Die Inschriften der Stadt Braunschweig bis 1528

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 35: Stadt Braunschweig I (1993)

Nr. 111† Alte Waage 2 (ass. 1386/1387) 1435

Beschreibung

Hausinschrift. Die sog. ‚Ghellerborch‘ ist wegen ihrer vergleichsweise frühen und originellen Inschrift auf dem Schwellbalken des vorkragenden Obergeschosses immer bemerkenswert gewesen und deshalb gut konserviert worden. Das schlichte, anderthalbgeschossige Vorderhaus eines im 14. und 15. Jahrhundert wohl größeren Hofes1) ging über sechs Fach; in den linken drei Gefachen des Untergeschosses befanden sich nebeneinander eine Toreinfahrt und eine Haustür, nach einem Aquarell von 1889 über dem vierten Gefach von links eine Dachgaube als Ladeluke2). Die Inschrift ging einzeilig über die gesamte Schwelle; links vor der Schrift als Flachrelief ein Schalkskopf mit Narrenkappe, der die Inschrift spruchbandartig aussagt. Am rechten Ende die Jahreszahl, zweizeilig, Zahlen nur halb so groß wie die Buchstaben. Das Haus wurde 1944 zerstört.

Inschrift nach einer Photographie bei Fricke.

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versalie.

DI 35, Nr. 111 - Braunschweig, Alte Waage 2 - 1435

 Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege [1/1]

  1. Du · droch · dit · is · de · gheller · borch · noch · here · va(n) · ghellere(n) · bi(n) · eka) · ghe·na(n)t ·ik · ruke · de(n) · brade(n)b) ·vake(n) · un·ghe·ladenmcccc / xxxvc)

Übersetzung:

Du Schalk, dies ist die Ghellerburg, nach Herrn von Gheller bin ich genannt, ich rieche den Braten oft ungeladen. 1435.

Kommentar

Der Narr spricht den Betrachter an und teilt ihm Namen und Erbauer des Hauses mit. Der zweite Teil der Inschrift war zweideutig: er nahm erstens Bezug darauf, daß die ‚Ghellerborch‘ gegenüber der Ratsküche lag, aus der die Bratengerüche aufstiegen, zweitens deutet er an, daß in demselben Gebäude der sog. Küchenrat tagte, der entscheidende Beschlüsse zur städtischen Politik faßte3). Herr von Gheller roch also den Braten, sowohl wenn gekocht wurde, als auch wenn der Ratsausschuß zusammentrat. Über den in der Inschrift genannten Erbauer des Hauses ist nichts bekannt; eine Familie von Gheller ist seit 1412 in der Neustadt ansässig4). Im Braunschweiger Rat war kein Mitglied mit diesem Namen nachweisbar.

Textkritischer Apparat

  1. ik Sack, Dürre.
  2. de braden Sack, Dürre.
  3. 1433 Sack, 1847.

Anmerkungen

  1. Sack, 1847, S. 249f.
  2. Abb. bei Spies, 1985, Bd. 2, Nr. 422, S. 361.
  3. Dürre, S. 712.
  4. Sack, 1847, S. 249f.

Nachweise

  1. Abb.: Fricke, 1942, S. 8, 30f.; ders., 1971, S. 40f.; ders., 1975, Taf. 14d, 106b.
  2. Lit.: Sack, H V, 90, S. 21, 87; ders., 1861, S. 7; BLZ 31. 1. und 25. 6. 1912; Steinacker, 1924, S. 145; Meier/Steinacker, 1926, S. 80; BNN 28. 5. 1927; Edel, S. 34; Fricke, 1971, S. 40; ders., 1975, S. 91, 149, Abb. 108; wie Anm. 1, 3.

Zitierhinweis:
DI 35, Stadt Braunschweig I, Nr. 111† (Andrea Boockmann), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di035g005k0011103.