Die Inschriften der Stadt Braunschweig bis 1528

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 35: Stadt Braunschweig I (1993)

Nr. 11 Berlin, Kunstgewerbemuseum vor 1160

Beschreibung

Tragaltar des Eilbertus; Eichenholz, verkleidet mit vergoldetem Kupferblech, Kupfergruben- und Zellenschmelzplatten.

I. Bodenplatte. Die rechteckige Öffnungsklappe auf der mit Braunfirnis ornamentierten Bodenplatte trägt umlaufend auf einem schlichten aufgelegten Band die Künstlerinschrift (A1). Auf den senkrechten Kanten der Bodenplatte umlaufend Inschrift (B1) in weißemaillierten goldgerahmten Buchstaben auf dunkelblauem Grund.

II. Wandungen. An den Langseiten stehen jeweils sechs, an den Schmalseiten zwei bzw. drei namentlich bezeichnete Propheten, getrennt durch vergoldete, emailornamentierte Pilaster. Sie halten weißgrundige, mit goldenen Buchstaben ausgefüllte Spruchbänder in einer oder beiden Händen (vordere und hintere Langseite: A2-F2, I2-O2; rechte und linke Schmalseite: G2-H2, P2-R2). Auf der rechten Schmalseite fehlt eine Emailplatte mit der linken Prophetenfigur und der trennende Pilaster1).

III. Deckplatte. Auf den senkrechten Kanten befindet sich, wie auf denjenigen der Bodenplatte, eine weißemaillierte, goldgefaßte Umschrift auf dunkelblauem Grund (A3). In die Mitte der Deckplatte ist eine rechteckige Bergkristallscheibe als Altarstein eingelassen, unter der in farbiger Pergamentmalerei auf Goldgrund Christus in der Mandorla auf dem Regenbogen dargestellt ist. Er hält in der linken Hand ein Buch, die Rechte ist zum Segensgestus erhoben. Rechts und links von seinem mit dem Kreuznimbus gerahmten Kopf das Hierogramm (B3). In den vier Ecken in roten und grünen Viertelkreisen abgeteilt die Evangelistensymbole. Zwölf rechteckige bzw. annähernd quadratische Zellenschmelzplatten umgeben die von einem breiten schraffierten Goldband eingefaßte Mittelplatte. Auf ihnen sind vor blauem, grüngerahmten Hintergrund, auf gleich gestalteten Sesseln sitzend, in vergoldetes Kupfer graviert die zwölf Apostel dargestellt. Als Kopfzeilen, durch die Nimben unterbrochen, stehen jeweils die Apostelnamen und das Verb dixit; auf den in verschiedenen Variationen in das Bild eingefügten goldgrundigen Spruchbändern mit weiß ausgefüllten Buchstaben ist jedem Apostel ein Satz des Glaubensbekenntnisses zugeordnet (C3-O3). Je vier querrechteckige Zellenschmelzplatten auf der linken und rechten Seite der Deckplatte zeigen Szenen aus dem Christus- und Marienleben: Verkündigung an Maria, ihre Begegnung mit Elisabeth (Heimsuchung), Christi Geburt, Darbringung im Tempel, Kreuzigung, die drei Frauen am Grab, Christus in der Vorhölle und Himmelfahrt Christi (ohne Inschriften). Der Tragaltar gelangte zusammen mit anderen Reliquiaren des Welfenschatzes 1935 durch Kauf des Preußischen Staates an das damalige Schloßmuseum in Berlin (Kunstgewerbemuseum).

Maße: L.: 35,7 cm; Br.: 20,9 cm; H.: 13,3 cm; Bu.: 0,7 cm (A1), 1 cm (B1, A3), 0,4–0,5 cm (A2-R2, C3-O3).

Schriftart(en): Romanische Majuskel.

DI 35, Nr. 11 - Berlin, Kunstgewerbemuseum -  vor 1160

 Sabine Wehking [1/1]

    I. Bodenplatte.
  1. A1

    + EILBERTVS / COLON/IENSIS · ME / FECIT

  2. B1

    + CELITVS · AFFLATI DE · CRISTO · VA/TICINATI ·+ HI PRE/·DIXERVNTa) · QVE · POST VENTVRA · FVE/RVNT +b)

  3. II. Wandungen.
  4. A2

    DAN/IEL · / CV(M) · VENERIT · / S(AN)C(TV)S · S(AN)C(T)ORV(M) / · CESSABIT · / VN[C]TIO2)

  5. B2

    EZEC/HIEL · S(AN)C(T)IFICABO · NOM(EN) / · MEV(M) · Q(VO)D POLLVTVM / E(ST) · INTER · GENTES3)

  6. C2

    DA/VID / BEA/TVS / EST / QVM/Ec) · TV · / ERV/DIE/RIS / DOM/INE4)

  7. D2

    MELCHI/SEDECH5)

  8. E2

    OS/EE / ERIT · NVMER(VS) · F/ILIORVM · ISAHELd) / · QVASI · HARENA · MARIS6)

  9. F2

    MALA/CHIAS / VOBIS · TIMENTI/BVS · DEVM · ORIET/VR · SOL · IVSTICIE7) ·

  10. G2

    SOPHO/NIAS / MANE · MANE · IV/DICIVM · SVVM · / DABIT · DOMIN/VS · IN LVCE · ET · N/ON · ABSCONDETVR8)

  11. H2

    BA/LAM / EX · IACOB · ST/ELLA · PRODIE/T · ET DE ISRAHE/L · HOMO SVRGET9)

  12. I2

    IO/NAS · / TOLLE · / ANIMA(M) · ME AM QVONIAM / MELIOR / · EST M(IHI) · MORS QVA(M) · VI[TA]10)

  13. K2

    NA/VM · / RED/DID/IT · D/EVS / · SVP/ERBI/AM · I/ACO/B SI/CVT · / SVP/E[R]BI/AM · I/SRA/HEL11)

  14. L2

    ISA/IAS / ECCE VIRGO C(ON)CIPIEI/Te) · PARIET · FILIV(M)12)

  15. M2

    IERE/MIAS / VISVS · E(ST) · I(N) · TERRIS · ET · CV(M) · / HOMINIB(VS) · CONVERSATVS E(ST)13)

  16. N2

    SALO/MON / P(ER) SAPIENCIAM SANATI SVNT / QVI PLACVER(VN)T · D(OMI)NO · A PRINCIPIO14)

  17. O2

    IO/HEL / CO(M)PVTRVERVNT · IVM(EN)TA / IN STERCORE · SVO15)

  18. P2

    IA/COB / VIDI · DOMINVM · / FACIE AD FACIEM16)

  19. Q2

    AB/DIAS / TRANSMIGRA/TIO · IHERVSAL/EM · QVE · E(ST) · I(N) · BOS/PHORO · POSSID/EBIT · CIVITA/TES · AVSTRI17)

  20. R2

    ZACHA/RIAS / Q(V)I · TEGERITf) · VOS · TANGET / PVPILLAM · OCVLI MEI18)

  21. III. Deckplatte.
  22. A3

    + DOCTRINA · PLENI FIDEI PATRES / DVODENI + TESTANTV/R · FICTA · NON · ESSE · PROPHETICA · DI/CTA + ·g)

  23. B3

    A ω

  24. C3

    PETRV/S · DIX(IT) / CREDO · IN · / DEVM · PATREM / · OM[NIPOTENTEM] · CRE[ATOREM] · C[OELI] · E(T) · T[ERRAE] ·19)

  25. D3

    ANDREAS · / DIXIT / ET · I/N · IH/ESV/M · (CHRISTV/M)h) · FIL/IVM · EIVS / · V[NIGENITVM] · D[OMINVM] · N[OSTRVM]

  26. E3

    IACO/BVS · D/IX(IT) / QVI CON/CEPTVS · / EST · DE · S[PIRITV] · S[ANCTO] / · N[ATVS] · EX · M[ARIA] · V[IRGINE]

  27. F3

    IOHANNE/S · DIX(IT) / PAS/SVS · / SVB / PON/CIO · PIL/ATO · C[RVCIFIXVS] · M[ORTVVS] · / ET · S[EPVLTVS] ·

  28. G3

    TOMAS · / DIXIT / DESCENDIT · AD IN/FERNA · TERCIA · D[IE] · R[ESVRREXIT] · A · [MORTVIS]

  29. H3

    IACOBVS / DIX(IT) / ASCENDIT · AD · CEL/OS · SEDET · A[D] · D[EXTERAM] · D[EI] · P[ATRIS] · O[MNIPOTENTIS]

  30. I3

    PHILIPPV/S · DIX(IT) / IN·DE VENTVRVSi) · E/ST · IVDICARE · V[IVOS] · E[T] · M[ORTVOS] ·

  31. K3

    BARTH/OLOMEV(S) · DIX(IT) / CREDO · IN · SP/IRITVM · SAN/CTVM · S[ANCTAM] · E[CCLESIAM] · C[ATHOLICAM] ·

  32. L3

    MATHEVS · / DIXIT / SANCTORVM · C/OMMVNIONEM ·

  33. M3

    SIMON / · DIXIT / REM/ISS/ION/EM · P/ECC/ATO/RVM ·

  34. N3

    TATHE/VS · DIXIT / CARNIS · RESVR/RECTIONEM ·

  35. O3

    MATHI/AS · DIX(IT) / ET V/ITA/M · ET/ERN/AM · A/MEN

Übersetzung:

I. Bodenplatte.

Eilbertus aus Köln machte mich. (A1)

Diese haben, vom Geist des Himmels angeweht, über Christus Weissagungen gegeben und vorausgesagt, was danach tatsächlich eintreten sollte. (B1)

II. Wandungen.

Daniel: Wenn der Heilige der Heiligsten gekommen sein wird, wird die Salbung ausgesetzt werden20). (A2)

Ezechiel: Ich will meinen Namen heiligen, der unter den Völkern befleckt ist. (B2)

David: Selig ist, den du erziehst, Herr. (C2)

Melchisedech. (D2)

Hosea: Die Zahl der Kinder Israel wird wie Sand am Meer sein. (E2)

Malachias: Euch, die ihr Gott fürchtet, geht die Sonne der Gerechtigkeit auf. (F2)

Sofonias: Morgen um Morgen wird der Herr sein Recht im Licht geben und nicht verborgen bleiben. (G2)

Balaam: Aus Jacob wird ein Stern aufgehen und aus Israel erhebt sich ein Mensch. (H2)

Jonas: Nimm meine Seele, denn der Tod ist mir lieber als das Leben. (I2)

Naum: Gott hat das Ansehen Jacobs wiederhergestellt wie das Ansehen Israels. (K2)

Isaias: Siehe, eine Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären. (L2)

Jeremias: Er ist auf der Erde erschienen und hat mit den Menschen gelebt. (M2)

Salomo: Durch die Weisheit sind die gerettet worden, die dem Herrn von Anfang an wohlgefallen haben. (N2)

Johel: Die Tiere sind in ihrem eigenen Mist verfault. (O2)

Jacob: Ich habe den Herrn von Angesicht zu Angesicht gesehen. (P2)

Abdias: Die Verbannten Jerusalems, die in Sepharad sind, werden Besitz von den Städten des Südlandes nehmen. (Q2)

Zaccharias: Wer Euch antastet, tastet meinen Augapfel an. (R2)

III. Deckplatte.

Die zwölf Väter, voll der Lehre des Glaubens, bezeugen, daß die Worte der Propheten nicht erfunden sind. (A3)

Petrus sagte: Ich glaube an Gott, den Vater, den allmächtigen Schöpfer des Himmels und der Erde. (C3)

Andreas sagte: Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn. (D3)

Jacobus sagte: Der empfangen ist vom Hl. Geist, geboren von der Jungfrau Maria. (E3)

Johannes sagte: Gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben. (F3)

Thomas sagte: Niedergefahren zur Hölle, am dritten Tage wiederauferstanden von den Toten. (G3)

Jacobus sagte: Aufgefahren zum Himmel, sitzt er zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters. (H3)

Philippus sagte: Von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. (I3)

Bartholomäus sagte: Ich glaube an den Hl. Geist, eine heilige katholische Kirche. (K3)

Matthäus sagte: Die Gemeinschaft der Heiligen. (L3)

Simon sagte: Die Vergebung der Sünden. (M3)

Thaddäus sagte: Die Auferstehung des Fleisches. (N3)

Matthias sagte: Und das ewige Leben. Amen. (O3)

Versmaß: Zweisilbig gereimte leoninische Hexameter (B1, A3).

Kommentar

Die Versinschriften auf den umlaufenden Kanten (B1, A3) sind in doppelkonturig breiten, zur Rundung neigenden Formen ausgeführt, was durch die weiße Emailausfüllung noch betont wird. C, D, O, Q und das unziale E weisen Schwellungen auf; die Schäfte fast aller Buchstaben laufen oben und unten in Sporen aus; A und T haben breite Deckbalken. Die Kauda des R ist nur mäßig gestreckt und ruht fast auf der unteren Zeile auf. Auf den Namensinschriften und Schriftbändern der Propheten (A2-R2) ist die Ausführung der Buchstaben weniger dekorativ, sie sind häufig verschränkt, ligiert und auf Anpassung an die geschwungenen Schriftbänder ausgerichtet. Hier überwiegt nicht nur das unziale E, sondern auch G, M, T sowie pseudounziales A wechseln in einem bewegten Schriftbild mit den entsprechenden Kapitalisformen ab.

Auf der Vorderseite des Tragaltars sind ein Kreuz und 24 Buchstaben, auf der Rückseite 25 Buchstaben der oberen und unteren Versinschrift horizontal übereinandergesetzt. Dadurch wird die Buchstabenfolge auf den seitlichen Kanten unausgeglichen, auf der linken Schmalseite muß der Vers oben und unten durch eine unterschiedlich lange Blattranke geschlossen werden. Obwohl vorwiegend der dekorative Aspekt die Verteilung der Buchstaben bestimmt, ist bei der Zahl 24 mit vorgesetztem Kreuz doch auch an eine zahlensymbolische Konnotation zu denken. Zu den zwölf Aposteln, die die Maiestas Domini umgeben, sind die auf den Wandungen verteilten zwölf Propheten zu zählen. Die übrigen fünf Figuren, wahrscheinlich auch die fehlende sechste Figur, gehören nicht zu den Propheten. Die Zahl 24 findet sich also im Figurenschmuck des Tragaltars wieder.

Die Aussagen der Versinschriften (B1, A3) thematisieren das typologische Bild- und Inschriftenprogramm des Altars und deuten die Bezüge zwischen den Propheten auf den Wandungen des Altars und den Aposteln auf der Deckplatte. Außer diesen textlichen Zusammenhängen zwischen den Propheten- und Apostelworten, die im folgenden erläutert werden, sind Querverbindungen durch Blickrichtungen und Zeigegesten einiger Prophetenfiguren nach oben auf die Deckplatte sowie durch korrespondierende Positionen von typologischen Figurationen auf dem Altar angedeutet.

Die jeweils sechs Prophetenworte auf der vorderen und rückwärtigen Langseite beziehen sich auf die darüberstehenden Darstellungen bzw. Credo-Abschnitte der Apostel. Der theologische Bezug von Jl. 1,17 computruerunt iumenta in stercore suo (O2) auf die Verkündigung ist allerdings nicht eben einsichtig; doch sind die drei anderen jeweils an die Ecken gesetzten Prophetenworte nach Dn. 9,24 cum venerit sanctus sanctorum cessabit unctio (A2) auf die Darstellung Jesu im Tempel und die Simeon-Prophetie, das traditionelle Wort Ion. 4,3 tolle animam meam quoniam melior est mihi mors quam vita (I2) als Sinnbild der Ergebung Jesu in den Willen Gottes und die Verheißung Mal. 4,2 vobis timentibus deum orietur sol iustitiae (F2) bei der Himmelfahrt Christi umso einleuchtender. Der Bezug zu den das Credo sprechenden Aposteln beginnt mit den Worten Salomos per sapientiam sanati sunt qui placuerunt domino a principio (N2) aus Sap. 9,19. Sie lassen sich auf Petrus und die vier erstberufenen Apostel deuten und stellen den typologischen Bezug zwischen Salomo als Tempelerbauer und Petrus als Gründer der Kirche Christi her. Hier wird sowohl in der Figuration als auch in den Worten per sapientiam und a principio des Textzitats eine Verbindung zwischen Salomo, Petrus und dem thronenden Christus auf dem Hintergrund der triumphierenden Tugend Sapientia angedeutet21). Zugleich markiert die kreuzartige Gestaltung der P-Abbreviatur in P(ER) den Beginn der auf das Credo zu beziehenden Prophetensprüche. Zusätzlich betont wird diese einleitende Schlüsselstelle durch den nach unten, auf den Anfang des Spruchbandes gerichteten Zeigegestus Salomos. Weiterhin wird der Zusammenhang deutlich bei der Zuordnung von Bar. 3,38 visus est in terris et cum hominibus conversatus est (M2) zu Andreas, Is. 7,14 ecce virgo concipiet (et) pariet filium (L2) zu Jacobus d. Ä., der veränderten Version von Nm. 24,17 ex Iacob stella prodiet et de Israhel homo surget (H2) zum auf Thomas festgelegten Bekenntnis des Abstiegs in die Vorhölle, zur Auferstehung und gleichzeitig zur Szene der drei Frauen am Grabe. In gleicher Weise müssen So. 3,5 mane mane iudicium suum dabit dominus in luce et non abscondetur (G2) auf Jacobus d. J., Ez. 36,23 sanctificabo nomen meum quod pollutum est inter gentes (B2) auf Simon und Abd. 20 transmigratio Iherusalem ... (Q2) auf Matthias und auf die Begegnung zwischen Maria und Elisabeth bezogen werden22). Der Spruch aus Za. 2,8 qui tetigerit vos tangit pupillam oculi mei (R2), der gleichzeitig für die Geburtsszene wie für Thaddäus gelten kann, findet sich als Poenformel häufig auch auf anderen Altären23). Davids Psalmenwort 93,12 beatus est quem tu erudieris domine (C2) weist auf das Bekenntnis und die Berufung des Matthäus hin. Johannes bezeugt die Passion und den Tod Christi in seinem Schriftband (F3) und durch seine Position neben der Kreuzigungsgruppe in der rechten oberen Ecke. Andere Bezüge der Szenen und Apostelgestalten wie die Verbindungen Simeon-Simon in der linken unteren Ecke und zwischen Bartholomäus (sanctam ecclesiam catholicam, K3) und Melchisedech mit Kelch und Patene seien nur kurz erwähnt. Vom Betrachter, dessen Blick von den Prophetenworten der Wandungen zur Darstellung des Heilsgeschehens auf der Deckplatte des Altars geleitet werden sollte, wurde zur Erfassung der Bildfolgen und ihrer Zusammenhänge erhebliche theologische Kompetenz erwartet. Das gleiche gilt für die Deutung der Inschriften. Mehrere Prophetensprüche geben nicht genau den Wortlaut des Bibeltexts wieder, sondern sind der bildlichen Darstellung folgend umgewandelt worden. Genannt seien besonders die Stellen Dn. 9,24 (A2) und Nm. 24,17, wo der Bibeltext consurget virga de Israhel zu homo surget umgeändert wurde (H2), um die Szene der drei Frauen am Grabe zu kommentieren. Andere Bibelworte sind verkürzt worden, um auf den Spruchbändern Raum zu finden. Solche Textänderungen finden sich auch auf anderen Sakralgegenständen und sind nicht auf diesen Tragaltar beschränkt. Es ist davon auszugehen, daß im 12. Jahrhundert ein geläufiges Repertoire von Bibelsprüchen, die das Heilsgeschehen kommentierend begleiten, zur Kennzeichnung der typologischen Szenen und der Prophetengestalten zur Verfügung stand.

An die Person des Eilbertus Coloniensis, der durch seine Namensnennung auf der Unterseite des Altars nicht nur diesem, sondern einer ganzen Stilrichtung der frühen rheinischen Goldschmiedekunst den Namen gab, haben sich zahlreiche Vermutungen geknüpft. Aus schriftlichen Quellen ist er in Köln nicht nachweisbar24). Berges und Rieckenberg meinten, mit dem von 1175 bis 1195 in Hildesheimer und Braunschweiger Urkunden genannten Kanoniker Eilbertus aus der Hildesheimer Familie der aus Köln zugezogenen Gallici auch den Künstler des Tragaltars identifizieren zu können25). In der Pergamentmalerei unter der Bergkristallplatte glaubte man Anklänge an die Illuminierung des Hildesheimer Ratmann-Sakramentars zu finden26). Dem ist mit glaubhaften Gründen sogleich27) und in späteren Veröffentlichungen28) widersprochen worden. In einer weiteren Untersuchung wurde ein im Nekrolog des Klosters Knechtsteden als sacerdos, canonicus et aurifaber (‚Priester, Kanoniker und Goldschmied‘) verzeichneter Albertus, dessen Herkunft aus Köln jedoch wiederum nur vermutet wurde, als identisch mit Eilbertus vorgeschlagen29). Auch diese These ist indes weder zu beweisen noch eindeutig zu widerlegen30).

Übereinstimmend wird der Eilbertus-Tragaltar in der heutigen Beurteilung als Kölner Arbeit angesehen, neben die sich als Hauptwerke der ‚Eilbertus-Gruppe‘ der Mauritius-Tragaltar in St. Servatius in Siegburg und in dessen Nachfolge der Tragaltar von St. Vitus in Mönchengladbach stellen31). In diesem Zusammenhang von Kölner, nicht Hildesheimer Arbeiten, wie in der älteren Literatur angenommen worden war, steht auch der Tragaltar mit den Kardinaltugenden (Nr. 12). Die Merkmale des Eilbertus-Stils sind die konsequente typologische Thematik, die detaillierte Ausarbeitung der figürlichen Darstellungen und die Zeichnung und Farbigkeit der Emails.

Textkritischer Apparat

  1. HIPRE·/·DIXERUNT; HIP REDIXERVNT Kraus.
  2. Der Rest des Schriftbandes wird von einer dunkelblauen Wellenranke mit roten, weißen und grünen Blättern ausgefüllt.
  3. Sic für QVEM.
  4. Sic für ISRAHEL.
  5. Sic für CONCIPIET.
  6. Sic für TETIGERIT.
  7. Wie b).
  8. XP/M.
  9. IN · DEVENTVRVS.

Anmerkungen

  1. Fehlstellen und Ausbesserungen aufgeführt bei Kötzsche, S. 68.
  2. Nach Dn. 9,24–27.
  3. Ez. 36,23.
  4. Ps. 93,12.
  5. Ohne Spruchband.
  6. Os. 1,10.
  7. Nach Mal. 4,2 et orietur vobis timentibus nomen meum sol iustitiae.
  8. So. 3,5.
  9. Nach Nm. 24,17.
  10. Nach Ion. 4,3.
  11. Na. 2,2.
  12. Is. 7,14.
  13. Bar. 3,38. Die Zuschreibung an Jeremias erklärt sich aus der in der Überlieferung häufigen Verknüpfung des Buchs Baruch mit Jeremias; vgl. RGG 1, Sp. 900–903, hier Sp. 900f.
  14. Sap. 9,19. Bis sunt folgt die Inschrift der Stuttgarter Vulgata-Ausgabe; der Zusatz ist in den Lesarten belegt (quicumque placuerunt tibi domine a principio).
  15. Jl. 1,17.
  16. Gn. 32,30.
  17. Abd. 20.
  18. Za. 2,8.
  19. Vgl. Heinrich Denzinger/Johannes Umberg, Enchiridion symbolorum definitionum et declarationum fidei et morum, Freiburg/Br. 261947, S. 6: Symbolum apostolicum secundum ordinem Romanorum; s. a. Anm. 22.
  20. Ich danke Robert Hanhart, Göttingen, für die Interpretation und Übersetzungshilfe bei dieser Stelle.
  21. Vgl. die Darstellung des Triumphes der Sapientia über die Tugenden im Evangeliar Heinrichs des Löwen und die Deutung auf Christus, vgl. Renate Kroos, Die Bilder, in: Evangeliar, Kommentar 1989, S. 164–243, hier S. 179f.
  22. Das Schema der Artikelverteilung des Credo geht auf eine pseudoaugustinische Predigt zurück (vgl. DI 26 [Osnabrück], Nr. 32, S. 39–42). Die Anordnung und Abfolge der Apostel und die Zuordnung der Artikel variierten allerdings in der Tradition erheblich, vgl. LCI 1, Sp. 461–464. Auch die traditionell miteinander verbundenen Paare von Propheten und Aposteln sind auf dem Eilbertus-Altar, schon wegen der Einbeziehung von David und Salomo, Balaam und Jacob, nicht anzutreffen. Eine Ausnahme machen lediglich Is. 7,14 (Jacobus d. Ä.) und Abd. 20 (Matthias); vgl. Molsdorf, S. 186f.
  23. Vgl. Nr. 18; weitere Beispiele bei Neumann, S. 188f.
  24. Vgl. Peter Cornelius Claussen, Kölner Künstler romanischer Zeit nach den Schriftquellen, in: Kat. Ornamenta Ecclesiae 2, S. 369–373, hier S. 370f.
  25. Berges/Rieckenberg, 1951, S. 23ff.
  26. Hildesheim, Hohe Domkirche, DS 37; vgl. Berges/Rieckenberg, 1951, S. 24; Falke/Schmidt/Swarzenski, S. 61ff.
  27. Drögereit, 1952, S. 144; Erwiderung von Berges/Rieckenberg, 1953, S. 132; Drögereit, 1953, S. 142.
  28. Dietrich Kötzsche, Zum Stand der Forschung der Goldschmiedekunst des 12. Jahrhunderts im Rhein-Maas-Gebiet, in: Kat. Rhein und Maas 2, S. 191–236, hier S. 217f.
  29. Walter Schulten, Neue Funde zur Baugeschichte der Abtei Knechtsteden, in: Jb. der rheinischen Denkmalpflege 26, 1966, S. 189–240, hier S. 239.
  30. Vgl. Claussen (wie Anm. 24), S. 370.
  31. Zur Literatur und deren Diskussion seit Falke/Schmidt/Swarzenski: G. Swarzenski, S. 343f.; Art. ‚Eilbertus‘, in: Neue Deutsche Biographie 4, Berlin 1959, S. 391 (P. Rückert); Kötzsche (wie Anm. 28); Stefan Soltek, Kölner romanische Tragaltäre, in: Kat. Ornamenta Ecclesiae 2, S. 403 und ebd., Nr. F45, F46, S. 404f. (Altäre aus Mönchengladbach und Siegburg).

Nachweise

  1. Abb.: Falke/Schmidt/Swarzenski, Taf. 27–34; Kat. Rhein und Maas 2, Taf. 9 (nach S. 212), Taf. 10 (nach S. 220), Abb. 35–37; Kötzsche, Taf. IVf., Abb. 15–18; de Winter, S. 98f.
  2. Lit.: wie Anm. 24, 27, 28, 31; Neumann, Nr. 19; Kraus 2, Nr. 617, S. 284; Kötzsche, S. 30–33, 68–70 (Lit.).

Zitierhinweis:
DI 35, Stadt Braunschweig I, Nr. 11 (Andrea Boockmann), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di035g005k0001108.