Inschriftenkatalog: Stadt Düsseldorf

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 89: Stadt Düsseldorf (2016)

Nr. 61a Angermund, Hubertuskapelle 1560–1570

Diese Katalognummer liegt nur in der Onlinefassung vor.

Beschreibung

Glocke des Gießers Wilhelm Hachmann.1) Bronze. Um die Schulter verläuft ein einzelner Steg, darunter einzeilig zwischen Stegen der Auftraggeber- oder Stiftervermerk und die Glockenrede mit der Meisterinschrift und der Angabe des Gussjahres. Unterhalb der Inschrift, ebenfalls zwischen Stegen ein Renaissancefries, der sich abwechselnd aus Voluten mit Blüten und Fantasiegestalten zusammensetzt. Auf der Flanke befinden sich zwei Wappen – links Winkelhausen, rechts Kettler – sowie auf der gegenüberliegenden Seite ein Flachrelief, das ein rundes Medaillon mit der Darstellung der Gottesmutter mit Kind zeigt. Der Wolm ist mit fünf, der Schlagring mit drei Stegen geschmückt. Die Glocke hängt nach einer Reinigung und Teilreparatur (Aufhängung, Klöppel) durch die Glocken- und Kunstguss-Manufaktur Petit & Gebr. Edelbrock in Gescher seit Herbst 2016 wieder an ihrem vorherigen Ort unzugänglich im Dachreiter der Hubertuskapelle2), die gegenüber dem Hof Gut Winkelhausen liegt. Dass sie älter als der heutige, aus dem 17. Jahrhundert stammende Kapellenbau ist, wurde erst während im Jahr 2016 durchgeführter Sanierungsmaßnahmen3) entdeckt. Vermutlich stammt sie aus einem im 15. Jahrhundert erstmals belegten Vorgängerbau der Kapelle, muss aber, da der heutige Dachstuhl aus dem Jahr 1789 stammt,4) mehrfach abgenommen und umgehängt worden sein.

Schriftart(en): Gotische Majuskel.5)

  1. A

    + anna · ketteler · weefrouw6)

  2. B

    · jnt · iaer · xvca) · lx[.]b) · goet · willem · hachmann · mych

Winkelhausen7), Kettler8)

Wappen:

Kommentar

Die Inschrift ist sorgfältig ausgeführt. Sie zeigt doppelstöckiges, oben geschlossenes a; bei e ist der zu einem Strich reduzierte Balken unten nach rechts und oben nach links, dort über den gebrochenen Bogen hinausragend, umgebogen. Das c besitzt ein am oberen gebrochenen Bogenende angesetztes Zierhäkchen. Die Fahne bei r ist als Quadrangel mit unten angesetztem, nach rechts umgebogenen Zierstrich ausgeführt. Bei w besitzen der linke und der mittlere, bei v der linke Schaft eine Oberlänge. Bei dem mit einem kurzen Mittelbalken ausgeführten x ist der Rechtsschrägschaft auf einen Haarstrich reduziert, der oben zu einer Fahne umgebrochen und unten nach rechts unter die Grundlinie umgebogen ist. Der untere Bogen des g reicht nur knapp unter die Grundlinie. Das y besteht aus zwei senkrechten Schäften; das untere Ende des linken Schaftes ist in einen nach rechts gebogenen Zierstrich unter die Grundlinie ausgezogen. Die Oberlängen von h, k, l und t sind gespalten. Am rechten Balkenende des t ist ein nach rechts umgebogener Zierstrich angesetzt. Das k ist ohne oberen Schrägbalken ausgeführt wie ein h, unterscheidet sich jedoch deutlich von letzterem, weil der untere Schrägbalken zwar als gebrochener Bogen ausgeführt ist, aber auf der Grundlinie endet und nicht wie bei h unter die Grundlinie nach rechts ausgezogen wird. Ober- und Unterlängen liegen über den dünnen Stegen der Linierung, die das Mittelband begrenzt. Den Beginn der Inschrift markiert ein griechisches Kreuz, das im Schnittpunkt mit einem Kreis hinterlegt ist. Als Worttrenner dienen ein Christuskopf mit Kreuznimbus, verschiedene Vögel, ein Hase, ein Löwe(?), ein sechsstrahliger Stern und Rosetten. Solche Tierfiguren, Rosetten und Sterne wurden erstmals in den 1530er Jahren von Wilhelm Hachmanns Vater Albert Hachmann verwendet und sind von da an ein typisches Kennzeichen für die Erzeugnisse dieser Klever Werkstatt.9) Einige der auf dieser Glocke verwendeten Trennzeichen, z. B. der Christuskopf, finden sich auch auf der ebenfalls aus der Werkstatt Hachmann stammenden, kleinen Glocke in der Taufkapelle von St. Andreas (Nr. 65) sowie auf mehreren Glocken, die Wilhelm Hachmann für die evangelische Kirche in Essen-Kettwig und St. Ludger in Essen-Werden gegossen hat.10) Auch der Renaissancefries ist auf zwei der genannten Essener Glocken ausgeführt;11) jene für die Kirche in Kettwig, die Uhrglocke, zeigt zudem nicht nur das Medaillon mit der Darstellung der Gottesmutter, sondern auch dieselben Buchstabentypen wie die kleine Glocke der Hubertuskapelle. Auch das Formular mit der Nennung des Auftraggebers und des Gussjahres sowie der Meisterinschrift findet sich auf der Glocke für Kettwig.12)

Die Schreibweise des Jahrhunderts im Datum mit dem Multiplikator c (100), die hier in der Form Anzahl der Jahrhunderte mal 100 (xv mal c) erfolgt, ist für die Werkstatt Hachmann häufig belegt.13)

Die früheste Erwähnung der Kapelle enthält die Beschreibung der Wittlaerer Fronleichnamsprozession von 1436, die der damalige Pfarrer Middeldorp verfasste; das Hubertuspatrozinium ist erstmals 1476 belegt. Nicht exakt bekannt ist das Datum der Neuerrichtung im 17. Jahrhundert. Äußerst wahrscheinlich erscheint jedoch ein zeitlicher Zusammenhang zwischen der Errichtung der Kapelle und dem 1668 fertiggestellten Umbau des Torhauses von Gut Winkelhausen, da sowohl über der Tür der Kapelle als auch am Torhaus das Allianzwappens der seit 1634 verheirateten Eheleute Johann Heinrich von Winkelhausen und Agnes Waldbott von Bassenheim angebracht wurde und die Eingangsseite der Kapelle exakt in der Sichtachse des Torhauses liegt.14)

Die Auftraggeberin oder Stifterin Anna Kettler wird als weefrouw bezeichnet. Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist damit ihr Witwenstand benannt worden15) und nicht die Berufsbezeichnung „Wehfrau“ für eine Hebamme16) verwendet worden. Anna Kettler ist wohl die Ehefrau des 1555 verstorbenen Hermann von Winkelhausen, Kammermeister im Amt Angermund, gewesen.17) Die kinderlos gebliebenen Eheleute hatten das Haus Winkelhausen, den Stammsitz der Familie, in Besitz, den sie 1551/52 ihrem Neffen Johann von Winkelhausen, Sohn des Ludger von Winkelhausen, Herrn von Kalkum, vermachten. Anna Kettler ist in den Quellen mehrfach nachzuweisen.18) Sie ist erstmals im März 1570 als verstorben genannt.19) Nicht zu verwechseln ist sie mit der gleichnamigen jüngeren Anna Kettler, die mit eben jenem Johann von Winkelhausen zu Kalkum verheiratet war.20)

Zu der Klever Werkstatt und dem Gießer Wilhelm Hachmann vgl. Nr. 65.

Textkritischer Apparat

  1. Zu dieser Schreibweise des Jahrhunderts in der Jahreszahl s. unten im Kommentar.
  2. Anhand der Fotos ist nicht eindeutig zu erkennen, ob noch eine weitere Ziffer folgt, es erscheint jedoch aufgrund der Abstände als wahrscheinlich.

Anmerkungen

  1. Die folgende Beschreibung wurde anhand von Fotos erstellt, die Herr Matthias Berg, Institut für Denkmalschutz und Denkmalpflege Düsseldorf, im Herbst 2016 zur Verfügung gestellt hat. Herrn Berg danke ich sehr herzlich für die Zusammenarbeit. Eine Inaugenscheinnahme durch die Bearbeiterin war nicht möglich.
  2. Die Angaben zu den Maßnahmen an der Glocke nach einer schriftlichen Mitteilung von Herrn Matthias Berg, Institut für Denkmalschutz und Denkmalpflege Düsseldorf, vom 22. Sept. 2016.
  3. Vgl. dazu Siegfried Hoymann, Die Hubertuskapelle erstrahlt wieder in leuchtendem Weiß. Sanierungsmaßnahmen weitgehend abgeschlossen – Es folgt die Gestaltung des Innenraums, in: Heimat-Jahrbuch Wittlaer 37 (2016), S. 11–17.
  4. Ebd., S. 16.
  5. Die Glocke ist nicht zugänglich, da weder ein Aufgang noch eine Revisionsöffnung zum Dachreiter vorhanden ist.
  6. Zur Bedeutung s. unten im Kommentar.
  7. Fahne I, S. 458; Schleicher, Slg. Oidtman, Bd. 16, S. 578; beide mit abweichender Darstellung des Teerkranzeisens; Wappen hier aber übereinstimmend mit jenem auf dem Epitaph für das Kind Johann von Winkelhausen von 1619 (Nr. 133).
  8. Fahne I, S. 322.
  9. Vgl. dazu Dorgelo, Glockengießer, S. 159.
  10. S. DI 81 (Essen), Nrn. 119, 128 u. 130.
  11. Ebd., Nrn. 119 u. 130.
  12. Ebd., Nr. 119.
  13. Vgl. Dorgelo, Glockengießer, S. 159–161, 163–166.
  14. Vgl. zu diesen Angaben und zur weiteren Geschichte der Hubertuskapelle Bruno Bauer, Eine Gutskapelle mit langer Geschichte. Die Hubertuskapelle bei Großwinkelhausen wird schon über 500 Jahre für kirchliche Feiern genutzt, in: Heimat-Jahrbuch Wittlaer 39 (2018), S. 29–37, hier v.a. S. 29.
  15. Zur Bedeutung von „Wehfrau“ als „Wittfrau“ vgl. den Eintrag im Rheinischen Wörterbuch unter: http://www.woerterbuchnetz.de/cgi-bin/WBNetz/wbgui_py?sigle=RhWB&lemid=RW02095 (Zugriff: 26.06.2020). Zur Bedeutung von „Wittfrau“ vgl. z.B. im Deutschen Wörterbuch von Jakob und Wilhelm Grimm unter: http://www.woerterbuchnetz.de/cgi-bin/WBNetz/wbgui_py?sigle=DWB&lemid=GW24060 (Zugriff: 26.06.2020).
  16. Vgl. dazu z.B. im Rheinischen Wörterbuch unter: http://www.woerterbuchnetz.de/cgi-bin/WBNetz/wbgui_py?sigle=RhWB&lemid=RW02125 (Zugriff: 26.06.2020).
  17. Zu Hermann von Winkelhausen Schleicher, Oidtman, Bd. 16, S. 581; außerdem die zahlreichen Einträge in: Inventar des Urkundenarchivs der Fürsten von Hatzfeld-Wildenburg zu Schönstein/Sieg, Bd. 6: Orts- und Personenindex, bearb. von Jost Kloft (Inventare nichtstaatlicher Archive 35), Köln 1993, S. 729. Seine Frau Anna wird im Dezember 1555 als verwitwet genannt. Dazu Inventar des Urkundenarchivs der Fürsten von Hatzfeld-Wildenburg zu Schönstein/Sieg, Bd. 3, Regesten Nr. 1051–1650: 1536–1574, bearb. von Jost Kloft (Inventare nichtstaatlicher Archive 23), Köln 1980, Nr. 1318.
  18. Ebd., Nrn. 1238, 1253, 1304, 1318, 1320 u. 1324.
  19. Ebd., Nr. 1547; nach ihrem Tod auch belegt ebd., Nr. 1565 sowie Inventar des Urkundenarchivs der Fürsten von Hatzfeld-Wildenburg zu Schönstein/Sieg, Bd. 4, Regesten Nr. 1651–2250: 1574–1607, bearb. von Jost Kloft (Inventare nichtstaatlicher Archive 28), Köln 1984, Nrn. 1831 u. 1930.
  20. Vgl. zu dieser jüngeren Anna u.a. Schleicher, Oidtman, Bd. 16, S. 581ff.; Fahne I, S. 459; Becker, Gräber, S. 78.

Zitierhinweis:
DI 89, Stadt Düsseldorf, Nr. 61a (Ulrike Spengler-Reffgen), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di089d008k00061a8.