5. Die Schriftformen

5.1. Ältere Kapitalis

Inschriften in der älteren Kapitalis, die sich im Zuge der karolingischen Reformen durch eine Wiederaufnahme der Formen der antik-römischen Capitalis quadrata entwickelte,330) sind für Düsseldorf nur sehr spärlich überliefert. Unter den ältesten Inschriften befinden sich lediglich zwei in Stein gehauene, unvollständig erhaltene Inschriften auf den Gerresheimer Memoriensteinen (Nrn. 13 und 14), deren Buchstabenformen noch in so hinreichendem Maße Merkmale der klassischen Kapitalis aufweisen, dass eine Zuordnung zu dieser Schriftart gerechtfertigt erscheint. Die Buchstaben wirken nicht gestreckt. O, C und G sind nahezu kreisrund ausgeführt, das X fast quadratisch. N hingegen ist in der horizontalen Ausdehnung bereits reduziert und entspricht nicht mehr den angestrebten idealen Proportionen. Formen wie das eingerollte G und A mit nach unten gebrochenem Mittelbalken, das nahezu vollständige Fehlen von Serifen, Linksschrägen- [Druckseite 54] und Bogenverstärkungen und der Unterscheidung von Haar- und Schattenstrichen sind ebenfalls Merkmale einer bereits deutlichen Entfernung vom Ideal der klassisch-karolingischen Kapitalis. Einschränkend ist jedoch anzumerken, dass die Beurteilung der Buchstabenformen auf diesen Trägern zum einen dadurch beeinträchtigt wird, dass insgesamt nur 14 unterschiedliche Buchstaben vorkommen, zum anderen beide Träger nur ungenau in einen Zeitraum von 200 Jahren datiert werden können.

5.2. Romanische Majuskel

Die weitere Entwicklung der Schrift ist geprägt durch eine Majuskel, für die in der Epigraphik die Bezeichnung „romanische Majuskel“ verwendet wird.331) Im Vergleich mit der Kapitalis werden als Kennzeichen für die Entwicklung dieser Schrift332) die vermehrte Verwendung runder und alternativer eckiger Formen sowie stilistische Merkmale wie Fuß-, Kopf- und Schlussstriche an den Enden von Balken, Schäften und Bögen und Anzeichen für die Vergrößerung der Sporen genannt.333) Charakteristisch sind außerdem die besonders in der Frühzeit anzutreffende, teilweise überreiche Ausführung von Ligaturen, Enklaven, unter- oder übergestellten Buchstaben und Verschränkungen sowie eine Veränderung der Proportionen und Streckung der Buchstaben.

Anzeichen einer solchen Entwicklung werden in den beiden ältesten, leider nicht im Original überlieferten Düsseldorfer Inschriften greifbar. Die Abschrift der auf 1078 oder 1088 datierten Weiheinschrift für die Georgskirche in Kaiserswerth (Nr. 1) lässt zumindest einige Schriftmerkmale erkennen. Neben den kapitalen Formen von E und H wurden auch die unzialen ausgeführt, ebenso rundes und eckiges C. Zudem sind eine Reihe von Nexus litterarum verwendet worden. Deutlicher greifbar werden diese Anzeichen in einer nicht exakt datierbaren Weiheinschrift (Nr. 2), die gegen Ende des 11. Jahrhunderts bis um 1100 entstanden ist. Die paläographische Beurteilung ist zwar aufgrund der ungünstigen Überlieferungslage334) nur mit Einschränkungen möglich, es lässt sich jedoch eine Reihe eindeutiger Merkmale erkennen. Die nahezu ausschließlich kapitalen Buchstabenformen sind gestreckt und schlank, Schäfte sowie Balken- und Bogenenden laufen in Sporen aus. Ansätze zu Linksschrägen- oder Bogenverstärkungen sind nicht erkennbar. Die Form des O ist oval. Es finden sich einige wenige runde Formen, von denen das unziale E, das unziale A und das runde C nur in der ersten Zeile der siebenzeiligen Inschrift verwendet wurden, das eingerollte G hingegen mehrfach vorkommt. C erscheint ab der zweiten Zeile stets eckig. Der Mittelteil des M reicht bis zur Zeilenmitte. Geprägt ist die Schrift durch eine Vielzahl von Buchstabenverbindungen. Nexus litterarum, bei denen auch Schäfte mit Bögen verschmelzen, Enklaven sowie unter- und übergestellte Buchstaben erschweren die Lesbarkeit. Allerdings ist zu bedenken, dass der Grund für den gedrängten Charakter der Schrift auch darin bestehen kann, dass der Träger für diese Inschrift wiederverwendet wurde.

Die Schrift der drei jüngeren, aus dem Jahr 1184 stammenden profanen Bauinschriften an der Kaiserswerther Pfalz (Nrn. 79) ist hingegen – mit einer Ausnahme – ausschließlich durch kapitale Buchstabenformen bestimmt. Lediglich in einer der drei Inschriften begegnet ein unziales D. Gemeinsam ist ihnen, dass die am Bogen ansetzende Cauda des R geschwungen mit einem nach außen umgebogenen Ende ausgeführt ist. Das A ist jetzt zumeist leicht trapezförmig, häufig mit leicht nach links überstehendem Deckbalken, oder spitz mit abgeflachten oberen Schaftenden. Der Mittelteil des M reicht bis zur Zeilenmitte, das O ist oval. Ligaturen treten nur in den Verbindungen von A und O mit R und einmal bei N und D auf. Erkennbar sind zaghafte Ansätze zu einer flächigeren Gestaltung der Buchstaben sowie eine leichte Rundung der Winkel an den Stellen, an denen Schäfte und Bögen aufeinander treffen. Dass trotz dieser Ansätze und zu einem so späten Zeitpunkt fast ausschließlich kapitale Formen verwendet wurden, steht möglicherweise im Zusammenhang mit der besonderen Bedeutung dieser profanen Bauinschriften, die an der Pfalz der Darstellung des kaiserlichen Herrschaftsanspruches dienten.

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Ein deutlich abwechslungsreicheres Formenspektrum bietet die sogenannte Gernandusinschrift aus dem Jahr 1243 in der Kaiserswerther Stiftskirche (Nr. 16) mit einer Reihe von runden Formen (unziales D und E, rundes N und M, eingerolltes G, geschwungener Rechtsschaft bei X). Das A ist trapezförmig mit beidseitig überstehendem Deckbalken ausgeführt. Der Winkel zwischen Bögen und Schaftenden ist deutlich ausgeprägter als bei den ca. 60 Jahre älteren Inschriften in der Pfalz; bei D, R und rundem N überragt der Bogen den Schaft. Das untere Bogenende des P berührt den Schaft oberhalb der Zeilenmitte, indem er zum Schaft hin nach oben umgebogen wird. Diese Betonung der Bögen bewirkt eine Spannung im Buchstaben, die besonders deutlich bei D zum Ausdruck kommt. Die am unteren Ende nach rechts umgebogene Cauda bei R setzt weit außen am Bogen an und führt geschwungen nach unten. Die Sporen an Schaft- und Bogenenden sind ausgeprägt. In einigen Fällen werden die Schäfte zum Ende hin etwas breiter. Die Mitte des 13. Jahrhunderts bereits verbreitete Schließung der Buchstaben durch Abschlussstriche ist hier aber noch nicht erkennbar.

5.3. Gotische Majuskel

Charakteristische Merkmale der gotischen Majuskel335) sind ein zunehmender Anteil runder Formen, eine ausgeprägtere Flächigkeit durch keilförmig verbreiterte Schaft- und Balkenenden und deutliche Bogenschwellungen, Spannungsverhältnisse zwischen breiten Schäften und schmalen Schrägschäften und Balken und eine Vergrößerung der Sporen, die bis zum Abschluss von Buchstaben (z. B. bei unzialem E und C) oder deren Bestandteilen (z. B. bei links geschlossenem unzialem M) reichen kann. In Düsseldorfer Inschriften begegnen diese typischen Merkmale erstmals in den in Grubenschmelz metall-positiv gefertigten Beischriften des Kaiserswerther Suitbertusschreins (Nr. 17). Sowohl die Inschriften der beiden Langseiten, die vielleicht um 1220/1230 und somit etwas früher als die in Stein gehauene sogenannte Gernandusinschrift entstanden sind, als auch die Inschriften der Stirnseiten, die sich von jenen der Langseiten und voneinander deutlich unterscheiden und 1264 sicher fertiggestellt waren, weisen solche Charakteristika auf. Die Buchstaben zeigen ausgeprägte Bogenschwellungen und breite Schäfte in Kombination mit deutlich schmaleren Bestandteilen der Buchstaben, keilförmig verbreiterte Schaftenden, Sporen, eine Reihe unterschiedlicher Zierformen an Schaft- und Bogenenden und geschlossene Buchstaben. Die Buchstabenformen sind jedoch noch überwiegend kapital; der Anteil der unzialen und runden Formen beschränkt sich auf E, M und ein einzelnes H an den Langseiten; an den Stirnseiten kommen gerolltes G und spiegelverkehrtes unziales U hinzu. Dass die Inschriften am Schrein im Vergleich zur Gernandusinschrift in einer weiterentwickelten Schrift ausgeführt wurden, steht sicher im Zusammenhang mit dem unterschiedlichen Material der Träger und den unterschiedlichen Werkstätten. Die ornamentale Funktion der Emailinschriften als Teil der Schreinsdekoration belegen nicht nur die verwendeten Zierformen wie Bögen und Haken an einigen Schaftenden bei den älteren Inschriften, sondern vor allem die vegetabilen Ornamente an Schaftenden und bei der Cauda des R in den jüngeren Schreinsinschriften der Stirnseiten, die vielleicht in Abstimmung mit den Ornamenten in den dortigen Zwickeln ausgeführt wurden.

Der Erhaltungszustand und die Unzugänglichkeit der beiden im Schrein befindlichen Bleitafeln aus dem Jahr 1264 (Nr. 18) erlauben eine paläographische Beurteilung zwar nur mit Einschränkungen, doch ist zu erkennen, dass deutlich mehr runde Formen, die nicht mit der kapitalen Form im Wechsel stehen, verwendet wurden. Neben unzialem geschlossenem E und links geschlossenem unzialen M finden sich nun auch rundes F, N und T (mit geschwungenem Deckbalken) sowie unziales D. Häufig, aber keineswegs durchgängig, wurden Bogenschwellungen und Schaftverstärkungen sowie bei S der Mittelteil an der Schnittstelle der Bögen konturiert ausgeführt. Dadurch wird eine Flächigkeit der Buchstaben angedeutet. Rundes N hat einen Mittelbalken.

Als weiteres Beispiel für die Verwendung der gotischen Majuskel ist unter den Düsseldorfer Inschriften nur noch eine in Metall gegossene Inschrift auf einer Glocke in St. Nikolaus in Düsseldorf-Himmelgeist aus dem Jahr 1454 (Nr. 28) erhalten. Das späte Auftreten der Schrift hat seinen Grund darin, dass der Gießer Heinrich Brodermann für den Guss der Nikolausglocke einen älteren Modelsatz wiederverwendete, den er auch 1448 für den Neuguss der Kölner Domglocke Preciosa genutzt hatte. Die sorgfältig ausgeführte Inschrift zeigt viele Elemente einer späten gotischen Majuskel mit zahlreichen runden Buchstabenformen, kräftigen Abschlussstrichen nicht nur bei E [Druckseite 56] und C, sondern auch bei T und M sowie nahezu geschlossenem L, ausgeprägten Bogenschwellungen und kräftigen Sporen sowie z. T. keilförmigen Schaft-, Balken- und Bogenenden.

Das Fehlen weiterer Zeugnisse für die gotische Majuskel im Düsseldorfer Bestand verwundert nicht, da nach 1264 für mehr als ein Jahrhundert keine Inschrift erhalten und auch nur wenige kopial überliefert sind.

5.4. Gotische Minuskel

Die gotische Minuskel geht auf die als Buchschrift gebräuchliche gotische Textura zurück.336) Sie fand seit dem zweiten Viertel des 14. Jahrhunderts in zunehmendem Maße bei der Ausführung von Inschriften Verwendung und wurde seit dem ausgehenden 14. und insbesondere im 15. Jahrhundert zu der in den Inschriften vorherrschenden Schrift. Kennzeichen dieser mit nur geringfügigen Veränderungen aus der Buchschrift übernommenen Schrift,337) die das Zweilinien- zugunsten eines Vierlinienschemas durchbrach, ist die Brechung von Bögen und Schäften der auf der Grundlinie stehenden Minuskeln. Dies führt zum Wegfall der runden Elemente und einer Streckung der Buchstaben. Da die Schäfte sowohl an der Oberlinie des Mittelbandes als auch an der Grundlinie gebrochen werden, besitzt die Schrift eine gleichmäßige, häufig gitterartige Struktur, die die Lesbarkeit einschränken kann. Die Umsetzung dieser neuen Schrift in Inschriften im Bereich der Wand- und Tafelmalerei ging der Umsetzung in die „räumliche“ Dimension, also in Stein und Metall, voraus, weil jene eine größere Nähe zur geschriebenen Schrift besitzen als dreidimensional ausgeführte Inschriften.338)

Im Düsseldorfer Bestand sind aus dem Zeitraum nach 1264 bis zum Ende des 14. Jahrhunderts nur zwei Inschriften im Original erhalten (Nrn. 23 und 24), die erst gegen Ende dieses Zeitraums angefertigt wurden. Drei Inschriften sind lediglich kopial überliefert; ihre Datierung kann zudem nur mit erheblicher Einschränkung vorgenommen werden (Nrn. 2022). Die ältesten erhaltenen Inschriften in gotischer Minuskel finden sich daher erst zu einem Zeitpunkt, als der „eigentliche Übernahmeprozeß für die Minuskelschrift … auch in Gebieten abseits bedeutender künstlerischer Werkstätten um 1400 abgeschlossen“339) war. Hinzu kommt, dass von 21 Trägern, auf denen Inschriften in gotischer Minuskel erhalten oder in einer Form überliefert sind, die Angaben zur Paläographie erlaubt, nur acht exakt datierbar sind.

Die frühesten erhaltenen Inschriften in gotischer Minuskel im Düsseldorfer Bestand stammen aus dem Bereich der Goldschmiedewerke; die neue Schrift ist hier also bereits in die „räumliche“ Dimension umgesetzt worden. Die beiden Objekte, mit denen sich nach einer Unterbrechung von rund 100 Jahren die Reihe der noch erhaltenen Inschriften fortsetzt, sind jedoch nicht exakt datiert und somit für eine Beschreibung der Schriftgeschichte nur bedingt auswertbar. Die sorgfältig ausgeführte und mit Blatt- und Blütenornamenten am Wortende verzierte Minuskel der Gerresheimer Monstranz (Nr. 23) vom Ende des 14. Jahrhunderts weist lediglich eine sehr kurze Oberlänge bei l auf. Sie verbleibt – vermutlich bedingt durch das eng begrenzte Schriftfeld – noch nahezu vollständig im für die vorausgehenden epigraphischen Schriften üblichen Zweilinienschema. Der Meister eines Kaiserswerther Kelches aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts (Nr. 24) hingegen hat erkennbar versucht, Ober- und Unterlängen zu gestalten, indem er Buchstaben nach oben oder unten verschob, besaß jedoch offensichtlich Schwierigkeiten, die Minuskel als Vierlinienschrift in das schmale Schriftfeld einzufügen. Auf weitere Unsicherheiten bei der Ausführung dieser Inschrift lassen zudem die wechselnden Wortabstände und die ungleichmäßige Nutzung des in der Breite zur Verfügung stehenden Platzes schließen. Die Inschriften in gotischer Minuskel auf einem weiteren Kelch aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts (Nr. 40, aus St. Lambertus Düsseldorf-Altstadt) sind aufgrund ihres geringen Buchstabenbestandes340) für eine schriftgeschichtliche Beurteilung wenig aussagekräftig. Noch vollständig im Zweilinienschema steht auch die gotische Minuskel des einzigen erhaltenen Düsseldorfer Pilgerzeichens (Nr. 43) aus dem 15. Jahrhundert.

Im Bereich der Gewölbe-, Wand- und Tafelmalerei finden sich die frühesten Inschriften in gotischer Minuskel im 15. Jahrhundert. Das Wandgemälde der Madonna mit Kind in St. Lambertus [Druckseite 57] Düsseldorf-Altstadt (Nr. 39), datiert auf die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts, trägt eine schlanke gotische Minuskel mit ihren typischen Formen und Versalien aus der gotischen Majuskel, die – zumindest teilweise bedingt durch die Anbringung der Texte in begrenzten Schriftfeldern (Schriftbändern) – noch deutlich am Zweilinienschema orientiert ist und lediglich wenige Zierformen (Zierstriche bei h, p und r, am Bogen des a und reduzierter Balken bei e) zeigt. Ebenfalls auf Schriftbändern ausgeführt sind zwei Inschriften auf dem Rosenkranztriptychon von 1528 (Nr. 51), die mit kastenförmigem a und unten offenem g, gespaltenen Schaftenden und häufiger, aber nicht durchgängiger Berührung der als Quadrangel gestalteten Schaft- und Bogenenden eine Weiterentwicklung der Schrift zeigen. Die etwas ältere Inschrift auf einer Wandtafel aus dem Jahr 1511 (Nr. 47) ist zwar lediglich kopial, aber in einer sorgfältig ausgeführten Zeichnung in der Sammlung Redinghoven überliefert, die paläographische Aussagen ermöglicht. Neben Schaft-r mit an der Fahne angesetztem Zierstrich begegnet häufiges Bogen-r; v und w sind mit Oberlängen an den linken Schaftenden ausgeführt. Die Ober- und Unterlängen bei h, l, t, b, p und k sind gespalten, gelegentlich auch gegabelt. Es wurde sowohl doppelstöckiges als auch kastenförmiges a verwendet. Der Schriftcharakter wird bestimmt durch ausgeprägte Oberlängen341) und deutliche Unterlängen.

Die Möglichkeiten der Datierung und paläographischen Beurteilung bei den Gewölbemalereien in St. Lambertus in der Düsseldorfer Altstadt (Nr. 44) und in der Kreuzherrenkirche (Nr. 48) sind aufgrund des Überlieferungszustandes und des geringen Buchstabenbestandes so eingeschränkt, dass diese Inschriften zur Beurteilung der schriftgeschichtlichen Entwicklung nicht herangezogen werden können. Auch die beiden in Stein gehauenen, lediglich fragmentarisch erhaltenen Inschriften im Düsseldorfer Bestand, die in gotischer Minuskel ausgeführt sind, bieten dazu nur spärliche Ansatzpunkte. Die wenigen Buchstaben auf einem Kaiserswerther Grabkreuz (Nr. 42) zeigen ausgeprägte, schräg abgeschnittene Oberlängen, eine davon gegabelt. Auf einer ebenfalls aus Kaiserswerth stammenden Grabplatte (Nr. 41) begegnen weniger ausgeprägte, gegabelte Oberlängen und kastenförmiges a. Beiden Trägern ist jedoch gemeinsam, dass die Umbrüche an den Schaftenden schon weitgehend zu Quadrangeln reduziert sind. Aufgrund dieser Schriftmerkmale werden das Grabkreuz in das 15. Jahrhundert und die Platte aufgrund der größeren Anzahl der Buchstaben und vor allem wegen des kastenförmigen a etwas genauer in die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts datiert.

Im Bestand der Düsseldorfer Glocken sind aus dem Zeitraum zwischen 1440 und dem dritten Viertel des 16. Jahrhunderts insgesamt sieben Glocken erhalten, die Inschriften in gotischer Minuskel tragen. Sechs dieser Glockeninschriften überliefern die Angabe des Gussjahres. Die sorgfältig ausgeführte Inschrift auf einer Glocke des Kölner Gießers Heinrich Brodermann aus dem Jahr 1440 für St. Cäcilia in Hubbelrath (Nr. 25), der ältesten auf dem heutigen Stadtgebiet erhaltenen Glocke, ist noch sehr dem Zweilinienschema verhaftet. Lediglich bei h ist das untere Ende des gebrochenen Bogens knapp unter die Grundlinie zu einem Haarstrich ausgezogen, nur bei g reicht der gebrochene Bogen geringfügig nach oben über das Mittelband hinaus. Auch die Inschriften auf den beiden Benrather Glocken von 1453 und 1454 des Kölner Gießers Hermann von Alfter (Nrn. 26 und 27), die deutlich weniger sorgfältig ausgeführt wurden und bei denen die beim Guss verwendeten Model gut zu erkennen sind, sind noch vom Zweilinienschema geprägt. An einigen Stellen hat der Gießer den Versal A aus der gotischen Majuskel benutzt. Versalien der gotischen Majuskel finden sich auch auf einer Glocke aus dem Jahr 1462 für St. Lambertus in der Altstadt (Nr. 29), vermutlich ein Werk des Venloer Gießers Art de Wilde. Neu ist in dieser sorgfältig gestalteten Inschrift, dass die Ober- und Unterlängen über die das Mittelband kennzeichnenden Linien gelegt sind. 1511, also erst fast 50 Jahre später, wurde die zeitlich nächste erhaltene Glocke gegossen (Nr. 46, für St. Cäcilia in Hubbelrath). Auch wenn die Oberlängen bei einigen Buchstaben leicht über das gedachte Mittelband hinausreichen, reichen sie nicht an die die Inschrift nach oben begrenzende Linie heran. Die einzelnen Buchstabenformen zeigen keine Veränderungen, die eine Weiterentwicklung der Schrift erkennen lassen. Dieser Befund trifft im Wesentlichen auch noch auf die 1547 gegossene Rathausglocke (Nr. 55) zu. Erst die vermutlich aus dem dritten Viertel des 16. Jahrhunderts stammende Glocke in der Sakristei von St. Andreas (Nr. 65) aus der Klever Werkstatt Hachmann, für deren Inschrift ebenfalls die auf den Glocken typischen Formen der gotischen Minuskel verwendet wurden, zeigt mit deutlich über das Mittelband gelegten Ober- und Unterlängen und tief gegabelten oberen Schaftenden eine behutsame Veränderung bei den Glockeninschriften. Diesen Beobachtungen entsprechende Ergebnisse liegen auch zu den [Druckseite 58] Glockeninschriften in anderen Bearbeitungsgebieten vor.342) Die Verwendung von Modeln und die Begrenzung des Schriftfeldes durch Linien und Stege führen letztlich zu einer sehr verzögerten und die älteren Formen lange bewahrenden Entwicklung.

Die gestickten gotischen Minuskeln auf den Stäben einer Kasel in Düsseldorf-Himmelgeist (Nr. 36) vom Ende des 15. Jahrhunderts entsprechen mit dem Zierhaken am Bogen des h und den gespaltenen Oberlängen von h und l den auf Kölner Borten jener Zeit typischen Formen.343)

5.5. Frühhumanistische Kapitalis

Mit dem Begriff „frühhumanistische Kapitalis“ wird in der Epigraphik eine Mischschrift bezeichnet, die im Umfeld italienischer Humanisten entstanden war, vornehmlich über Hand- und Druckschriften auch diesseits der Alpen verbreitet wurde und, nicht zuletzt aufgrund ihres dekorativen Charakters, bei der Anfertigung von Inschriften ab dem Ende des 15. Jahrhunderts zeitlich parallel zur gotischen Minuskel Verwendung fand.344) Diese Schrift kennzeichnen die Kombination von Buchstaben verschiedener Majuskelschriften,345) die gelegentliche Aufnahme von Buchstaben aus Minuskelschriften und eine große Varianz in der Ausführung einzelner Buchstaben.346)

Im vorliegenden Bestand finden sich die frühhumanistische Kapitalis bzw. einzelne ihrer Elemente nur auf äußerst wenigen Objekten. Charakteristische Merkmale wie retrogrades N mit gebrochenem Schrägschaft, spitzovales O, offenes kapitales D, Z mit schräggestellten Balken, konisches M mit kurzem Mittelteil, H mit ausgebuchtetem Balken, mit Knoten verzierte Schäfte bei H und I und epsilonförmiges E finden sich in den Inschriften auf einem Kelch in St. Suitbertus Kaiserswerth aus dem Jahr 1524 (Nr. 50).347) Älter, aber aufgrund mehrfacher Überarbeitungen und des geringen Buchstabenbestandes wenig aussagekräftig, sind die mit einem Nodus am Schaft verzierten I und das retrograde N im Kreuztitulus auf der sogenannten Gerresheimer Blutkasel vom Ende des 15. Jahrhunderts (Nr. 37). Diese Inschriften datieren somit aus dem Zeitraum, der nach den Ergebnissen der bislang erschienenen Bände der Reihe „Die Deutschen Inschriften“ den zeitlichen Schwerpunkt bei der Verwendung dieser Schrift ausmacht, dem Zeitraum vom Ende des 15. Jahrhunderts bis zum Ende des ersten Viertels des 16. Jahrhunderts.

Zwar ist bei der Beurteilung der äußerst spärlichen Nachweise für die Verwendung der frühhumanistischen Kapitalis im Bestand der Düsseldorfer Inschriften zu berücksichtigen, dass aus dem Zeitraum, in dem diese Schrift schwerpunktmäßig begegnet, ohnehin lediglich zehn Inschriften erhalten sind.348) Unter diesen stehen jedoch zwei in frühhumanistischer Kapitalis ausgeführten Inschriften sechs Inschriften in gotischer Minuskel gegenüber.349) Zudem darf für drei von fünf kopial überlieferten Inschriften dieses Zeitraumes eine Ausführung in gotischer Minuskel mit Sicherheit bzw. als wahrscheinlich angenommen werden. Auch wenn von Verlusten insbesondere im Bereich des liturgischen Geräts und kirchlicher Ausstattungsgegenstände, deren Inschriften aufgrund des dekorativen Charakters häufig in frühhumanistischer Kapitalis ausgeführt waren, auszugehen ist,350) scheint somit die frühhumanistische Kapitalis auf Düsseldorfer Gebiet nur wenig verbreitet gewesen zu sein.

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Allerdings wurden einzelne Elemente in Inschriften aufgenommen, die in der ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts dominierenden Schrift, der Renaissance-Kapitalis, ausgeführt waren. Besonders ausgeprägt ist dies in den Inschriften auf einem Reliquiar in St. Lambertus Düsseldorf-Altstadt aus dem Jahr 1590 (Nr. 85) erfolgt. Dort finden sich H mit Ausbuchtung am Balken, konisches M mit teilweise sehr kurzem Mittelteil und spitzovales O sowie das A mit nach unten gebrochenem Balken. Vereinzelte Formen begegnen in einigen Inschriften bis zum Ende des 16. Jahrhunderts.351)

5.6. Kapitalis

Die Renaissance-Kapitalis orientiert sich an den Gestaltungs- und Konstruktionsprinzipien der antiken Kapitalis, doch werden deren charakteristische Merkmale wie breite Proportionen, Linksschrägen- und Bogenverstärkung, deutlich erkennbare Unterschiede bei Haar- und Schattenstrichen und ausgeprägte Serifen in sehr unterschiedlichem Maße umgesetzt und erreichen nur in seltenen Fällen deren Qualität.352)

Abgesehen von einem Titulus auf einem Vortragekreuz aus dem Ende des 15. Jahrhunderts (Nr. 38) sind Inschriften in Kapitalis im vorliegenden Bestand erst seit dem dritten Viertel des 16. Jahrhunderts erhalten. Bis zum Ende des Bearbeitungszeitraums bleibt die Kapitalis die dominierende Schriftform.

Je nach Material und der Art des Trägers (z. B. Epitaph oder Grabkreuz), besonders jedoch dem sozialen Umfeld der Auftraggeber sowie den Möglichkeiten und Fähigkeiten des beauftragten Handwerkers oder Künstlers entsprechend sind erhebliche Unterschiede in der Qualität der Ausführung der Kapitalis zu beobachten.353) Es finden sich sowohl qualitätvoll gefertigte Inschriften wie auf den Epitaphen für Nikolaus Print von Horchheim genannt von der Broel aus dem Jahr 1598 (Nr. 104) oder für Gabriel Mattenclot und seine Frau Anna Winkelhausen von 1594/1595 (Nr. 97), auf dem Brustschild in St. Andreas von 1650 (Nr. 202) und auf den Buchbeschlägen in St. Suitbertus aus dem Jahr 1649 (Nr. 199) als auch der unbeholfen ausgeführte Sterbevermerk für Wilhelm Beusen von 1630 auf einer zweitverwendeten Grabplatte des 15. Jahrhunderts (Nr. 41) oder die nicht sorgfältig angefertigte Inschrift auf dem Wittlaerer Schützensilber von 1649 (Nr. 200). Allerdings erreichen auch die qualitätvoll ausgeführten Inschriften in den Proportionen der Buchstaben und der Gestaltung der Strichstärken nicht die Ideale des antiken Vorbildes. Dies trifft sogar auf das unter den Düsseldorfer Inschriftenträgern in seiner Bedeutung und Gestaltung herausragende Epitaph für Herzog Wilhelm V. (Nr. 106, fertiggestellt 1599) zu. Auch wenn berücksichtigt wird, dass die Beurteilung der Einzelformen durch die Auffüllung der Buchstaben mit Goldfarbe beeinträchtigt ist, belegen die Proportionen und die Ausführung bestimmter Buchstaben354) sowie der gedrängt wirkende Gesamteindruck der Schrift einen deutlichen Abstand zu den für die antike Kapitalis charakteristischen Merkmalen. Unter den gemalten Inschriften fallen jene auf der Predella des 1623 durch den Dechanten Wilhelm Bont gestifteten Altars der Schmerzhaften Muttergottes (Nr. 141) und dem Porträt des Dechanten aus der Zeit um 1637 (Nr. 167, beide in St. Lambertus Düsseldorf-Altstadt) aufgrund der sehr ausgeprägten Sporen, Linksschrägen- und Bogenverstärkungen auf.355)

Eine Entwicklung in der Ausführung der Buchstabenformen konnte in der Kapitalis des 17. Jahrhunderts im Düsseldorfer Bestand nicht festgestellt werden. Ungewöhnliche Formen konnten nur bei einem Z mit geradem Balken, kurzem Schrägschaft und offenem Bogen auf zwei Grabkreuzen in Kalkum (Nrn. 125 und 146) und bei dem rundem U auf den Grabplatten für Susanna Waltman und ihren Sohn sowie Johann von Redinghoven und seine beiden Ehefrauen (Nrn. 173 und 178) beobachtet werden. Nur in den Inschriften dieser beiden Platten, die für Mitglieder der [Druckseite 60] reformierten Gemeinde in Düsseldorf angefertigt wurden und vom ehemaligen Friedhof an der Ratinger Straße stammen, finden sich auch einige wenige in Minuskeln ausgeführte Buchstaben. Die schleifenförmigen Verlängerungen an der Cauda des R auf dem Epitaph für Jakob Coppertz und seine Ehefrau von 1602 (Nr. 111) sind Zierformen. Neulateinische Zahlzeichen und das Christusmonogramm bleiben auf das Auftreten auf dem Epitaph für Herzog Wilhelm V. (Nr. 106) und wohl auf dem Epitaph für Nikolaus Print von der Broel (Nr. 104)356) begrenzt. Trennstriche und Interpunktionszeichen finden sich vor allem auf Trägern aus dem Umfeld des herzoglichen Hofes und seiner Amtsträger.357) Dort begegnet auch das Y,358) das auch auf der Grabplatte für Su­sanna Waltman und ihren Sohn von 1640 (Nr. 173) ausgeführt wurde.

Aufgrund der oben genannten Merkmale (rundes U, vereinzelte Minuskelbuchstaben) und weiterer Gemeinsamkeiten in der Gestaltung kann die Herkunft der Platten für Susanna Waltman und ihren Sohn sowie Johann Redinghoven und seine Ehefrauen aus derselben Werkstatt vermutet werden, die Unterschiede in der Ausführung der Buchstabenformen stellen jedoch eine Ausfertigung durch dieselbe Hand infrage. Ebenso können aufgrund der Kreuzform mit einem umlaufenden Profil und der Schriftmerkmale die beiden Grabkreuze an St. Lambertus in Kalkum einer Werkstatt zugewiesen werden.359) Namentlich fassbar ist keiner der Steinmetze des 17. Jahrhunderts.

Unter den Inschriftenträgern der Kreuzherrenkirche sind aus der Zeit um die Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert mehrere Beispiele erhalten, auf denen ein Schriftwechsel zwischen humanistischer Minuskel und Kapitalis zu beobachten ist. So wechseln sich auf den Epitaphen für die Eheleute Gabriel Mattenclot und Anna Winkelhausen von 1593/1594 (Nr. 97) sowie Jakob Coppertz und Margarethe Steingens von 1602 (Nr. 111) Inschriften in diesen Schriftarten ab, während in der zeitgleich eingerichteten Grabkammer für die Familie Mattenclot in den älteren Wandinschriften (Nrn. 96, 142 und 181) die Schriftart innerhalb einer Inschrift geändert wurde. Bereits auf einem nur wenig jüngeren dritten Epitaph in der Kreuzherrenkirche, jenem für Nikolaus Mattenclot von 1613 (Nr. 121), werden hingegen nicht die Schriften gewechselt, um unterschiedliche Inschriften auf demselben Träger voneinander abzusetzen, sondern mehrere Kapitalisinschriften in unterschiedlicher Buchstabenhöhe und Ausrichtung (rechtsschräg) ausgeführt.360) Ein Wechsel zwischen Kapitalis- und Frakturinschriften findet sich im Düsseldorfer Bestand nur auf zwei nicht exakt datierbaren Grabplatten aus dem 17. Jahrhundert (Nrn. 218 und 222).

5.7. Fraktur

Die Fraktur hatte sich im Umfeld Kaiser Maximilians I. aus spätgotischen Kanzleischriften entwickelt und wurde aus Buch- und Druckschriften des frühen 16. Jahrhunderts in die epigraphische Produktion übernommen. Ihre Buchstabenformen kennzeichnen Schwellzüge und -schäfte, eine spitzovale Grundform der geschlossenen Bögen, deutlich unter die Grundlinie reichende Schäfte bei f und Schaft-s, gespaltene, ausgezogene oder mit Zierformen versehene Oberlängen und die Ausgestaltung der Versalien durch Schwellzüge und Brechungen.361)

Im Düsseldorfer Bestand begegnet die Fraktur erstmalig 1583 bei einem in ein Glas gravierten Trinkspruch (Nr. 70). Der nächste Beleg datiert erst aus dem Jahr 1619 und befindet sich auf dem Epitaph für den Knaben Johann von Winkelhausen (Nr. 133), dort in einer sehr qualitätvollen Ausführung mit sorgfältig spitzoval gestalteten Bögen, dornartigen Auszügen an den oberen Schaftenden und feinen Schwellzügen und Brechungen bei der Gestaltung der Versalien, die der [Druckseite 61] Schrift einen leichten, zart anmutenden Eindruck verleihen. Ebenfalls von hoher Qualität ist die gemalte Inschrift auf einer Fensterbierscheibe von 1639 (Nr. 171) mit sehr deutlichen Schwellzügen und -schäften und dornartigen Zierstrichen an den oberen und unteren Schaftenden. Bis zum Ende des Bearbeitungszeitraums sind zehn weitere Träger (Grabsteine, -kreuze und -platten) erhalten, deren Inschriften in Fraktur ausgeführt wurden (Nrn. 159, 164, 168, 174, 176, 201, 217, 218, 220 und 222). Diese Träger sind auf lediglich vier Standorte verteilt: den Stiftsplatz in Kaiserswerth, St. Dionysius in Volmerswerth, die heute auf einem Privatgelände untergebrachten Träger vom ehemaligen Neuen Friedhof vor dem Ratinger Tor und St. Nikolaus in Himmelgeist. Da sie alle im Außenbereich angebracht waren und sind, erlaubt ihr Erhaltungszustand nur eine sehr eingeschränkte Beurteilung der Schrift. Gemeinsam sind ihnen allen aber die durchgehende Verwendung von einstöckigem a, die spitzovale Form der Bögen und die gut erkennbaren Unterlängen sowie die Verwendung von Versalien. Die Ähnlichkeit der Versalien auf der Grabplatte für Vater und Sohn Winckels von 1635 (Nr. 159) und dem Grabkreuz aus dem Jahr 1638 (Nr. 168), beide aus Kaiserswerth, lässt die Herkunft aus derselben Werkstatt möglich erscheinen.

5.8. Humanistische Minuskel

Unter Rückgriff auf die Formen der karolingischen Minuskel entstand gegen Ende des 14. Jahrhunderts unter dem Einfluss italienischer Humanisten in Abwendung von den gebrochenen Formen der gotischen Alphabete eine als Antiqua bezeichnete Buchschrift, die in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts auch als Druckschrift rezipiert wurde.362) Diese Minuskel fand seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts auch als epigraphische Schrift Anwendung. Charakteristische Merkmale dieser sogenannten humanistischen Minuskel sind runde Bögen, ohne Brechung ausgeführte Schäfte, die bei f und Schaft-s auf der Grundlinie enden, d mit senkrechtem Schaft, der Verzicht auf eine Verlängerung des Bogens unter die Grundlinie bei h sowie eine verstärkte Serifenbildung.363)

Im Düsseldorfer Bestand sind Inschriften in humanistischer Minuskel nur im Zusammenhang mit dem herzoglichen Hof und – im Wechsel mit in Kapitalis ausgeführten Inschriften – auf Trägern für zwei herzogliche Beamte erhalten. Auf dem Epitaph für den als Sekretär und Registrator am Düsseldorfer Hof nachweisbaren Gabriel Mattenclot und seine Frau (Nr. 97) lässt sich allerdings – vielleicht als Reminiszenz an die Fraktur – eine Tendenz zur spitzovalen Ausführung der Bögen insbesondere von b und p sowie zur dornartigen Verzierung an oberen Schaftenden beobachten, die auf dem wenige Jahre jüngeren Epitaph für die Eheleute Jakob Coppertz und Margarethe Steingens (Nr. 111) ausgeprägter und konsequenter ausgeführt sind. Auch in den vier Hauptinschriften in der Fürstengruft (Nr. 94) sind die Bögen spitzoval ausgeführt.

Die gemalten Inschriften auf den anlässlich der fürstlichen Hochzeitsfeierlichkeiten 1585 angefertigten Ahnentafeln (Nr. 76) weisen insgesamt die Buchstabenformen einer epigraphisch ausgeführten humanistischen Minuskel auf, zeigen jedoch einige Merkmale der im Kanzleigebrauch in Form der Cancelleresca italica verwendeten Antiqua.364)

Einer Beurteilung entziehen sich aufgrund der Überlieferung und der wenig sorgfältigen Ausführung die Wandinschriften in der Gruft der Familie Mattenclot.365)

Zitationshinweis:

DI 89, Stadt Düsseldorf, Einleitung, 5. Die Schriftformen (Ulrike Spengler-Reffgen), in: inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di089d008e001.

  1. Vgl. zur karolingischen Kapitalis Sebastian Scholz, Karolingische Buchstaben in der Lorscher Torhalle. Versuch einer paläographischen Einordnung, in: Inschriften bis 1300, S. 103–123; Koch, Inschriftenpaläographie, S. 101–113, 118–130; DI 38 (Bergstraße), S. XXXIXXLI»
  2. Mit dieser Bezeichnung wird jedoch nach Koch (Inschriftenpaläographie, S. 148; vgl. auch ders., Weg, S. 226) „eine Summe von Schreibweisen“ zusammengefasst und nicht eine Schrift benannt, „deren charakteristische und verbindliche Merkmale wir ohne jedes Problem beschreiben und definieren können“ (ders., Weg, S. 225). »
  3. Vgl. dazu Terminologie, S. 28; ausführlicher Koch, Weg, S. 231–237; ders., Inschriftenpaläographie, S. 151–158. »
  4. Vgl. zu diesen „zeichnerischen Elementen“ Koch, Inschriftenpaläographie, S. 154f. »
  5. Der Träger ist verloren. Überliefert ist lediglich die Kopie eines vor 1945 entstandenen Fotos. Vgl. dazu die Angaben zu Nr. 2.  »
  6. Vgl. dazu Terminologie, S. 28.  »
  7. Zur Entwicklung der gotischen Minuskel vgl. Neumüllers-Klauser, Schrift; Kloos, Einführung, S. 134–138. »
  8. Vgl. dazu Terminologie, S. 46f. »
  9. Vgl. dazu Neumüllers-Klauser, Schrift, S. 64. »
  10. Ebd., S. 73. »
  11. Ein Kreuztitulus und, verteilt auf die Rotuli des Nodus, das Nomen sacrum i//h//e//s//u//s.  »
  12. In der Zeichnung besitzen die Oberlängen zumeist nahezu die doppelte Höhe der im Mittelband ausgeführten Formen. »
  13. Vgl. z. B. DI 50 (Bonn), S. XLIV; DI 81 (Essen), S. XXXVIII»
  14. Die Inschriften auf den Borten der sogenannten Flämischen Kapelle in St. Lambertus Düsseldorf-Altstadt (Nr. 32) sind aufgrund ihrer kopialen Überlieferung sowie des geringen Buchstabenbestandes für eine schriftgeschichtliche Auswertung nicht ergiebig. »
  15. Vgl. dazu Neumüllers-Klauser, Schriften; Walter Koch, Zur sogenannten frühhumanistischen Kapitalis (Diskussionsbeitrag), in: Epigraphik 1988, S. 337–345; Rüdiger Fuchs, „Übergangsschriften“ (Diskussionsbeitrag), in: ebd., S. 331–336. »
  16. Kombiniert werden Buchstaben des Kapitalisalphabets mit griechisch-byzantinischen und vorgotischen Formen.  »
  17. Vgl. zu den Merkmalen Neumüllers-Klauser, Schriften, S. 316; Terminologie, S. 30. »
  18. Das hier ebenfalls ausgeführte A mit gebrochenem Mittel- und zu beiden Seiten überstehendem Deckbalken und verschränktes W treten hingegen noch über einen sehr langen Zeitraum bis in das 19. Jahrhundert hinein auf. »
  19. Gezählt wurden die Inschriften, die aus dem Zeitraum von der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts bis zum Ende des ersten Viertels des 16. Jahrhunderts stammen. Die mit dem Datum „15. Jh.“ versehenen Inschriften wurden nicht berücksichtigt. »
  20. Bei den übrigen Inschriften handelt es sich um die Kritzeleien auf dem Chorgestühl in St. Lambertus in der Düsseldorfer Altstadt (Nr. 49) sowie einen in Kapitalis ausgeführten Kreuztitulus (Nr. 38). »
  21. Vgl. zu Verlusten bei den Ausstattungsgegenständen Kap. 2.1.1. zu St. Lambertus, Kap. 2.2. zu St. Suitbertus in Kaiserswerth und Kap. 2.3. zu St. Margareta in Gerresheim. »
  22. Jeweils ein einzelnes offenes D auf den Epitaphen für Gabriel Mattenclot von 1594/1595 (Nr. 97) und Jakob Coppertz von 1602 (Nr. 111), allerdings in Inschriften in humanistischer Minuskel; auf letzterem in der Kapitalis offenes P und spitzoval geformtes O. Bis zum Ende des Bearbeitungszeitraumes begegnet A mit gebrochenem Balken (z. B. in einigen Inschriften in der Gruft der Familie Mattenclot, s. Nr. 96). »
  23. Vgl. zu den Merkmalen der Renaissance-Kapitalis Kloos, Einführung, S. 158–160; Franz-Albrecht Bornschlegel, Die frühe Renaissance-Kapitalis in Augsburg, in: Epigraphik 1988, S. 217–225, bes. S. 221; Terminologie, S. 26. »
  24. Dass deutliche Qualitätsunterschiede selbst auf einem Träger mit mehreren Inschriften möglich sind, belegt das Epitaph für Heinrich Consen aus dem Jahr 1617 (Nr. 132). »
  25. S. dazu die Schriftbeschreibung im Kommentar zu Nr. 106, insbesondere zu A, V und M.  »
  26. S. dazu den Kommentar zur Schrift in den angegebenen Nummern. »
  27. Allerdings ist der Teil der Inschrift mit der Zahl und dem Monogramm in Nr. 104 nur kopial überliefert. »
  28. Z. B. auf den Epitaphen für Nikolaus Print von Horchheim gen. von der Broel (Nr. 104), Herzog Wilhelm V. (Nr. 106), Jakob Coppertz und seine Ehefrau (Nr. 111) und Nikolaus Mattenclot und seine Ehefrau (Nr. 121). »
  29. Z. B. auf den Epitaphen für Jakob Coppertz und seine Ehefrau (Nr. 111) und Nikolaus Mattenclot und seine Ehefrau (Nr. 121) sowie der Grabplatte für Johann von Ossenbroich und seine Ehefrau (Nr. 126). »
  30. Nrn. 125 u. 146»
  31. Der in weiteren Wandinschriften der Mattenclot-Gruft aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts (Nrn. 189 u. 213) zu beobachtende Wechsel zwischen verschiedenen Schriften erfolgte vielleicht nur, weil die älteste Eintragung als Vorlage verwendet wurde.  »
  32. Zu den Schriftmerkmalen vgl. Terminologie, S. 48; zur Entstehung der Fraktur vgl. Peter Zahn, Beiträge zur Epigraphik des sechzehnten Jahrhunderts. Die Fraktur auf den Metallinschriften der Friedhöfe St. Johannis und St. Rochus zu Nürnberg (Münchner historische Studien, Abteilung Geschichtliche Hilfswissenschaften 2), Kallmünz 1966, S. 5–10.  »
  33. Vgl. Beck/Beck, Schrift, S. 94–96. »
  34. Zu den Schriftmerkmalen vgl. Terminologie, S. 48. »
  35. Vgl. zu dieser in Urkunden und Aktenreinschriften verwendeten Schrift Beck/Beck, Schrift, S. 97f.; zu der Schrift auf den Tafeln den Kommentar zu Nr. 76»
  36. Vgl. dazu ausführlicher den Kommentar zu Nr. 96.  »