Inschriftenkatalog: Stadt Düsseldorf

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 89: Stadt Düsseldorf (2016)

Nr. 113† St. Lambertus 1604

Beschreibung

Epitaph für Johannes Altroggen, Kanoniker zu Düsseldorf und Pfarrer in Richrath. Als der Richrather Pfarrer Hermann Jakob Ludovici (Pfarrer 1767–1802) einen „Liber archivarius“ seiner Pfarrkirche zusammenstellte, führte er in einer Auflistung seiner Vorgänger auch Johannes Altroggen für das Jahr 1596 auf und gab die Inschriften auf dessen Epitaph wieder. Nach diesen Aufzeichnungen befand es sich in der Sakristei der Lambertuskirche.1) 1928, als Hünermann diese Angaben mit einer Übersetzung der Texte und einigen Erläuterungen veröffentlichte,2) war das Epitaph nicht mehr vorhanden.3) Das Epitaph trug, in eine Steinplatte eingehauen,4) eine Widmung (A), ein 22zeiliges Grabgedicht mit Anrede an den Leser, Grabbezeugung und Totenlob (B) und einen Sterbevermerk (C). Ob es mit weiteren Inschriften oder anderem Schmuck versehen war, ist nicht überliefert.

Nach Ludovici.

  1. A

    Epitaphium venerabilis tam virtutibus quam eruditione conspicui viri domini Joannis Altroggen canonici Düsselania) atque pastoris Richrathensis

  2. B

    Lector Joannis devoto respice vultuHaec precor Altroggi moesta sepulchra sacriAdjacet hic nato genitrix quem nutriit olimArtibus ingenuus dum studet ille puerQuare aluit matrem languenti aetate vicissimFilius Aeneas ut tulit ante patremQuaeritur enituit magis an virtute decora Doctrina an potius conspicuusque choroCujus erat collega quidem doctusque piusqueDüsselidum templo et praestitit usque decusProvida cui virtus faciesque venusta pudorqueHumani mores vita modesta fuitQuid memorem linguae praestantia dona disertaeQua docuit populum verba benigna DeiPastoremque libens plebs atque ecclesia RichrathEst complexa suum moribus aucta piisUt taceam quam charus erat magnatibus arasIn phanis illi qui tribuere duasErgo animam quando jam tristia fata5) reposcunt Hymnum cygnea voce sonans moriturAltroggi moribunde vale coeloque quiesceCum geniis Christo carmina diva cane

  1. C

    Anno D(omi)ni MVCIVb) XIII calen(das) aprilis in Ch(ris)toc) defunctus est

Übersetzung:

Epitaph des ehrwürdigen, sowohl durch seine Tugenden als durch seine Bildung hervorragenden Mannes, Herrn Johannes Altroggen, Düsseldorfer Kanoniker und Richrather Pfarrer. (A)

Leser, schaue, (so) bitte ich, mit andächtigem Blick auf dieses Trauer verkündende Grabmal des ehrwürdigen Johannes Altroggen. Hier liegt die Mutter neben dem Sohn, den sie einst aufzog, solange er sich als begabter Knabe mit den Wissenschaften beschäftigte. Daher sorgte er wiederum für die vom Alter geschwächte Mutter, wie vormals Aeneas als Sohn den Vater trug. Man könnte sich fragen, ob er mehr durch geziemende Tugend oder vielmehr durch Gelehrsamkeit hervorleuchtete. Und (er war) im Chor herausragend, dessen sowohl gelehrtes als auch gottesfürchtiges Mitglied er nämlich war, und erwies sich für die Düsseldorfer Kirche stets als Zierde. Er besaß eine vorausschauende Tatkraft, eine anmutige Erscheinung, Ehrgefühl, edle Sitten und eine maßvolle Lebensweise. Was soll ich noch erinnern an die vortreffliche Gabe der wohl formulierten Rede, mit der er das Volk die gütigen Worte Gottes lehrte? Und ihren Hirten schlossen das Volk und die Kirche von Richrath, in frommem Lebenswandel gestärkt, gern in ihr Herz; ganz zu schweigen davon, wie geschätzt er bei den Vornehmen war, die jenem in (ihren) Kirchen zwei Altäre übertrugen. Als nun das finstere Schicksal gegenüber der Seele sein Recht verlangt, stirbt er mit schwanengleicher Stimme einen Hymnus singend. Altroggen! Sterblicher! Lebe wohl und ruhe im Himmel. Zusammen mit den Genien singe Christus himmlische Lieder! (B)

Im Jahr des Herrn 1504 (richtig: 1604) am 13. Tag vor den Kalenden des April ist er in Christus gestorben. (C)

Datum: 20. März (C).

Versmaß: Elegische Distichen (B).

Kommentar

Der Verfasser des Grabgedichtes ist nicht bekannt. Seine humanistische, auf das klassische Altertum gerichtete Bildung zeigt sich z. B. in der Erwähnung des Aeneas als Vorbild für die Sohnesliebe,6) in der Anspielung auf die antike Vorstellung, dass der sterbende Schwan melodische Klagelaute singe,7) sowie der Nennung der Genien8) und in der Verwendung der Junktur tristia fata.

Die Jahreszahl ist nicht korrekt wiedergegeben, denn der aus Wattenscheid stammende Johannes Altroggen war 1578 an der Universität Köln eingeschrieben.9) 1564 bis 1595 ist er Vikar in Wattenscheid gewesen, von 1577 bis zu seinem Tod Kanoniker am Düsseldorfer Marienstift, seit 1586 auch Pfarrer in Richrath und gleichzeitig Inhaber eines Altares.10) Er muss also am 20. März des Jahres 1604 verstorben sein.

Textkritischer Apparat

  1. Düssselani Hünermann.
  2. Zu der Angabe des Jahres vgl. unten den Kommentar. M bei Ludovici als neulateinisches Zahlzeichen mit Schaft zwischen zwei einander zugewendeten Bögen wiedergegeben. Bei Hünermann ein Fragezeichen hinter der Jahreszahl. Möglicherweise bereitete die Lesung neulateinischer Zahlzeichen Probleme.
  3. Buchstabenbestand nach Ludovici: Xto.

Anmerkungen

  1. PfA St. Martinus Langenfeld-Richrath, Liber archivarius, S. 28 in direktem Anschluss an den Text der Inschriften: „Ita marmori incisum est Düsselis in Sacristia collegiatae Ecclesiae“. Ich danke ganz herzlich Frau Marita Tuttas, Langenfeld, die mir diese Archivalie zugänglich gemacht und mich auf weitere Angaben zu Johannes Altroggen (s. Anm. 10) aufmerksam gemacht hat.
  2. Hünermann, Epitaphium. Bereits 1927 hatte er eine kurze Beschreibung dieses „Liber“ und eine Reihe von weiteren, hier nicht zu berücksichtigenden Angaben daraus veröffentlicht: Bergische Geschichtsblätter 4 (1927), S. 5–8 u. 18–22; ein weiterer Teil in ebd. 5 (1928), S. 43f.
  3. Vgl. Hünermann, Epitaphium, S. 70.
  4. Vgl. dazu Anm. 1. Ob unter dieser Angabe tatsächlich „Marmor“ oder im weiteren Sinne „Kalkstein“ zu verstehen ist, bleibt offen.
  5. Hex.-Lex. 5, S. 474f.
  6. Verg. Aen. 2, 707–710, 721–723.
  7. Vgl. dazu Wilpert, Sachwörterbuch, S. 837.
  8. Vgl. z. B. Lexikon der Kunst 2, S. 693f.
  9. Matrikel Köln 4, Nr. 701, 109.
  10. PfA St. Martinus Langenfeld-Richrath, Familienbuch der katholischen Pfarrgemeinde St. Martinus. Zu dieser Archivalie hat Herr Uwe Boelken, Stadtarchiv Leichlingen, eine Zusammenstellung der Pfarrer von St. Martinus erstellt, der diese Angaben entnommen sind. Zur Verleihung der Pfarre Richrath 1586 Juni 6 auch Redlich, Kirchenpolitik, Bd. 2,2, S. 261 Anm. 2. In den Kanonikerlisten in LAV NRW R, Stift Düsseldorf, Rep. u. Hss. 2, fol. 13r, ist der Antritt seines Kanonikates zum Jahr 1577 verzeichnet.

Nachweise

  1. PfA St. Martinus Langenfeld-Richrath, Liber archivarius, S. 28 (Ludovici).
  2. Hünermann, Epitaphium, S. 69.

Zitierhinweis:
DI 89, Stadt Düsseldorf, Nr. 113† (Ulrike Spengler-Reffgen), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di089d008k0011302.