Die Inschriften der Stadt Braunschweig bis 1528

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 35: Stadt Braunschweig I (1993)

Nr. 49 Braunschweigisches Landesmuseum 1368

Beschreibung

Grabstein des Heinrich von Graslege; Sandstein. Heute eingemauert in die östliche Wand des erhaltenen Kreuzgangflügels des Ägidienklosters innerhalb des Braunschweigischen Landesmuseums. Die Ritzzeichnung im Mittelfeld zeigt unter einem Dreipaßbogen stehend den ehemaligen Rektor der Klosterschule von St. Ägidien, bekleidet mit einem weltlichen, am Oberkörper enganliegenden, an Halsausschnitt und Ärmeln mit großen Knöpfen versehenen Gewand, dessen faltenreiches Unterteil bis auf die Knöchel fällt; auf dem kinnlangen gewellten Haar das gefältelte Barett des Gelehrten. Er trägt in der rechten Hand ein Schulzepter, dessen oberes Ende mit einer Rosette mit vertiefter Mitte verziert ist, die linke Hand hält ein an den Enden eingerolltes Spruchband (A). Die Inschrift B, innerhalb von zwei breiten rahmenden Linien umlaufend, beginnt mit einem Kreuz in der linken oberen Ecke. Die stark eingetieften Buchstaben waren ursprünglich mit schwarzem Kitt ausgefüllt. Beck las oberhalb des rechten Ellenbogens und oberhalb der linken Schulter einige sicher nachträglich eingeritzte Buchstaben in Kapitalis (C). Sie sind nach den Renovierungen des Grabsteins 1849 und 1983 fast verschwunden.

Inschrift nach Beck.

Maße: H.: 177 cm; Br.: 97 cm; Bu.: 4 cm (A), 5 cm (B).

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versalien (A, B).

DI 35, Nr. 49 - Braunschweig, Braunschweigisches Landesmuseum - 1368

 Bernhard Boockmann [1/1]

  1. A

    Sunte1) · mat(er) · dei · tu · miserere · mei ·

  2. B

    + anno · ma) · t(ri)a · c · l · etb) · x · bis · / q(ua)tuor · adde ·Obiit · hinric(us) · de · graslege · (co)gn/o(m)i(n)at(us) ·R(e)c(t)orc) · singlor(um)2) · pu(er)o/r(um) · p(ri)ma · dieru(m) ·post · x·i · v(ir)go sit · m · plu(r)alit(er) · ambo

  3. C

    DEO R · B C MB W

Übersetzung:

Heilige Mutter Gottes, erbarme dich meiner. (A)

Im Jahr 1000, füge dazu 3 mal 100, 50, 10 und 2 mal 4, starb Heinrich, mit dem Zunamen von Graslege, Rektor aller Knaben, am ersten Tag nach 11 Jungfrau, dann komme 1000, und beides [‚Jungfrau‘ und ‚1000‘] im [grammatischen] Plural (22. 10. 1368). (B)

Versmaß: Ein Pentameter (A), vier leoninische Hexameter (B).

Kommentar

Im Gegensatz zu der sehr plastischen Zeichnung der Relieffigur ist die für Braunschweig frühe gotische Minuskel unbeholfen eingehauen. Sie ist schwankend in der Schriftgröße und im Buchstabenabstand, die Schäfte von n und u stehen oft unverbunden nebeneinander, die Unterlängen von g, p und q befinden sich fast immer auf Zeilenhöhe. – Die pädagogische Absicht ist in der Rechenaufgabe, die der Rektor der Klosterschule St. Ägidien auf seinem Grabstein dem Leser der Inschrift stellt, offensichtlich gegeben: Es sollte das Datum seines Todestages errechnet werden. Weder in Braunschweig noch im übrigen norddeutschen Raum gibt es ein anderes Beispiel einer solchen Rechen- oder Rätselinschrift auf einem Grabstein. An St. Ägidien lag die Leitung der Klosterschule seit dem ausgehenden 13. Jahrhundert in den Händen eines Rektors, der weltlicher Gelehrter, nicht Kleriker war3).

Textkritischer Apparat

  1. Die beiden m der Milleniumsangabe im ersten und im letzten Vers haben die beiden ersten Hasten geschlossen, die dritte Haste offen und durch einen waagerechten Querstrich verziert.
  2. Tironisch.
  3. Versales, verziertes R.

Anmerkungen

  1. Niederdeutsch für sancta; vgl. Schiller-Lübben 4, S. 476b.
  2. singulus hier im Sinne von unusquisque, ‚ein jeglicher‘, also ‚alle‘; vgl. dazu den biblischen Sprachgebrauch singuli in suam civitatem Lc. 2,3 (‚ein jeder in seine Stadt‘). Die korrekte Form des Wortes lautet sing(u)lor(um), das u ist jedoch aus metrischen Gründen ausgefallen und wird deshalb nicht ergänzt.
  3. Vgl. Martin Kintzinger, Das Bildungswesen in der Stadt Braunschweig im hohen und späten Mittelalter, Köln/Wien 1990 (Beihefte zum Archiv für Kulturgeschichte, Bd. 32), S. 116f.

Nachweise

  1. Abb. und Lit.: Sack, H V, 127, S. 11, 83; Meier/Steinacker, 1926, S. 16; Kat. Stadt im Wandel 1, Nr. 453, S. 532.

Zitierhinweis:
DI 35, Stadt Braunschweig I, Nr. 49 (Andrea Boockmann), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di035g005k0004909.