Inschriftenkatalog: Stadt Düsseldorf

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 89: Stadt Düsseldorf (2016)

Nr. 208 St. Andreas, Mausoleum 1651

Beschreibung

Zinnsarg für Anna Catharina Constantia, die 1651 verstorbene erste Gemahlin Pfalzgraf Philipp Wilhelms. Der Sarg steht im Mausoleum in der ersten Nische auf der linken Seite auf in die Wand eingelassenen Stahlwinkeln. Der zum Fußende hin schmaler und niedriger werdende Sarg ist an den Kanten mit einem aufgesetzten, mehrteiligen, welligen Band verziert. Am Kopfteil des dachförmigen Deckels ist auf die horizontale Deckelfläche der achtzeilige Sterbevermerk in Form eines Chronogramms graviert. An den Seitenflächen sowie den Kopf- und Fußteilen befinden sich Tragegriffe aus Eisen; die ursprünglichen Schlossbänder und Spangen wurden bei Restaurierungen 1934/35 durch kurze, aufgeschraubte Spangen aus Bronze ersetzt. 2007 wurde die Oberfläche des Sarges gereinigt und so behandelt, dass die Inschrift wieder gut lesbar ist.1)

Maße: H. 62 cm (Kopfteil), 46 cm (Fußteil); L. 182 cm; Bu. 0,6 cm.

Schriftart(en): Kapitalis.

DI 89, Nr. 208 - St. Andreas, Mausoleum - 1651

 LVR - Amt für Denkmalpflege im Rheinland (Viola Blumrich) [1/2]

  1. ANNA CATHARINA / CONSTANTIA / PHILIPPO WILHELMO / PRINCIPI TER OP/TATA CONIVX / FVNERE TERRAS / VIRTVTE POLOS / INTRAT

Übersetzung:

Anna Catharina Constantia, die dem Fürsten Philipp Wilhelm überaus geliebte Gemahlin, tritt im Tode ins Erdreich ein, aufgrund ihrer Tugend in den Himmel.

Datum: 1651.

Kommentar

Die Inschrift ist insgesamt nicht sehr sorgfältig ausgeführt. In Zeile 1 und 3 reichen die Buchstaben sehr nah an die rechte Kante heran; nicht alle Buchstaben stehen auf der Grundlinie und ihre Höhe variiert, auch innerhalb eines Wortes. Der Großteil der Schäfte ist in doppelten Linien ausgeführt, die Balken und Bögen einfach. Bei CONSTANTIA findet sich ein S mit gegenläufigen Bögen; der kurze Mittelteil des M endet deutlich über der Halbzeile. Ab Zeile 4 ist der Mittelbalken bei A leicht schräg. Die Buchstaben des Chronogramms sind durch ihre Schriftgröße (ca. 0,3 cm größer) hervorgehoben.

Anna Catharina Constantia, Tochter des polnischen Königs Sigismund III. und Schwester des polnischen Königs Wladislaus IV., war die erste Gemahlin des späteren Pfalzgrafen Philipp Wilhelm. Die Ehe wurde im Juni 1642 in Warschau geschlossen.2) Anna ist am 9. Oktober 1651 in Köln in der Propstei von St. Gereon verstorben,3) „vermutlich an einem Schlaganfall“.4) Ihr Leichnam wurde am 28. November auf dem Rhein von Köln nach Düsseldorf und nach der Ankunft, die am folgenden Tag mittags um 12 Uhr erfolgte, in die Andreaskirche gebracht. Dort fand am 30. November nach der Leichenpredigt und der Seelenmesse die Beisetzung allerdings nicht am heutigen Standort ihres Sarges im Mausoleum, sondern „in den keller hinder den altar“ statt.5) Ihr Herz und ihre Eingeweide waren in der Kölner Jesuitenkirche St. Mariä Himmelfahrt bestattet worden.6)

In der Predigt, die Johannes Rosenthal beim Totenamt hielt, wurde die in der Inschrift angesprochene große Frömmigkeit der Verstorbenen besonders gepriesen.7) In ihrem Brautschatz brachte sie zahlreiche Reliquien, Paramente und Kleinode mit, von denen einige auch in den Reliquienschatz der Andreaskirche übergeben wurden.8) Nach ihrem Tod wurden weitere Reliquien aus Polen nach Düsseldorf gesandt.9)

Sie ist das erste Mitglied der pfalz-neuburgischen Herrscherfamilie, das in St. Andreas beigesetzt wurde.10) Die Entwicklung der Grablege für die kurfürstliche Familie hat zuletzt J. R. Wolf anhand neu ausgewerteter Quellen präzisieren können.11) Demnach ging die Anfügung des Mausoleums nicht, wie mehrfach angenommen, auf das Testament Pfalzgraf Wolfgang Wilhelms von 164212) zurück. Dieses sah lediglich ein „Epitaphium, so ich mir undt meinen nachkhommen alhie zu bawen und fertigen zu laßen vorgenohmmen“ vor,13) „das in einer gewölbten Chorverlängerung hinter dem Hochaltar aufgestellt werden sollte“.14) Es erfolgte jedoch nur die Errichtung eines Gewölbes unter dem Chor für die Grablege, das erwähnte Epitaph wurde nicht angefertigt.15)

Noch 1693 wird diese Gruft in einem Testamentsentwurf Kurfürst Johann Wilhelms erwähnt, ebenso mehrfach in der Korrespondenz über die Beisetzung desselben im Jahr 1716, aus der auch hervorgeht, dass es in St. Andreas neben der Gruft für die Mitglieder der kurfürstlichen Familie eine zweite für die Jesuiten gegeben hat.16) Die Errichtung des außen zwölf- und innen sechsseitigen Mausoleums, in dessen Innerem die Särge heute in fünf Nischen aufgestellt sind, ist erst im Zusammenhang mit der Beisetzung Johann Wilhelms in den Jahren 1716/17 erfolgt, ebenso die Erweiterung des Chores um ein zweites Chorjoch.17) Über die Verlegung der Särge aus der Gruft in das Mausoleum sind bislang keine Quellen bekannt. Wolf geht im übrigen davon aus, dass mit der Ortsangabe „in den keller hinder den altar“ nicht die nach dem Testament Wolfgang Wilhelms eingerichtete und 1651 noch nicht fertig gestellte Gruft bezeichnet worden ist.18)

Die Ausstattung des Mausoleums war allerdings auch 1717 nicht vollendet worden, denn bereits in der Mitte des 18. Jahrhunderts wurde über weitere Arbeiten im Mausoleum, insbesondere die Verlegung eines Steinfußbodens, verhandelt. Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts wird auf den nicht vollendeten inneren Ausbau hingewiesen.19) Neben verschiedenen Sanierungsmaßnahmen, die im Laufe der Zeit durchgeführt werden mussten, wurden 1912–1915 Pläne zu einer umfassenden Umgestaltung des Mausoleums entwickelt, deren Umsetzung aber durch den Verlauf und Ausgang des Ersten Weltkriegs vereitelt wurden.20) Im Gedenkjahr 1929 (300 Jahre St. Andreas) befand sich das Mausoleum in einem äußerst desolaten Zustand.21) Es folgten Instandsetzungs- und Umgestaltungsmaßnahmen in den Jahren 1934/3522) und 195823), schließlich 1984/85 eine Restaurierung und Reinigung der Särge.24) Die Inschriften finden in diesen Zusammenhängen keine Erwähnung. Während der Vorarbeiten zu den Maßnahmen von 1958 ist der Sarg der Anna Catharina Constantia 1957 geöffnet und ihr Leichnam gerichtsmedizinisch untersucht worden.25)

Zuletzt wurden 2007 aus Anlass des 2008 gefeierten 350. Geburtstages Kurfürst Johann Wilhelms (Jan Wellem) eine Renovierung des Mausoleums und umfangreiche Restaurierungs- und Konservierungsmaßnahmen unter der Fachleitung des Rheinischen Amtes für Denkmalpflege durchgeführt. Dabei wurden die Oberflächen der Särge so gereinigt und bearbeitet, dass die auf den Deckeln befindlichen, „nur bei starkem Streiflicht“ erkennbaren Inschriften heute wieder mit bloßem Auge und bei Tageslicht zu erkennen sind.26)

Anmerkungen

  1. Zu den Griffen und Beschlägen Conrad u. a., Särge, S. 23; zu den 1934/35 durchgeführten Maßnahmen LAV NRW R, Reg. Düsseldorf, Nr. BR 1013/178; zu den 2007 durchgeführten Arbeiten s. im Kommentar.
  2. Vgl. zu der Eheschließung und ihrer Vorgeschichte Schmidt, Philipp Wilhelm, Bd. 1, S. 29–31.
  3. Dazu Brosius/Mappius, Annales Juliae, Bd. 3, S. 154f. Eine deutsche Übersetzung der Passagen bei Zacher, Kirchenschatz, S. 88f.
  4. Schmidt, Philipp Wilhelm, Bd. 1, S. 52.
  5. LAV NRW R, Hss. M II 1, fol. 377r. Vgl. außerdem Vollmer, Beiträge, S. 36, u. zuletzt Wolf, Mausoleum, S. 66 (mit falscher Angabe des Datums der Beisetzung).
  6. Brosius/Mappius, Annales Juliae, Bd. 3, S. 154f.; vgl. auch Strauven, Mausoleen, S. 24, u. Zacher, Kirchenschatz, S. 89.
  7. Jaitner, Konfessionspolitik, S. 31; die Predigt: Johannes Rosenthal, Leichpredigt der Durchleuchtigsten Gottseliglich Abgestorbenen Fürstin und Frawen Fr. Annae Catharinae Constantiae ..., Köln 1651 (=VD17 12:127133U). Das Verzeichnis der Düsseldorfer Drucke, S. 39, Nr. 145, enthält ein 1651 erschienenes, „Lacrymae virtutum … Annae Catharinae Constantiae … Philippo Wilhelm Com. Pal. … nuptae“ betiteltes Werk des Düsseldorfer Jesuitenkollegs.
  8. Jaitner, Konfessionspolitik, S. 31; Zacher, Kirchenschatz, S. 88.
  9. Jaitner, Konfessionspolitik, S. 26; Zacher, Kirchenschatz, S. 90.
  10. Bayerle, Kirchen, S. 144, und Dahm, Ruhestätten, S. 105, behaupten fälschlicherweise, dass bereits Pfalzgräfin Magdalena, die am 25. September 1628 verstorbene, erste Gemahlin Pfalzgraf Wolfgang Wilhelms, in St. Andreas beigesetzt worden sei. Ihr Begräbnis erfolgte jedoch am 8. Juli 1629 in der Hofkirche zu Neuburg. Vgl. dazu Henker, Begräbnis. Dort (S. 74) auch der Nachweis, dass 1651 nach ihrem Tode für Anna Catharina Constantia in der Neuburger Hofkirche ein Trauergerüst errichtet worden ist, bei dem es sich um das 1628 für Magdalena entworfene und erbaute Castrum doloris gehandelt hat, das 1651 lediglich am oberen Teil mit einigen Inschriften versehen worden war. Auch die Angabe von Dahm und anderen (vgl. Nr. 207 Anm. 1), die im März 1651 verstorbene, zweite Gemahlin Wolfgang Wilhelms, Catharina Charlotte, sei im Mausoleum beigesetzt worden, trifft nicht zu. Sie wurde in der Gruft in St. Lambertus bestattet (s. Nr. 207; vgl. Vollmer, Beiträge, S. 36).
  11. Vgl. zum Folgenden Wolf, Mausoleum, bes. S. 66–70. Eine Übersicht über die bislang vertretenen Ansichten zur Baugeschichte von St. Andreas, insbesondere des Mausoleums und des Chores ebd., S. 79–80 Anm. 10.
  12. LAV NRW R, Jülich-Berg II, Nr. 4354.
  13. Ebd., fol. 14v; vgl. auch Vollmer, Beiträge, S. 35.
  14. Wolf, Mausoleum, S. 66.
  15. Ebd., S. 66.
  16. Vgl. dazu ausführlich ebd., S. 66–68. Diese Gruft ist 1989 bei der Erneuerung der Heizungsanlage wiederentdeckt worden. Sie befindet sich unter dem vorletzten Joch des Langhauses und verläuft unter den Seitenschiffen bis zu den Altären an den Stirnwänden (vgl. Stevens, Gruftgewölbe).
  17. Vgl. Wolf, Mausoleum, S. 68–70. Neben dem Sarg der Anna Catharina Constantia befinden sich heute dort die Särge von Pfalzgraf Wolfgang Wilhelm (Nr. 214), Kurfürst Johann Wilhelm und fünf weiterer Mitglieder der Herrscherfamilie.
  18. Vgl. Wolf, Mausoleum, S. 66.
  19. Vgl. Mindel, Wegweiser, S. 59.
  20. Vgl. Wolf, Mausoleum, S. 72–76. Vgl. zum Zustand des Mausoleums und Plänen zur Sanierung aus der Zeit um 1820 die Angaben bei Kauhausen, Geschichte, S. 104–108.
  21. Vgl. Gustav Reuter, Jan Wellem und seine Zeit. Seine Ruhestätte im Mausoleum bei der Jesuitenkirche, in: Jan Wellem. Monatsschrift für Düsseldorf, Niederrhein und Bergisches Land, 4. Jahrgang, 1929, Heft 1, S. 3–9, hier S. 8–9.
  22. Vgl. dazu zuletzt Wolf, Mausoleum, S. 76f.; vgl. auch LAV NRW R, Reg. Düsseldorf, Nr. BR 1013/178 und Kauhausen, Geschichte, S. 109–111, sowie Buschmann, Geschichte, S. 41.
  23. Jahrbuch der Rheinischen Denkmalpflege 22 (1959), S. 145: „Instandsetzung des Mausoleums und der Bleisärge“ ohne weitere Angaben. Im Zuge dieser Arbeiten wurden auch deutschsprachige Inschriften mit einigen Angaben zu den im Mausoleum Bestatteten vor den jeweiligen Särgen in den Fußboden gemeißelt, deren Wortlaut nicht mit dem der auf einigen Särgen befindlichen Inschriften identisch ist. Vgl. dazu z. B. Buschmann, Geschichte, S. 47; Düsseldorf, Stadt und Kirche 2, Nr. 1, S. 100; Edmund Spohr, Die Bautätigkeit Johann Wilhelms in Düsseldorf, in: Kat. St. Andreas, S. 55–63, S. 60.
  24. Vgl. Conrad u. a., Särge, S. 23.
  25. Vgl. zu dieser Angabe Buschmann, Geschichte, S. 47.
  26. Vgl. bei Conrad u. a., Särge, den Bericht über die wichtigsten Ergebnisse; das Zitat ebd., S. 23.

Nachweise

  1. Bayerle, Kirchen, S. 146.
  2. Strauven, Mausoleen, S. 24 (fehlerhaft).
  3. Maes, Chronogramme, S. 4.

Zitierhinweis:
DI 89, Stadt Düsseldorf, Nr. 208 (Ulrike Spengler-Reffgen), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di089d008k0020801.