Inschriftenkatalog: Stadt Düsseldorf

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 89: Stadt Düsseldorf (2016)

Nr. 18 Kaiserswerth, St. Suitbertus 1264, 1626

Beschreibung

Zwei Bleitafeln, jeweils mit Reliquienbezeichnung und Translationsvermerk, im Inneren des Suitbertusschreins, wo sie 1264 anlässlich der Translation hinterlegt wurden. Sie werden erstmals im November 1626 bei der Eröffnung des Schreins und der Prüfung der darin enthaltenen Reliquien durch Johann Gelenius, Generalvikar Erzbischof Ferdinands von Köln, beschrieben1) und sind lediglich anlässlich einer der seltenen Öffnungen des Schreins zugänglich. Inschrift A auf einer querrechteckigen Platte in acht, Inschrift B auf einer nahezu quadratischen Platte in sechs Zeilen eingraviert zwischen geritzten Linien. Auf der Rückseite der Tafel mit Inschrift A wurde 1626 ein Vermerk über die Visitation angebracht (C). Die Tafeln tragen deutliche Oxidationsspuren. Maßangaben sind nicht bekannt.

A und B nach Abzug eines 1967 angefertigten Dias im PfA St. Suitbertus Kaiserswerth, ohne Signatur; Ergänzungen in A und B nach LAV NRW R, Stift Kaiserswerth, U 639 (Bericht Gelenius); C nach LAV NRW R, Stift Kaiserswerth, Akten 9a.

Schriftart(en): Gotische Majuskel (A, B).2)

DI 89, Nr. 18 - Kaiserswerth, St. Suitbertus - 1264

 Katholische Kirchengemeinde St. Suitbertus, Düsseldorf-Kaiserswerth (Berengar Pfahl) [1/2]

  1. A

    [IS]T[E] SV(N)[T] RELIQVIE / [BEATI SVIT]BER[TI CO(N)FES(SORIS)] / [QVA]RV[M] FACTA [EST H(AEC)] / [T]RANSLACIO AN[NO D(OMI)NI] / MC[C]LXIIII I[N] OCT[AVA]a) / APOSTOLOR(VM) PETR[I] E[T] / PAV[L]I TEMPORE VRBA/[NI P]APE QVARTI

  1. B

    ISTE · SVN[T] ·RE/LIQVIE · BEATI · / WILEYCJ / CONFESSORIS · / Q(VE) EODE(M) · T(EM)P(OR)E · / SV(N)T · TR(AN)SLA[TE]

  2. C

    Anno MDCXXVI XIX novembris mandante serenissimo et reverendissimo domino domino Ferdinando archiepiscopo et principe electore Coloniensi visitatae sunt reliquiae sanctorum Swiberti et Willeici confessorum Urbano VIII pontifice et Ferdinando II imperatore

Übersetzung:

Dies sind die Reliquien des seligen Bekenners Suitbertus, deren jetzige Überführung geschehen ist im Jahre des Herrn 1264 am Tag der Oktav des Festes der Apostel Petrus und Paulus, zur Zeit des Papstes Urban IV. (A)

Dies sind die Reliquien des seligen Bekenners Willeicus, die zur selben Zeit überführt worden sind. (B)

Im Jahr 1626 am 19. November wurden auf Anweisung des durchlauchtigsten und hochwürdigsten Herrn, Herrn Ferdinand Erzbischof und Kurfürsten von Köln, die Reliquien der heiligen Bekenner Suitbert und Willeicus zur Zeit Papst Urbans VIII. und Kaiser Ferdinands II. in Augenschein genommen. (C)

Datum: 6. Juli (A).

Kommentar

Die paläographische Beschreibung kann aufgrund des Erhaltungszustandes und der Unzugänglichkeit der beiden Tafeln nur mit Einschränkungen erfolgen. In B sind Punkte auf der Zeilenmitte als Worttrenner deutlich erkennbar. Sie finden sich vermutlich auch in A, sind aber auf den Aufnahmen nicht eindeutig zu verifizieren. Die Schrift ist geprägt durch unziale und runde Formen, die für den jeweiligen Buchstaben durchgängig verwendet werden und nicht mit dessen kapitaler Form im Wechsel stehen. Es finden sich rundes F, N und T, links geschlossenes unziales M und unziales D. Der Deckbalken bei T ist geschwungen. Die Sporen des – sofern erhalten – stets unzialen E sind so weit nach oben bzw. unten vergrößert, dass sie in der Regel einen Abschlussstrich bilden, während das C noch offen bleibt.

A ist leicht trapezförmig mit beidseitig überstehendem Deck- und gebrochenem Mittelbalken ausgeführt, O und Q spitzoval. Teile von Bögen und Schäfte werden häufig, aber nicht durchgängig konturiert; die Innenkontur der Bögen verläuft dabei zumeist gerade. Als weitere Zierformen finden sich Zierstriche bei T sowie ein waagerecht verlaufender Mittelschaft bei N. Bei S ist die Schnittstelle der Bögen in Kontur ausgeführt.

Die Öffnung des Schreins fand am 19. November 1626 auf Anweisung des Kölner Erzbischofs Ferdinand durch dessen Generalvikar Johannes Gelenius in Anwesenheit des Stiftskapitels statt.3) Im Schrein befand sich 1626 und befindet sich noch immer eine ca. 5 Fuß lange Eichenkiste, die im Innern in der Mitte durch ein Brett aus Eiche unterteilt ist. Entsprechend der Beschriftung auf den beiden Seiten des hölzernen Schreins (Nr. 19) fand man die Tafel mit Inschrift A auf der einen, jene mit Inschrift B auf der anderen Seite sowie jeweils eine Reihe in Stoffe gehüllter Reliquien. In der dem hl. Suitbert vorbehaltenen Hälfte wurden 1626 neben dem in ein rotes Tuch gehüllten Haupt ohne Kinnpartie zwei große Hüftknochen, zwei Knochen aus den Unterschenkeln, vier Armknochen, zwei Rippen, zwei weitere Knochen, deren Lage im Körper den Anwesenden nicht bekannt war, zwei Knochen aus der Schulter, außerdem ein Stück des Rückgrats mit zehn Wirbeln, zwei Schienbeinknochen mit zwei weiteren kleinen Knochen, die der Ferse zugeordnet wurden, zwei Teile aus den Knien sowie ein Teil des Kinns mit zwei Zähnen vorgefunden; als Reliquien des hl. Willeicus werden zwei Hüftknochen, ein Teil des Unterkiefers mit 13 Zähnen, zwei Schienbeinknochen, zwei Fußknochen, ein Stück eines Armes, ein Teil der Kehle sowie zwei weitere kleine Knochen und zwei Wirbel genannt. Einige Gebeine werden als abgenutzt („attrita“) beschrieben. Außerdem fand man ein rotes Tuch, von dem man annahm, dass es das Haupt des Heiligen enthalten habe. Der Bericht des Johannes Gelenius enthält keinen Hinweis auf die 1626 angebrachte weitere Inschrift, die jedoch bei einer späteren Öffnung des Schreins überliefert wird.

Der Schrein ist nicht nur 1626 geöffnet worden. Bereits 1393 hatte der Kölner Erzbischof die Genehmigung zu einer Öffnung erteilt, damit auf Bitten Herzog Wilhelms I. von Berg die Gebeine des hl. Willeicus entnommen und in die Düsseldorfer Kollegiatkirche, heute St. Lambertus, verbracht werden konnten.4) Der 1626 vorgefundene Inhalt belegt jedoch, dass ein Teil der Gebeine sowie der Stoff, in den das Haupt gewickelt war, in Kaiserswerth verblieben sind und die Überführung von 1393 den Anwesenden bekannt war. Weitere Öffnungen, bei denen auch die Bleitafeln beschrieben werden, sind anlässlich der Tausendjahrfeier des Todestages des hl. Suitbertus5) 1717 und dann im Abstand von jeweils 50 Jahren 1767, 1817 und 1867 durchgeführt worden sowie danach zu weiteren Jubiläen. Außerdem sind einige Öffnungen zur Entnahme einzelner Reliquien für auswärtige Gemeinden belegt. Die letzte Öffnung erfolgte 1992.6)

Die Hinterlegung der Reliquien im Schrein wird 1264 ausdrücklich als TRANSLACIO bezeichnet. Der vorherige Aufenthaltsort der Reliquien wird nicht genannt; die Lage der ersten Gräber beider Heiliger ist unbekannt.7) Allerdings ist im Jahr 1072 die Grablege des hl. Suitbertus im Inneren der Kirche bezeugt.8)

Der hl. Willeicus wird in Kaiserswerth als Gefährte des hl. Suitbertus verehrt. Er soll nach dessen Tod 713 die Leitung des Klosters übernommen haben und in Kaiserswerth am 2. März 727 verstorben sein.9) Zu Suitbertus, dem Gründer von Kloster bzw. Stift Kaiserwerth, und seiner Verehrung vgl. Nr. 17.

Textkritischer Apparat

  1. OCTAVO (!) Ehrentraut 1951; octavo Pauls, Ehrentraut (1952).

Anmerkungen

  1. Die Urkunde des Generalvikars mit dem Bericht über die Öffnung ist erhalten (LAV NRW R, Stift Kaiserswerth, U 639) und gedruckt bei Pauls, Geschichte, S. 58–62; vgl. auch Kelleter, UB Kaiserswerth, Nr. 661.
  2. Da keine Fotos von Inschrift C vorliegen, ist eine Angabe der Schriftart nicht möglich. Die Editon beruht auf der kopialen Überlieferung.
  3. Vgl. zum Folgenden die Angaben bei Pauls, Geschichte, S. 60f.
  4. Kelleter, UB Kaiserswerth, Nr. 313; Schleidgen, UB St. Lambertus, Nr. 114. Zu dem Anlass für die Überführung s. Kap. 2.1.1 der Einleitung.
  5. Diesem und den weiteren Jubiläen liegt die auf den Angaben der Suitbertus-Vita des Marcellinus beruhende Annahme zugrunde, Suitbert sei 717 verstorben. Diese Angabe des Sterbejahres war bis in das letzte Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts hinein maßgebend für die Berechnung der Jubiläumstermine, obwohl die Forschung als Todesjahr nun das Jahr 713 angibt. Vgl. dazu mit umfangreichen Belegen Brzosa, Geschichte, S. 567 Anm. 413. Im Jahr 2013 wurde folgerichtig der 1300. Todestag des Heiligen feierlich begangen.
  6. Zu den Öffnungen vgl. für 1767 das Protokoll in PfA St. Suitbertus Kaiserswerth, A 24, p. 522–531, zu 1717 und 1767 LAV NRW R, Stift Kaiserswerth, Akten 9a, foll. 21r–22r sowie zwei lose beiliegende Zettel; dort auch die Überlieferung der anlässlich dieser Öffnungen auf zwei Zinntäfelchen angefertigten und im Schrein hinterlegten Inschriften von 1717:
    Anno jubilari MDCCXVII utpote millenario post obitum sancti Swiberti episcopi confessoris vii aprilis de speciali licentia serenissimi et reverendissimi domini domini Josephi Clementis archiepiscopi et electoris Coloniensis Bavariae ducis Clemente XI pontifice et Carolo VI imperatore hac tumba aperta et in ea inventae fuerunt reliquiae sanctorum Swiberti et Willeici cum binis antiquis laminis plumbeis translationem et reserationem eiusdem tumbae annis mcclxiv et mdcxxvi factas connotantibus reliqua in hoc jubilaeo peracta continet prothocollum capituli
    MIrabILIs DeUs IsraeL In sanCtIs sUIs psalmo 67
    hae sunt reliquiae sancti Willeici confessoris visitatae et repertae eodem actu ut in stannea lamina penes reliquias sancti Swiberti jacente memoratum nempe anno jubilari 1717;

    und die auf den jeweiligen Rückseiten angebrachten Inschriften von 1767:
    Anno jubilaei MDCCLXVII 4. julii de licentia eminentissimi et reverendissimi domini domini Maximiliani Friderici archiepiscopi et electoris Coloniensis sub pontifice Clemente XIII et imperatore Josepho II tumba sancti Swiberti rursus aperta et in ea omnia inventa ut in jubilaeo millenario cum binis antiquis laminis plumbeis et binis his novis stanneis.
    DVLCIssIMI pIgnorIs Chara reVIsIo
    Anno jubilaei 1767 reliquiae sancti Willeici pariter repertae ut in jubilaeo millenario et per totam octavam translationis sub indulgentiis plenariis una cum reliquiis sancti Swiberti clero et populo ostensae fuerunt.
    sanCtVs SVVIbertVs aC sanCtVs VVILLeICVs epIsCopVs et praeposItVs VVerDenses InterCeDant pro nobIs.

    Protokolle zu den Öffnungen und Entnahmen im 19. und 20. Jahrhundert sind aufbewahrt im PfA St. Suitbertus Kaiserswerth, A 881 sowie 900–912. Dazu auch – aber mit den nicht mehr gültigen Signaturen – Rotthoff, Inventar St. Suitbertus, S. 109f. A 38; S. 104 Nrn. 297–299 und S. 124f. A 109. Zu den Öffnungen bis zur Säkularisation und den damit verbundenen Feierlichkeiten ausführlich Brzosa, Geschichte, S. 562–569.
  7. Dazu auch ebd., S. 563.
  8. Dazu ebd., S. 565.
  9. Dazu ebd., S. 563; dort ist in Anm. 387 auch die ältere Literatur angegeben. Willeicus soll zehn Jahre als Suitberts Nachfolger gewirkt haben; dabei wurde jedoch irrtümlich 717 als Sterbejahr Suitberts vorausgesetzt. Ausführlich zur Verehrung Henrichs, St. Willeicus.

Nachweise

  1. PfA St. Suitbertus Kaiserswerth, ohne Signatur (Diaabzüge).
  2. LAV NRW R, Stift Kaiserswerth, U 639 (Bericht Gelenius; gedr. Pauls, Geschichte; A und B ebd., S. 60f.).
  3. LAV NRW R, Stift Kaiserswerth, Akten, 9a, fol. 21r.
  4. Baudri, St. Suitbertus-Tumba, S. 19 (A u. B).
  5. Aus’m Weerth, Kunstdenkmäler, Bd. 1,2, S. 45 Anm. 10.
  6. Lacomblet, Memorienbücher, S. 112 (A u. B).
  7. Clemen, KDM Düsseldorf, S. 138 (A u. B).
  8. Pauls, Bestattung, S. 110 Anm. 1 (nur A).
  9. Pauls, Geschichte, S. 55 Anm. 1 (nur A u. B) u. 60f.
  10. v. Trostorff, Beiträge, Bd. 1, S. 28f. (A u. B).
  11. Ehrentraut, Inschrifttafeln (1951), S. 107 (nach Pauls, A u. B).
  12. Ehrentraut, Inschrifttafeln (1952), S. 209, Nr. 38–39 (nach Pauls, A u. B).
  13. Henrichs, St. Willeicus, S. 44 (A u. B).

Zitierhinweis:
DI 89, Stadt Düsseldorf, Nr. 18 (Ulrike Spengler-Reffgen), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di089d008k0001806.