Inschriftenkatalog: Stadt Düsseldorf

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 89: Stadt Düsseldorf (2016)

Nr. 149 Stadtmuseum 1. V. 17. Jh.

Beschreibung

Hochzeitstruhe/Brauttruhe mit Wappen von Düsseldorfer Beamtenfamilien. Kastentruhe aus Eichenholz mit vorgeblendeten, geschnitzten Architekturelementen und Dekor aus Linde und Obstbaumhölzern, die Intarsien der Arkadenpfeiler aus geschwärzter Eiche; das Beschlagwerk aus Schmiedeeisen. Aus dem nord- bzw. niederdeutschen Raum, eine Herstellung im Rheinland, eventuell in Düsseldorf, ist bislang nicht widerlegt, ebenso wenig die Datierung der Fertigung im ersten Viertel des 17. Jahrhunderts.1) 1930 durch Ankauf aus dem Antiquitätenhandel in den Besitz der Stadt Düsseldorf gelangt, ist sie heute Bestandteil der Dauerausstellung des Stadtmuseums.2)

Die Gliederung der Truhe folgt architektonischen Prinzipien. Über dem mit Rollwerk gefüllten Sockel erhebt sich das Hauptgeschoss, auf dessen Pilasterpaaren das Gebälk ruht. Den oberen Abschluss bildet der Truhendeckel als Kranzgesims. Die Front der Truhe wird durch drei Pilasterpaare und zwei Doppelarkaden in zwei Hälften mit je zwei Bogenfeldern geteilt. In diesen Feldern befinden sich die halbplastisch geschnitzten3) Vollwappen4) von vier Düsseldorfer Familien; unterhalb der Wappen – jeweils in einer kleinen Kartusche – die Wappenbeischriften (von links nach rechts A–D). Die Wappen sind nicht farbig gefasst.5) Die Wappen der Familien Wibbach und Heistermann wurden nach der Durchführung von Sicherungsmaßnahmen bei der Wiederanbringung der Fassadenelemente vertauscht.6) In den Zwickeln zwischen den Doppelarkaden befinden sich zwei kleine, halbplastisch gearbeitete Gesichter.

Die Truhe wurde wohl zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch Einbringen von Holzschrauben und Drahtstiften stabilisiert. Dabei sind die vorgeblendeten Elemente der Fassade abgenommen und anschließend wieder angebracht worden. Ob und in welchem Maße die Fassade bei dieser Maßnahme oder bereits zuvor unter Verwendung von Elementen aus einem anderen Zusammenhang wiederhergestellt wurde, ist nicht mit Sicherheit zu klären. Deutlich zu erkennen sind Ergänzungen und Rekonstruktionen.7) Fest steht lediglich, dass aufgrund der Holzauswahl und des Gestaltungskonzeptes die heutigen Arkadenpfeiler nicht ursprünglich sind.8) Die Beschläge und das Schloss stammen aus dem 19. Jahrhundert, die Oberflächenbehandlung, die das rötlich-braune und stark glänzende Aussehen der Truhe bewirkte, erfolgte nach den Stabilisierungsmaßnahmen wahrscheinlich ebenfalls zu Beginn des 20. Jahrhunderts.9) Für die hier zu berücksichtigenden Inschriftenträger, die aus Lindenholz gearbeiteten Elemente mit den Wappen, wurde festgestellt, dass sie nach heraldischen und kunsthistorischen Gesichtspunkten durchaus dem Ende des 16./Anfang des 17. Jahrhunderts zugeordnet werden können.10) Die Ausführung der Wappen wird bei der Bewertung der einzelnen Zierelemente „durchaus als qualitätsvoll“ bezeichnet.11)

Maße: H. 49,7 cm; B. 95,3 cm; T. 57,3 cm; 12) Bu. 1,6–1,9 cm.

Schriftart(en): Kapitalis.

DI 89, Nr. 149 -  Stadtmuseum - 1. V. 17. Jh.

 Stadtmuseum Landeshauptstadt Düsseldorf (Stefan Arendt, LVR - Zentrum für Medien und Bildung) [1/1]

  1. A

    WIBBACH

  2. B

    HEISTERMAN

  3. C

    CLVNSCH

  4. D

    ZWICK

Wappen:13)
Wibbach14), Heistermann15), Clunsch16), Zwick17)

Kommentar

Das zweistöckige Z ist zweibogig mit schräg abknickendem oberen Bogen ausgeführt, das W ist verschränkt. Bei K sind beide Schrägbalken gebogen, die Cauda des R ist geschwungen.

Die Truhe ist zwischen Oktober 2004 und Januar 2006 im Rahmen eines Projektes zur Beschreibung und Erforschung der Möbel des Düsseldorfer Stadtmuseums am Institut für Restaurierungs- und Konservierungswissenschaft der Fachhochschule Köln eingehend untersucht worden; ein ausführlicher Untersuchungsbericht wurde im Januar 2006 von Vera Kotonski vorgelegt.18) Die Datierung stützt sich im Wesentlichen zum einen auf die stilistischen Merkmale der Fassadengestaltung, deren architektonisches Rahmenwerk renaissancetypisch ist, und zum anderen auf die Wappen, die Düsseldorfer Familien im ersten Viertel des 17. Jahrhunderts zugeordnet werden können.19)

Die Truhe wurde wahrscheinlich als Brauttruhe anlässlich der Hochzeit einer der drei Töchter der Eheleute Theodor Heistermann und Helena Clunsch angefertigt.20) Die Eheleute selbst haben am 13. Juli 1627 100 Reichstaler für ein Anniversar an St. Lambertus gestiftet21) und werden 1668 als Vorbesitzer einer Halbscheid eines Hofes im Kirchspiel Osterrath, Amt Linn, genannt, die sie 1593 erworben hatten.22) Helena Clunsch war die Tochter von Catharina Zwick und Wilhelm Clunsch, wohl des Düsseldorfer Bürgermeisters von 1563.23) Theodor Heistermann ist als Lizenziat beider Rechte sowie als Jülicher bzw. später pfalz-neuburgischer Rat und Protonotar bezeugt.24) Wenige Tage nach dem öffentlichen Übertritt Wolfgang Wilhelms zum Katholizismus nahm Heistermann am 29. Mai 1614 an der Fronleichnamsprozession teil und wird in einer Beschreibung dieser Prozession als einer der „alten diener“ bezeichnet, unter denen jene verstanden wurden, die bereits vor 1609 Hofangehörige und Räte gewesen sind.25) Wohl in seinem Haus26) logierten bis zur Herrichtung einer entsprechenden Wohnung die ersten drei Jesuiten, die 1619 nach Düsseldorf kamen. Heistermann war dem Orden nach Ausweis der Quellen seit längerer Zeit freundschaftlich verbunden.27) Seine Mutter entstammte nach den Angaben auf der Truhe der Familie Wibbach. Ein Epitaph für die Eheleute befand sich in der Düsseldorfer Kollegiatkirche (Nr. 223).

Aus der Ehe gingen vier Söhne und drei Töchter hervor.28) Hochzeiten dieser Töchter fanden in den Jahren 1616 (Catharina Heistermann und Peter Nokel/Nockel)29) und 1624 (Helena Heistermann und Rutger von Hagen)30) statt. Das Jahr der Eheschließung der dritten Tochter (Elisabeth Heistermann und Dr. Wilhelm Weyer)31) konnte nicht ermittelt werden.

Die Verwendung von Wappen als Dekorationselement an Möbelstücken ist ab der Mitte des 16. Jahrhunderts im Rheinland, in Norddeutschland und weiteren Regionen häufiger nachzuweisen.32)

Anmerkungen

  1. Vgl. zu der Truhe Kotonski, Untersuchungbericht, v. a. die Zusammenfassung S. 104–106. Zur räumlichen Einordnung ebd., S. 13–22 mit Vergleichsobjekten.
  2. Inv.-Nr. M 49; die Zugangsnummer lautet 5399. Über die Geschichte der Truhe zwischen ihrer Entstehung und dem Ankauf ist lediglich bekannt, dass sie sich zu Beginn des 20. Jhs. vermutlich im Besitz eines „H. Jeglinger kuk Oberstllieutnant“ befunden hat. Vgl. dazu Kotonski, Untersuchungsbericht, S. 104. An der Truhenunterseite befindet sich ein entsprechender Zettel mit diesem Namen. S. dazu ebd., S. 4f. u. Abb. 7.
  3. An einigen Stellen sind deutliche Spuren der Schnitzeisen zu erkennen. Vgl. ebd., S. 41 u. 85–88.
  4. Nach ebd., S. 47, entsprechen die Größenverhältnisse zwischen Schild, Helm und Helmzier nicht den üblichen Proportionen.
  5. Ebd., S. 48, gelangt Kotonski zu dem „Eindruck ..., dass diese Wappen zu keinem Zeitpunkt farbig gestaltet waren“.
  6. Vgl. ebd., S. 59 u. 106.
  7. Vgl. ebd., S. 90–101.
  8. Vgl. ebd., S. 105.
  9. Vgl. ebd., S. 4, 60–64 u. 96–99.
  10. Vgl. ebd., S. 44–59, bes. S. 58. Ebd. aber auch: „Eine Entstehung zu späterer Zeit, also z. B. in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, kann allerdings nicht ausgeschlossen werden.“
  11. Ebd., S. 43 und 106 (Zitat).
  12. Maße nach ebd., S. 3.
  13. Vgl. zu den Wappen ebd., S. 44–59.
  14. Schild: nach links gewendeter, stehender Adlerfang; Helmzier: Stechhelm, offener Flug, darüber schwebend Adlerfang wie im Schild.
  15. Schild: eine nach links aus einem Ärmel hervorkommende Hand, einen Stab (Schäferstab?) haltend; Helmzier: Bügelhelm, ein aus der Helmdecke wachsender Rumpf eines bärtigen Mannes mit Hut und in der Taille gegürtetem Gewand, um die Schultern ein nach links blickendes Tier tragend. Nicht vollständig übereinstimmend mit Si Bg4 Taf. 93; vgl. auch Schleicher, Slg. Oidtman, Bd. 8, S. 76; ders., Slg. v. d. Ketten, Bd. 2, S. 491.
  16. Schild: Marke Nr. 21. Helmzier: Bügelhelm, offener Flug, darüber schwebend kleiner Schild mit der Hausmarke. Die Hausmarke entspricht der Hausmarke in einem Wappen im Reliquienverzeichnis für St. Lambertus, das ein Mitglied der Familie 1511 in Auftrag gab. Vgl. dazu die Abb. in Höroldt, Inventar St. Lambertus, Abb. 4 nach S. 28 u. vgl. auch ebd., S. 226 zu H 13.
  17. Schild: nach rechts gewendeter, aufsteigender Löwe, eine Waffe haltend; Helmzier: Stechhelm, auf dem Helmdach erneut der Löwe.
  18. Der Bericht liegt im Stadtmuseum Düsseldorf und im Restaurierungszentrum Düsseldorf vor.
  19. Kotonski, Untersuchungsbericht, S. 6, 9 u. 13.
  20. Zu den Eheleuten und ihren Nachkommen Schleicher, Slg. v. d. Ketten, Bd. 2, S. 494–496; Schleicher, Slg. Oidtman, Bd. 8, S. 78f.
  21. Höroldt, Inventar St. Lambertus, Nr. 111.
  22. LAV NRW R, Düsseldorf, Annuntiatinnen/Coelestinerinnen, U 5; ihr Enkel, der Kanoniker am Düsseldorfer Stift, Johann Bartholt von Weyer, hat diese dann 1668 den Annuntiatinnen bzw. Coelestinerinnen zu Düsseldorf übertragen. In einer weiteren Urkunde für das Coelestinerinnenkloster werden noch drei weitere Enkel des Paares erwähnt (ebd., U 3 vom 27. Juni 1664).
  23. Vgl. Bloos, Bürgermeister, S. 23. Mitglieder der Familie sind seit dem 15. Jh. in unterschiedlichen Ämtern nachweisbar. So sind 1487 und 1512 ebenfalls Bürgermeister mit dem Namen Wilhelm Clunsch nachgewiesen (ebd., S. 21f.), außerdem in der 2. Hälfte des 15. Jhs. ein Zollbeseher gleichen Namens (vgl. Wisplinghoff, Mittelalter, S. 226, 308 u. 381; Höroldt, Inventar St. Lambertus, Nrn. 38 u. 41; hier werden auch weitere Mitglieder der Familie genannt). 1511 gibt sein Enkel, der Zollschreiber Wilhelm Cluntz, ein Reliquienverzeichnis für St. Lambertus in Auftrag (s. oben Anm. 16). Wisplinghoff erwähnt Kanoniker des Marienstiftes, die aus dieser Familie stammten, und Grundbesitz der Familie im 16. Jh. (ders., Mittelalter, S. 306 u. 392). Vgl. auch Höroldt, Inventar St. Lambertus, S. 251 zu A 355 zu einer Stiftung dieser Familie.
  24. Füchtner/Preuss, Inventar, Nrn. 50 u. 696 sowie S. 666 im Index; Höroldt, Inventar St. Lambertus, Nr. 111.
  25. Richter, Übertritt, S. 136.
  26. 1632 ist im Landsteuerbuch das Haus der Witwe des Lic. Heistermann verzeichnet (Ferber, Landsteuerbuch, S. 12).
  27. Brzosa, Geschichte, S. 288.
  28. Schleicher, Slg. v. d. Ketten, Bd. 2, S. 494f.; ders., Slg. Oidtman, Bd. 8, S. 78f.
  29. Strahl, Trauregister, Bd. 5, S. 367 u. 540. Bei Schleicher, Slg. v. d. Ketten, Bd. 2, S. 494 u. ders., Slg. Oidtman, Bd. 8, S. 78 unter „Nickel“.
  30. Strahl, Trauregister, Bd. 5, S. 338f. u. 367.
  31. Schleicher, Slg. v. d. Ketten, Bd. 2, S. 495; ders., Slg. Oidtman, Bd. 8, S. 79.
  32. Claudia Horbas, Möbel der Renaissance im Weserraum (Materialien zur Kunst und Kulturgeschichte in Nord- und Westdeutschland 15), Marburg 1994, S. 29.

Nachweise

  1. Kat. Land im Mittelpunkt, S. 513, Nr. M 34 (K[arl] B[ernd] H[eppe]) (die Inschriften nicht ediert, aber die Namen im Fließtext angegeben).

Zitierhinweis:
DI 89, Stadt Düsseldorf, Nr. 149 (Ulrike Spengler-Reffgen), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di089d008k0014903.