Inschriftenkatalog: Stadt Düsseldorf

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 89: Stadt Düsseldorf (2016)

Nr. 173 Privatbesitz (1638)/1640

Beschreibung

Grabplatte für Susanna Waltman und ihren Sohn Johann Seger Wiedenfeld. Sandstein. Die Platte, die vermutlich von dem 1806 aufgegebenen und geräumten Neuen Friedhof vor dem Ratinger Tor stammt,1) befindet sich heute im Radraum einer ehemaligen Mühle in Ratingen im zweiten Wandabschnitt oben waagerecht in der Wand liegend. Sie ist in einem hervorragenden Zustand. Im oberen Fünftel der Platte eingehauen ein Trostspruch (A); zu jedem Vers wird unter der Zeile in kleinerer Schrift eine entsprechende Bibelstelle als Beleg für die Aussage angegeben. Darunter in einem leicht eingetieften Feld erhaben ausgehauen, von einem Lorbeerkranz umgeben, ein Vollwappen, das in einem gespaltenen Schild die Wappen der Familien Wiedenfeld und Waltman zeigt. Unterhalb, gerahmt durch einen erhaben ausgehauenen Rundbogen, auf dem die religiöse Mahnung (B) angebracht ist, eingehauen die Sterbevermerke (C und D), die durch eine horizontal verlaufende Linie voneinander getrennt sind. Die eingetiefte Randleiste ist gefüllt mit erhaben ausgehauenem Rankenwerk, das an der unteren Schmalseite durch eine Kartusche mit Totenschädel und gekreuzten Knochen unterbrochen wird; in den Ecken Rosetten. Unterhalb von D ist noch Raum für eine weitere Inschrift gelassen worden.

Maße: H. 231 cm; B. 98 cm; Bu. 2 und 3,7 cm (A), 2,6 cm (B), 3,1 cm (C und D).

Schriftart(en): Kapitalis (in A mit vereinzelten Minuskelbuchstaben).

DI 89, Nr. 173 - Privatbesitz - (1638)/1640

 AWK NRW, Arbeitsstelle Inschriften (Sonja Hermann) [1/1]

  1. A

    ERLEBT HAB ICH MEIN GSEtzTES ZIEL / IOB. [..] V. 82) . a) /GEStORBEN BIN NACH GOttES WILL / […...]. 8.3) /MEIN SEELE RUHt OHN ALLE KLAG / APOCAL . 14. V. 134) /DER LEIB ERWARt DES IUNGStEN TAG / I. THES. 3. V. 215) / CHRISTUS WURT MICH ERKLAREN DAN / PHILIP . 3. V. 16.6) /WAN EWIG FREUD WURT GEHEN AHN / ESA. 35. V. 10.7)

  1. B

    FUI · QUOD · ESTIS // ERITIS · QUOD · SUM

  2. C

    A(NN)O 1638. 5. APR(ILIS)b) / IST IM HERRN ENT=/SCHLAFEN IOHAN SEGER / WIDENFELD ALT(ERS). 10 . MONAT .

  1. D

    A(NN)O . 1640 . DEN . 13 . IVNIJc) . / IST IM HERRN ENTSCHLAFEN / DIE VIEL EHR VND TVGENTSAME / SVSAN(N)A WALTMANS GENANT WI=/DENFELD ARNOLDEN WIDENFELD / APOTECKERS GEWESENE LIEBE / HAVS FRAW IHRES ALTERS . 47 . IAHR

Übersetzung:

Ich war, was ihr seid. Ihr werdet sein, was ich bin. (B)

Versmaß: Deutsche Reimverse (A).

Wappen:
Wiedenfeld/ Waltman8)

Kommentar

Als Kürzungszeichen bzw. als Trenner, vor allem bei der Angabe von Daten, dienen Quadrangel auf der Zeilenmitte (B) oder auf bzw. knapp über der Grundlinie (A, C, D). Insgesamt ist die Platte sehr sorgfältig gearbeitet. Das Material ist mit dem der Platte für Johann von Redinghoven (Nr. 178) identisch. Auffällig ist neben vergrößerten Anfangsbuchstaben am Zeilenbeginn die mehrfache Verwendung des t aus der gotischen Minuskel und des tz in A sowie U und nicht V in A und B. Nur in A findet sich auch A sowohl mit geradem rechtem Schaft als auch mit zwei Schrägschäften. B ist mit kleinerem oberen Bogen ausgeführt; nicht durchgängig, aber häufig sind die Schrägschäfte bei N und M schmaler eingehauen.

Die angegebenen Bibelstellen sollen offenbar den Inhalt der jeweiligen Zeile des Trostspruches untermauern. Es handelt sich nicht um Bibelzitate oder -paraphrasen; der inhaltliche Bezug zwischen der Inschrift und den Bibelstellen ist sehr vage. Zu Zeile 4 und 5 sind Ungereimtheiten bei der korrekten Angabe der Stelle zu beobachten.

Die Gestaltung der Platte weist große Ähnlichkeit zu der Platte für Johann von Redinghoven und – soweit diese erkennbar ist – zu der Platte für Anna von Palant (Nr. 163) auf. In allen Fällen steht im oberen Teil ein Trostspruch, es folgen die Wappen und darunter die jeweiligen Sterbevermerke. Allerdings weicht die Ausführung der einzelnen Teile voneinander ab. So ist z. B. das Wappen der vorliegenden Platte von einem Lorbeerkranz eingefasst, das Redinghovensche nicht; während dort die Sterbevermerke in einem rechteckigen Feld angebracht sind, werden sie hier unter einen Rundbogen gestellt. Die Buchstaben sind auf der Waltman-Platte insgesamt schlanker als auf der Platte für Redinghoven. Beiden Platten ist jedoch die Verwendung des t aus der gotischen Minuskel sowie des runden U in den Trostsprüchen gemeinsam. Die genannten Merkmale könnten demnach typisch für die Gestaltung protestantischer Grabplatten der Region und der Zeit sein; wahrscheinlich entstammen die Platten derselben Werkstatt. Die Gestaltung der Platte entspricht im Wesentlichen auch dem Befund, den Christine Steininger für Epitaphe, aber auch Grabplatten, des 16. und frühen 17. Jahrhunderts in Gebieten reformierter Konfession erhoben hat.9)

Susanna Waltman10) ist die jüngste Tochter des Quirinus Waltman, eines Schiffers aus Wesel. Zu Beginn des Jahres 1619 war sie verheiratet mit dem Düsseldorfer Apotheker Johann Osten,11) nach dessen Tod im November 162212) sie mit hoher Wahrscheinlichkeit spätestens 1627 Heinrich Offerkamp13) ehelichte, der durch die Heirat in den Besitz der Apotheke kam und als Hofapotheker belegt ist. Seit Anfang 1631 erneut Witwe,14) heiratete sie spätestens zu Beginn des Jahres 163415) noch einmal; ihr dritter Ehemann, Arnold Wiedenfeld,16) folgt Offerkamp als Hofapotheker nach. Susanna verstarb schließlich am 13. Juni 1640. Sie hinterließ aus ihren beiden ersten Ehen drei Töchter,17) aus der dritten Ehe einen um 1634 geborenen Sohn.18) Dessen jüngerer, im Frühsommer 1637 geborener Bruder Johann Seger verstarb bereits im Alter von 10 Monaten.

Alle Ehemänner der Susanna Waltman sind als Diakone und Älteste der reformierten Gemeinde in den Protokollen und der Liste der Konsistorialen nachzuweisen.19) Der auf der Platte genannte Arnold Wiedenfeld, erstmals im Dezember 1634 in den Protokollen belegt und Diakon bzw. Ältester 1635/36, 1640/41, 1647/48, 1653/54 und 1662/63,20) wurde seitens der Gemeinde mehrfach mit schwierigen Verhandlungen, z. B. jenen mit dem Kurfürsten von Brandenburg über die Schenkung zum Bau einer reformierten Kirche, betraut und übernahm zahlreiche Patenschaften.21) Er heiratete am 19. August 1641 in zweiter Ehe Gertrud Nießen.22) Eines der neun Kinder aus dieser Ehe wird am 4. Oktober 1646 wie sein 1638 verstorbener Halbbruder auf den Namen Johannes Segerus getauft.23) Susanna Waltman, die ebenfalls als Patin verzeichnet ist und als Witwe mehrere Schenkungen gemacht hat,24) hinterließ den Armen der Gemeinde 100 Reichstaler.25)

Textkritischer Apparat

  1. Angabe dieser und der folgenden Bibelstellen jeweils in kleineren Buchstaben rechts zwischen den Zeilen des Trostspruches.
  2. Diese Zeile ist kleiner und vielleicht nachträglich eingefügt worden. ... 38 APR.. 5 Niederau.
  3. Ligatur in Form eines Y.

Anmerkungen

  1. Zu diesem Friedhof, der spätestens seit 1624 auch von beiden protestantischen Gemeinden genutzt wurde, vgl. Zacher, Friedhöfe, S. 48–50. Zacher (ebd., S. 50) vermutet ebenso wie bereits 1943 Frechen (LAV NRW R, Nachlass Frechen, Inschriften H. 2, Bl. 53; Frechen hat wohl nur die Grabsteine im Außenbereich der Mühle gesehen), dass die protestantischen Steine und Platten bei und in der Mühle von diesem Friedhof stammen. S. dazu auch Kap. 2.1.4 der Einleitung.
  2. Vielleicht wird hier nicht auf Hi 14,8, sondern 14,5 (hier zitiert in der Fassung der Lutherbibel von 1545) verwiesen: „Er hat sein bestimpte zeit / die zal seiner monden stehet bey dir / Du hast ein Ziel gesetzt / das wird er nicht vbergehen.“
  3. Vielleicht wird hier auf Rö 14,8 (hier zitiert in der Fassung der Lutherbibel von 1545) verwiesen: „Leben wir / so leben wir dem HErrn / Sterben wir / so sterben wir dem HErrn. Darumb / wir leben oder sterben / so sind wir des HErrn.“
  4. Off 14,13 (hier zitiert in der Fassung der Lutherbibel von 1545): „Schreibe / Selig sind die Todten / die in dem HErrn sterben von nu an. Ja /der Geist spricht / das sie rugen von jrer erbeit“.
  5. Die Angabe der Bibelstelle ist nicht korrekt; das dritte Kapitel des Briefes an die Thessalonicher hat deutlich weniger als 21 Verse und bietet auch keine inhaltlichen Übereinstimmungen zu dem Vers des Trostspruches.
  6. Vielleicht statt Phl 3,16 eher Phl 3,20.21 (hier zitiert in der Fassung der Lutherbibel von 1545): „Vnser wandel aber ist im Himel / von dannen wir auch warten des Heilands Jhesu Christi des HErrn / Welcher vnsern nichtigen Leib verkleren wird / das er ehnlich werde seinem verklerten Leibe.“
  7. Jes 35,10 (hier zitiert in der Fassung der Lutherbibel von 1545): „ Die Erlöseten des HERRN werden wider komen / vnd gen Zion komen mit jauchtzen / ewige Freude wird vber jrem Heubte sein.“
  8. Schild gespalten: vorne Wiedenfeld, hinten Hausmarke. Zum Wappen Wiedenfeld s. Schleicher, Slg. v. d. Ketten, Bd. 5, S. 108; Schleicher, Slg. Oidtman, Bd. 16, S. 438; vgl. auch Niederau, Bemerkenswertes, S. 248. Zu der Hausmarke s. Marke Nr. 24.
  9. Steininger, Überlegungen; hier bes. S. 249.
  10. Vgl. zu den folgenden Angaben sehr ausführlich Korn, Forschungen, S. 128–135.
  11. Vgl. zu ihm Lohausen, Hofapotheker, S. 68; Korn, Forschungen, S. 127f. u. 130–132.
  12. Protokolle des Presbyteriums, Bd. 1, Nr. 655. Die Angabe bei Lohausen, Hofapotheker, S. 68, er sei Anfang November 1629 verstorben, ist falsch.
  13. Vgl. zu ihm Lohausen, Hofapotheker, S. 68–70; Korn, Forschungen, S. 132f., zum Zeitpunkt der Eheschließung ebd., S. 133.
  14. Ebd., S. 70. Protokolle des Presbyteriums, Bd. 1, Nr. 914, wird am 15. März 1631 die Witwe Offerkamp genannt.
  15. Lohausen, Hofapotheker, S. 70, weist neben dem hier inschriftlich erwähnten, früh verstorbenen Sohn einen weiteren, um 1634 geborenen Sohn aus der Ehe mit Arnold Wiedenfeld nach.
  16. Vgl. zu ihm ebd., S. 70, u. Blömer, Abstammung. Überliefert sind zwei Rechnungen des Hofapothekers „A. Widenfeldt“ von 1647 und 1649: Einige Rechnungen aus der Mitte des 17. Jahrhunderts, II. Apothekerrechnungen, in: BGNrh 4 (1889), S. 252f., 253.
  17. Vgl. Tafel II bei Korn, Forschungen.
  18. Vgl. Anm. 15.
  19. Protokolle des Presbyteriums, Bd. 3, S. 463f.: Osten 1613/14 u. 1622, Offerkamp 1625/26 und 1629/30. Vgl. auch die Einträge im Register ebd., Bd. 1, S. 403 (Osten) u. 402f. (Offerkamp).
  20. Ebd., Bd. 2, S. 76 zu 1634 u. S. 414 die zahlreichen Einträge im Register; ebd., Bd. 3, S. 458 (ebenfalls im Register).
  21. Dazu Korn, Forschungen, S. 134f.
  22. Strahl, Trauregister, Bd. 9, S. 291.
  23. Blömer, Abstammung, S. 140 mit S. 142 Anm. 12.
  24. Korn, Forschungen, S. 132–134; Protokolle des Presbyteriums, Bd. 1, Nrn. 655, 914 u. 919.
  25. Protokolle des Presbyteriums, Bd. 2, S. 205.

Nachweise

  1. Riemann, Geheimnis, S. 253 (nur C, leicht gekürzt und mit normalisierter Orthographie).
  2. Korn, Forschungen, S. 128 (nur C, in Orthographie und Satzbau normalisiert).
  3. Niederau, Bemerkenswertes, S. 248f. (nur C).

Zitierhinweis:
DI 89, Stadt Düsseldorf, Nr. 173 (Ulrike Spengler-Reffgen), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di089d008k0017304.