Inschriftenkatalog: Stadt Düsseldorf

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 89: Stadt Düsseldorf (2016)

Nr. 192 Neanderkirche 1644

Beschreibung

Abendmahlskanne. Silber, vergoldet; gegossen, getrieben, graviert. An dem zylindrischen, sich leicht verjüngenden Corpus befindet sich ein Henkel aus zwei gegenläufigen C, den Initialen der Stifterin (A). Der untere Rand ist reich profiliert; an einem Scharnier mit hoher Daumenrast ist ein Deckel mit Horizontalband angebracht, über dem sich eine gewölbte und darüber eine flache Stufe erheben. Auf dieser zweiten Stufe, eingefasst durch einen Lorbeerkranz, in der Mitte unter einem Kurfürstenhut in einem Schild die Wappen von Pfalz-Neuburg und Pfalz-Zweibrücken mit umlaufender, nach innen durch eine Linie begrenzter Stifterinschrift mit Namen und Titel der Pfalzgräfin (B). Am Boden sind ein Düsseldorfer Beschauzeichen1) und das Meisterzeichen des Meisters mit der Doppellilie, Heinrich Ernst2), eingeschlagen.

Maße: H. 27 cm (mit Deckel, ohne Daumenrast); Dm. 17 cm (Boden), 12 cm (oberer Rand); Bu. 0,3 cm (B).

Schriftart(en): Kapitalis.

DI 89, Nr. 192 - Neanderkirche - 1644

 AWK NRW, Arbeitsstelle Inschriften (Kristine Weber) [1/2]

  1. A

    C(ATHARINA) C(HARLOTTE)

  2. B

    C · C · G · V · V · P · B · R · I · B · Z · G · C · V · B · H · G · Z · V · S · D · M · R · V · M · F · Z R · 1644

Wappen:
Pfalz-Neuburg/Pfalz-Zweibrücken

Kommentar

Die Auflösung der Inschrift lautet wohl: „Catharina Charlotte geborene und vermählte Pfalzgräfin bei Rhein, in Bayern, zu Gülich, Cleve und Berg Herzogin, Gräfin zu Veldenz, Sponheim, der Mark, Ravensberg und Moers, Frau zu Ravenstein 1644“.3) Sie gelang erst vor einigen Jahrzehnten, da man bis dahin davon ausging, sie in lateinischer Sprache auflösen zu müssen.4) Der vollständige Titel der Herzogin wird in dieser Form und in deutscher Sprache auch im Titel der Leichenpredigt angegeben, die der Hofprediger Johannes Hundius auf sie gehalten hat, allerdings ohne den in der Inschrift auch genannten Moerser Titel.5)

Als Worttrenner werden nicht sehr sorgfältig ausgeführte Dreiecke zumeist auf der Zeilenmitte, gelegentlich auch höher oder niedriger, verwendet.

Die Gestaltung der Inschrift und die Abkürzung des Titels jeweils mit der Initiale entsprechen in wesentlichen Punkten der Inschrift auf einem ebenfalls von Heinrich Ernst angefertigten Brustschild aus dem Jahr 1650 (Nr. 202), bei der die Auflösung allerdings in lateinischer Sprache zu erfolgen hat.

Die Kanne zählt zu den ältesten rheinischen Weinkannen.6) Von dem Meister mit Doppellilie, den I. Büchner als Heinrich Ernst identifizieren konnte,7) sind zwischen 1644 und 1669 16 Werke bekannt.8) Er selbst,9) Lutheraner, arbeitete sowohl für die Düsseldorfer Stiftskirche, die Kreuzherren, den Münsteraner Bischof und den vom Luthertum zum Katholizismus übergetretenen Pfalzgrafen Wolfgang Wilhelm als auch für dessen reformierte Gemahlin Catharina Charlotte, für die er 1644 diese Abendmahlskanne fertigte. Er ist auch als Wardein und Münzmeister nachgewiesen. In Düsseldorf sind von Ernst, der eine Reihe unterschiedlicher Techniken beherrschte und kombinierte, elf Werke erhalten, darunter neben dieser Kanne und dem Schild die Muttergottes mit Kind von 1656 in St. Andreas10) und die Himmelfahrt Mariens aus dem Jahr 1656 sowie weitere Werke in St. Lambertus.11)

Die Kanne stammt aus dem Besitz der Herzogin Catharina Charlotte, die sie gemeinsam mit einem silbernen und vergoldeten Teller (Nr. 129) und einem Becher der reformierten Gemeinde zu Düsseldorf schenkte. Zu diesen Gerätschaften und zu Catharina Charlotte vgl. den Kommentar zu Nr. 129, zu ihrer Beisetzung und ihrer Sarginschrift vgl. Nr. 207.

Anmerkungen

  1. Scheffler, Goldschmiede I, S. 150, Nr. 271 und ebd. II, S. 1116, Nr. 271; Clasen, Silbermarken, S. 134, Nr. 444.
  2. Scheffler, Goldschmiede I, S. 187, Nr. 165a und ebd. II, S. 1114, Nr. 334; Clasen, Silbermarken, S. 156, Nr. 602a.
  3. So zuerst 1978 bei Heppe in Kat. Frommer Reichtum, S. 271, Nr. 48a, der allerdings den Titel „Gräfin“ in seiner Auflösung erst hinter die Angabe der Territorien, also hinter „Moers“ stellt. Dies ist aufgrund der Buchstabenfolge der Inschrift hier korrigiert
  4. Vgl. Heppe, Herzogin Catharina Charlotte, S. 48; Ackermann, Geschichte, S. 103 u. ders., Duldung, S. 107.
  5. Der vollständige Titel der Leichenpredigt bei Mohr, Konfessionalisierung, S. 185 Anm. 8.
  6. Heppe, Beiderley Gestalt, S. 19.
  7. Zur Identifizierung des Meisters mit Doppellilie als Heinrich Ernst vgl. Kat. Rheinische Goldschmiedekunst, S. 170f.
  8. Eine Auflistung bei Heppe, Goldschmiedekunst, S. 181–184.
  9. Vgl. zum Folgenden die ausführlichen Angaben ebd., S. 13–16. Einige biografische Angaben auch bei Scheffler, Goldschmiede I, S. 155, Nr. 9; Clasen, Silbermarken, S. 156, Nr. 602.
  10. Heppe, Goldschmiedekunst, S. 182, Nr. 12/8; Kat. St. Andreas, S. 214f. [Sonja Schürmann].
  11. Heppe, Goldschmiedekunst, S. 182f., Nrn. 3–7, 9, 12 u. 13.

Nachweise

  1. Kat. Ausstellung 1888, S. 81, Nr. 916.
  2. Kat. Reformatio, S. 174, Nr. 509.
  3. Kat. 400 Jahre Gold- und Silberschmiedekunst, S. 12, Nr. 9.
  4. Kat. Frommer Reichtum, S. 271, Nr. 48a (K[arl] B[ernd] H[eppe]).
  5. Kat. Düsseldorfer Goldschmiedekunst, S. 139, Nr. 11.
  6. Kat. Beiderley Gestalt, S. 177, Nr. 47 (K[arl] B[ernd] H[eppe]).
  7. Heppe, Herzogin Catharina Charlotte, S. 48f.
  8. Ders., Goldschmiedekunst, S. 181, Nr. 12,1.
  9. Ackermann, Geschichte, S. 103.
  10. Ders., Duldung, S. 107.

Zitierhinweis:
DI 89, Stadt Düsseldorf, Nr. 192 (Ulrike Spengler-Reffgen), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di089d008k0019200.