Inschriftenkatalog: Stadt Düsseldorf

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 89: Stadt Düsseldorf (2016)

Nr. 60 London, Victoria & Albert Museum 1568

Beschreibung

Virginal Herzog Wilhelms V. (des Reichen). Flämisch, vermutlich aus Antwerpen. Der kastenförmige Instrumentenkörper aus Walnussholz, auf vier jüngeren (?) Füßen stehend, ist auf der Vorderseite reich mit geschnitzten Waffentrophäen und Musikinstrumenten in antikisierender Manier geschmückt. Auf der Außenseite des Klappdeckels der Tastatur befindet sich in einer Kartusche die Darstellung eines nackten Mannes mit einer Viola da Gamba. Ornamente aus Band- und Rollwerk schmücken den Bereich über der Tastatur, die Schmalseiten, die Rückseite und den Deckel, auf dessen Außenseite sie den Rahmen für das in der Mitte angebrachte mehrfeldige Wappen von Jülich-Kleve-Berg-Mark-Ravensberg bilden. Auf der Rückseite ein weiteres Medaillon mit einem musizierenden Mann. An beiden Seiten groteske, geschnitzte Fischmasken, die im Maul ringförmige Griffe tragen, an der Vorderseite zu beiden Seiten der Tastatur nach außen ragende Löwenmasken, an den schmalen Seiten rechts und links der Tastatur Fruchtgehänge, auf der Rückseite ebenfalls nach außen ragende Tiermasken. Der Resonanzboden aus Fichte oder Tanne1) wurde in Gouachetechnik mit Blumen im flämischen Stil bemalt.2) Die Rose aus dem Schallloch fehlt. Die Innenseite des Deckels zeigt auf blauem Grund goldenes Bandwerk, in der Mitte ein geschnitztes Medaillon mit dem musizierenden Orpheus, der die wilden Tiere zähmt. Ober- und unterhalb dieses Bandwerks sowie auf der Innenseite des Klappdeckels der Tastatur jeweils in Gold auf blauem Grund ein Spruch über die Wirkung der Musik (A und E). Auf dem Holz des Sockels auf der Vorder- und Rückseite in Gold Bibelzitate (B und D), an beiden Schmalseiten jeweils das Lob Gottes (C), auf der Deckenleiste ebenso in Gold auf Holz ein weiterer Spruch über die Musik (F). 1880 befand sich das auf der Exposition Nationale de Belge ausgestellte Virginal in Lütticher Privatbesitz, aus dem es 1896 durch das Victoria and Albert Museum in London angekauft wurde.3) Das Gehäuse wurde mehrfach ausgebessert, die heutige Tastatur vermutlich im späten 19. Jahrhundert eingebaut, auch die Saiten wurden ausgetauscht. Die Malerei und die Vergoldung wurden mehrfach überarbeitet.4)

Maße: L. 163 cm; B. 56,3 cm; H. 25,7 cm (ohne Füße und Deckel); 5) Bu. 2,6 cm (A), 1,9 cm (B–D), 2,1 cm (E), 2,0 cm (F).

Schriftart(en): Kapitalis.

DI 89, Nr. 60 - London, Victoria & Albert Museum - 1568

 AWK NRW, Arbeitsstelle Inschriften (Sonja Hermann) [1/3]

  1. A

    MVSICA · DISPARIVM · DVLCIS · CONCORDIA · VOCVM / PELLO · LEVO · PLACOa) · TRISTIA · CORDA · DEOS ·b)

  1. B

    LAVDATE // DOMINVM · IN · CHORDIS · ET · IN // ORGANO 6)

  2. C

    LAVS · DEO c)

  3. D

    OMNIS // SPIRITVS · LAVDET · DOMINVSd)7) // 1568

  4. E

    MVSICA · NVNC · DIGNAS e) · HABITET · SVA · PROIMAA f) · LAVRVS · /
    NITIT g) · HONORE h) · SVAS · PRETIO · SVPERATQVE · SORORES · / PRORSVS i) · ET · IMME(N)SVM · PROPELLIT j ) · LVMINA · CORDI ·

  5. F

    MVSICA · TVRBATOS · SENSVS · ANIMOSQVE · REMOVET 8)

Übersetzung:

Ich, die Musik, die süße Harmonie verschiedener Stimmen, erwecke, erhebe, besänftige traurige Herzen (und) die Götter. (A)

Lobet den Herren mit Saiten und Schalmeien. (B)9)

Lob (sei) Gott. (C)

Alles, was Atem hat, lobe den Herrn. (D)10)

Die Musik möge jetzt die verdienten Lorbeeren als ihren Lohn erhalten. Sie glänzt in (ihrer) Pracht und überragt mit ihrem Wert ihre Schwestern. Mit einem Wort: Und so treibt sie ins Unermessliche dem Herzen die Einsicht. (E)

Die Musik besänftigt erregte Sinne und Herzen. (F)11)

Versmaß: Elegisches Distichon (A, der Hexameter einsilbig leoninisch gereimt), Hexameter (E, F).

Wappen:
Jülich-Kleve-Berg-Mark-Ravensberg

Kommentar

Als Worttrenner dienen Quadrangel. Nicht so sehr in den Buchstabenformen, sondern in deren Proportionen und in der stilistischen Ausgestaltung weichen die Inschriften voneinander ab. Dies ist möglicherweise eine Folge der in ihren Maßnahmen und Ausmaßen nicht bekannten Überarbeitungen; eine paläographische Beurteilung ist daher nur mit eingeschränkter Aussagekraft möglich. Lediglich Inschrift A scheint wenig oder gar nicht überarbeitet worden zu sein. Sie ist insgesamt nicht sehr sauber ausgeführt. Die Abstände der Buchstaben im Pentameter, in dem zudem ein prosodischer Verstoß vorliegt, sind unregelmäßig, der rechte Schrägschaft des A ist mehrfach stärker geneigt als der linke. Punkt über dem I begegnet nur hier. Zeittypisch ist das E mit verlängertem unteren Balken, während in den übrigen Inschriften der obere und untere Balken die gleiche Länge besitzen. Im Vergleich zu B–F sind in A der Wechsel zwischen Haar- und Schattenstrichen, die Linksschrägenverstärkungen sowie die Gestaltung der Serifen deutlich geringer ausgeprägt. Die Inschriften B–F scheinen hingegen stärker überarbeitet zu sein. Die Buchstaben sind schattiert und erwecken so den Eindruck von Dreidimensionalität. In E, besonders in Z. 2, sind die Buchstaben deutlich schlanker als in den übrigen Inschriften. Da zudem einige Buchstaben eingestellt sind und die Inschrift über die Beschläge hinweg ausgeführt wurde, ist dies vermutlich auf Platzmangel zurückzuführen. In B–D sind die Bögen bei O und D in einigen Fällen oben und unten abgeflacht. Der heute vorliegende Textbestand in den Inschriften D und E weist Fehler auf. So steht in D falsch DOMINVS für DOMINVM. Für E hat McGeary eine Emendierung vorgeschlagen. Ob diese Fehler ursprünglich vorhanden waren oder aus den späteren Übermalungen resultieren, ließ sich nicht klären.

Die Bibelzitate auf der Vorder- und Rückseite (B und D) hat McGeary häufig auf Instrumenten des 16. und 17. Jahrhunderts nachweisen können, die Inschrift C, die auf den Schmalseiten des Virginals jeweils zwischen den Psalmenzitaten steht und deren Aufforderung zum Lobe Gottes zusammenfasst, nur hier.12) Die Sentenzen über die Musik (A, E und F) finden sich nur auf diesem Virginal, fügen sich aber in eine Reihe von inhaltlich entsprechenden Inschriften auf Instrumenten des 16. und 17. Jahrhunderts ein.13)

Die in den Inschriften A, E und F beschriebene Wirkung der Musik wird auf der Deckelinnenseite bildlich dargestellt mit dem im 16. Jahrhundert verbreiteten, die Harmonie der Musik illustrierenden Motiv des musizierenden Orpheus, der auf diese Weise die wilden Tiere zähmt.14) Dieses Motiv findet sich auch auf der Simultanbühne für das bei der Hochzeit 1585 aufgeführte Singspiel um Orpheus und Amphion (Nr. 74). Durch Inschrift F wird dieses humanistisch beeinflusste Motiv mit protestantischem Gedankengut verknüpft, denn deren Wortlaut hat McGeary nahezu übereinstimmend in einem Widmungsgedicht von Johann Spangenberg für ein kirchenmusikalisches Werk des Balthasar Resinarius nachgewiesen.15) Spangenberg und Resinarius (bzw. Balthasar Hartzer)16) zählen zu den wichtigsten Vertretern der ersten Generation protestantischer Kirchenlieddichter bzw. -komponisten.

Das Virginal unterscheidet sich von erhaltenen, vergleichbaren Instrumenten des 16. Jahrhunderts in seiner Form und einigen Elementen der Dekoration. Dennoch deutet seine Ausschmückung auf eine Entstehung in Antwerpen, dem damaligen Zentrum für die Herstellung von Spinetten und verwandten Instrumenten, hin, insbesondere da die Ornamente auf dem Gehäuse auf eine 1564 in Antwerpen veröffentlichte Vorlage des Ornamentstechers Jakob Floris zurückgehen.17) Die Verbindung zum Haus Jülich-Kleve-Berg belegt das Wappen auf dem Deckel. Das Virginal ist das einzig erhaltene Musikinstrument des Hofes. Sehr wahrscheinlich, wenn auch nicht mit letzter Sicherheit zu entscheiden ist, dass es sich um jenes Instrument handelt, das auf zwei Kupferstichen in der Beschreibung der jülicher Hochzeit abgebildet ist. Dort erkennt man den am jülich-klevischen Hof tätigen Musiker und Komponisten Martin Peudargent, der während des Hochzeitsmahls inmitten der Hofkapelle ein Virginal spielt.18)

Textkritischer Apparat

  1. Spatium zwischen C und O.
  2. Als Abschluss ein Kreuz.
  3. Auf der von vorne betrachtet linken Seite auch Worttrenner hinter DEO.
  4. Sic! Zu korrigieren in DOMINVM.
  5. I eingestellt in D.
  6. Sic! Statt PR[AEMI]A, wie McGeary emendiert? I eingestellt in O, erstes A unter den Mittelteil des M gestellt.
  7. NITIT] Sic! Statt NITET? McGeary emendiert [Vic]it.
  8. N eingestellt in erstes O, R eingestellt in zweites O.
  9. Zweites R eingestellt in O.
  10. R eingestellt in O.

Anmerkungen

  1. Fichte: Schott, Catalogue, S. 27; Tanne: Kat. Land im Mittelpunkt, Nr. K 32, S. 496 (I[nge] Z[acher]).
  2. Nach Schott, Catalogue, S. 27, der dazu zwei weitere Beispiele anführt, handelt es sich hier um eines der frühesten Beispiele dafür auf flämischen Instrumenten. Dies widerspricht den früheren Angaben bei Thornton, Decoration, S. 73, der diese Malerei in das 17. Jh. datiert hat.
  3. Inv.-Nr. 447-1896; vgl. Schott, Catalogue, S. 28.
  4. Am ausführlichsten dazu Russell, Catalogue, S. 41; Schott, Catalogue, S. 26–28; beide jedoch ohne detailliertere Angaben zu Art und Ausmaß der Überarbeitung.
  5. So auch Schott, Catalogue, S. 26. Abweichend wird die Höhe mit 27,5 cm angegeben in Kat. Land im Mittelpunkt, Nr. K 32, S. 496 (I[nge] Z[acher]); Kat. Renaissance am Rhein, Nr. 212, S. 346 (G[uido] v[on] B[üren]).
  6. PsG 150,4: „Laudate eum in chordis et organo.“
  7. PsG 150,6: „Omnis spiritus laudet Dominum.“
  8. Nach McGeary, Mottoes, S. 28, aus einem Widmungsgedicht von Johann Spangenberg zu Balthasar Resinarius, Responsorium numero octoginta. S. dazu Anm. 15.
  9. Die wörtliche Übersetzung zu „organum“ lautet bei Georges II, Sp. 1397: „ein musikalisches Instrument“, „ein Pfeifenwerk, Orgelwerk, Blaswerk“; bei J. F. Niermeyer, Mediae latinitatis lexicon minus, 2 Bde., Leiden 1976, Bd. 2, S. 975: „Orgel mit Windwerk“.
  10. Zur Bedeutung von „spiritus“ als Lebensatem Blaise, S. 860.
  11. A und F in der Übersetzung nach Gieseler, Musik, S. 41.
  12. McGeary, Mottoes, S. 24f., Nrn. 30–35 (B, z. T. in geringfügig abweichender Form); S. 29f., Nr. 52 (D) u. S. 25, Nr. 38 (C).
  13. Ebd., S. 26, Nr. 40 (A); S. 28, Nrn. 46 u. 48 (E u. F); vgl. die Auflistung der Inschriften ebd., S. 26–28, Nrn. 39–48.
  14. Lexikon der Kunst 5, S. 316f. Vgl. auch Christoph Rueger, Musical Instruments and Their Decoration. Historical Gems of European Culture, London 1986, S. 54 u. 62.
  15. McGeary, Mottoes, S. 28, Nr. 48. Zu dem Gedicht s. Balthasar Resinarius. Responsorium Numero octoginta, Bd. 1, hg. von Inge-Maria Schröder (Georg Rhau. Musikdrucke aus den Jahren 1538 bis 1545 in praktischer Neuausgabe 1), Kassel/Basel 1955, S. XX: „Musica turbatos sensus, animosque reformat.“
  16. Zu ihnen Thomas Kaufmann, Art. Spangenberg, 1) Johann(es), in: NDB 24 (2010), S. 622f.; Robert Eitner, Art. Hartzer, Balthasar, in: ADB 10 (1879), S. 721.
  17. Veeldehande Cierlycke compertementen, Antwerpen 1564; vgl. zu dem Vergleich mit anderen Instrumenten Schott, Catalogue, S. 27f.; zur Entstehung in Antwerpen auch Thornton, Decoration, S. 73; Kat. Land im Mittelpunkt, Nr. K 32, S. 496 (I[nge] Z[acher]); Kat. Renaissance am Rhein, Nr. 212, S. 346 (G[uido] v[on] B[üren]).
  18. Vgl. z. B. die Abb. in v. Büren, Hof, S. 28–30 Abb. 16, 17, 19 u. 20, deren Darstellung sich allerdings in einigen Details vom Aussehen des Virginals von 1568 unterscheidet. Zu Peudargent vgl. Martin Peudargent. Musiker und Komponist am jülich-klevischen Hof. Gesamtausgabe, bearb. u. komm. von Martin Lubenow (Jülicher Forschungen 7), Jülich 2006.

Nachweise

  1. Russell, Catalogue, Nr. 11, S. 40–41 u. Abb. 11 (A–E).
  2. Gieseler, Musik, S. 41 (A, B unvollständig, E).
  3. McGeary, Mottoes, Nrn. 30, 38, 40, 46, 48 u. 52, S. 24–26, 28f.
  4. Kat. Land im Mittelpunkt, Nr. K 32, S. 496f. (I[nge] Z[acher]; A, D, E und F).
  5. Schott, Catalogue, Nr. 5, S. 26–28.
  6. v. Büren, Hof, S. 11 (B), S. 37 (A, D, E u. F, jeweils nur Übersetzung).
  7. Kat. Renaissance am Rhein, Nr. 212, S. 346f. (G[uido] v[on] B[üren]) (A, D, E u. F, jeweils nur Übersetzung).

Zitierhinweis:
DI 89, Stadt Düsseldorf, Nr. 60 (Ulrike Spengler-Reffgen), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di089d008k0006007.