Die Inschriften der Stadt Braunschweig bis 1528

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 35: Stadt Braunschweig I (1993)

Nr. 5 Herzog Anton Ulrich Museum E. 11. Jh./15. Jh

Beschreibung

Armreliquiar des heiligen Blasius; Goldblech auf ausgehöhltem Holzkern. Ein breites filigranverziertes Goldband mit Steinen in schlichten Kastenfassungen, Perlen und ein Sardonyx-Cameo mit dem Profil der Athene umschließt die Standfläche, ein schmaleres Band, mit acht Gemmen besetzt, das Handgelenk. Beide sind durch ein über die Länge des Armes schräg verlaufendes, in der Anordnung der Steine dem unteren ähnliches Band verbunden. Die Inschriften A und B befinden sich auf der ovalen Basisplatte. Diese ist in neuerer Zeit roh mit einer durch eine rechteckige Öffnung gedrehten Schraube gesichert worden. Inschrift A verläuft zwischen zwei Linien um den Rand; Inschrift B ist in zwei waagerechten Zeilen quer über die Platte graviert. Von den am Ende des 18. Jahrhunderts vorhandenen 20 Ringen, die als Votivgaben die Finger der Hand schmückten1), sind heute noch 16 vorhanden, davon zwei wohl aus dem 15. Jahrhundert mit in den äußeren Reif eingeritzten Inschriften (C, D). Das Armreliquiar wurde, anders als die weiteren Stücke des Welfenschatzes, nach 1671 nicht aus der Stiftskirche St. Blasii entfernt, sondern verblieb dort bis 1829. Es gelangte danach in das damalige Herzogliche Museum.

Maße: H.: 51,3 cm; Bu.: 0,4 cm.

Schriftart(en): Romanische Majuskel (A, B); gotische Minuskel (C, D).

DI 35, Nr. 5 - Braunschweig, Herzog Anton Ulrich-Museum - E. 11. Jh./ 15. Jh.

 Herzog Anton Ulrich-Museum Braunschweig, Kunstmuseum des Landes Niedersachsen [1/1]

  1. A

    BRACHIV(M) S(AN)C(T)I BLASII M(ARTYRIS)a) HIC INTVS HABETVR INTEGRVM

  2. B

    GERTHRVDIS HOC / FABRICARI FECIT

  3. C

    ewech

  4. D

    miden tut mir liden

Übersetzung:

Der Arm des hl. Märtyrers Blasius ist hier innen unversehrt verwahrt. (A)

Gertrud ließ dies anfertigen. (B)

Ewig. (C)

Meiden läßt mich leiden. (D)

Kommentar

Die epigraphische Einordnung der Inschriften A und B in den Zusammenhang der Stiftungen der Gräfin Gerdrud ist problematisch. Im Gegensatz zu den Inschriften auf den beiden Kreuzen und dem Tragaltar (Nr. 13) zeigen die Inschriften auf der Standfläche des Armreliquiars einen deutlich weniger ornamentalen Charakter. So läßt sich z. B. kein Wechsel zwischen eckigen und runden Formen desselben Buchstabens beobachten. Die gerundeten, bei C, V und S mit deutlichen Schwellungen ausgearbeiteten Buchstaben, deren Schäfte und Balken in betonten Sporen auslaufen (bei F, S, C und V) unterscheiden sich als jüngere Formen von der sorgfältigen Ausformung der Tituli auf der Wandung des Tragaltars. Auffällig ist das zweimal vorkommende unziale M, dessen vordere Hasten zum O geschlossen sind. Dieses M wird epigraphisch im allgemeinen erst auf die Mitte des 12. Jahrhunderts datiert2). Berges sah es für die Hildesheimer Schriftformen als „Leitfossil-Buchstaben“ und „epigraphische Neuheit“ für die Zeit um und nach 1140 an3). In den westeuropäischen epigraphischen Zeugnissen begegnet das im Vorderteil geschlossene M jedoch schon in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts4), in den Auszeichnungsschriften der Handschriften bereits ein Jahrhundert früher5). Eine neuere Untersuchung der Reichskrone Konrads II. durch Mechthild Schulze-Dörrlamm datiert die Krone und damit deren Inschriften, die ebenfalls ein halbgeschlossenes M aufweisen, in das erste Viertel des 11. Jahrhunderts6). Damit wird auch eine Datierung der Inschrift des Armreliquiars vor 1077, dem Todesdatum der comitissa Gerdrud, aus schriftgeschichtlichen Gesichtspunkten möglich.

Eine weitere Untersuchung Schulze-Dörrlamms7) weist am kleinen Finger der Hand des Blasius-Arms einen sog. Steigbügelring nach, eine Schmuckform aus der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts, was die Frühdatierung bestätigen würde. Allerdings ist an die Möglichkeit zu denken, daß der Ring auch nachträglich an die Hand des Reliquiars gekommen sein könnte. Es war von kunsthistorischer Seite bisher nicht zu entscheiden, ob der Blasius-Arm der älteren Gerdrud († 1077) oder ihrer Enkelin, der Markgräfin Gerthrud († 1117), zuzuordnen ist8). In bezug auf die Inschriften ist lediglich auf die Schreibung des Namens der Stifterin hinzuweisen. Während das Gerdrud-Kreuz, der Tragaltar und die Grabtafel die Formen GERDRVD oder GERDRVDIS tragen9), ist auf der Standfläche des Armreliquiars GERTHRVDIS zu lesen. In dieser Schreibweise erscheint der Name der Markgräfin auch in der Stiftungsurkunde Lothars III. für das Ägidienkloster10). Die ältere Gerdrud scheint auf der Schreibung Gerdrud bestanden zu haben.

Textkritischer Apparat

  1. Hier wie auch in INTEGRVM unziales M mit zum O geschlossenen Hasten, darüber ein Kürzungszeichen.

Anmerkungen

  1. Ribbentrop 1, S. 174; am Ende des 19. Jahrhunderts waren noch 17 Ringe vorhanden, vgl. Riegel, Nr. 60, S. 47ff.; das Reliquienverzeichnis von 1482, S. 30, gibt 17 Ringe an.
  2. Kloos, S. 127.
  3. Berges/Rieckenberg, 1983, S. 81.
  4. Vgl. die Beispiele bei Paul Deschamps, Étude sur la paléographie des inscriptions lapidaires de la fin de l’époque mérovingienne aux dernières années du XIIe siècle, in: Bulletin monumental 88, 1929, S. 5–86, hier S. 73.
  5. Ich danke Renate Neumüllers-Klauser, Heidelberg, Renate Baumgärtel, Bamberg, und den Kollegen der Inschriftenarbeitsstellen in Heidelberg, Mainz und Bonn für Begutachtung und Beratung bei diesem Problem. Hartmut Hoffmann, Göttingen, danke ich für vielfältige Hinweise und Beispiele aus Handschriften.
  6. Mechthild Schulze-Dörrlamm, Die Kaiserkrone Konrads II. (1024–1039). Eine archäologische Untersuchung zu Alter und Herkunft der Reichskrone, Sigmaringen 1991 (Römisch-Germanisches Zentralmuseum, Forschungsinstitut für Vor- und Frühgeschichte, Monographien, Bd. 23); zur Datierung der Schmelzplatten mit Inschriften vgl. S. 87f. Auf die Inschriften selbst geht die Verfasserin allerdings nicht ein.
  7. Dies., Der Mainzer Schatz der Kaiserin Agnes aus dem mittleren 11. Jahrhundert. Neue Untersuchungen zum sogenannten ‚Gisela-Schmuck‘, Sigmaringen 1991 (Römisch-Germanisches Zentralmuseum, Forschungsinstitut für Vor- und Frühgeschichte, Monographien, Bd. 24); Abb. und Datierung des Blasius-Armreliquiars auf ‚um 1075‘ Abb. 71, S. 83, der Hinweis auf den als untersten von drei Ringen am kleinen Finger sitzenden Steigbügelring S. 84.
  8. Bis ins 19. Jahrhundert herrschte keine Klarheit über das Verwandtschaftsverhältnis der beiden Frauen, sie wurden nicht selten für ein und dieselbe Person gehalten. Es war das Verdienst Ludwig Conrad Bethmanns, in dieser Hinsicht erstmals Klarheit geschaffen zu haben (Bethmann, 1860). Neumann, S. 27, schrieb das Armreliquiar der jüngeren Gertrud zu; ebenso Braun, S. 389; de Winter, S. 51, bezweifelt, daß der Arm vor 1077 entstanden sein könnte. Falke/Schmidt/ Swarzenski, S. 45, ordneten ihn der älteren Gräfin Gerdrud zu. H. Swarzenski, Abb. 66, S. 42, datierte ihn auf 1038; Bilderhefte 1, S. 71, in die letzten Lebensjahre der älteren Gerdrud, ähnlich Gosebruch, 1979, S. 16.
  9. Auf dem Liudolf-Kreuz ist der Name der Stifterin nicht mehr eindeutig und komplett zu lesen. – Dieselbe Schreibung des Namens in der Schenkungsurkunde des Propstes Adelvoldus, die sich als spätere Abschrift im Braunschweiger Plenar für die Sonntage befindet (Kunstgewerbemuseum Berlin, Inv.-Nr. W 31); Kötzsche, S. 76f.; Abb. der Stelle bei Neumann, S. 21.
  10. UB Braunschweig 2, Nr. 7, S. 3.

Nachweise

  1. Abb.: Bilderhefte 1, Abb. 8, 10; de Winter, S. 33, 42.
  2. Lit.: wie Anm. 1, 7, 8; Führer durch die Ausstellung Wienhausener Teppiche und niedersächsischer Kirchenschätze im Leineschloß zu Hannover, Hannover 1929, Nr. 30, S. 8; de Winter, S. 32f.

Zitierhinweis:
DI 35, Stadt Braunschweig I, Nr. 5 (Andrea Boockmann), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di035g005k0000500.