Die Inschriften der Stadt Braunschweig bis 1528

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

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DI 35: Stadt Braunschweig I (1993)

Nr. 410 Burgplatz ?

Beschreibung

Steinplatte im Sockel des Burglöwen. Im Jahr 1858 wurde der schadhafte Sockel des Braunschweiger Burglöwen abgetragen, nachdem vorher auch der bronzene Löwe zur Restaurierung in eine Werkstatt gebracht worden war. Dabei wurde im Innern des Sockels unter anderen Steinen eine große Steinplatte mit einer vierzeiligen Inschrift gefunden1). Die hochrechteckige Platte war links und rechts so stark abgeschlagen, daß der ursprüngliche Text jeder Zeile am vorderen und hinteren Ende defekt war. Offenbar war auch die obere Schmalseite nur verkürzt erhalten2). Auf der Rückseite sah Sack vier Löcher mit rostigen Überresten, die nach heutiger Berechnung der Spannweite der Löwentatzen die aus diesen nach unten herausstehenden Kernhalterstützen aufgenommen haben könnten3). Die im Sockel vorgefundene Inschriftplatte könnte somit eine alte Standplatte des Löwen gewesen sein4). Der nachmalige Direktor des Städtischen Museums, Carl Schiller, schrieb den bruchstückhaften Text von der Platte ab und sandte ihn an Hoffmann von Fallersleben, der eine emendierte Fassung im Juli 1858 publizierte, nachdem er den Text an der Platte überprüft hatte5). Danach wurde die Platte an der Stelle, an der sie vorgefunden worden war, wieder in den Sockel eingemauert. Bei einer Ausbesserung des Sockels in den Jahren 1980–1983 kam die Platte nicht zutage, da der Sockel nicht ganz abgetragen wurde. Demnach muß bei der Wiedergabe der Inschrift von den Abschriften des 19. Jahrhunderts ausgegangen werden. Eine Schriftbestimmung oder Datierung ist nach den Abzeichnungen nicht möglich.

Inschrift nach Schiller.

Maße: H.: 142,5 cm; Br.: 85,5 cm.

  1. [...] THINKa) · GEMACHET · HAT · DAZ · IN · ZORb) · SELE · V[...] / [...]E · HAT · HIR · ENDE · SVNDER · MISSE · W[....] / HEILIGE · GEIST · VNS · SEN[..] / [...]CHc) · SINEN · NAMEN · GODEN6)

Kommentar

Der Text der Inschrift bezieht sich nicht eindeutig auf das Standbild des Löwen. Das Wort think, niederdeutsch ‚Ding‘, bezeichnet u.a. eine Gerichtstätte, und so folgerte Hoffmann von Fallersleben: „Der Stein gehörte offenbar nicht zu dem Löwendenkmale, sondern zu einer Gerichtsstätte auf demselben Platze“. Er deutete den Text also nicht als Künstlerinschrift7), sondern bezog sie auf den Gründer der Gerichtsstätte. Dem steht Sacks Beobachtung entgegen, daß die Platte vier vertiefte Löcher zur Befestigung der Tatzen des Löwen gehabt habe. Noch größere Probleme als die Bestimmung des ursprünglichen Standortes wirft die Deutung der sprachlichen Merkmale auf. Schon Hoffmann hatte bemerkt: „Auffallend, daß die Schrift hochdeutsch ist, doch bricht niedersächsischer Einfluß mitunter durch“8). Jacob Grimm, an den Sack 1858 eine Abschrift des Textes und einen erläuternden Brief geschickt hatte, blieb offenbar die Antwort schuldig9). Die Lesung, Aufschluß über den Schriftcharakter und die Datierung der Inschrift sind nur von einer erneuten Autopsie bei einer künftigen Restaurierung des Sockels zu erwarten.

Textkritischer Apparat

  1. GHINK Sack.
  2. TOR Sack.
  3. REN Sack.

Anmerkungen

  1. Gerd Spies (Hg.), Der Braunschweiger Löwe, Braunschweig 1985 (Braunschweiger Werkstücke, Reihe B, Bd. 6/Gesamtreihe Bd. 62), S. 20ff. und Abb. 26–28, S. 57.
  2. Vgl. Sacks Abzeichnung, ebd. Abb. 26.
  3. Sack, H V, 36, S. 185f.
  4. Vgl. Spies (wie Anm. 1), S. 21; dagegen Martin Gosebruch, Vom Burglöwen und seinem Stein, in: Karl Jordan/Martin Gosebruch, 800 Jahre Braunschweiger Burglöwe 1166 bis 1966, Braunschweig 1967 (Braunschweiger Werkstücke, Reihe A, Bd. 1/Gesamtreihe Bd. 38), S. 35–56, hier S. 47.
  5. Hannöverscher Courir Nr. 1186, 27. 7. 1858: Eine altdeutsche Inschrift.
  6. Der von Hoffmann von Fallersleben weniger emendierte als vielmehr dichterisch nachempfundene Text der Inschrift sei hier aufgrund seiner wissenschaftsgeschichtlichen Bedeutung vollständig wiedergegeben, wie er in dem in Anm. 5 zitierten Artikel erschien: DE DIZ THINK . GEMACHET . HAT . DAZ . IN . ZOR . SELE VNDE LIBE RAT WERDE . HAT . HIR . ENDE . SVNDER MISSEWENDE SINER GENADEN VOLLEIST DER HEILIGE . GEIST . VNS . SENDE VN WOLLE VNS BEHODEN DORCH . SINEN . NAMEN . GODEN. Carl Schiller rekonstruierte in einer Zeichnung die Inschrift nach Hoffmanns Text, vgl. Spies (wie Anm. 1), Abb. 28.
  7. Wie Spies (wie Anm. 1), S. 21 annimmt.
  8. „Auffallend“, weil dem Ostfälischen fremd, ist schon das erste von Schiller gelesene Wort think, das Hoffmann in einer offensichtlich standardisierten Version des Textes in seinem Zeitungsartikel auch als dinc wiedergibt. In ähnlicher Weise sind auch daz und zor mit aus- bzw. anlautender Dentalspirans in der ersten Zeile im ostfälischen und damit braunschweigischen Dialekt des Mittelalters nicht gebräuchlich. Dieser Befund läßt mit aller Vorsicht auf eine sehr schlechte Überlieferung oder eine nachträgliche Veränderung bzw. Verfälschung des Textes schließen.
  9. So hat es Sack nachträglich, offenbar nach dem Sommer 1858, am Rand seiner Aufzeichnungen über die Platte vermerkt; Sack, H V, 36, S. 185.

Nachweise

  1. Abb.: wie Anm. 1.
  2. Lit.: Nachlaß Carl Schiller, Stadtarchiv Braunschweig, H III, 1, Nr. 22 I, o. S.; Carl Wilhelm Sack, Der eherne Löwe auf dem Burgplatze zu Braunschweig und seine Jubelfeier nach 700 Jahren 1866, in: Braunschweigisches Magazin 79, 1866, S. 313–326; wie Anm. 1.

Zitierhinweis:
DI 35, Stadt Braunschweig I, Nr. 410 (Andrea Boockmann), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di035g005k0041001.