Die Inschriften der Stadt Braunschweig bis 1528

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 35: Stadt Braunschweig I (1993)

Nr. 72 Herzog Anton Ulrich-Museum um 1400

Beschreibung

Rechteckige hölzerne Tafel. Sie hing nach Rehtmeyer im Dom „an dem ersten Pfeiler bey der Tauffe“1), also am ersten Arkadenpfeiler des Mittelschiffs, dem Grabmal Heinrichs und Mathildes gegenüber. Im oberen Drittel der Tafel sind unter zwei Spitzbögen, die durch zwei Pfeiler und eine Mittelsäule gehalten werden, zwei herrscherliche Paare auf einer Bank in einem gewölbten Altan sitzend dargestellt: links Heinrich der Löwe, ein verziertes Kästchen in der rechten Hand, neben ihm seine Gemahlin Mathilde, die mit der rechten Hand einen Ring hält. Sie trägt auf ihrer gekräuselten Haube eine Krone, Heinrich einen federgeschmückten Hut. Unter dem rechten Bogen sitzen Otto IV., der Sohn des ersten Paares, mit den königlichen Insignien Krone und Zepter und seine Gemahlin Beatrix in der Kleidung einer sehr jungen Frau, das Haar nur mit einem durchsichtigen Schleier verhüllt, darüber die Krone. Ihre Hände sind im Gesprächsgestus gehalten. Auf den Kapitellen der Pfeiler und der Mittelsäule über den Köpfen beider Paare stehen die Heiligen des welfischen Hauses: Blasius, Johannes d. T. und Thomas Becket. Im unteren Teil der Tafel folgt die zwölfzeilige, in schmale goldene Linien gefaßte Inschrift auf dunkelrot lasiertem Grund. An den Zeilenanfängen und zwischen den einzelnen Wörtern schwarze Schmuckranken; an den Zeilenenden goldene Punkte, Ornamente oder Schmuckranken. Diese betont ornamentalen Worttrenner und Zeilenfüller dienen dazu, den Text ausgewogen über die Tafel zu verteilen.

Maße: L.: 93 cm; Br.: 78 cm; Bu.: 3,6 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versalien in gotischer Majuskel.

DI 35, Nr. 72 - Braunschweig, Herzog Anton Ulrich-Museum - um 1400

 Reproduktion nach: Heinrich der Löwe und seine Zeit. Herrschaft und Repräsentation der Welfen 1125-1235. Katalog der Ausstellung [1/1]

  1. Hic iacet Hinricus quondam dux conditor huius /ecclesie dingnusa) nobilitate pius /Moribus ornata sibi coniux est sociata /pauperibus larga simplicitate bona /Inclita mhectildisb) anglorum filia regis /Nutriat angelicis hos deus ipse cibis /Adiacet obtatus rex horum sangwine nat(us) /otto coronatus vermibus esca datus /huius erat sponsa philippi stripsc) generosa /filia formosa nunc cinis ante rosa /qui legis hec metra memor hor(um) sis peto pe(n)sa /quid caro quid vita quid res nisi mors cinis u(m)bra2)

Übersetzung:

Hier liegt Heinrich, einst Herzog, Erbauer dieser Kirche, von hohem Adel, fromm. Mit ihm vereint ist seine Gemahlin, sittsam, mildtätig den Armen, die durch ihre edle Schlichtheit berühmte Mechtild, Tochter des englischen Königs. Gott möge beide mit Engelspeisen nähren. Bei ihnen liegt als gewählter und gekrönter König der von ihnen abstammende Otto, den Würmern zur Speise gegeben. Seine Gemahlin war die schöne Tochter aus Philipps edlem Geschlecht, nun ist sie Asche, die einst eine Rose war. Der du diese Verse liest, gedenke ihrer und beherzige bitte: was ist menschliche Gestalt, was Leben, was Besitz anderes als Tod, Asche und Schatten?

Versmaß: Fünf elegische Distichen, teils ein-, teils zweisilbig leoninisch gereimt; die letzten beiden Verse Hexameter.

Kommentar

Die Tafel ist, nach der modischen Bekleidung der dargestellten fürstlichen Paare, auf die Zeit um oder kurz nach 1400 datiert worden3). Besonders auffällig ist der Gegensatz in der Kleidung der beiden Frauen: Mathilde ist als Matrone mit einem weiten, pelzgefütterten Mantel und Kopf und Schultern einhüllender Kräuselhaube bekleidet, die Darstellung der Beatrix mit einem durchsichtigen Schleier erinnert dagegen, wie auch der Text der Tafel, an ihren frühen Tod nur 20 Tage nach ihrer Verheiratung 1212. Der von Mathilde in die Höhe gehaltene Ring, über den das Ehepaar Zwiesprache zu halten scheint, geht auf das in der Dichtung um die Kreuzfahrt Heinrichs des Löwen stets vorkommende Motiv des Ringes zurück, den Heinrich vor seiner Abreise seiner Gemahlin gezeigt hatte und der schließlich zur Wiedererkennung des lange verschollenen und totgeglaubten Fürsten führt4).

Textkritischer Apparat

  1. Sic statt dignus.
  2. Sic statt mechtildis.
  3. Sic statt stirps.

Anmerkungen

  1. Rehtmeyer, Kirchen-Historie 1, S. 90.
  2. Rehtmeyer, ebd., berichtet von den letzten beiden Zeilen: „und weil davon die Buchstaben Alter halben fast vergangen, haben die beyden letzten Verse denen Lesern viel zu schaffen gemacht“. Die Tafel ist heute durch Restaurierung wieder gut lesbar.
  3. Scheffler, S. 160; Dorn, S. 220, datiert um 1420.
  4. Zimmermann, S. 17ff., bezieht sich besonders auf die Dichtungen ‚Reinfried von Braunschweig‘ (um 1300) und des Michel Wyssenhere (wohl 15. Jh., Handschrift von 1474). Zum Ringmotiv vgl. auch Gerndt, S. 448f., 450, 454.

Nachweise

  1. Abb.: Dorn, Abb. 33; Bilderhefte 1, Abb. 23.
  2. Lit.: Bilderhefte 1, S. 16; August Fink, Ein vergessenes Epitaph des Braunschweiger Domes, in: Braunschweiger genealogische Blätter 1927, S. 39–43; Spies, 1976, S. 81; Dorn, S. 220f.

Zitierhinweis:
DI 35, Stadt Braunschweig I, Nr. 72 (Andrea Boockmann), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di035g005k0007201.