach von 1630 (Nr. 213).

5. 2. 3. Gravierte Inschriften auf Goldschmiedearbeiten

Die Gotische Minuskel läßt sich auf zwei Abendmahlskelchen in Querfurt und Schraplau nachweisen (Nr. 36, 37). Beide stammen etwa aus der Mitte des 15. Jahrhunderts. Die gravierten Buchstaben treten erhaben aus den Rotuli hervor und waren offenbar ursprünglich von Email umgeben. Am Stilus des Querfurter Kelches sind die Lettern außerdem konturiert ausgeführt. Eine Gemeinsamkeit der auf beiden Arbeiten angebrachten Inschriften besteht im h, dessen Schaft oben gespalten ist und dessen Bogen in ein Zierhäkchen mündet, das knapp unterhalb der Grundlinie endet. Für eine Zuweisung an denselben Goldschmied ist dieses Schriftmerkmal freilich zu unspezifisch, auch reicht die Menge an weiteren vergleichbaren Buchstaben nicht aus. Erwähnenswert ist ferner, daß auf dem Querfurter Kelch am oberen Schaftabschnitt des g ein nach rechts überstehender kurzer Balken ansetzt, der durch eine Aussparung am Schaft paßgerecht eingepfropft scheint. Dasselbe Gestaltungselement läßt sich am p beobachten. Hier ist es der untere Bogenabschnitt, der durch den Schaft scheinbar hindurchgesteckt ist. Darüber hinaus wird der erwähnte Zierbalken am g durch eine lange, schaftparallele Haarlinie begrenzt, die sich auch auf den gemalten Spruchbändern der Niedereichstädter Altarfiguren von 1435 (Nr. 30) findet und im Bearbeitungsgebiet bisher nur im 15. Jahrhundert nachweisbar ist.

5. 2. 4. Gemalte Inschriften

Zu den ältesten Zeugnissen der Gotischen Minuskel gehören die gemalten Inschriften an Altären. Den frühesten Beleg dafür (um 1435) bieten die Schriftbänder der Credo-Apostel im Altarretabel zu Niedereichstädt (Nr. 30). Die Buchstaben sind offenbar zunächst in Rot vorgemalt und dann bis auf die Versalien mit schwarzer Farbe nachgezogen worden. Letztere sind der späten Gotischen Majuskel entnommen und mit zahlreichen Halbnodi und parallelen Zierstrichen ausgestattet. So weisen beispielsweise der Schaft und der Balken des runden T starke und spitz ausgezogene Schwellungen auf. Die Gemeinen, deren Ober- und Unterlängen allesamt in das Mittelband gezwängt wurden, sind häufig mit langen, dünnen Zierlinien versehen, z. B. an der Fahne des r, am g oder am Schaft-s.

Das nächstjüngere Zeugnis aus dem zweiten Drittel des 15. Jahrhunderts, eine Verkündigungsdarstellung mit dem Englischen Gruß auf einem ehemaligen Flügel des Obereichstädter Altares (Nr. 35), wurde offensichtlich nachträglich überarbeitet. Auch hier entstammen die Versalien der Gotischen Majuskel: Das rot hervorgehobene trapezförmige A weist an seinem gebogenen linken Schaft eine tropfenförmige Bogenschwellung und am rechten einen Halbnodus auf.

Die nächstfolgenden Beispiele zeigen zwar keine offenkundigen Restaurierungsspuren, sind jedoch stark beschädigt und für eine Schriftanalyse kaum noch auswertbar (Nr. 45, 86). Immerhin liefern sie einen weiteren Beleg dafür, daß das Bogen-s seit dem Aufkommen der Gotischen Minuskel im Kreis Querfurt stets rechtsschräg durchstrichen wurde. Letztmalig tritt die gemalte Gotische Minuskel um 1506 am Alberstedter Altar in Erscheinung (Nr. 66). Hier ist vor allem auf die stark verzierten Versalien hinzuweisen. Im Vordergrund steht dabei das zu einem Oval geschlossene S, das von zahlreichen Haarlinien begleitet wird und mit mehreren Zierpunkten besetzt ist. Ebenso ist der Schaft [Druckseite LIII] des J regelmäßig mit einer Bogenkante versehen. Als Worttrenner begegnen zum Teil an allen vier Ecken mit Zierstrichen geschmückte Quadrangel, die bereits am Obereichstädter Altar Verwendung fanden.

5. 3. Die Frühhumanistische Kapitalis

Neben der Gotischen Minuskel taucht gegen Ende des 15. Jahrhunderts für kurze Zeit eine Schriftart auf, die eine erneute Orientierung an den Formen der klassischen Kapitalis bzw. der vorgotischen Majuskel einleitet, sich jedoch durch bestimmte Zierformen auch davon absetzt. Die Frühhumanistische Kapitalis findet ihre Wurzeln im Bestreben humanistischer Kreise, wieder klar lesbare Buchstaben zu entwickeln.214) Ihre Gestalt ist durch Eigenheiten der Schrift des 12. und 13. Jahrhunderts geprägt, wie die Mischung von kapitalen und unzialen Elementen oder die schmalen Proportionen. Hinzu kommen einzelne Fremdformen, wie z. B. das epsilonförmige E oder das byzantinische M. Typisch sind weiterhin Ausbuchtungen, Nodi oder Halbnodi an Balken und Schäften sowie die keilförmigen Verdickungen der Hastenenden. Manche Buchstaben werden vorzugsweise retrograd wiedergegeben, insbesondere das N. Mitunter sind die Schrägschäfte – vor allem am A – leicht eingebogen. Diese Schrift hat sich vermutlich über handschriftliche Vorlagen zunächst in Süddeutschland verbreitet und fand als Auszeichnungsschrift vorrangig in der Tafelmalerei oder auf Goldschmiedewerken Verwendung.

5. 3. 1. Gravierte Inschriften auf Goldschmiedearbeiten

Im Landkreis Querfurt haben sich nur zwei Kelche erhalten, die mit Inschriften in Frühhumanistischer Kapitalis ausgestattet sind. Der eine von ihnen befindet sich in Schnellroda, stammt jedoch nachweislich aus Magdeburg (Nr. 76), der andere wird im Querfurter Pfarramt verwahrt (Nr. 77). Ihre Schriftformen weisen starke Ähnlichkeiten auf: Die größeren Buchstaben wurden in Kontur vor gitterartig schraffiertem Hintergrund eingraviert. Ihre Umrisse sind auf beiden Gefäßen teilweise doppelt umrandet. Das I ist in der Mitte leicht eingeschnürt und mit einem Nodus besetzt. Der Balken des H ist mit einer Ausbuchtung versehen. Im Unterschied zum epsilonförmigen und retrograd gestellten E des Querfurter Kelches ist dieser Buchstabe auf den Rotuli der Schnellrodaer Arbeit unzial ausgeführt; jedoch begegnet das epsilonförmige E auch dort in der linear eingravierten Stiftungsinschrift am Fuß. Diese läßt sich wiederum in vielen Einzelheiten mit dem Titulus und den kleineren Schriftbändern auf der Knaufunterseite des Querfurter Kelches vergleichen. Insbesondere ist dabei auf das trapezförmige A mit gebrochenem Mittel- und beiderseits überstehendem Deckbalken, das retrograde N und das R mit einer gewölbten und etwas ausgestellten Cauda zu verweisen. So bleiben an Buchstaben, die auf dem Querfurter Kelch nicht erscheinen, lediglich das eingerollte G und das unziale D. Da überdies die einzelnen Kelchbestandteile sehr ähnlich gestaltet sind, lassen sich beide Stücke ein und demselben Meister zuordnen, der vermutlich in Magdeburg ansässig war (Nr. 76).

5. 3. 2. Trassierte215) Inschriften

Trassierte Inschriften in Frühhumanistischer Kapitalis sind lediglich am Obhausener und am Alberstedter Altar nachweisbar (Nr. 55, 66). Am letzteren bleibt die Schaft- bzw. Bogenstärke der trassierten Buchstaben im Unterschied zu einer gemalten Inschrift auf demselben Träger nahezu konstant. Der Balken des H und der Schrägschaft des N sind mit einer Ausbuchtung versehen, das E ist epsilonförmig. Die Schrägbalken des K setzen gemeinsam in der Mitte des Schaftes an und verlaufen im Viertelkreisbogen zur Ober- bzw. Grundlinie.

Auf den Figurenpodesten des Obhausener Altares hat das A einen gebrochenen Mittel- und einen beiderseits überstehenden Deckbalken. Das B ist am Schaft durch einen Halbnodus verziert. Die Bögen treffen aufeinander, ohne den Schaft zu berühren. Dasselbe Gestaltungsprinzip gilt für den [Druckseite LIV] Bogen und die gewölbte Cauda des R. Sämtliche Buchstaben sind mit Sporen ausgestattet und weisen leichte Bogenverstärkungen auf.

5. 3. 3. Gemalte Inschriften

In der hier zu berücksichtigenden Tafelmalerei wurde die Frühhumanistische Kapitalis nur zweimal zur Wiedergabe des Englischen Grußes innerhalb von Verkündigungsdarstellungen verwendet. So auf einem aus Obhausen stammenden Altar (Nr. 55), auf dem sich sämtliche Besonderheiten dieser Schriftart nachweisen lassen: das epsilonförmige E, das retrograde N mit einem schwach erkennbaren Halbnodus am Schrägschaft und die nach oben ausgebuchteten Kürzungsbalken. Das G ist eingerollt, das D unzial. Die Schrägschäfte des spitzen A sind nach innen eingebogen, der Mittelbalken ist gebrochen und der Deckbalken beiderseits überstehend. Dieselbe A-Form findet sich auf dem Alberstedter Retabelflügel (Nr. 66). Nur sind hier die freien Schaft- und Bogenenden zudem keilförmig verdickt und mit Sporen versehen. Das epsilonförmige E setzt sich aus zwei unabhängigen Bögen zusammen, die nur ein kurzer senkrechter Schaft in der Mitte verbindet. Beide Altäre lassen sich zeitlich in das beginnende 16. Jahrhunderts einordnen.

5. 4. Die Kapitalis

Die Renaissance-Kapitalis orientiert sich zwar grundsätzlich an den Konstruktionsprinzipien des antiken römischen Alphabets, übernimmt jedoch keinesfalls immer dessen strenge Gesetze, wie beispielsweise den regelmäßigen Wechsel von Haar- und Schattenstrichen, die Bogenverstärkungen oder die Serifen.216) Vielmehr begegnet sie in zahlreichen regionalen und individuellen Ausprägungen, so daß sie unter den epigraphischen Schriften im besonderen Maße zur Identifizierung von Werkstattzusammenhängen herangezogen werden kann. Dazu kommt, daß innerhalb eines Inschriftenbestandes in der Regel ein hoher Prozentsatz in Kapitalis erhalten geblieben ist, so daß allein dadurch zahlreiche Vergleichsmöglichkeiten zur Verfügung stehen. So liegt auch aus dem Landkreis Querfurt etwa ein Viertel aller Inschriften in dieser Schriftart vor.

5. 4. 1. Gegossene Inschriften auf Glocken

Die Gießer der in Kapitalis beschrifteten Glocken gehen aus den Inschriften zweifelsfrei hervor. So kann es hier lediglich darum gehen, die typischen Buchstabenformen knapp vorzustellen, um werkstattimmanente und -übergreifende Schriftentwicklungen zu verdeutlichen.

Die beiden ältesten mit Kapitalis-Inschriften versehenen Glocken (1573) stammen von Eckhart Kucher und hängen in der Kirche der Ortschaft Vitzenburg (Nr. 113, 114). Die Buchstabenbestandteile sind gleichbleibend schmal und werden von kräftigen, zuweilen eingekerbten Serifen begrenzt. Der Balken des A sitzt weit oben, die unteren Balken an E und L sind am Ende stets leicht nach oben gebogen. Die geradlinigen Schrägbalken des K stehen spitzwinklig zueinander. Der Mittelteil des geraden oder nur schwach konischen M erreicht meist die Grundlinie, wobei der Rechtsschrägschaft den Konstruktionsprinzipien der Kapitalis gemäß dünner als der vorangehende Linksschrägschaft ist. Die geschwungene oder gerade Cauda des R endet oberhalb der Grundlinie. Als Worttrenner dienen große, rautenförmige Quadrangel.

Einige der genannten Schriftmerkmale lassen sich auch auf einer Dornstädter Glocke beobachten, die 1580 von George Beinroth in Eisleben gegossen wurde (Nr. 127). Dazu zählen vor allem das gekrümmte Ende des unteren E- und L-Balkens sowie der Wechsel von Haar- und Schattenstrichen im Mittelteil des M, bei N, V und Z. Die Bögen des B berühren sich zwar, verschmelzen aber nicht miteinander, bevor sie auf den Schaft treffen. D, S und das kreisrunde O zeigen leichte Bogenverstärkungen. Sporen sind deutlich ausgeprägt, Worttrenner fehlen gänzlich.

Die 1593 von Hans Beck in Leipzig gegossene Glocke (Nr. 141) zeigt einen wenig spezifischen Buchstabenbestand. Die Worttrenner sind paragraphzeichenförmig gestaltet. Haar- und Schattenstriche wechseln sich regelmäßig ab. Das spitze A ist überwiegend asymmetrisch nach rechts aus der [Druckseite LV] Achse verschoben, das Z besitzt einen Mittelbalken. Die Schrägbalken des K sind geradlinig, das M ist mitunter leicht konisch geformt, wobei der Mittelteil auf die obere Zeilenhälfte begrenzt bleibt. Die Sporen erscheinen durch die Breite der Hasten und Bögen unauffälliger. Auch hier trifft man auf leicht nach oben gebogene Enden der unteren Balken von E und L.

Auf der 1615 von Hieronymus Möring gegossenen Glocke in Grockstädt fehlt dieses Gestaltungsmerkmal (Nr. 183). Auch der Wechsel von Haar- und Schattenstrichen sowie Bogenverstärkungen unterblieben oder sind – wie beispielsweise am S und R – nur ansatzweise erkennbar. Das A besitzt einen gebrochenen Balken. Das M ist schwach konisch und hat einen auf die obere Zeilenhälfte beschränkten Mittelteil. Die Cauda des R und beide Schrägschäfte des X sind geschwungen ausgeführt. Sämtliche Lettern tragen dezente Sporen; als Worttrenner dienen einfache Punkte. Alle Buchstaben stehen in gleichen Abständen zueinander und sind wohlproportioniert.

5. 4. 2. In Stein gemeißelte Inschriften

Die erste in Stein gehauene Kapitalis liegt in einer Bauinschrift des Weißenschirmbacher Pfarrhauses von 1509 vor (Nr. 71). Sie verfügt über breit proportionierte und mit rechtwinklig angesetzten Sporen versehene Buchstaben, deren Kerben jedoch äußerst schmal geschlagen wurden. Der nächstjüngere Beleg stammt aus dem Jahre 1535. Es handelt sich dabei um eine erhaben gemeißelte Nameninschrift auf einem Wappenstein Kardinal Albrechts von Brandenburg am Kornhaus der Querfurter Burg (Nr. 90). Diese ist durch sehr breite Schäfte, keilförmig sich verdickende Schrägschäfte und relativ magere Bögen gekennzeichnet. Die Balken sind in der Regel schmaler gehauen. Das A hat einen nach links überstehenden Deckbalken und ist wie das M etwas nach links aus der Achse verschoben. Die Cauda des R wurde stachelförmig ausgeführt. Da im ehemaligen Kreis Querfurt aus dieser Zeit keine weiteren Vergleichsstücke zur Verfügung stehen, muß offen bleiben, ob hier ein einheimischer Meister am Werk war oder ob Kardinal Albrecht den Wappenstein in einer halleschen Werkstatt fertigen ließ.

Aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts haben sich indessen erstaunlich viele Inschriftenträger erhalten. Zu den bedeutenderen zählen die beiden Grabdenkmäler für Jobst von Geusau (Nr. 97, 98) in der Oberfarnstädter Kirche. Auf dem Epitaph (Nr. 98) findet sich das Monogramm und das Steinmetzzeichen des Meisters AW. Obwohl die Lettern auf dem anderen Grabdenkmal (Nr. 97) erhaben, größer und breiter gemeißelt wurden, läßt sich anhand der identischen Buchstabengrundformen und -proportionen auch diese Arbeit dem Künstler AW zuweisen. Die wichtigsten Indizien dafür sind das konische M, dessen Mittelteil bis zur Grundlinie herabreicht, die geradlinige und nicht umgebrochene Cauda des G, die gewölbte und weit ausgestellte Cauda des R sowie der Nexus zwischen zwei T, wodurch die Schäfte nah aneinanderrücken. Außerdem zeigen beide Grabschriften keinerlei Zierelemente. Weder Sporen noch ein Wechsel von Haar- und Schattenstrichen sind erkennbar. Schließlich stützen auch Gemeinsamkeiten in der figürlichen Gestaltung der Grabmäler die durch den Schriftvergleich gewonnene Zuweisung.217)

In der Farnstädter Kirche läßt sich die Hand eines anderen unbekannten Steinmetzen fassen, dem die Inschriften auf dem Grabmal der Margaretha von Geusau (gest. 1578; Nr. 121) und auf der einfacher gehaltenen Grabplatte des ersten Sohnes Günters von Geusau (gest. 1573; Nr. 112) zuzuweisen sind. Auch hier sind die Buchstaben schlicht und unverziert, die Kerben gleichbleibend schmal. Das G hat eine im rechten Winkel nach innen umgebrochene Cauda, das O bisweilen eine spitzovale Form. Der Mittelteil des konischen M bleibt auf das obere Zeilendrittel beschränkt. Die Cauda des R ist leicht geschwungen oder geradlinig, endet aber stets knapp oberhalb der Grundlinie. Als Notname wird bis zur Identifizierung des Meisters bzw. seiner Werkstatt die Bezeichnung „Farnstädter Steinmetz“ vorgeschlagen.

Eine Gruppe von einfachen Schriftplatten ohne Verzierungen läßt in der näheren Umgebung Querfurts auf einen weiteren unbekannten Steinmetz schließen. Dem Schriftbild nach stammen von ihm die 1571 gefertigte Spruchtafel vom Querfurter Gasthof „Zum Goldenen Stern“ (Nr. 111), die Tafel mit dem Namen des Cyriax Gunsch in Nemsdorf (1579; Nr. 125) und der Wappenstein des Hans Rühlmann in Schnellroda (1589; Nr. 139). Sämtliche Inschriften wurden erhaben ausgeführt. Die Buchstabenbestandteile sind gleichmäßig breit gehauen, Bögen und Schaft- bzw. Balkenenden [Druckseite LVI] schlicht und schmucklos gehalten. Die Cauda des G ist senkrecht gestellt, die des R geradlinig, leicht ausgestellt und manchmal etwas verkürzt. Der Mittelteil des konischen M endet immer oberhalb der Grundlinie. Als besonderes Erkennungsmerkmal dürfen die Worttrenner gelten, die stets als außerordentlich kräftige Quadrangel auf Zeilenmitte gesetzt wurden. Bei einer vierten Bauinschrift in Gatterstädt von 1597 (Nr. 148), deren Buchstaben starke Ähnlichkeiten mit den übrigen Stücken besitzen, fehlen diese, weshalb ihre Herkunft unsicher bleibt. Dieser Steinmetz sei bis zu seiner näheren Identifizierung als „Querfurter Steinmetz der Schrifttafeln“ bezeichnet.

Der Grabstein des 1598 verstorbenen Ratmannes Bron Merman (Nr. 150), der sich auf dem Querfurter Stadtgottesacker befindet und lange Zeit irrtümlich dem regional bekannteren Monogrammisten HK zugeschrieben wurde,218) zeugt von einem dritten im Querfurter Raum ansässigen Steinmetzen. Die ältere Zuweisung an HK läßt sich anhand des Schriftbefundes ausschließen. Indessen existieren zwei weitere Steindenkmäler, die tatsächlich die gleichen Buchstabenformen zeigen: ein im Lapidarium der Querfurter Burg aufbewahrter Grabstein aus Lodersleben (Nr. 152) und eine Schriftplatte in Leimbach (Nr. 160). Die Inschriften dieser drei Arbeiten zeichnen sich vor allem dadurch aus, daß die stark gewölbte, nahezu gebrochene Cauda des R unabhängig vom Bogen am Schaft ansetzt und daß sich die als Viertelkreisbögen gestalteten Schrägbalken des K nicht berühren. Der obere Bogenabschnitt des G ist in der Regel etwas verlängert und endet erst rechts von der senkrecht gestellten Cauda. Als seltener Nexus litterarum begegnet hier die Verbindung zwischen D und E. Außerdem ist der Schaft des L stets etwas nach rechts geneigt. Der anonyme Urheber dieser Werke soll vorläufig als „Querfurter Steinmetz des Bron-Merman-Grabsteins“ bezeichnet werden. Auf die beschriebene Form des L trifft man auch auf einer mit dem Namen NICKEL DELITSCHER versehenen Schriftplatte von 1587 im Innenhof der Vitzenburg (Nr. 135). Allerdings fehlen dort die übrigen typischen Schrifteigenschaften, so daß offenbar kein Werkstattzusammenhang vorliegt. Ebensowenig fanden sich für das darauf eingemeißelte Monogramm NR oder die beigefügte Marke weitere Belege.

Auf dem 1610 gefertigten Taufstein in der Obhausener St.-Johannes-Kirche (Nr. 171) erscheinen zwar als Worttrenner dieselben kurzen Schrägstriche wie auf dem Querfurter Grabmal des Bron Merman, doch lassen die Buchstaben keine Gemeinsamkeiten erkennen. Der Fuß trägt das Monogramm M NK. Als charakteristische Schrifteigenheiten sind vor allem der auffällig dünne Schrägschaft des N und die gewölbten Schrägbalken des K anzuführen, die miteinander verschmelzen, bevor sie auf den Schaft treffen. Das I besitzt regelmäßig einen dreieckigen i-Punkt. Der Mittelteil des stark konischen M endet in oder oberhalb der Zeilenmitte, und die ebenfalls gewölbte Cauda des R setzt weit vorn am Bogen an.

Der schon zuvor erwähnte Meister HK hat in der Stadt Querfurt selbst keine Spuren hinterlassen. Immerhin sind seinem Oeuvre aber drei Werke in der näheren Umgebung zuzuordnen. Diese Entdeckung ist besonders interessant, da die Urheberschaft HKs für jene Arbeiten von der Forschung bisher übersehen wurde. Dazu zählen zunächst die Kanzel (1601) und der Taufstein (1602) in der Wenzelskirche zu Niedereichstädt (Nr. 30, 156). Am Schaft des Taufsteins ist der Meister durch seine Signatur eindeutig nachgewiesen. Die ein Jahr früher entstandene Kanzel kann ihm indessen aufgrund der Schriftmerkmale zweifelsfrei zugeschrieben werden.219) Die Buchstaben sind auf beiden Objekten relativ breit proportioniert, während die Kerben verhältnismäßig schmal erscheinen. Besonders charakteristisch ist das spitze, asymmetrisch nach rechts aus der Achse verschobene A. B und R, dessen gewölbte Cauda weit ausgestellt ist, haben einen unverhältnismäßig kleinen oberen Bogen. Den mittleren, auffällig kurzen Balken des E begrenzt ein rechtsschräg angesetzter Sporn. Die erhaben geschlagenen Buchstaben der Nameninschriften am Kanzelkorb sind in ihren Einzelbestandteilen sehr viel fetter ausgeführt und lassen sich für HK sonst nicht nachweisen. Sie heben sich vor allem durch einen mäßigen Wechsel von Haar- und Schattenstrichen und durch leichte Bogenverstärkungen von den eingemeißelten Formen ab.

Die dritte Steinmetzarbeit, die in diesem Zusammenhang Aufmerksamkeit verdient, ist ein derzeit größtenteils vom Gestühl verdecktes Epitaph in der Öchlitzer Kirche (Nr. 154). Von der in die Wand eingelassenen Ädikula ist nur noch der Giebel und das Gebälk sichtbar. Im Fries erkennt man [Druckseite LVII] schwach ein übertünchtes Bibelzitat, dessen wahrnehmbare Wörter allerdings die für HK typischen Buchstaben A, B, E und R zeigen, so daß auch dieses Grabdenkmal ihm zuzurechnen ist.

Aus der relativ großen Zahl an Steinmetzarbeiten aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts seien schließlich einige Stücke vorgestellt, die bisher weder nach kunstgeschichtlichen noch nach epigraphischen Kriterien einer Werkstatt zugeordnet werden können. Sie sollen daher lediglich zur Illustration der allgemeinen Entwicklung epigraphischer Schrift- und Zierformen dienen. Hier ist zunächst das Grabdenkmal für einen unbekannten Bürger P. S. (gest. 1575) in der Großosterhausener Kirche zu nennen (Nr. 118). Die darauf verzeichnete Meistermarke220) ließ sich bisher nirgendwo sonst registrieren. Zu den charakteristischen Schriftmerkmalen zählen das trapezförmige, leicht nach rechts aus der Achse verschobeneA, dessen Deckbalken beiderseits nur geringfügig übersteht, das konische M, dessen Mittelteil oberhalb der Grundlinie endet, und das R, dessen geschwungene oder geradlinige Cauda ausgestellt ist. Die Schrägbalken des K sind wie die Cauda des G geradlinig. Sämtliche Buchstaben tragen markante Sporen.

Der Taufstein derselben Kirche ist 19 Jahre jünger (1594) und zeigt ein etwas anderes Schriftbild (Nr. 142). Zwar sind die Kerben der eingemeißelten Buchstaben ebenfalls schmal geschlagen, aber die Schrägbalken am K sind stets gebogen. Das A wurde spitz, das M gerade wiedergegeben. Die erhabenen Lettern zeigen einen Wechsel von Haar- und Schattenstrichen, außerdem ist vor allem an V und W eine keilförmige Verbreiterung der Schrägschäfte zu beobachten.

Etwa zu derselben Zeit entstand der Taufstein zu Alberstedt (1596; Nr. 146). Auch darauf sind die Buchstaben teils eingemeißelt, teils erhaben geschlagen. Unter den eingemeißelten stechen das K mit den extrem verkürzten, geradlinigen Schrägbalken und das R besonders hervor, dessen geschwungene Cauda regelmäßig unter die Grundlinie gezogen wurde. Der Mittelteil des geraden M endet bereits im oberen Zeilendrittel.

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts schuf der mit dem Notnamen „Kinderbildner“ bezeichnete Künstler221) das in Farnstädt erhaltene Epitaph für Georg von Geusaus ersten Sohn George (gest. 1603; Nr. 158). Er bediente sich dort neben der Kapitalis und der Fraktur auch einer Mischschrift aus beiden. Innerhalb der Kapitalis zeichnen sich seine Buchstaben durch deutliche Linksschrägen- und Bogenverstärkungen aus. Die Kerben der eingemeißelten Lettern sind relativ breit und im Schnitt rechtwinklig. Die Cauda des G ist eingestellt, die des R stets geschwungen, bisweilen auch unter die Grundlinie gezogen. Die Anfangsbuchstaben wurden meist deutlich größer ausgeführt.

Bezüglich der übrigen, anspruchsloser gefertigten Schriftzeugnisse der Kapitalis in Stein kann auf die entsprechenden Katalogartikel verwiesen werden (Nr. 101, 104, 107, 108, 115, 119, 122, 130, 145, 153, 157, 168, 170, 175, 182, 187, 189, 193, 199, 211). Lediglich zwei Inschriftenträger aus der Mitte des 17. Jahrhunderts seien noch genannt, da ihre Schriftbefunde starke Ähnlichkeiten erkennen lassen: das Obhausener Epitaph für Maria Magdalena Gräffe (gest. 1642; Nr. 219) und der Göhrendorfer Taufstein (1650; Nr. 224). Leider ist das Grabmal nur zum geringsten Teil in Kapitalis beschriftet – es sind lediglich die Initialen der Wappenführer –, so daß die Anzahl an vergleichbaren Buchstaben für den Nachweis eines Werkstattzusammenhangs nicht ausreicht. Dennoch sind die wenigen Schriftmerkmale so ähnlich, daß ihre Erwähnung künftigen Untersuchungen dienlich sein kann: Die betreffenden Buchstaben M, G, T und L kehren ohne jeden Unterschied auf dem Taufstein wieder. Das M ist gerade, der Mittelteil endet etwa in der Zeilenmitte. Die Schäfte und Balken von L und T stehen vollkommen rechtwinklig zueinander und tragen keinerlei Zierelemente. Das G besitzt hingegen am Bogen einen auffälligen, nahezu halbkreisförmig gekrümmten und symmetrisch angesetzten Sporn, der ebenso am C und S zu beobachten ist. Die Cauda ist geradlinig und senkrecht gestellt. Neben den Buchstaben deuten auch die Ziffern auf einen Zusammenhang hin: Auf beiden Werkstücken ist die anstrichlose 1 unten gespalten und die offene 6 an zweiter Stelle der Jahreszahl stark überhöht wiedergegeben. Außerdem wird die Jahreszahl beidemal durch ein Quadrangel in Höhe der Grundlinie abgeschlossen.

[Druckseite LVIII]

5. 4. 3. Gravierte Inschriften auf Goldschmiedearbeiten

Sämtliche erhaltenen Kapitalis-Inschriften auf Goldschmiedearbeiten des Landkreises Querfurt entstammen erst dem 17. Jahrhundert. Als früheste Zeugnisse sind zwei Kelche in Großosterhausen von 1606 bzw. aus dem einsetzenden 17. Jahrhundert zu erwähnen, deren Schriftformen nahezu identisch ausgeführt wurden (Nr. 165, 166). Allerdings ist anzumerken, daß die Hauptbestandteile des undatierten Gefäßes etwa ein Jahrhundert älter sind als die wohl während einer Reparatur eingravierten Inschriften. Auf beiden Kelchen stehen ober- und unterhalb des Knaufes zwei Anrufungen, deren konturierte Buchstaben vor einer dichten, aber unauffälligen Horizontalschraffur erscheinen. Die Breite der Schäfte, Balken und Bögen bleibt überwiegend konstant. Lediglich das I ist in der Mitte schwach eingeschnürt. Der Mittelbalken des E ist deutlich kürzer als Ober- und Unterbalken. Auf Sporen wurde verzichtet, nur manchmal sind die Enden leicht keilförmig verdickt. Obwohl sich die Anzahl der auf beiden Kelchen verwendeten und somit vergleichbaren Buchstaben auf I, E, V und S reduziert, ist infolge ihrer nahezu identischen Ausführung mit großer Wahrscheinlichkeit derselbe Goldschmied anzunehmen. Dafür spricht nicht zuletzt auch der Verwahrungsort, an dem sich der hier verwendete Notname „Großosterhausener Goldschmied“ orientiert. Zu den übrigen Buchstaben zählt als Fremdform ein unziales H, das sich durch einen äußerst kurzen Schaft auszeichnet, an dem ein halbkreisförmiger Bogen ansetzt. Der Mittelteil des konischen M bleibt auf die obere Zeilenhälfte beschränkt. Die geschwungene Cauda des R endet etwas oberhalb der Grundlinie.

Die nächstjüngere, auf 1626 datierte Arbeit stammt ebenfalls von einem bisher unbekannten Goldschmied, der lediglich durch eine gekrönte Marke näher bestimmt ist (Nr. 209).222) Von ihm hat sich im Querfurter Pfarramt eine Abendmahlskanne erhalten, in dessen Deckel eine Stiftungsinschrift eingraviert ist. Die Buchstaben werden durch rechtwinklig angesetzte, zum Teil aber asymmetrisch verschobene Sporen begrenzt. Die Schrägbalken des K verschmelzen weit vorn und treffen gemeinsam auf den Schaft. Der obere ist gewölbt, der untere zum Teil geschwungen. Das M ist konisch, die Cauda des R ebenfalls geschwungen und ausgestellt.

Eine hervorragend gestaltete Kapitalis findet sich auf dem Nemsdorfer Kelch von 1649, der von einem halleschen Meister namens Christian Schmit geschaffen wurde (Nr. 223). Die Buchstaben erscheinen in Halbkontur, die den regelmäßigen Wechsel von Haar- und Schattenstrichen sowie die Bogenverstärkungen zusätzlich betont. Die Binnenfelder weisen teilweise Schraffuren auf. Als Sporen dienen rechtwinklig oder schräg angesetzte Zierstriche, die manchmal asymmetrisch verschoben sind. Die Balken des E sind von unterschiedlicher Länge. Das O ist spitzoval, die Cauda des R leicht stachelförmig. Einige der Anfangsbuchstaben wurden deutlich größer ausgeführt.

Eine stark reduzierte Form der Halbkontur auf Goldschmiedearbeiten läßt sich innerhalb des behandelten Zeitraumes letztmalig an einem Albersrodaer Kelch (Nr. 225) beobachten. Auf den Rotuli wurden der linke Schrägschaft des V und das I doppelt gezogen. Hingegen sind das epsilonförmige E und das S, deren Bögen in Zierschleifen münden, gänzlich gravur-positiv223) ausgeführt.

Abschließend ist auf eine bisher unbekannte Arbeit des Goldschmieds Heinrich Funcke zu verweisen. Der betreffende Kelch (Nr. 228) gehört zum Querfurter Pfarrinventar und ist eine Stiftung der Eheleute Heinrich Christoph und Maria Catharina von Naso. Die auf dem Fuß eingravierten Namensinitialen sind leicht nach rechts geneigt, blieben aber bis auf wenige rechtwinklig und asymmetrisch angesetzte Sporen unverziert. Der Mittelteil des geraden M ist auf die obere Zeilenhälfte begrenzt. Als Besonderheit sei erwähnt, daß im Nexus GB das bedeutend kleinere B an die Cauda des G angefügt wurde.

5. 4. 4. Geschnitzte Inschriften

Die früheste geschnitzte Kapitalis-Inschrift ist eine Signatur am Altar der Kirche zu Esperstedt. Auf dessen Retabelrückwand sind die Initialen AS in zweifacher Ausführung und die Jahreszahlen 1587 bzw. 1589 deutlich lesbar (Nr. 134). Das A hat einen geraden Mittel- und einen beiderseits überstehenden Deckbalken, den zwei rechtwinklig angesetzte Sporen begrenzen. Die freien Enden der Schrägschäfte tragen waagerecht, aber asymmetrisch angesetzte Zierstriche. Ein Monogrammist AS [Druckseite LIX] ist für den mitteldeutschen Raum in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts anderweitig nicht belegt. So muß vorerst ungeklärt bleiben, ob es sich hierbei um die Signatur eines Kistners oder lediglich eine geritzte Nameninschrift handelt.

Erhaben ausgeschnitzte Inschriften in Kapitalis finden sich am Oberfarnstädter und am ehemaligen Gatterstädter Altar (Nr. 164, 184). Sie stammen vermutlich beide von demselben unbekannten Künstler, der auch die dazugehörigen Reliefbilder schuf. Die erhaben hervortretende Schrift besticht durch ausgewogene Linksschrägen- und spürbare Bogenverstärkungen, die jedoch etwas schwächer ausfallen. Die Anfangsbuchstaben wurden häufig größer ausgeführt. Die Cauda des G ist eingestellt, die des R geschwungen. Der untere geschwungene Schrägbalken des K ist deutlich breiter als der obere und das freie Ende des untere E-Balkens etwas nach oben gebogen.

5. 4. 5. Gemalte Inschriften

An auswertbaren gemalten Inschriften in Kapitalis lassen sich nur wenige anführen. Das früheste Zeugnis bietet der Großosterhausener Altar (Nr. 80) mit einem Schriftband, auf dem die ersten Verkündigungsworte des Erzengels an Maria zu lesen sind. Bemerkenswert ist hier vor allem, daß Bogen und Cauda des R einander berühren, ohne danach auf den Schaft zu treffen. Alle drei Balken des E sind gleich lang, die Schrägschäfte des V leicht nach innen gekrümmt. Die Cauda des G geht ohne Absatz in den Bogen über und ist oben nah an ihn herangeführt. Die asymmetrisch an die Schrägschäfte des A angesetzten Sporen weisen nach innen.

Abgesehen von einem Pfarrerbildnis von 1612 (Nr. 178), das 1861 renoviert wurde und dessen ohnehin geringfügiger Buchstabenbestand hier unberücksichtigt bleiben soll, läßt sich eine gemalte Kapitalis nur noch einmal auf einem Kanzelbrüstungsbrett in Esperstedt nachweisen (Nr. 134). Die Buchstabenformen des darauf verzeichneten Gebets lassen erkennen, daß der Schriftmaler von den Konstruktionsprinzipien der Kapitalis Kenntnis hatte, wenngleich er sie nicht immer qualitätvoll und konsequent umzusetzen vermochte. So ist ein deutlicher Wechsel von Haar- und Schattenstrichen zu beobachten, wobei teils die Linksschrägen, teils auch die Rechtsschrägen breiter sind. Die Bogenverstärkungen wurden regelmäßiger ausgeführt, obgleich auch diese mitunter fehlen. Manche der Haarstriche tragen kleine Ausbuchtungen nach oben. Die Cauda des R ist geschwungen, die des G eingestellt und die des Q regelmäßig unter die Grundlinie gezogen. Das M erscheint manchmal gerade, mitunter hat es auch einen rechtsschräg gestellten linken Schaft. Als Sporen dienen kurze, teils rechtsschräg, teils rechtwinklig angesetzte Zierstriche. Ein besonders auffälliges Charakteristikum der Schrift stellen die i-Punkte und Kommata dar, die ebenfalls mit schräg angesetzten Zierlinien versehen sind. Diese Besonderheit kehrt in zwei weiteren Inschriften der Kirche wieder, die in Humanistischer Minuskel und in Fraktur ausgeführt wurden (Nr. 176, 177), aber auch innerhalb einer Bauinschrift an der Altarrückwand der Niedereichstädter Kirche (Nr. 30). Hier wird als Maler Christoffel Faust aus Freyburg genannt, von dessen Hand zweifellos auch die Esperstädter Inschriften stammen. Die Entdeckung dieses nur inschriftlich bezeugten, in der Region jedoch offensichtlich mehrfach beauftragten Schrift- und Faßmalers aus dem ersten Viertel des 17. Jahrhunderts kann an dieser Stelle nur konstatiert werden. Zu seinem Schaffen läßt sich bisher lediglich festhalten, daß er sich aller drei im 17. Jahrhundert gebräuchlichen epigraphischen Schriftarten bediente, ohne ihre Gestaltungsprinzipien immer exakt einzuhalten.

5. 5. Die Fraktur

Seit der Mitte des 16. Jahrhunderts wird die Gotische Minuskel auch in den Inschriften allmählich durch die Fraktur abgelöst.224) Ihr Formeninventar entstammt der Kanzleischrift und beruht auf den Gestaltungsprinzipien der Bastarda225), wie sie sich vor allem im Umkreis Kaiser Maximilians I. in verschiedenen Ausprägungen herausgebildet hatte.226) Als typisches Stilmerkmal darf gelten, daß die konsequenten [Druckseite LX]

Bogenbrechungen der Gotischen Minuskel nunmehr durch die betont geschwungene Ausführung vieler senkrechter oder schräger Schäfte eine Auflockerung erfahren. Vor allem die Versalien sind häufig in mehrere Schwellzüge aufgelöst, die von zahlreichen Haarlinien begleitet oder durchkreuzt werden. Senkrechte Geraden entfallen dabei weitgehend. Die geschlossenen Bögen, wie in e oder o, erhalten überwiegend eine spitzovale Form. Die Schäfte von Schaft-s und f durchschneiden die Grundlinie. Die Unter- und Oberlängen der anderen Buchstaben sind in der Regel umgebogen oder enden in Schleifen.

Im Landkreis Querfurt läßt sich die Fraktur als epigraphische Schrift erst zu Beginn des 17. Jahrhunderts nachweisen. Dabei haben sich lediglich in Stein ausgeführte und gemalte Zeugnisse erhalten.

5. 5. 1. In Stein gemeißelte Inschriften

Frakturinschriften in Stein liegen zwar in mehreren Zeugnissen vor, ihre Schrift ist jedoch größtenteils so stark verwittert, daß schriftvergleichende Untersuchungen nur schwer vorzunehmen sind. Das früheste Beispiel blieb indessen außerordentlich gut erhalten. Dabei handelt es sich um das vom sog. „Kinderbildner“ geschaffene Epitaph für Georg von Geusau in der Farnstädter Kirche, auf dem Fraktur und Kapitalis gemischt auftreten (Nr. 158). Innerhalb der Fraktur sind die Bögen der Versalien G und S stark verlängert und als Schleifen zurückgeführt. Der untere Bogen des G ist unter der Grundlinie weit nach links gezogen.

Die nächstjüngeren Belege finden sich im Umkreis der Schnellrodaer Kirche und entstanden während der Wiederherstellung des Gebäudes im Jahre 1609. Dazu gehören eine längere Bauinschrift (Nr. 169) und ein im Ort ausgegrabenes Schaftstück, das der Schrift und seiner sechseckigen Form nach zu dem im Kircheninneren befindlichen Taufbecken gehört (Nr. 170). Mehrere Indizien sprechen dafür, daß alle drei Werkstücke aus der Hand bzw. der Werkstatt desselben Steinmetzen stammen, der hier vorläufig als „Schnellrodaer Steinmetz“ bezeichnet werden soll. Innerhalb der Bauinschrift ähnelt das G mit seinem unteren querovalen Bogenabschnitt stark der Gestalt desselben Buchstaben auf dem Taufbecken. Andererseits ist die in Humanistischer Minuskel ausgeführte Abkürzung A(nn)o dort identisch mit dem Datierungsformular auf dem Schaft, der wiederum die gleichen Kapitalis-Buchstaben trägt wie das Taufbecken. Hier fällt vor allem die geschwungene und weit unter die Grundlinie gezogene Cauda des R auf. Aber auch unter den Fraktur-Gemeinen sind einige Buchstaben durchaus vergleichbar, insbesondere das mit einem kurzen geschwungenen Schaft ausgestattete d oder das k, dessen oberer Schrägbalken stark zurückgebogen ist.

Weitere Zeugnisse der Fraktur befinden sich auf den Kirchhöfen zu Langeneichstädt (Nr. 185, 226), deren Inschriften aber zu stark verwittert sind, als daß sie schriftkundlich auswertbar wären. Ein Werkstattzusammenhang läßt sich gleichwohl ausschließen.

Das schon innerhalb der Kapitalisauswertung versuchsweise einem bestimmten Meister zugeordnete Epitaph für Maria Magdalena Gräffe in Obhausen (Nr. 219) stellt eine der letzten und zugleich qualitätvollsten Frakturinschriften im Bearbeitungszeitraum dar. Zunächst fällt auf, daß hier sowohl ein gerades als auch ein schräg liegendes Alphabet benutzt wurde. Unter den Gemeinen sei das h hervorgehoben, dessen Bogen unterhalb der Grundlinie nach rechts umgebogen ist. Das Schluß-s erscheint stets als Schleifen-s. Das G hat eine eingestellte Cauda, die keinen Kontakt zum fast geschlossenen Bogen hat. Den geschwungenen Schaft des L begleiten dünne Zierlinien, die ebenso am E, F und N zu beobachten sind. Leider lassen sich dieser höherwertigen Steinmetzarbeit – abgesehen vom Göhrendorfer Taufstein (Nr. 224) – bisher keine weiteren Schriftdenkmäler derselben Werkstatt gegenüberstellen.

5. 5. 2. Gemalte Inschriften

Die früheste gemalte Fraktur stammt von dem Freyburger Schriftmaler Christoph Faust und befindet sich an der inneren Südwand der Esperstedter Kirche über dem Ausgang zum Kirchhof (Nr. 177). Sie ist stark beschädigt, so daß nur wenige Buchstaben noch komplett erkennbar sind. Dazu zählt u. a. das h, dessen Bogen weit unter die Grundlinie geführt wurde und links des Schaftes wieder von unten auf die Zeile trifft. Der obere Abschnitt des t-Schaftes ist etwa im 45°-Winkel nach rechts abgeknickt, der des d bisweilen im Halbkreis nach vorn umgebogen. Die umgebrochenen Schaftenden im Mittelband tragen rechtwinklig angesetzte Zierstriche und die spitzovalen Bögen an d, G und W [Druckseite LXI] einen nach unten herausragenden Dorn. Die Versalien werden von mehreren geschwungenen Zierlinien begleitet und durchkreuzt. Auch finden sich die für Faust typischen i-Punkte und Interpunktionszeichen, die aus einem Quadrangel bestehen und zwei rechtsschräge Begrenzungslinien aufweisen.

Die beiden zuletzt genannten Merkmale sind auch auf der Altarrückwand der Niedereichstädter Kirche (Nr. 30) zu beobachten. Der linke Schaft des Fraktur-A ist doppelt ausgeführt und von geschwungenen Zierlinien umgeben. Das D wurde rechtsschräg durchstrichen. Unter den Gemeinen sind die oben genannten Zierformen hingegen nicht mehr so stark ausgeprägt. Der Schaft des d ist nirgends halbkreisförmig umgebogen, und der Bogen des h ist zwar mitunter weit unter die Grundlinie geführt, trifft jedoch nie links des Schaftes wieder auf das Mittelband.

Ein drittes Zeugnis hat sich in dem 1861 renovierten Ölportrait des Pfarrers Simon Stubenrauch erhalten (Nr. 178). Der Abgebildete hält ein halb geöffnetes Buch so in den Händen, daß ein Teil der in Fraktur beschriebenen Seiten sichtbar wird. Hervorzuheben ist vor allem das h, dessen Schaft oben wiederholt in eine Schleife mündet und dessen Bogen unterhalb der Grundlinie nach links eingebogen ist. Statt eines Schaft-s hat der Maler nur das Bogen-s verwendet.

5. 6. Die Humanistische Minuskel

Auch die Humanistische Minuskel geht wie die Kapitalis auf das Bestreben humanistischer Kreise zurück, wieder klar lesbare und einfache Buchstabenformen zu verwenden, wie sie vor den gotischen Schriftarten in Gebrauch waren.227) Dabei orientierte man sich vor allem an der Karolingischen Minuskel 228), in der die meisten antiken Texte überliefert waren und auf die nun in leicht modifizierter Form zurückgegriffen wurde. Die Humanistische Minuskel diente zunächst als Buchschrift und läßt sich seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts verstärkt auch als Monumentalschrift nachweisen. Kennzeichnend ist der Verzicht auf Brechungen; die Bögen erscheinen wieder rund und die Schäfte enden geradlinig. Die Unterlängen am f und Schaft-s entfallen, auch der Bogen des h ist in der Regel nicht unter die Grundlinie gezogen.

5. 6. 1. Gemalte Inschriften

Im ehemaligen Landkreis Querfurt ist diese Schriftart bis 1650 – abgesehen von einer A(nn)o-Abkürzung (Nr. 170) – nur in zwei 1612 gemalten Wandinschriften der Esperstedter Kirche verwendet worden (Nr. 176, 177). Der Schriftmaler war wiederum der schon mehrfach erwähnte Christoph Faust aus Freyburg a. d. Unstrut. Seine Hand kennzeichnen neben den typischen, von zwei kurzen Schrägrechtslinien begrenzten Punkten die mitunter sehr lang ausgeführten Oberlängen an h und d. Der obere Teil des t-Schaftes ist auch hier im 45°-Winkel nach rechts umgebrochen. Die Schäfte des f und s ragen allerdings in den Unterlängenbereich, so daß genau genommen von einer Mischminuskel zu sprechen ist. Auch die Schrägschäfte des v sind stark nach rechts durchgebogen und zeigen so eine gewisse Nähe zur humanistischen Kursive. Besonders auffällig sind die Zierhäkchen, die sich an der Ober- und Unterseite des o und teilweise auch auf dem Bogen des e befinden. Das u ist regelmäßig mit einem kleinen Dreiviertelkreis als diakritisches Zeichen ausgestattet. Allgemein prägen den Schriftduktus deutliche Bogenverstärkungen sowie die Verwendung von Serifen.

Zitationshinweis:

DI 64, Querfurt, Einleitung, 5. Schriftformen und Werkstattzusammenhänge (Ilas Bartusch), in: inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di064l002e009.

  1. Vgl. Kdm. (Querfurt) 1909, S. 317–348, insbes. S. 338–348; Kdm. (Mansf. Seekr.) 1895, S. 426–460, insbes. S. 448–460; Grössler 1878; Schilling 1988; BA Querfurt, Heinzel. »
  2. Vgl. wie auch im folgenden Terminologie 1999, S. 28 f.; DI 37 (Rems-Murr-Kr.) 1994, S. XLI; Favreau 1997, S. 76–85; Kloos 1992, S. 123–132. Außerdem sei verwiesen auf Koch 1981, S. 148 f.; Panzer 1966, S. 340; Arens/Bauer 1945, S. 6 f.; Brandi 1937, S. 29–32; Rauh 1935, S. 15–54; Bauer 1926, S. 34–39. »
  3. Vgl. Bauer 1926, S. 35 f. »
  4. Vgl. z. B. DI 11 (Merseburg) 1968, Nr. 4. Zu weiteren Nachweisen vgl. die Angaben in Nr. 14 und 15»
  5. Siehe unten und Nr. 21»
  6. Vgl. die Argumentation unter Nr. 22»
  7. Vgl. Kdm. (Querfurt) 1909, S. 39. »
  8. Vgl. Schuster 1967, S. 333f. Zu den Parallelbeispielen vgl. Nr. 21 Anm. 11. »
  9. Vgl. zum Indiz der senkrechten Zickzacklinie Schubart 1896, S. 201; zu den floralen Zierlinien Schuster 1967, S. 333 f. »
  10. Vgl. die Parallelbeispiele in Nr. 25 Anm. 3. »
  11. Vgl. wie auch im folgenden Terminologie 1999, S. 46 f.; DI 37 (Rems-Murr-Kr.) 1994, S. XLVI f.; Kloos 1992, S. 134–138; Brandi 1937, S. 35–40. Zur Textura vgl. Bischoff 1986, S. 171–183. »
  12. Vgl. Bischoff 1986, S. 171 f. »
  13. Vgl. Kloos 1992, S. 136. »
  14. Vgl. LfD Dresden, Jungwirth 1941, S. 55. »
  15. Vgl. wie auch im folgenden Terminologie 1999, S. 30; DI 37 (Rems-Murr-Kr.) 1994, S. L; Kloos 1992, S. 153–156; Koch 1990, S. 337–345; Neumüllers-Klauser 1990, S. 315–328; Brandi 1937, S. 32–35. »
  16. Mit dem Begriff „trassieren“ wird das Einpressen der Buchstabenformen in den noch frischen Gold- bzw. Kreidegrund bezeichnet, vgl. Reclams Hb. Tech. 1, 1984, S. 197 f. »
  17. Vgl. wie auch im folgenden Terminologie 1999, S. 26; DI 37 (Rems-Murr-Kr.) 1994, S. LII; Kloos 1992, S. 158–160. Zu den Konstruktionsprinzipien der antiken Kapitalis vgl. Muess 1989. »
  18. Vgl. zum Meister AW Kdm. (Querfurt) 1909, S. 329. »
  19. Vgl. Naumann 1920, S. 29; Otto 1982, S. 62. Zu HK siehe unten. »
  20. Vgl. zu den typischen Schriftformen des Meisters HK auch DI 62 (Weißenfels) 2005, Nr. 153»
  21. Vgl. Fig./Stz./M. Nr. 21. »
  22. Vgl. zu ihm Kdm. (Querfurt) 1909, S. 329 Nr. 10. »
  23. Vgl. Fig./Stz./M. Nr. 27. »
  24. Vgl. zum Begriff Bayer 1999, S. 97. »
  25. Vgl. wie auch im folgenden Terminologie 1999, S. 48; DI 37 (Rems-Murr-Kr.) 1994, S. LIII f. mit Anm. 158 (Lit.); Kloos 1992, S. 141–143. »
  26. Vgl. Bischoff 1986, S. 191–195. »
  27. Vgl. zu den Anfängen Fichtenau 1961. »
  28. Vgl. wie auch im folgenden Terminologie 1999, S. 48; DI 37 (Rems-Murr-Kr.) 1994, S. LVI; Kloos 1992, S. 143–153; Bischoff 1986, S. 195–201. »
  29. Vgl. Bischoff 1986, S. 151–160. »