Inschriftenkatalog: Stadt Düsseldorf

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 89: Stadt Düsseldorf (2016)

Nr. 17 Kaiserswerth, St. Suitbertus 1220/1230?–1264

Beschreibung

Suitbertusschrein. Eichenholzkern, Beschläge aus Kupfer und Silber, vergoldet; getrieben, gegossen, gestanzt, graviert, punziert; Gruben- und Zellenschmelz, Braunfirnis, Filigran, Halbedelsteine, Bergkristallkugeln. Aus einer Kölner Werkstatt?

Der Schrein, in dem Reliquien der hll. Suitbertus und Willeicus aufbewahrt werden,1) wurde 1767 instand gesetzt und 1846 durch Anton Bahner in Kaiserswerth, um 1896 durch C. A. Beumers in Düsseldorf restauriert. Die originale Abfolge der Apostelfiguren und Beischriften wurde vermutlich um 1919/1920 im Zuge einer aufgrund von Sicherungsmaßnahmen erforderlichen unsachgemäßen Montage verändert. 1946/47 wurde der Schrein nach partieller Beraubung und Zerstörung der Suitbertus-Seite erneut restauriert und ergänzt.2) Heute ist er im Chor unter einem Glaskasten aufgestellt.3)

Eine Stirnseite des hausförmigen Schreins mit Satteldach zeigt vollplastisch unter einem Kleeblattbogen, auf einem zweistufigen Podest thronend, den hl. Suitbertus mit Mitra und Bischofsstab in seiner Rechten. Der Stern, den Clemen noch in seiner linken Hand gesehen hat, ist verloren.4) In kleinerem Maßstab stehen zu seiner Linken Pippin mit Krone und Zepter, zur Rechten, ebenfalls mit Krone, dessen Gemahlin Plektrudis. Auf dem Bogen die in Grubenschmelz ausgeführten Beischriften in Gold auf dunkelblauem Grund (A–C). Darüber in drei Clipei je eine Halbfigur, vielleicht Engel oder die drei christlichen Tugenden darstellend. In den Zwickeln Braunfirnisplatten mit Rankenornamenten. An der wie die Suitbertusseite gegliederten gegenüberliegenden Schmalseite die Gottesmutter mit Kind auf einem Thron, dessen Lehne geöffnete Türen zeigt und sie so als Porta coeli, Himmelspforte, ausweist; zu ihren Seiten jeweils eine weibliche Heilige mit Nimbus und einer Büchse mit Deckel in der rechten Hand, vermutlich die beiden Marien am Grabe darstellend.5) Am Kleeblattbogen ist der Beginn des Ave Maria (D) angebracht, ausgeführt ebenfalls in Grubenschmelz in Gold auf dunkelblauem Grund. Darüber in den Clipei in der Mitte Christus als Salvator mundi, flankiert von Engeln (?). An beiden Stirn- und den Langseiten sind der gestanzte Hintergrund unterhalb der Kleeblattbögen sowie die Bespannung der Säulen durch mit Lilien gefüllte Rauten geschmückt. Die beiden Langseiten zeigen jeweils unter sechs von Säulenpaaren getragenen Kleeblattbögen die vollplastischen, sitzenden Figuren der Apostel, auf den Bögen in Grubenschmelz die Beischriften in Gold auf abwechselnd dunkelblauem oder türkisfarbenem Grund (E–P). Die Apostel halten jeweils ein Buch in den Händen, jene auf der mit Petrus beginnenden Seite sowie auf der gegenüberliegenden Seite Johannes ein weiteres Attribut, das jedoch bei Johannes, Bartholomäus und Jakobus d. Ä. nicht mehr erhalten ist. Die Bögen der Langseiten sind am linken und rechten Ende sowie oben mittig mit jeweils einem Nagel befestigt worden; häufig ist das Nagelloch goldfarben unterlegt. Die oben in der Mitte angebrachten Nägel erfüllen, sofern die gleichmäßige Verteilung der Buchstaben dies erlaubt, zugleich die Funktion von Worttrennern. In den Zwickeln über den Bögen jeweils ein Engel in Halbfigur über einer Stadtmauer, die äußeren Engel schwingen ein Weihrauchfass, die übrigen halten ein Buch oder ein Schriftband in den Händen. Auf den Dachseiten befinden sich acht Flachreliefs in Treibarbeit, die in eingetieften Feldern Szenen aus dem Leben Jesu zeigen: Verkündigung, Geburt, Anbetung der Könige und Darbringung Jesu im Tempel sowie Taufe, Kreuzigung (1846 erneuert),6) Auferstehung und Himmelfahrt Christi. Die Reliefs sind gerahmt mit Rautenfriesen und Leisten mit eingestanzten Dachschindeln, Palmetten und Ranken. Sockel, Traufen und Giebel sind mit einem Band aus sich abwechselnden, verschiedenartig gestalteten Emails und Goldfiligranplättchen geschmückt. Auf dem First ein Kamm aus Weinranken zwischen fünf flachen, mit Blüten und Tierdarstellungen verzierten Knäufen mit Schaftstücken, die Bergkristallkugeln tragen. An den beiden äußeren Knäufen jeweils das Wappen der Familie von Heimbach. Die Giebel tragen Friese aus Weinblättern bzw. Blättern und Rosetten.

Maße: H. 76 cm; B. 45 cm; L. 160 cm. 7)

Schriftart(en): Gotische Majuskel.

  1. A

    SANCTUS a) + b) SUIBERTUS c)

  1. B

    + REGINA PLECDRUDIS d)

  2. C

    + REX PIPPINVS e)

  3. D

    + AVE · MARIA GRATIA / PLENAf) · DOMINVS · TECVM BEN/EDICTA TV IN MVLIERIBVg)8)

  4. E

    + SANCTVS · IACOBVSh)

  5. F

    + SANCTVS · PHILIPVS

  6. G

    + SANCTVS MATEVSi) · AP(OSTO)L(VS)j)

  7. H

    + SANCTVS · IOHANNES

  8. I

    + SANCTVS · MATHIASh)

  9. J

    + SANCTVS · THOMASk) · AP(OSTOLVS)

  10. K

    + SANCTVS · PETRVS · AP(OSTOLVS)

  1. L

    + SANCTVS · ANDREASh) ·

  2. M

    + SANCTVS · BARTOLOMEVSl)

  3. N

    + SANCTVS · PAVLVS · AP(OSTOLVS)

  4. O

    + SANCTVSm) · SIMONh)

  5. P

    + SANCTVS · IACOBVS · M(AIOR)

Übersetzung:

Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr (sei) mit dir, du (bist) gebenedeit unter den Frauen. (D)

Wappen:
Heimbach9)

Kommentar

Als Worttrenner dienen Punkte auf der Zeilenmitte; den Beginn der Inschrift markiert jeweils ein Kreuz. Die Inschriften weisen jedoch hinsichtlich der Schrift untereinander deutliche Unterschiede auf.

In den Beischriften beider Langseiten überwiegen kapitale Formen. Es finden sich jedoch durchgehend unziales E, das – mit einer Ausnahme bei MATEVS10) – geschlossen ist, sowie mit einer Ausnahme bei THOMAS stets links geschlossenes unziales M, zumeist mit nach außen umgebogenem rechten Bogenende.11) Bei A, stets trapezförmig mit zu beiden Seiten überstehendem Deckbalken, verläuft der Mittelbalken von links oben nach rechts unten und ist, ebenso wie der Schrägschaft des N, deutlich schmaler als die übrigen Schäfte ausgeführt. Die Sporenbildung ist ausgeprägt, häufig, wenn auch nicht durchgängig, ist eine keilförmige Verbreiterung der Schaftenden erkennbar. Die Bogenschwellungen weisen bei C, D, R, P und E nahezu durchgehend eine zusätzliche Innenschwellung auf. In einigen Fällen (vor allem bei N und H, R, aber auch bei A, B und I) laufen die Schaftenden in Bögen, Haken oder einem kurzen Strich aus, die Cauda des R ist nach rechts geschwungen und umgebogen. Besonders häufig finden sich diese Zierformen bei den Buchstaben an den Knickstellen der Arkadenbögen.12) Die Verteilung der Wörter über die einzelnen Segmente der Bögen ist dabei so erfolgt, dass die Knickstellen stets innerhalb eines Wortes liegen. Durch die auch an mehreren anderen Buchstaben auftretende Verwendung dieser Zierform fällt Inschrift H auf, die nicht ganz in die sonst sehr einheitlich wirkenden Beischriften der beiden Langseiten passt. In Inschrift J findet sich in THOMAS neben dem nur hier kapital ausgeführten M ein unziales H, das als nach links offener Bogen an das sehr ausgeprägte Balkenende des T gesetzt ist.

Während die Beischriften der Langseiten nach dem paläographischen Befund eine einheitliche Gestaltung zeigen, unterscheiden sich die Buchstabenformen der beiden Stirnseiten nicht nur deutlich von denen der Langseiten, sondern weichen auch untereinander erkennbar voneinander ab. In Inschrift D besitzt A einen geraden Mittelbalken; E ist durchgängig unzial mit Abschlussstrich ausgeführt. Das unziale M ist links geschlossen, der rechte Bogen ist oben nach links, unten nach rechts eingerollt. Beim kapitalen B berühren sich die Bögen nicht, das Ende des oberen Bogens berührt den Schaft nicht. Auch das R ist offen; das Ende der Cauda ist s-förmig nach oben geschwungen und vegetabil verziert. Die oberen und unteren Schaftenden sind auffällig verbreitert, zeigen jedoch keine Sporenbildung. Die unteren Enden sind häufig ausgezogen und umgebogen; bis zu PLENA läuft etwa die Hälfte von ihnen, danach nur einige wenige, in vegetabilen Ornamenten aus. Auch das untere Ende des Kreuzes vor AVE weist nach links hin ein solches Ornament auf. Diese vegetabilen Ornamente besitzen Ähnlichkeiten mit den in Braunfirnis ausgeführten Ornamenten in den Zwickeln der Stirnseiten. Es erscheint möglich, dass die Ornamentik in den Zwickeln und diese Zierelemente aufeinander abgestimmt ausgeführt wurden. Die Bogenschwellungen sind teilweise sehr ausgeprägt, weisen jedoch keine Innenschwellung auf. Bei S wirkt der Mittelteil aufgrund der Schwellung nahezu oval. Bei V und N ist zumeist der linke Schaft schmaler ausgeführt als der rechte, gelegentlich jedoch ist dies umgekehrt der Fall.

Die Inschriften A–C sind nachweislich mehrfach überarbeitet worden, so dass eine paläographische Beschreibung nur sehr eingeschränkt vorgenommen werden kann. Besonders auffällig sind die deutlich weniger flächig wirkenden Buchstaben PPINVS in PIPPINVS. Einige der Buchstaben weisen heute kleinere Fehlstellen auf. Am Beginn dieses überarbeiteten Teils von C fällt ein sehr breiter Zwischenraum zwischen PI und PPINVS auf, der mit einer goldenen, emaillierten Rosette gefüllt wurde, durch die ein goldener Nagel zur Befestigung des Segmentes getrieben ist. Über den Zeitpunkt dieser Erneuerung oder Überarbeitung, die auf Fotos vom Beginn des vorigen Jahrhunderts bereits zu erkennen ist, ist nichts bekannt. Gut belegt ist dagegen, dass nach den Zerstörungen und Beraubungen am Ende des Zweiten Weltkrieges der Goldschmied Carl Kessler 1946/47 nicht nur die Figur der Plektrudis, den Kopf der Figur Pippins, große Teile der Suitbertusfigur und die beiden Engel neu geschaffen,13) sondern auch das Mittelstück des Kleeblattbogens mit der Inschrift über dem Kopf des Heiligen erneuert hat.14) Bei dieser Erneuerung der Inschrift hat sich Kessler, soweit ein Vergleich mit älteren Aufnahmen dies erkennen lässt, an die originalen Formen gehalten. Einige Unterschiede, die insbesondere zwischen Buchstabenformen des linken und des mittleren Kleeblattbogensegments bestehen, gehen dennoch vermutlich auf diese Arbeiten zurück.

Im linken Bogensegment ist E sowohl kapital als auch unzial ohne Abschlussstrich ausgeführt, im rechten bei REX unzial mit Abschlussstrich. Auffällig sind im linken und mittleren Segment die spiegelverkehrten unzialen U mit nach rechts gebogenem Schaftende. Die Bogenverstärkungen weisen durchgängig eine kräftige Außenschwellung bei gerader Innenkontur auf; im mittleren Segment sind diese Außenschwellungen nahezu spitz ausgezogen, ebenso an der Cauda des R in allen Segmenten. Bei D ist der Schaft verkürzt; bei R setzen im linken und rechten Segment Bogen und Cauda getrennt am Schaft an, im mittleren laufen sie, wie auch die Bögen des B, am Schaft zusammen. Die Schaft- und Bogenenden zeigen Sporen oder sind in kleinen Häkchen ausgezogen, die Cauda des R ist nach oben gebogen mit kleinen Ornamenten als Abschluss. Der Mittelbalken des A ist im linken Segment gerade, im mittleren nach unten gebrochen. In PLECDRUDIS ist der Bogen des P sehr klein. Das L besteht aus einem sich nach unten deutlich verjüngenden Schaft und einem nach oben gewölbten Balken; es ist vermutlich aufgrund der Verschraubung des Bogens sichtbar beschädigt.

An den Langseiten entspricht die heutige Abfolge der Apostelfiguren sowie der dazugehörigen Bögen mit den Inschriften nicht dem ursprünglichen Zustand. So unterscheidet sich die in den Farragines Gelenii und den diesen folgenden Überlieferungen festgehaltene Reihenfolge der Apostelnamen (= E, J, O, F, I, P, K, N, M, L, G, H) deutlich von der heutigen.15) Die ältere Abfolge ist auch auf Abbildungen aus dem Ende des 19. Jahrhunderts zu erkennen, die zudem belegen, dass offensichtlich nicht nur die Abfolge der Figuren vertauscht, sondern auch die Zuordnung der Kleeblattbögen zu den Figuren verändert worden ist.16) Diese Veränderungen gehen zurück auf eine 1919 erfolgte Maßnahme, über die Kessler 1945 im Zusammenhang mit der nach dem Zweiten Weltkrieg erforderlichen Wiederherstellung berichtet. Er teilte seinerzeit mit, dass er 1919 den Schrein auseinander genommen und in einem Turm versteckt habe. Zu seinem Bedauern sei der Schrein dann später (um 1920) von anderer Hand ohne Kenntnis der ursprünglichen Abfolge wieder zusammengesetzt worden.17)

Sowohl an der Schreinsarchitektur als auch an der Plastik und Ornamentik lässt sich ablesen, dass der Schrein mit Unterbrechungen über einen mehr als ein Jahrhundert dauernden Zeitraum entstanden ist. Aus kunsthistorischer Sicht wird der Beginn der Arbeiten im letzten Jahrzehnt des 12. Jahrhunderts angesetzt.18) Vielleicht steht dieser Beginn im Zusammenhang mit dem Besuch Kaiser Heinrichs VI. in Kaiserswerth 1193, bei dem er auch die Pippinschen Schenkungen für das Stift bestätigte.19)

Die Fertigstellung der Schreinsarchitektur wird um 1220/30 angenommen.20) Die Figuren lassen mindestens auf drei Werkstätten schließen. Jene der älteren Werkstatt (Matthäus, Thomas, Engel in den Zwickeln der Langseiten) sind unmittelbar nach Vollendung der Architektur entstanden. Zu einer jüngeren Werkstatt um 1260/70 zählen sieben weitere Apostel (Paulus, Bartholomäus, Petrus, Andreas, Jakobus d. Ä., Simon und Johannes). Die übrigen drei Apostel (Jakobus d. J., Matthias und Philippus), die Figuren des hl. Suitbertus und der Madonna sowie die Halbfigur oberhalb Mariens stammen aus einer dritten, zeitgleich zur zweiten arbeitenden Werkstatt. In dieser Werkstatt, jedoch vermutlich von anderer Hand, wurden wohl auch die weiteren Figuren der Marienseite und die Figuren von Pippin und Plektrud geschaffen.21) Auch die Dachreliefs wurden von drei Meistern geschaffen. Die vier ältesten (Verkündigung bis Darstellung im Tempel) sind vielleicht noch etwa zeitgleich zu den ältesten Apostelfiguren entstanden, die jüngsten (Himmelfahrt und Auferstehung) erst gegen Ende des 13. Jahrhunderts oder um die Jahrhundertwende. Aufgrund dieser Ergebnisse hat Heppe vermutet, dass aufgrund der politischen Ereignisse in den 1240er Jahren22) die Arbeiten am Schrein unterbrochen und in den folgenden Jahrzehnten wieder aufgenommen worden sind.23) Dass die Arbeiten um die Mitte des 13. Jahrhunderts bereits „ein fortgeschrittenes Stadium erreicht haben“ dürften, zeigt nach Heppe24) die Stiftung eines eisernen Gehäuses („domus ferrea“) für den Schrein aus Mitteln für das Seelenheil des Dechanten Alexander von Lynepe, die zwischen 1249 und 1255 erfolgt ist.25)

Nach urkundlichen Belegen haben sich die Arbeiten am Schrein bis 1331/32 hingezogen. So ist aus den ersten Jahrzehnten des 14. Jahrhunderts eine Reihe von Schenkungen zugunsten des Schreins, unter anderem zur Vergoldung, belegt.26) Auch der weitere Schmuck (u.a. die Blattkämme der Giebelseiten, die Ranke auf dem First und die Knäufe) wurde in den ersten Jahrzehnten des 14. Jahrhunderts hinzugefügt. Das Wappen auf den äußeren Knäufen des Kamms, das auf den 1358 und 1363 als Zöllner und Kanoniker,27) 1378–1388 als Dechant des Kaiserswerther Stiftes nachweisbaren Elger von Hene-/Hencbach aus der Familie Heimbach28) verweist, zeigt jedoch, dass auch später noch einzelne Veränderungen und Ergänzungen vorgenommen wurden.

Festzuhalten ist also, dass im Jahr 1264 anlässlich der sicher belegten Translation von Reliquien in diesen Schrein mit hoher Wahrscheinlichkeit außer dem Kasten des Schreins die Filigran- und Emailarbeiten, die Figuren der Stirn- und Langseiten sowie ein Teil der Dachreliefs fertiggestellt waren.29) Das bedeutet, dass spätestens zu diesem Zeitpunkt auch die Inschriften ausgeführt waren. Aus dem paläographischen Befund, der deutliche Unterschiede zwischen den Langseiten und Stirnseiten sowie den Stirnseiten untereinander belegt, kann geschlossen werden, dass sie in mehreren Abschnitten und von unterschiedlichen Händen hergestellt wurden. Mit Ausnahme von Inschrift H sind die Inschriften der Langseiten vermutlich zeitgleich und in einer Werkstatt, wenn auch von unterschiedlichen Händen, entstanden. Aus kunsthistorischer Sicht wird für die Emailarbeiten generell, also ohne dabei die Kleeblattbögen mit den Inschriften gesondert zu betrachten, auf eine Nähe zum Aachener Karlsschrein hingewiesen. Ein Vergleich der Inschriften auf den Langseiten des Suitbertusschreins mit jenen auf den Giebelseiten des Karlsschreins, die zu den jüngeren am 1215 sicher fertig gestellten Schrein zählen, zeigt diese Nähe auch in den Buchstabenformen. Es erscheint also möglich, dass die Namensbeischriften für die Apostel des Suitbertusschreins schon im Zusammenhang zur Schreinsarchitektur (vollendet 1220/30) oder kurz danach zur selben Zeit wie die älteren Apostelfiguren angefertigt wurden. Anders als z. B. die Inschriften am Aachener Karlsschrein und dem Siegburger Mauritius-Innocentius-Schrein weisen die Inschriften der Lang- und Stirnseiten des Suitbertusschreins eine einheitliche technische Ausführung auf.30) Alle Seiten zeigen die metall-positive Ausführung, die nach Bayer „bei Email-Schriften in Grubenschmelz … höher geschätzt wurde als die email-positive Ausführung“.31) Die Inschriften der Stirnseiten zeigen jedoch erheblich abweichende Buchstabenformen. Ob sie aus einer oder gar zwei anderen Werkstätten stammen, lässt sich nicht klären. Sie sind vielleicht erst nach der Unterbrechung der Arbeiten im Zusammenhang mit der Anfertigung der weiteren Figuren, die sicher aus zwei Werkstätten stammen, hergestellt worden. Denkbar ist jedoch auch eine zu den Langseiten zeitgleiche Ausführung.32)

Kurz vor 700 hat der angelsächsische Missionsbischof Suitbertus auf einer später Suitberts- bzw. Kaiserswerth genannten Insel im Rhein ein Benediktinerkloster gegründet.33) Diese älteste geistliche Gemeinschaft am Niederrhein wurde dann im 11. Jahrhundert in ein Stift umgewandelt. Die Rheininsel und vermutlich weiterer Besitz war ihm durch den fränkischen Hausmeier Pippin II. (geb. um 640/50, gest. 16. Dez. 714)34) auf Bitten von dessen Gemahlin Plektrudis (gest. nach 717)35) zugewiesen worden; die weitere Ausstattung mit Besitzungen in Lank (auf der linken Rheinseite gegenüber von Kaiserswerth) sowie in Rheinbrohl wird ebenfalls, wenn auch nicht gesichert, Plektrudis zugeschrieben. Eine der Stirnseiten zeigt also die an der Gründung beteiligten Personen: Suitbertus im Ornat eines Bischofs,36) Pippin und Plektrud als königliche Herrscher mit entsprechenden Insignien (Krone, Zepter) und in den Inschriften auch als REX und REGINA bezeichnet. Der fränkische Hausmeier und seine Gemahlin wurden nicht nur im 13. Jahrhundert in Kaiserswerth fälschlich als König und Königin angesehen; in der Bestätigung der Rechte und Besitzungen des Stiftes durch Heinrich VI. wird Pippin sogar in der Reihe der „predecessorum nostrorum imperatorum“ aufgeführt.37)

Besondere Formen der Verehrung des hl. Suitbertus,38) in deren Mittelpunkt auch der Schrein stand, sind seit der Wende vom 11. zum 12. Jahrhundert bekannt. Im Laufe der Zeit entwickelte sich daraus die Tradition einer erstmals 1480 belegten Suitbertus-Tracht, bei der, wie jüngere Quellen bezeugen, der Schrein an bestimmten Tagen in feierlicher Prozession um den Kirchplatz oder durch die Stadt getragen wurde. 1669 sind drei – damals vermutlich schon über einen längeren Zeitraum bestehende – Gedenktage des Heiligen nachweisbar.39)

Textkritischer Apparat

  1. Spiegelverkehrtes U.
  2. Kleeblattkreuz.
  3. Beide U spiegelverkehrt. SWIBERTUS Farragines Gelenii, Redinghoven; SWIBERTVS LAV NRW R, Hss. B XI 2.
  4. Spiegelverkehrtes U. PLECTRUDIS Farragines Gelenii, Redinghoven, LAV NRW R, Hss. B XI 2.
  5. PIPINVS Farragines Gelenii, Redinghoven, LAV NRW R, Hss. B XI 2. Am Beginn und am Ende des Bogens jeweils ein Rankenornament. Die rechte Hälfte des Bogensegments wurde überarbeitet. S. dazu im Kammentar.
  6. Vor dem P sind Reste eines vegetabilen (?) Ornaments sichtbar.
  7. Dieses Segment des Kleeblattbogens ist so beschnitten, dass der rechte Schaft des V oben abgeschnitten ist. Gemeint ist MVLIERIBVS.
  8. Es folgt ein kleeblattartiges Ornament.
  9. Kein Worttrenner vor MATEVS, da der Nagel aufgrund der symmetrischen Verteilung der Buchstaben erst zwischen M und A eingeschlagen wurde.
  10. Der Sporn am Balken des L ist zunächst nach rechts und dann nach oben ausgezogen.
  11. H an den rechten Sporn des Deckbalkens von T in Form eines Hakens angefügt, der in Verbindung mit dem Sporn ein unziales H bildet.
  12. Nagel zur Befestigung des Bogens zwischen B und A eingeschlagen; der vorausgehende Worttrenner gesondert ausgeführt.
  13. Wegen der symmetrischen Verteilung der Buchstaben Nagel zur Befestigung des Bogens zwischen V und S eingeschlagen; der nachfolgende Worttrenner gesondert ausgeführt.

Anmerkungen

  1. Vgl. die ausführlichen Angaben zu den Reliquien in Nr. 18.
  2. S. dazu im Kommentar.
  3. Vor dem Zweiten Weltkrieg wurde er in einem besonders gesicherten Raum im südlichen Chorturm aufbewahrt. Vgl. dazu Zitzen, Suitbertus-Stiftskirche, S. 28f.
  4. Clemen, KDM Düsseldorf, S. 137. Vgl. die Aufnahmen im Marburger Bildindex Foto Marburg, Aufnahme Nr. 1.116.902; ebd., RBA Nr. 604238.
  5. Zur Deutung der Mariendarstellung als Porta coeli und der beiden weiteren Figuren Heppe/Knirim, Schrein, S. 76.
  6. Unten links auf der Platte 1846, unten rechts RENOV: / A. BAHNER. Aufgrund der Erneuerung wurde der Kreuztitulus INRI nicht in den Editionsteil aufgenommen.
  7. Nach Kat. Frommer Reichtum, Nr. 4, S. 251 (H[elmut] K[nirim]/K[arl] B[ernd] H[eppe]). Die Maßangaben konnten aufgrund der heutigen Aufbewahrung in einem Glaskasten nicht neu ermittelt werden. Daher fehlt auch die Angabe zur Buchstabenhöhe.
  8. Beginn der auf der biblischen Grundlage Lc 1,28 beruhenden Antiphon oder des davon abgeleiteten Mariengebets, das zu den Grundgebeten der katholischen Kirche zählt. Zum Wortlaut der Antiphon CAO III, Nrn. 1042, 1539; ebd. IV, Nr. 6156.
  9. Mühleisen mit darüber gestellter Muschel. Wappen der Familie Heimbach mit Stammort in der Eifel; dazu Müller-Westphal, Wappen, S. 428–430; Schleicher, Slg. Oidtman, Bd. 8, S. 20–24.
  10. Allerdings ist in diesem Fall das E nicht sorgfältig ausgeführt worden und wirkt unregelmäßig.
  11. Lediglich bei BARTOLOMEVS tritt diese Gestaltung des Bogenendes nicht auf.
  12. Diese Verzierung findet sich jedoch auch bei V in SANCTVS SIMON und beim ersten S in SANCTVS ANDREAS.
  13. Vgl. Elmar Lang, Zur Wiederherstellung des Suitbertus-Schreines in Kaiserswerth, in: Das Münster. Zeitschrift für christliche Kunst und Kunstwissenschaft 3 (1950), S. 216–219; Hans Kisky, Die Wiederherstellung des Suitbertusschreines, in: Rheinische Kirchen im Wiederaufbau, hg. von Wilhelm Neuss, Mönchengladbach 1951, S. 39–41 u. Abb. 40f.
  14. Vgl. dazu ebd., Abb. 40, und PfA St. Suitbertus Kaiserswerth, A 915 mit einer Zeichnung Kesslers zu den ersetzten Teilen.
  15. HAStK, Best. 1039 (Farragines Gelenii), Bd. 20, p. 539; BSBM, Cgm 2213 (Slg. Redinghoven), Bd. 18, fol. 350r (nach Farragines Gelenii); LAV NRW R, Hss. B XI 2, fol. 354r (Abschrift Slg. Redinghoven). Die rekonstruierte Reihenfolge basiert auf der Annahme, dass der Schreiber der Farragines zur Bezeichnung der Figurenabfolge die in den Bögen angegebenen Namen zugrundegelegt hat. Eine Zuordnung der Figuren zu den Namen ist aufgrund der Zeichnung nicht möglich.
  16. So ist bei Clemen, KDM Düsseldorf, Taf. VII (nach S. 136), unter anderem zu erkennen, dass unter dem 3. Bogen die heute als Philippus bezeichnete Figur unter der Beischrift für Simon und unter dem 4. Bogen die heute als Johannes bezeichnete Figur unter dem Namen des Philippus thronen.
  17. PfA St. Suitbertus Kaiserswerth, A 915. Für den Hinweis auf diese Angaben Kesslers danke ich sehr herzlich Herrn Franz-Josef Vogel, Düsseldorf-Kaiserswerth.
  18. Der Suitbertusschrein zählt zu einer größeren Gruppe von rhein-maasländischen Schreinen in Hausform. Der architektonische Aufbau zeigt große Nähe zum Siegburger Anno- und zum Kölner Albinusschrein (vollendet 1183 und 1186), in einigen Details auch zum Dreikönigenschrein und zum Marienschrein in Tournai (vollendet 1205). Die Emails stehen jenen am Dreikönigen- und am Aachener Karlsschrein nahe, die Filigranplättchen dem Karlsschrein. Dazu sowie zum Folgenden ausführlich Kat. Frommer Reichtum, Nr. 4, S. 251–255 (H[elmut] K[nirim]/K[arl] B[ernd] H[eppe]); Heppe/Knirim, Schrein, S. 77–86; Fritz, Goldschmiedekunst, S. 188; Achter, Düsseldorf-Kaiserswerth, S. 11f.
  19. Kelleter, UB Kaiserswerth, Nr. 18; vgl. Brzosa, Geschichte, S. 24. Achter, Düsseldorf-Kaiserswerth, S. 11, setzt den Beginn etwas später auf „um 1215?“ zeitgleich mit dem Baubeginn für den Chor an.
  20. Fritz, Goldschmiedekunst, S. 188, datiert früher: „In jedem Fall gehören die architektonische Form wie der ornamentale Schmuck mit Grubenschmelz- und Filigranplatten der ältesten Periode um 1200 an.“
  21. Aus kunsthistorischer Sicht zeigen die Figuren der älteren Werkstatt große Nähe zum Dreikönigenschrein, während die zweite Gruppe eine stilistische Verwandtschaft zu zeitgleicher maasländischer Skulptur aufweist. Die dritte Gruppe zeigt den Einfluss der französischen Kathedralplastik des dritten Viertels des 13. Jahrhunderts. Vgl. dazu die in Anm. 18 angegebene Literatur.
  22. Vgl. dazu den Kommentar zu Nr. 16.
  23. Kat. Frommer Reichtum, Nr. 4, S. 251–255 (H[elmut] K[nirim]/K[arl] B[ernd] H[eppe]), hier S. 254.
  24. Das Zitat ebd.
  25. Der Beleg bei Kelleter, UB Kaiserswerth, S. XL Anm. 1.
  26. Eine Zusammenstellung ebd., S. XXXIX Anm. 1.
  27. Burghard, Kaiserswerth, S. 108; vgl. auch ebd., S. 272 u. 274.
  28. Kelleter, UB Kaiserswerth, Nrn. 272, 286f., 303; Pagenstecher, Burggrafensiegel, S. 143; Burghard, Kaiserswerth, S. 108, 272 u. 274. Vgl. auch die Liste der Dechanten bei Stick, Kollegiatstift, S. 46. Nach einer Eintragung in LAV NRW R, Stift Kaiserswerth, Akten 3a, fol. 33v soll er 1393 verstorben sein.
  29. So z. B. Kat. Frommer Reichtum, Nr. 4, S. 252 u. 254 (H[elmut] K[nirim]/K[arl] B[ernd] H[eppe]); Heppe/Knirim, Schrein, S. 80 u. 85; Achter, Düsseldorf-Kaiserswerth, S. 12.
  30. Zu Beispielen für in unterschiedlichen Techniken ausgeführten Inschriften auf einem Träger sowie die dabei zu berücksichtigenden „pragmatischen“ und „semiotischen Kriterien“ vgl. die Untersuchung von Bayer, Versuch, zu einer Reihe von rhein-maasländischen Goldschmiedewerken; zu den genannten Kriterien ebd., S. 114–120.
  31. Ebd., S. 117.
  32. Vgl. ebd., bes. S. 100f., zur gleichzeitigen Verwendung unterschiedlicher Alphabete.
  33. Vgl. zum Folgenden die knappen Darstellungen bei Wisplinghoff, Mittelalter, 330f.; Brzosa, Geschichte, S. 21–24; Preuss, Düsseldorf-Kaiserswerth – St. Suitbertus, S. 132 u. 134.
  34. Vgl. zu ihm Rudolf Schieffer, Art. Pippin der Mittlere, in: NDB 20 (2001), S. 468f.
  35. Vgl. zu ihr ders., Art. Plektrud, in: NDB 20 (2001), S. 527f.
  36. Die Bischofsweihe war nach Beda um 692/93 erfolgt. Vgl. dazu Brzosa, Geschichte, S. 22.
  37. Kelleter, UB Kaiserswerth, Nr. 18.
  38. Vgl. zum Folgenden Brzosa, Geschichte, S. 565–569 mit den entsprechenden Nachweisen.
  39. Jeweils am Sonntag nach dem 1. März, dem Todestag, nach dem 29. Juni, dem Tag der Erhebung der Gebeine, und nach dem 4. September, dem Tag der Heiligsprechung. Der 29. Juni als Tag der Erhebung der Gebeine geht nicht auf die Translation von 1264 zurück (vgl. Nr. 18), sondern auf eine in der Suitbertusvita des Marcellinus überlieferte Nachricht, der Kölner Erzbischof Hildegerus habe 755 die Gebeine erhoben und sie in eine unterirdische Gruft umgesetzt. Dazu Brzosa, Geschichte, S. 565 Anm. 403.

Nachweise

  1. HAStK, Best. 1039 (Farragines Gelenii), Bd. 20, fol. 538–539 (A–C; bei E–P nur die Reihenfolge der Apostel, nicht aber der Wortlaut der Beischriften angegeben).
  2. BSBM, Cgm 2213 (Slg. Redinghoven), Bd. 18, fol. 350r–v (nach Farragines Gelenii).
  3. LAV NRW R, Hss. B XI 2, fol. 354r–v (Abschrift Slg. Redinghoven).
  4. Aus’m Weerth, Kunstdenkmäler, Bd. 1,2, S. 44 (A–D u. Taf. XXX).
  5. Kraus, Inschriften 2, S. 289, Nr. 627 (nach aus’m Weerth).
  6. Clemen, KDM Düsseldorf, S. 137 (A–D).
  7. Zitzen, Suitbertus-Stiftskirche, S. 26 (lediglich und nur unvollständig D).
  8. Kat. Frommer Reichtum, Nr. 4, S. 251–255, 251f. (H[elmut] K[nirim]/K[arl] B[ernd] H[eppe]).

Zitierhinweis:
DI 89, Stadt Düsseldorf, Nr. 17 (Ulrike Spengler-Reffgen), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di089d008k0001708.