Inschriftenkatalog: Stadt Braunschweig von 1529 bis 1671

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 56: Stadt Braunschweig II (2001)

A3, Nr. 269A Pressehaus Hamburger Str. 277 1499

Beschreibung

Grundstein der Maria Magdalenen-Kapelle mit eingelassener Kupfertafel. Die kleine spätgotische Kapelle, die im Zweiten Weltkrieg unversehrt geblieben war, wurde im Jahr 1955 anlässlich der Erweiterung des Pressehauses Hutfiltern abgerissen. Dabei fand man den Grundstein, der in den Nachfolgerbau übernommen und dort ausgestellt wurde. Heute befindet er sich im Pressehaus der Braunschweiger Zeitung an der Hamburger Straße. Die hochrechteckige Steintafel trägt in den Ecken in Ritzzeichnung eingehauene Medaillons mit Evangelistensymbolen. In der Mitte ist aus demselben Stein eine nahezu vollplastische Figur der Maria Magdalena herausgehauen, die ein Salbgefäß trägt. Links von der Figur ist senkrecht die Jahreszahl A in die Steintafel eingehauen, rechts von der Figur ist eine Kupfertafel in den Stein eingelassen, die die zwischen vorgeritzten Linien zeilenweise eingravierte Inschrift B trägt. Die Buchstaben sind mit schwarzer Farbe nachgezogen. Mit der Ausführung des Textes wurde zunächst oben auf der Tafel begonnen. Da einzelne Buchstaben missraten waren, wurde der Text weiter unten noch einmal ausgeführt, ohne dass der Fehlversuch durch Glättung der Stelle beseitigt wurde. Dieser Text beginnt in der Zeilenmitte.

Maße: H.: 81 cm; B.: 57 cm (Steintafel). H.: 29 cm; B.: 15,7 cm (Kupfertafel). Bu.: 11,8 cm (A), 0,6 cm (B).

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versalien (B).

DI 56, A3, Nr. 269A - Braunschweig, Pressehaus Hamburger Str. 277 - 1499

 Sabine Wehking [1/2]

  1. A

    1499o a)

  2. B

    ioha(n)nes bb) /S(an)c(t)a ma(r)ia mad(ale)nac) senior [decan(vs)]d) / Johan(ne)s blecker decan(vs) n(oste)r detmar(vs) becker / Teodericvs breiger Jordan(vs) de medinck / cano(n)ici deder(vn)t de cvrijs eorv(m) ad ea(n)da(m)e) ca/pella(m) bertold(vs) ti(m)merla pl(e)ba(nvs) ibide(m) Jo/ha(n)nes eldages hinric(us) cosvelt vicaieijf) / h(er)ma(nnvs)g) Jansberch m(a)g(iste)r vince(n)ci(vs) helmke(n) / honema(n) merte(n) va(n) lvtt(er) claves wi/ti(n)ck ha(n)s lesse

Übersetzung:

Heilige Maria Magdalena. Der Senior Johannes Blecker, unser Dekan, (und) die Kanoniker Detmar Becker, Dietrich Breier und Jordan von Meding haben aus ihren Kurien zu dieser Kapelle beigetragen. Bertold Timmerla, ebendort Pfarrer, Johannes Eldages (und) Heinrich Cosvelt, Vikare, Hermann Jansberg, Magister Vincenz, Helmke Honemann, Martin van Lutter, Klaus Witinck, Hans Lesse. (B)

Kommentar

Die Versalien der Inschrift sind mit schlingen- und schleifenförmigen Verzierungen versehen. Zierhäkchen finden sich durchgängig auch an den Buchstaben a, e und r. Angesichts der Sorgfalt, mit der die einzelnen Buchstaben in den vorgezeichneten Zeilen ausgeführt wurden, verwundern die Fehler bei der Ausführung des Textes, die – soweit sie überhaupt korrigiert wurden – wie auf Papier durch Neuansatz bzw. Streichung und Überschreiben verbessert wurden. Es ist zu vermuten, dass der Gravur der Inschrift ein wenig leserlicher handschriftlicher Entwurf zugrunde lag.

Die Maria Magdalenen-Kapelle, über die nur wenig bekannt ist, lag in der Kleinen Burg, wo sich die Kurien der Stiftsherren von St. Blasii befanden. Daher wird angenommen, dass es sich bei der Maria Magdalenen-Kapelle um eine Art Hauskapelle der Domgeistlichkeit gehandelt hat.1) Erstmalig erwähnt wird die Kapelle in einer Urkunde des Jahres 1237, als sie von dem Kanoniker Winandus mit einer Hufe dotiert wurde.2) Ende des 15. Jahrhunderts wurde die alte Kapelle durch einen Neubau ersetzt, dessen Grundstein von 1499 erhalten ist. Finanziert wurde dieser Neubau ganz oder zu Teilen aus Geldern, die der Dekan Johannes Blecker und die drei in der Inschrift genannten Kanoniker zur Verfügung stellten.

Johannes Blecker immatrikulierte sich im Sommersemester 1476 an der Universität Leipzig und erwarb dort im Sommersemester 1478 den Titel eines Baccalaureus.3) Er wurde erst im Jahr der Grundsteinlegung 1499 zum Dekan des Stifts St. Blasii gewählt. Blecker, der auch den Titel eines Doktors der Rechte führte, stammte nicht aus dem Kreis der Kanoniker, sondern wurde von außerhalb berufen und erhielt erst 1506 ein Kanonikat an St. Blasii. Im Jahr 1536 wird er als verstorben bezeichnet.4) Der Kanoniker Dethmar Becker gehörte dem Stift St. Blasii von 1471 bis zu seinem Tod im Jahr 1502 an, Dietrich Breier von 1481 bis zu seinem Tod 1532 und Jordanus von Meding von 1491 bis zu seinem Tod im Jahr 1529.5) Bartold Timmerla ist in einem Kopialbuch des Stifts 1490 als Vikar von St. Blasii erwähnt,6) Johannes Eldages ist dort in den Jahren 1495 bis 1506 als Vikar nachzuweisen.7) Der unter den Zeugen genannte Martin van Lutter ist möglicherweise identisch mit dem Ratsherrn Martin Lutter, der in den Jahren 1504 bis 1507 dem Rat des Hagens angehörte.8)

Textkritischer Apparat

  1. Schlingenförmige 4. Das hochgestellte o der römischen Jahreszahl wurde hier für die arabischen Ziffern übernommen.
  2. Die ne-Ligatur wurde möglicherweise erst nachträglich durch Anfügung eines kleinen Häkchens an den Bogen des n ausgeführt, das s ist in der Ausführung mißraten, wie der Vergleich mit den anderen s der Inschrift zeigt.
  3. Die beiden letzten Buchstaben hochgestellt.
  4. Das von Strichen umgebene Wort senior ist als Korrektur über der Zeile ausgeführt und durch ein Häkchen in die Zeile eingefügt; das darunter auf der Zeile stehende Wort decan(vs) ist durch mehrere waagerechte Striche, die über das ganze Wort verlaufen, als ungültig ausgewiesen.
  5. ea(n)da(m)] Fehlerhaft für eandem.
  6. vicaieij] Fehlerhaft ausgeführtes vicarii: die ersten vier Buchstaben korrekt, dann folgt eine einzelne Haste, der das beim r oben ansetzende Quadrangel fehlt, und die Buchstaben eij. Über den letzten Buchstaben ein Kürzungsstrich, der hier keinen Sinn ergibt, da keine Nasalkürzung vorliegt.
  7. Kürzungsstrich über dem a und us-Kürzel am Wortende.

Anmerkungen

  1. Spieß, Geschichte, S. 640.
  2. Döll, Kollegiatstifte, S. 178.
  3. Matrikel Leipzig, Bd. 1, S. 304, Nr. 40; Bd. 2, S. 259, Nr. 12.
  4. Döll, Kollegiatstifte, S. 185 u. 314.
  5. Ebd., S. 312f.
  6. STA Wolfenbüttel, VII B HS Nr. 152, fol. 175v.
  7. Döll, Kollegiatstifte, S. 334.
  8. Spieß, Ratsherren, S. 163.

Nachweise

  1. Abb.: Jünke, Zerstörte Kunst, S. 217.

Zitierhinweis:
DI 56, Stadt Braunschweig II, A3, Nr. 269A (Sabine Wehking), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di056g009a30269A3.