Inschriftenkatalog: Stadt Braunschweig von 1529 bis 1671

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 56: Stadt Braunschweig II (2001)

Nr. 1126 St. Martini 1665

Beschreibung

Glocke. Bronze. Um den Hals verläuft zwischen breiten Zierbändern aus Rankenornament die durch Stege und schmale Ornamentbänder getrennte zweizeilige Inschrift A. Am Beginn der Inschrift ein Medaillon mit einer Kreuzigungsgruppe, am Beginn der zweiten Zeile ein Medaillon mit einer männlichen Halbfigur. Auf dem Glockenmantel in halbplastischer Darstellung Christus als Salvator mit der Beischrift B auf dem Sockel, darunter die Inschrift C. Auf der gegenüberliegenden Seite eine halbplastische Darstellung des heiligen Martin zu Pferd mit der Beischrift D. Darunter ein ovales Medaillon mit zwei Figuren darin. Unterhalb der Inschrift C über dem Schlagring ein Medaillon mit der Halbfigur des Christus Salvator und der Umschrift E. Oberhalb des Schlagrings verläuft zwischen Stegen auf der einen Seite die Inschrift F, auf der anderen Seite die Inschrift G. Oberhalb der Inschriften ein umlaufender Fries mit Blatt- und Blütenornament. Alle Inschriften sind in erhabenen Buchstaben gegossen.

Maße: H.: 135 cm; Dm.: 177 cm; Bu.: 4,5 cm (A), 0,8 cm (B), 2,8 cm (C, F), 2,2 cm (D), 0,3 cm (E), 2,5 cm (G).

Schriftart(en): Kapitalis.

DI 56, Nr. 1126 - St. Martini - 1665

 Sabine Wehking [1/2]

  1. A

    KOMMET , LASSET UNS ANBETEN UND KNIEN UNDa) NIEDERFALLEN FUR DEM HERREN , DER UNS GEMACHT HAT . / DENN , ER IST UNSER GOTT , UND WIR DAS VOLCK SEINER WEIDE , UND SCHAFE SEINER HEERDE , PSALMb) · XCV · 1)

  2. B

    SALVATOR / MUNDI

  3. C

    B(ÜRGERMEISTER) AUTOR CAMMAN2) · I(URIS) · V(TRIUSQUE) · D(OCTOR) · / B(ÜRGERMEISTER) TILEMANNUS VON DAM3) · / ANNO MDCLXV

  4. D

    S . MARTINUS

  5. E

    JOH 14 EGO SVM VIA VERITAS · ET · VITA · 4)

  6. F

    B(ÜRGERMEISTER) · HEINRICH VON · ADENSTÄT · 5) / B(ÜRGERMEISTER) · NICOLAUS WARNEKEN · 6) / P(RAESENTE) · T(EMPORE) · HUIUS AEDIS PROVISORES · / IOHANNES ÖLMANN , CAMERARIUS ·

  7. G

    PSALM 150 · LOBET IHN MIT HELLEN CIMBELN LOBET IHN MIT WOLKLINGENDEN CIMBELN . 7) /ANNO 1665 MENSE NOVEMBRI HAT LUDOLPH SIEGFRIED , MICH GEGOSSEN ·

Übersetzung:

Retter der Welt. (B)

Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. (E)

Bürgermeister Heinrich von Adenstedt, Bürgermeister Nikolaus Warneke, gegenwärtig Vorsteher dieser Kirche, Johannes Ölmann, Kämmerer. (F)

Kommentar

Die Glocke wurde aus dem Material der 1664 gesprungenen Glocke hergestellt, die wiederum die Nachfolgerin der 1652 gesprungenen Glocke (Nr. 967) war. Aus der Aufstellung über die anläßlich des Glockengusses entstandenen Kosten geht hervor, daß ein Bildhauer bezahlt wurde, der den Model mit der Darstellung des heiligen Martin ausbessern sollte.8) Dies bedeutet, daß die Form für das Relief, die bereits 1652 verwendet worden war, im Besitz der Kirche blieb und beim Neuguß wiederverwendet wurde. Die im Jahr 1656 (Nr. 1052) für die Katharinenkirche gegossene Glocke Siegfrieds trägt eine mit demselben Model hergestellte Salvatorfigur. Zu dem Glockengießer Ludolph Siegfried vgl. Nr. 917, zum Guß der Glocke Pfeifer9).

Der Entwurf der Inschriften, der dem Glockenguß zugrundegelegen hat, ist erhalten. Er weicht in Kleinigkeiten von der Ausführung auf der Glocke ab.10) Während die Inschriften auf der Glocke der Katharinenkirche von 1656 die Umrisse der rechteckigen Modelplättchen zeigen, stehen die stark plastischen Buchstaben dieser Glocke frei. Nach Pfeifer wurden die Buchstaben mit einem Stempel in den Formmantel eingedrückt.11) Einen Hinweis darauf könnte die leicht unregelmäßige Stellung der einzelnen Buchstaben geben, die teilweise eine leichte Rechtsneigung aufweisen, teilweise aber gerade stehen. Vor allem die Stellung des D variiert. Die einzelnen Buchstaben zeichnen sich durch eine besonders sorgfältige Gestaltung mit großen Sporen an den Hasten- und Balkenenden aus. Auffällig ist vor allem die Form des A mit senkrechter rechter Haste und geschwungener linker Haste, die unten weit nach links ausgreift und eingerollt ist; oben ist sie über die rechte Haste hinausgeführt und endet in einer tropfenförmigen Verzierung. Dieselbe Verzierung findet sich auch an der hochgebogenen Cauda des R. Die Haste des U ist unten umgebogen und weit nach rechts geführt.

Den Guß der Glocke nahmen die Braunschweiger Rotgießer zum Anlaß, sich beim Rat darüber zu beklagen, daß die Vorstände der Braunschweiger Stadtkirchen schon seit längerem auswärtige Glockengießer mit der Anfertigung von Glocken beauftragten, statt diese Aufgabe den einheimischen Gießern zu überlassen. Ihr Zorn richtete sich besonders gegen den nun schon verschiedentlich in Braunschweig tätig gewordenen Ludolph Siegfried (vgl. dazu Nr. 917), den sie öffentlich als Störer und als Brodtdieb bezeichneten. Der Rat wurde aufgefordert, Siegfried den Auftrag, den ihm nun der Kirchenvorstand von St. Martini erteilt hatte, sofort zu entziehen. Zugleich baten die Rotgießer um Verleihung eines Privilegs, demzufolge keine auswärtigen Glockengießer mehr in der Stadt tätig werden sollten. Ludolph Siegfried seinerseits fühlte sich durch die Vorwürfe der Braunschweiger Rotgießer beleidigt und wies darauf hin, daß er sich niemals danach gedrängt habe, in Braunschweig tätig zu werden. Er bat den Rat, ihn gegen solche Beleidigungen zu schützen und die Rotgießer zu veranlassen, sich bei ihm zu entschuldigen.12) Der Umstand, daß Siegfried den Guß der Glocke durchführte, deutet darauf hin, daß der Rat dem auswärtigen Glockengießer Recht gab, der schon mehrfach durch die Qualität seiner Arbeiten überzeugt hatte.

Textkritischer Apparat

  1. KNIEN UND] Fehlt bei Pfeifer.
  2. PSALM] PSLM Pfeifer.

Anmerkungen

  1. Ps. 95,6f.
  2. Zu Autor Kammann vgl. Nr. 1006.
  3. Zu Tilemann von Damm vgl. Nr. 1029.
  4. Io. 14,6.
  5. Zu Heinrich von Adenstedt vgl. Nr. 1127.
  6. Zu Nikolaus Warneke vgl. Nr. 1177.
  7. Ps. 150,5.
  8. Sta Braunschweig, G II 1, Nr. 83, fol. 238–243, hier fol. 238v.
  9. Pfeifer, Kirchenglocken, S. 108–111.
  10. Sta Braunschweig, G II 1, Nr. 83, fol. 228r.
  11. Pfeifer, Kirchenglocken, S. 112.
  12. Sta Braunschweig, B IV 10c, Nr. 490.

Nachweise

  1. Sammlung Sack, Nr. 138, Bd. 1, Teil 1 (o. P.); Bd. 3, p. 265.
  2. Pfeifer, Kirchenglocken, S. 112f.
  3. Pfeifer, Martinsglocke, Sp. 93–96 (Abb. 1–4).

Zitierhinweis:
DI 56, Stadt Braunschweig II, Nr. 1126 (Sabine Wehking), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di056g009k0112604.