Inschriftenkatalog: Stadt Düsseldorf

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 89: Stadt Düsseldorf (2016)

Nr. 119 St. Lambertus 1609

Beschreibung

Bleitafel; graviert. Die Tafel, 1609 nach dem Tod Herzog Johann Wilhelms I. angefertigt, wurde auf den Deckel des Bleisarges mit den Gebeinen des Herzogs gelegt; der Bleisarg wurde in einen zweiten, hölzernen Sarg gestellt. So wurden die sterblichen Überreste in der Kapelle des Düsseldorfer Schlosses aufbewahrt, bis sie im Oktober 1628 in der Fürstengruft beigesetzt wurden. Die Tafel wurde anlässlich einer Öffnung des Sarges kurz vor der Beisetzung aufgefunden, beschrieben und anschließend an dem Deckel des Bleisarges „mit Näglen fast angehefftet“.1) Nach einer wahrscheinlich um 1809 verfassten Beschreibung2) war der hölzerne Sarg verfault, der Bleisarg einfach und unpoliert. Er wurde 1809 mit weiteren Bleisärgen aus der Gruft verkauft,3) während die Tafel dort verblieb. 1954 bei der Wiederentdeckung der Gruft fand man sie „lose auf dem Sargdeckel“4) des 1820 für die verstreut in der Gruft liegenden Gebeine angeschafften Sammelsarges. Sie ist dort heute an der Ostwand angebracht5) und weist an einigen Stellen Oxidationsspuren auf. Der Sterbevermerk, historische und biographische Angaben und die Fürbitte für den Herzog füllen die ganze Tafel aus.

Maße: H. 30 cm; B. 22 cm; Bu. 0,7 cm, 1 cm (Minuskeln 1. Zeile).

Schriftart(en): Kanzleischrift mit einzelnen Kapitalisbuchstaben.

DI 89, Nr. 119 - St. Lambertus - 1609

 AWK NRW, Arbeitsstelle Inschriften (Gerda Hellmer) [1/1]

  1. Iohannes · Wilhelmus .a) Dei / Gratiab) Dux Iuliae Cliuiae Etb) Montium Comes / In Marcha · Rauenspurg · et · Mors / Dominus In Rauenstein Natus An(n)oc) / Chr(isti)d) MDLXII Patre Wilhelmoe) Duce / Iuliaeb) Cliuiae · Et · Monti(um)f) Matre Maria / Regina Ferdinandi · primi Imperatori(s)f) / Bohemiae et Hungariae Regis Filiab) / Defuncto fratre Primogenito · Carolo / Friderico Resignauit Episcopatum / Monasteriensem Ducta In Vxorem / Jacoba Marchionissa Badensi / eaq(ue)g) Defuncta Alteram · sibi Coniuge(m)h) / Cooptauit · Antonettam · serenissimi / Lotharingiae Ducis Caroli Filiam / Successit Defuncto Patri An(n)oc) / MDXCII Obijt 25 Martij An(n)oi) MDCIX / Princeps Pius Pacificus · Mitis · et / in Pauperes Liberalis · Cuius Anima / Requiescat In pace

Übersetzung:

Johann Wilhelm, von Gottes Gnaden Herzog von Jülich, Kleve und Berg, Graf von der Mark, Ravensberg und Moers, Herr in Ravenstein, geboren im Jahr Christi 1562 von dem Vater Wilhelm, Herzog von Jülich, Kleve und Berg, (und) der Mutter, der Prinzessin Maria, Tochter des Kaisers Ferdinands I., Königs von Böhmen und Ungarn, verzichtete, nachdem sein erstgeborener Bruder Karl Friedrich gestorben war, auf die Münsteraner Bischofswürde, und erwählte, nachdem er Jakobe, Markgräfin von Baden, als rechtmäßige Ehefrau heimgeführt hatte und diese gestorben war, sich zur zweiten Gattin Antoinette, die Tochter des durchlauchtigsten Herzogs Karl von Lothringen. Er folgte seinem verstorbenen Vater im Jahr 1592 (im Amt) nach. Er verstarb am 25. März im Jahr 1609. (Er war) ein frommer, Frieden stiftender, milder und gegenüber den Armen freigiebiger Fürst. Seine Seele möge ruhen in Frieden.

Kommentar

Die nicht durchgehend vorhandene Worttrennung erfolgt durch Dreispitze, kleine Doppelstriche oder Punkte, die zumeist auf, gelegentlich etwas über oder unter der Zeilenmitte liegen. Die erste Zeile der Inschrift ist durch eine größere Ausführung der Buchstaben und die Gestaltung der Initiale I in Konturschrift, vergleichbar der ersten Zeile in einer Urkunde, in besonderer Weise gestaltet; die letzten drei Wörter der Fürbitte in der letzten Zeile stehen zentriert und sind ausgeschmückt, indem einige Bogen- und Schaftenden nach unten in Zierstrichen zu großen Bögen und Schlingen ausgezogen sind. Bei der in Inschriften ungewöhnlichen, leicht nach rechts geneigten Schrift handelt es sich um eine Kanzleischrift.6) Mit wenigen Ausnahmen sind die Buchstaben durch dünne Ligaturen miteinander verbunden. Es finden sich nahezu durchgängig diakritische Zeichen über u und v sowie ein Punkt über i. Ebenfalls durch Konturschrift hervorgehoben werden Teile einiger weiterer Buchstaben wie z. B. F in Ferdinandi und P in Princeps sowie in den Jahreszahlen. Neben den im Apparat wegen ihrer geringen Größe gekennzeichneten Buchstaben sind weitere Buchstaben am Wortbeginn (z. B. H in Hungariae, F in Fridericus) und die Jahreszahlen in Kapitalis ausgeführt.

Genannt werden die wichtigsten Daten aus dem Leben des Herzogs,7) der als Sohn Herzog Wilhelms V. und seiner Gemahlin Maria, geborene Erzherzogin von Österreich, am 28. Mai 1562 geboren wurde und für den als nachgeborenen Sohn eine geistliche Laufbahn vorgesehen war. Den Neunjährigen wählte das Domkapitel zu Münster zum Koadjutor des dortigen Bischofs; nach dessen Tod 1574 wurde er als Bischof postuliert. Nach dem plötzlichen Tod seines älteren Bruders Karl Friedrich im Jahr 1575 resignierte er zunächst nicht, sondern übernahm 1580 die Administration des Bistums. Erst 1585 verzichtete er und heiratete Jakobe von Baden,8) nach deren Tod 1597 er 1599 mit Antoinette von Lothringen eine weitere Ehe schloss. Als 1592 sein Vater verstarb, übernahm er die Herrschaft über die Vereinigten Herzogtümer, doch war er aufgrund seiner um 1589/90 ausgebrochenen Geisteskrankheit9) nicht in der Lage, diese auszuüben. Als er am 25. März 1609 ohne Nachfahren verstarb, brach um die Nachfolge in den Vereinigten Herzogtümern der jülich-klevische Erbfolgestreit10) aus, der 1614 mit dem Vertrag von Xanten bzw. endgültig 1666 mit dem Erbvergleich von Duisburg beigelegt wurde. Die Inschrift enthält über die bloße Nennung hinaus keinerlei Angaben über Johann Wilhelms Amtsführung als Adminis­trator in Münster, ebenso keine Angaben zu den Versuchen, die Herrschaft in den Herzogtümern bereits vor dem Tod des erkrankten Vaters zu übernehmen, seine Haltung zu reformatorischen Bestrebungen sowie seine Erkrankung und deren Konsequenzen für die Zustände am Hof und in der Landesregierung. Die ihm in der vorletzten Zeile zugeschriebenen Eigenschaften lassen nichts ahnen von dem Verfolgungswahn und den Tobsuchtsanfällen, unter denen er litt und die für seine Umgebung gefährlich waren, sowie dem Stumpfsinn in späteren Jahren.

Über die beiden letzten Tage des Herzogs sowie die nach seinem Ableben erfolgte Öffnung der Leiche liegen entsprechende Berichte der Leibärzte vor.11) Als Ursache für die nicht erfolgte Beisetzung im Jahr 1609 wird die ungeregelte Nachfolge genannt. Man versuchte, auf diese Weise „den Schein der Herrschaftskontinuität [zu] wahren“.12) Vereinzelt wurde auch vermutet, man habe Unruhen und Proteste der Bevölkerung während der Beisetzung umgehen wollen.13) Den Anlass zur Bestattung 1628 gab schließlich der Tod der ersten Gemahlin Pfalzgraf Wolfgang Wilhelms, Magdalena von Bayern, die am 25. September 1628 in Neuburg beigesetzt wurde.14) Die feierliche Beisetzung im Oktober 1628 ist durch den auch dem Düsseldorfer Magistrat angehörigen Landesbaumeister Adolf vom Kamp15) ausführlich beschrieben, die Beschreibung, mit 44 Kupferstichen illustriert, im Jahr 1629 in Düsseldorf gedruckt16) worden. Die Feierlichkeiten weisen große Ähnlichkeit mit der Beisetzung Herzog Wilhelms V. im Jahr 1592 auf, doch nahmen 1628 anders als 1592 auch Vertreter der Stadt Düsseldorf und einige Gruppen aus der Einwohnerschaft teil.17) Die evangelischen Gemeinden waren nicht beteiligt.18)

Textkritischer Apparat

  1. Der Worttrenner aus Platzgründen auf die Grundlinie graviert.
  2. Der erste Buchstabe in der Größe der Minuskelbuchstaben in Kapitalis ausgeführt.
  3. Kürzung durch einen geschwungenen waagerechten Strich über kleiner ausgeführtem o.
  4. Kürzung durch Doppelpunkt in Form von zwei übereinandergestellten Dreispitzen.
  5. Korrigiert aus Wihelmo. Das erste l ist oberhalb des i als kapitales L graviert und von der Größe her deutlich kleiner als die übrigen Buchstaben ausgeführt; das W in der Größe der Minuskelbuchstaben in Kapitalis ausgeführt.
  6. Kürzung durch einen geschwungenen waagerechten Strich über i.
  7. Kürzung durch Haken an q.
  8. e aus Platzgründen kleiner ausgeführt und über g gesetzt. Kürzung durch geschwungenen waagerechten Strich über e.
  9. Kürzungszeichen fehlt. O ist kleiner ausgeführt.

Anmerkungen

  1. Die Beschreibung des Sarges und die Angaben zur Unterbringung nach dem bei v. Kamp in seiner Beschreibung des Begräbnisses abgedruckten Protokoll über die Öffnung: v. Kamp, Beschribung, fol. 3v, das Zitat ebd.
  2. PfA St. Lambertus Düsseldorf-Altstadt, Akten 747, fol. 77r. Es werden insgesamt sechs in der Fürstengruft befindliche Särge in ihrem Erhaltungszustand beschrieben. Der Verfasser scheint die Gruft persönlich gesehen zu haben. Ob die vorliegende Fassung die ursprüngliche ist oder auf einer Vorlage beruht, konnte nicht geklärt werden. Die weitere Überlieferung zu den Inschriften in der Gruft, die in keiner Fassung so ausführlich ist wie in der vorliegenden, beruht mit hoher Wahrscheinlichkeit auf diesem Text.
  3. Zum Verkauf der Särge 1809 vgl. LAV NRW R, Reg. Düsseldorf, Nr. 13210, ohne Paginierung, mit der Rechnung aus dem Erlös in Höhe von 317 Reichstalern(?).
  4. Camp, Wiederauffindung, S. 148.
  5. Über eine nach Bayerle, Kirchen, S. 50, in der Gruft anlässlich der Beisetzung angebrachte angebliche Wandinschrift vgl. Kommentar zu Nr. 94.
  6. Vgl. dazu die Beispiele zu Akten- und Urkundenreinschriften bei Beck/Beck, Schrift, S. 596–599.
  7. Vgl. zum Folgenden die knappen Zusammenfassungen bei Manfred Wolf, Art. Johann Wilhelm, Herzog von Jülich-Kleve-Berg (seit 1592), in: NDB 10 (1974), S. 491f. und die dort angegebene Literatur; G[regor] H[övelmann], Herzog Johann Wilhelm, in: Kat. Land im Mittelpunkt, S. 431f.; zu Münster Alois Schröer, Die Reformation in Westfalen, Bd. 1, Münster 1979, S. 244–247.
  8. Vgl. zu dieser Heirat und den Feierlichkeiten Kap. 2.1.5 der Einleitung.
  9. Zu seiner Erkrankung vgl. z. B. Pauls, Geisteskrankheit; zuletzt zusammenfassend Landwehr, Herzog.
  10. Vgl. dazu zuletzt zusammenfassend die Beiträge in: Groten u.a., Der Jülich-Klevische Erbstreit, sowie in: Kat. Fürsten, Macht und Krieg.
  11. Die Berichte sind in Auszügen abgedruckt bei Pauls, Geisteskrankheit, S. 269–272 als Beil. II.
  12. Engelbrecht, Pfalzgraf, S. 77. Vgl. dazu ausführlicher Heppe, Wandel, S. 8.
  13. So z. B. I[ngeborg] Z[acher], Adolph vom Kamp, Das Begräbnis von Herzog Johann Wilhelm im Jahre 1628, 1629, in: Kat. Land im Mittelpunkt, S. 452–454, Nr. G 27; hier S. 453, so auch schon Pauls, Geisteskrankheit, S. 266f.; Roth, Tod, S. 45, der zusätzlich die fehlende Befugnis der Räte zur Anordnung der Beisetzung nennt.
  14. In dem in den Farragines Gelenii überlieferten Einladungsschreiben zur Beisetzung Johann Wilhelms (HAStK, Best. 1039, Bd. 8, fol. 298r) verweist Wolfgang Wilhelm selbst darauf, dass der Tod der Gemahlin ihm die Notwendigkeit, den Verwandten zu bestatten, vor Augen geführt habe. Vgl. z. B. auch Heppe, Wandel, S. 8, der als weiteres Moment die „Einsicht von Wolfgang Wilhelm, daß er bei der seinerzeitigen Machtkonstellation nur Jülich und Berg gegen Brandenburg behaupten konnte,“ nennt.
  15. Zu Adolf vom Kamp, der seine Tätigkeit als Hofschreiner und Hofschnitzer begann und ab 1621 Landesbaumeister in Jülich-Berg sowie 1628–1651 Düsseldorfer Ratsherr war, vgl. Spohr, Düsseldorf, S. 148, 456 u. ö.; ders., Festung, S. 307.
  16. VD 17 14:081062S; Verzeichnis Düsseldorfer Drucke, Nr. 129. Eine der Kupferstichtafeln zeigt die am Leichenzug teilnehmenden Ratsherren, unter ihnen auch Adolf vom Kamp.
  17. Eine kurze Darstellung des Leichenzuges und der Begräbnisfeierlichkeiten in der Lambertuskirche z. B. bei Heppe, Wandel, S. 8–13; zum Castrum doloris vgl. Buschow, Castra.
  18. Dazu Ackermann, Duldung, S. 97.

Nachweise

  1. V. Kamp, Beschribung, fol. 3v.
  2. PfA St. Lambertus Düsseldorf-Altstadt, Akten 747, foll. 77r u. 80v.
  3. LAV NRW R, Reg. Düsseldorf, Nr. 13210, ohne Paginierung.
  4. Mindel, Wegweiser, S. 61, Nr. 19 (und Korrekturen auf der Seite „Druckfehler und Berichtigungen“).
  5. Demian, Handbuch, S. 342f.
  6. Bayerle, Kirchen, S. 50.
  7. Strauven, Mausoleen, S. 7.
  8. Pauls, Geisteskrankheit, S. 279.
  9. Camp, Wiederauffindung, S. 148.

Zitierhinweis:
DI 89, Stadt Düsseldorf, Nr. 119 (Ulrike Spengler-Reffgen), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di089d008k0011902.